Thingplatz (Thingbewegung)
Als Thingplätze oder Thingstätten werden Freilichttheater bezeichnet, die zwischen 1933 und 1935 für die Thingspiele im Rahmen der Thingbewegung in der Zeit des Nationalsozialismus errichtet und später auch für politische Kundgebungen verwendet wurden.
Absicht und Gestaltung
Thingspiele sollten hauptsächlich ein emotionales und ethisches Aufgehen des Einzelnen in Heimat und Volksgemeinschaft erleben lassen. Deswegen wurden als Thingstätten vor allem landschaftlich beeindruckende Plätze gewählt: stimmungsträchtige Partien umgeben von Wäldern, an Gewässern, in Hügel oder natürliche Felsen eingebettet, an Ruinen oder anderen Spuren der örtlichen Geschichte.<ref name="Kerber"/> Thingspiele waren chorische Massentheaterstücke mit vielen Statisten,<ref name="Kerber" /> was Platz erforderte. Typisch waren die runde, einem Amphitheater ähnelnde Form und Zu- und Abgänge durch den Bühnenraum, über die die Akteure an den Zuschauern vorbei zur Bühne kamen.<ref name="Kerber">Katharina Bosse, Bernhard Gelderblom, Gerwin Strobl, Beata Wielgosik, Stefan Wunsch: Thingstätten – Von der Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart. 1. Auflage. Kerber, Bielefeld 2020, ISBN 978-3-7356-0693-8, S. 256.</ref> Die Architektur sollte den „Spielraum für ein kollektives Auftreten schaffen und die räumliche Trennung von Schauspielenden und Publikum aufheben.“<ref>Evelyn Annuß: Volksschule des Theaters; Nationalsozialistische Massenspiele, Paderborn 2019, zitiert nach: Stefanie Samida: Die nationalsozialistischen Thingstätten nach 1945. Zwischen Verfall, Aneignung und Umdeutung. In: Joachim Otto Habeck, Frank Schmitz (Hrsg.): Ruinen und vergessene Orte. Transcript, Bielefeld 2023, ISBN 978-3-8394-6222-5, S. 213–226</ref>
Geplant waren zwischen 200 und 400<ref name="Kerber" /><ref name="Relikte">Relikte mit brauner Vergangenheit: Thingstätten. In: WDR. 8. Mai 2020, abgerufen am 9. Mai 2020.</ref> Thingstätten; fertiggestellt wurden nur etwa 40,<ref name="deutschlandfunk" /> 50<ref name="Relikte" /> oder 60.<ref name="Kerber" /> Sie waren zeitweise eines der größten architektonischen Bauprojekte der NS-Zeit und das größte Freilichttheater-Bauprogramm seit der Antike.<ref name="deutschlandfunk" />
Die gezeigten Stücke kamen nicht an und die Bauvorhaben stockten; bei der örtlichen Bevölkerung und auch innerhalb der NSDAP setzte sich der beabsichtigte Thing-Kult nicht durch.<ref name="deutschlandfunk">Die Thingstätten der Nationalsozialisten. In: Aus Kultur- und Sozialwissenschaften. Deutschlandfunk, 18. Juni 2020, abgerufen am 19. Juni 2020 (mit Audio-Formaten belegt).</ref> Joseph Goebbels verbot im Herbst 1935 den Begriff Thing.<ref name="deutschlandfunk" /> Von da an hießen sie Feierstätte,<ref name="Relikte" /><ref name="deutschlandfunk" /> Weihestätte<ref name="Relikte" /> oder Freilichtbühne.<ref name="Relikte" /><ref name="deutschlandfunk" /> Ein Teil der Bauvorhaben wurde nach 1935 fertiggestellt bzw. eingeweiht.
Nur wenige Thingstätten werden noch genutzt; sie dienen als Freilichtbühnen oder für Musikveranstaltungen. In der Öffentlichkeit ist ihre ursprüngliche Verwendung oft wenig bekannt.
