Helene Mayer
Helene Mayer, ab 1952 verheiratete Falkner von Sonnenburg (* 20. Dezember 1910 in Offenbach am Main; † 15. Oktober 1953 in Heidelberg), war eine deutsch-US-amerikanische Fechterin. Sie wurde sechsfache deutsche Einzelmeisterin, achtfache US-Meisterin, Weltmeisterin und Olympiasiegerin und gilt als eine der bedeutendsten Fechterinnen aller Zeiten.
Leben
Die Tochter eines angesehenen jüdischen Arztes und einer evangelischen Mutter<ref>20. Dezember 1910 – Fechterin Helene Mayer wird geboren. In: wdr.de. 20. Dezember 2020, abgerufen am 25. August 2022.</ref> erlernte das Fechten bei Arturo Gazzera<ref name="Kluge">vgl. Kluge, Volker: 100 Olympische Highlights: Momentaufnahmen Athen 1896 – Atlanta 1996. Berlin: Sportverl., 1996, ISBN 3-328-00678-8.</ref> in Offenbach am Main, im Fechtclub Offenbach.<ref>Geschichte des Fechtclub Offenbach. Fechtclub Offenbach von 1863 e. V., archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 24. September 2015; abgerufen am 16. Oktober 2013.</ref> Mayer gewann 1925 die deutsche Meisterschaft im Florettfechten und errang bis 1930 sechs nationale Meistertitel. 1928 gewann die blonde Hee,<ref name="Kluge" /> so ihr Spitzname, bei den Olympischen Spielen in Amsterdam die Goldmedaille<ref name="FAZ">Waldemar Krug: „… und ich bleibe für immer“. In: faz.net. 18. November 2010, abgerufen am 22. Juli 2021.</ref> und siegte bei den Europameisterschaften 1929 in Neapel und 1931 in Wien. Ab 1929 studierte sie internationales Recht in Frankfurt am Main, in den Jahren 1930 bis 1931 an der Sorbonne in Paris. Später erhielt sie ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für das kalifornische Scripps College und erreichte bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles einen fünften Platz, obwohl sie zuvor wenig trainiert hatte. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der großen, blonden und blauäugigen Mayer das Stipendium aus „rassischen“ Gründen entzogen (sie war nach dem Reichsbürgergesetz „Halbjüdin“, da ihr Vater Jude war), und der Offenbacher Fechtclub wurde gedrängt, dass sie den Klub zu verlassen habe.<ref name="FAZ" />
Auf Drängen der amerikanischen Öffentlichkeit und auf Intervention des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) startete sie 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin für Deutschland und gewann dort die Silbermedaille im Florettfechten. Sie war die einzige jüdische Teilnehmerin im deutschen Team.<ref>Oliver Hilmes: Das missbrauchte Sportfest. In: P.M. History #9/2016, Gruner + Jahr, Hamburg 2016, S. 26–43, ISSN 2510-0661.</ref> Ihre Teilnahme brachte Mayer, die zu dieser Zeit bereits in den USA lebte, auch Kritik ein. Thomas Mann und andere hatten an Mayer, die damals bereits seit Jahren in Übersee lebte, appelliert, nicht in den Dienst des NS-Regimes zu treten. Victor Klemperer notierte am 13. August 1936 in seinem Tagebuch: „ich weiß nicht, wo die größere Schamlosigkeit liegt, in ihrem Auftreten als Deutsche des Dritten Reichs oder darin, daß ihre Leistung für das Dritte Reich in Anspruch genommen wird“.<ref>Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1945. 10., neu durchgesehene Auflage. Aufbau, Berlin 1998, Band 2 (Tagebücher 1935–1936), S. 122–123.</ref>
In der Reichspressekonferenz wurde bei ihrer Rückkehr nach Deutschland verfügt, dass nur Zeitungen in Hamburg (wo sie ankam) und Offenbach über ihre Rückkehr berichten durften, da man wegen ihres Status als Halbjüdin ihren Start im Reich (im Gegensatz zum Ausland) nicht propagieren wollte.<ref>Arnd Krüger: The Ministry of Popular Enlightenment and Propaganda and the Nazi Olympics of 1936. In: R. K. Barney, K. B. Wamsley u. a. (Hrsg.): Global and Cultural Critique: Problematizing the Olympic Games (4th International Symposium for Olympic Research). London, Ont.: University of Western Ontario, 1998, S. 33–48 (<templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />PDF ( vom 15. Dezember 2017 im Internet Archive); englisch).</ref> Mayer betonte jedoch, es sei für sie eine Ehre, für Deutschland zu fechten. Mayer gewann die Silbermedaille und zeigte bei der Siegerehrung im Olympiastadion den Hitlergruß. Hitler soll sie bei einem Empfang in der Reichskanzlei anschließend als „beste und fairste Sportlerin der Welt“ bezeichnet haben. Als die Regisseurin Leni Riefenstahl 1938 zum Zwecke der Werbung für ihren Film Olympia durch die USA reiste, war Mayer dabei.<ref>Olympia 1936 – Der boykottierte Boykott. Spiegel Online, 17. März 2008, abgerufen am 3. Februar 2015.</ref> Andere Quellen erklären, Mayer hätte nur aufgrund des Drucks durch das Regime und der Androhung, ihre Verwandten in Deutschland in Sippenhaft zu nehmen, sich für den Start für Deutschland entschieden.<ref name="EBE4">Karl Dickopf: Der Landkreis Ebersberg – Geschichte und Gegenwart Teil 4, S. 24–25, herausgegeben von der Kreissparkasse Ebersberg, 1995.</ref>
1937 feierte Mayer in Paris den Sieg bei der ersten Fechtweltmeisterschaft. Unmittelbar danach siedelte sie in die USA über und erhielt 1940 die US-Staatsbürgerschaft. In den Jahren 1934–1935, 1937–1939, 1941–1942, und 1946 wurde sie acht Mal US-Meisterin im Florett. 1947 war ihre einzige Teilnahme ohne Sieg, als sie Helena Mroczkowska Dow unterlag. Bereits 1933 gewann sie die Outdoor-Meisterschaft. In dieser Zeit war sie auch Dozentin für Deutsch, Französisch und Italienisch am Mills College in Oakland (Kalifornien). Dort gab sie auch Fechtunterricht, während sie sich auf ihr Diplom an der University of California in Berkeley vorbereitete. Anschließend lehrte sie politische Wissenschaft am City College von San Francisco. 1952 kehrte sie nach Deutschland zurück. In München heiratete sie den Flugingenieur Erwin Falkner von Sonnenburg und zog mit ihm nach Heidelberg.
Am 15. Oktober 1953 starb Helene Mayer an Brustkrebs. An ihrem Grab sagte Karl Ritter von Halt, Präsident des Nationalen Olympischen Komitee Deutschlands: „Wir danken Dir, liebe, gute Hee, was Du für den deutschen Sport getan hast.“
Familie
Mayers Vater war Mediziner. Ihrem Bruder Eugen Carl Mayer wurde als Halbjude die Akkreditierung als Arzt verweigert, weswegen er als kaufmännischer Angestellter in München arbeitete, bis er sich 1944 verstecken musste. Nach dem Krieg wurde er von den Amerikanern von 1945 bis 1946 als Landrat von Ebersberg eingesetzt.<ref name="EBE4" />
Grabstätte
Die Grabstätte von Helene Mayer befindet sich auf dem alten Teil des Münchner Waldfriedhofs (Grabnummer 211-W-12).<ref>Franz Schiermeier, Waldfriedhof München, Übersichtsplan der Grabmäler, 2021, ISBN 978-3-948974-07-7</ref><ref>Helene Mayer. In: Münchner Friedhofsportal. Abgerufen am 25. August 2022.</ref>
Ehrungen
- Die Deutsche Bundespost emittierte aus Anlass der Olympischen Sommerspiele von 1968 in Mexiko-Stadt im Rahmen einer Sonderserie eine 30 + 15 Pfennig-Sondermarke mit dem Porträt Mayers.
- Der Helene-Mayer-Ring im Olympischen Dorf in München wurde 1972 anlässlich der Olympischen Spiele zu ihren Ehren benannt.<ref name="FAZ" />
- In Offenbach wurde eine Nebenstraße südlich des Bahndamms, wo Helene Mayers Verein, der Fechtclub Offenbach, lange sein Domizil hatte, nach ihr benannt.
- Mitglied der US Fencing Hall of Fame.
Literatur
- Arthur Lane remembers Helene Mayer 1936–1953. Oral history transcript / 1992, OCLC 214941770
- Jutta Braun: Helene Mayer. Eine jüdische Sportlerin in Deutschland. In: Theresia Bauer, Elisabeth Kraus, Christiane Kuller und Winfried Süß (Hrsg.): Gesichter der Zeitgeschichte. Deutsche Lebensläufe im 20. Jahrhundert. R. Oldenbourg Verlag, München 2009, ISBN 978-3-4865-8991-7, S. 85–102.
- Arnd Krüger: Die Olympischen Spiele 1936 und die Weltmeinung. Ihre außenpolitische Bedeutung unter besonderer Berücksichtigung der USA. (Sportwissenschaftliche Arbeiten, Bd. 7) Bartels & Wernitz Berlin 1972, ISBN 978-3-8703-9925-2.
- Arnd Krüger, Swantje Scharenberg: Zeiten für Helden – Zeiten für Berühmtheiten im Sport, Lit Verlag, Münster 2014, ISBN 978-3-6431-2498-2, S. 14 f. (eingeschränkte VorschauSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.)
- Milly Mogulof: Foiled, Hitler’s Jewish olympian. The Helene Mayer story. RDR Books, Oakland (Kalifornien) 2002. ISBN 978-1-5714-3092-2 (englisch).
- Janet Woolum: Outstanding Women Athletes. Who They are and how They Influenced Sports in America, Greenwood Publishing Group, Westport, CN, USA, 1998, S. 193 (englisch).
- Robert Jütte: Die Frage an das Schicksal. In: Neue Zürcher Zeitung. 9. Januar 2018, S. 40.
- Gespräch mit Helene Mayer, der Olympiasiegerin. In: Neues Wiener Journal, 28. März 1929, S. 5 (online bei ANNO).
Film
- Vorlage:IMDb/1, Dokumentarfilm, USA, 2008, 47:18 Min., Buch und Regie: Semyon Pinkhasov. (Ausschnitt auf YouTube, abgerufen am 22. April 2022.)
Ausstellungen
- 2010: 100 Jahre Helene Mayer, Rathaus, Offenbach.<ref>Angelika Ohliger: Mit elegantem Florett. In: Frankfurter Rundschau. 1. November 2010, abgerufen am 14. März 2016.</ref><ref>Anjala Pujari: Helene Mayer (1910 – 1953): Fechten war ihr Leben. (PDF; 9,5 MB) In: Landesarchiv Hessen. Oktober 2010, S. 41–42, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 29. September 2015; abgerufen am 5. August 2016. Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.</ref><ref>Lothar R. Braun: Zur Emigration gedrängt. In: op-online.de. 31. Oktober 2010, abgerufen am 29. Juni 2021.</ref>
Weblinks
- Andreas Schirmer: Mayer, Helene. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 16. Duncker & Humblot, Berlin 1990, ISBN 3-428-00197-4, S. Vorlage:VonBis (deutsche-biographie.de).
- Helene Mayer im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
- Vorlage:Olympedia
- Anjali Pujari: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Helene Mayer (1910–1953): Fechten war ihr Leben – Zum 100. Geburtstag der jüdischen Sportlerin ( vom 5. März 2016 im Internet Archive)
- Historie Fechtweltmeisterschaften (Damen-Florett) von sport-komplett.de
- Historie Deutsche Fechtmeisterschaften von sport-komplett.de
- Mayer, Helene, US Fencing Hall of Fame
- Mayer, Helene. Hessische Biografie. (Stand: 14. Februar 2020). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
- Mayer, Helene im Frankfurter Personenlexikon
- Vorlage:ARDAudiothek
Einzelnachweise
<references />
<templatestyles src="BoxenVerschmelzen/styles.css" />
1924: Dänemark Ellen Osiier | 1928: Datei:Flag of Germany (3-2).svg Helene Mayer | 1932: Datei:Flag of Austria.svg Ellen Müller-Preis | 1936: Datei:Flag of Hungary (1915-1918, 1919-1946).svg Ilona Elek | 1948: Datei:Flag of Hungary (1946-1949, 1956-1957).svg Ilona Elek | 1952: Vorlage:ITA-1946 Irene Camber | 1956: Vereinigtes Königreich Gillian Sheen | 1960: Datei:Flag of the German Olympic Team (1960-1968).svg Heidi Schmid | 1964: Datei:Civil Ensign of Hungary.svg Ildikó Rejtő-Ujlaki | 1968: Datei:Flag of the Soviet Union (1955-1980).svg Jelena Nowikowa | 1972: Vorlage:ITA-1946 Antonella Ragno-Lonzi | 1976: Datei:Civil Ensign of Hungary.svg Ildikó Schwarczenberger | 1980: Vorlage:IOC/IOC Pascale Trinquet | 1984: Datei:Flag of the People's Republic of China.svg Luan Jujie | 1988: Datei:Flag of Germany.svg Anja Fichtel | 1992: Vorlage:ITA-1946 Giovanna Trillini | 1996: Datei:Flag of Romania.svg Laura Badea | 2000: Vorlage:ITA-1946 Valentina Vezzali | 2004: Vorlage:ITA-2003 Valentina Vezzali | 2008: Italien Valentina Vezzali | 2012: Italien Elisa Di Francisca | 2016: Russland Inna Deriglasowa | 2020: Vereinigte Staaten Lee Kiefer | 2024: Vereinigte Staaten Lee Kiefer
Vorlage:Klappleiste/EndeVorlage:Navigationsleiste Weltmeisterinnen im Florettfechten (Einzel)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Mayer, Helene |
| ALTERNATIVNAMEN | Falkner von Sonnenburg, Helene |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Florettfechterin und Olympiasiegerin |
| GEBURTSDATUM | 20. Dezember 1910 |
| GEBURTSORT | Offenbach am Main, Deutschland |
| STERBEDATUM | 15. Oktober 1953 |
| STERBEORT | Heidelberg, Deutschland |
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