Architekten von Thingstätten
- Fritz Schaller, maßgeblicher Entwerfer von Thingplätzen
- Hermann Alker, Architekt der Thingstätte (Heidelberg) und Entwurf einer Thingstätte für Karlsruhe
- Georg Buchner, Architekt der Thingstätte an der Theresienwiese (zusammen mit German Bestelmeyer)
- Wilhelm Hübotter, Thingstätte Sachsenhain zugeschrieben
- Wilhelm Jost, Thingstätte (Halle (Saale))
- Werner March, Architekt der Dietrich-Eckart-Freilichtbühne, Berlin
- Ludwig Moshamer, Architekt von Thingstätten, unter anderem in Freyburg (Unstrut), Halle (Saale), Passau, Bad Schmiedeberg und Jülich, 1934–1938
- Walter Tießler, Thingstätte (Halle (Saale))
- Robert Tischler, Landschaftsarchitekt, Architekt der Feierstätte der Schlesier in Oberschlesien, von 1926 bis 1959 Chefarchitekt des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
Liste von Thingstätten
| Ort | Thingplatz | Koordinaten | Bild |
|---|---|---|---|
| Bad Segeberg | Kalkbergstadion, heute die Bühne der Karl-May-Spiele Bad Segeberg | name=Kalkbergstadion|region=DE-SH|type=building}} | Datei:Kalkbergarena - panoramio.jpg |
| Bergen auf Rügen | auf dem Rugard | name=Bergen auf Rügen|region=DE-MV|type=building}} | |
| Berlin | als Dietrich-Eckart-Freilichtbühne 1936 eingeweiht, Teil des Reichssportfeldes für die Olympischen Sommerspiele 1936, heute Berliner Waldbühne | name=Berliner Waldbühne|region=DE-BE|type=building}} | Datei:Waldbühne lelátói az 1936. évi nyári olimpiai játékok alatt. Fortepan 16315.jpg |
| Berlin | 1936 eingeweiht. Heute Freiluftkino im Volkspark Rehberge | name=Freilichtbühne Rehberge|region=DE-BE|type=building}} | Datei:Volkspark Rehberge Freilichtbuehne 14.03.2016 17-07-00.jpg |
| Borna | Volksplatz Borna,<ref>volksplatz.de</ref> restaurierte Anlage | name=Borna Volksplatz|region=DE-SN|type=building}} | Datei:Volksplatz Borna (cropped).jpg |
| Braunschweig | am Nußberg: Thingstätte (Braunschweig), heute verfallen | name=Nußberg (Braunschweig)|region=DE-NI|type=building}} | Datei:Thingstätte.svg |
| Eichstätt | auf einer Anhöhe nördlich von Eichstätt mit Blick auf die Willibaldsburg, heute trotz der natürlichen Einflüsse noch gut zu erkennen<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der Wert des Parameters archive-today muss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein. steinerne-zeitzeugen.de</ref><ref>Nazikult in Eichstätt – Die Geschichte der Thingstätte. youtube</ref>
|
name=Thingstätte Eichstätt|region=DE-BY|type=building}} | Datei:Hohes Kreuz Eichstätt -Blick auf Willibaldsburg.jpg |
| Ganderkesee | NS-Kultstätte im Rahmen der Thingbewegung, heute Freilichtbühne Stedingsehre | name=Freilichtbühne "Stedingsehre" (Bookholzberg)|region=DE-NI|type=building}} | Datei:Stedingsehre905.jpg |
| Halle (Saale) | Thingstätte (Halle (Saale)), „erste Thingstätte des Reiches“ in den Brandbergen, eingeweiht am 5. Juni 1934<ref>Cornelia Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, 2. Aufl., de Gruyter, Berlin; New York 2007, ISBN 978-3-11-019549-1</ref><ref>Rainer Stommer, Die inszenierte Volksgemeinschaft. Die Thing Bewegung im Dritten Reich, Jonas, Marburg 1985, ISBN 3-922561-31-4</ref> | name=ehemalige Thingstätte Brandberge|region=DE-ST|type=building}} | Datei:Verfallene ehemalige Thingstätte Brandberge 01.jpg |
| Hameln | „Reichsthingplatz“ auf dem Bückeberg, Ort des „Reichserntedankfestes“<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Bericht über das Bückebergfest ( vom 10. Januar 2007 im Internet Archive)</ref> | name=Reichserntedankfest|region=DE-NI|type=building}} | Datei:Modell des Reichsthingplatzes Bückeberg aus dem Jahre 1934 Dieses Albert Speer zuzuschreibende Modell sieht neben einem mächtigen steinernen umlaufenden Wall vor, dass ebenfalls die beiden Tribünen und die breite.jpg |
| Heidelberg | Thingstätte (Heidelberg) - am 22. Juni 1935 nach Plänen von Hermann Alker unter dem Namen „Feierstätte Heiligenberg“<ref>Peter Marzolff: Der Heiligenberg. In: Elmar Mittler (Hrsg.): Heidelberg. Geschichte und Gestalt. Winter, Heidelberg 1996. ISBN 3-921524-46-6, S. 38–45, insbesondere S. 44f. (Marzolff überhöht nachträglich die „Ausströmungen“ der Himmelsnähe des Platzes)</ref> von Joseph Goebbels eröffnet. 56 Zuschauerreihen, 25 Meter ansteigend.<ref>Im Heidelberger Volksblatt vom 24. Juni 1935, Nr. 144. U. a: Darin fanden maximal bei der Eröffnung angeblich 20.000 Menschen Platz. </ref> | name=Heiligenberg|region=DE-BW|type=building}} | Datei:Heiligenberg Thingstätte.JPG |
| Herchen | Thingplatz (Herchen) | name=Thingplatz (Herchen)|region=DE-NW|type=building}} | Datei:Thingplatz Herchen.jpg |
| Holzminden | weitgehend erhaltener Thingplatz im Stadtpark, heute Grill- und Spielplatz | name=Thingplatz (Herchen)|region=DE-NI|type=building}} | |
| Jülich | ehem. Thingplatz im Brückenkopf Jülich, von dem einige Teile erhalten blieben, so z. B. die Fundamente der ehemaligen Bühne zwischen Mittel- und Zoobastion bis zur Oberfläche des Festungsgrabens | name=Brückenkopf Jülich|region=DE-NW|type=building}} | |
| Kamenz | Thingplatz auf dem Hutberg, heute „Hutbergbühne“, erhalten blieben auch Stümpfe der fünf ehemaligen Säulen | name=Hutbergbühne|region=DE-SN|type=building}} | Datei:26816-Kamenz-1936-Thingplatz auf dem Hurberg-Brück & Sohn Kunstverlag.jpg |
| Koblenz | Vorplatz des Kurfürstlichen Schlosses (im Zweiten Weltkrieg zerstört),<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der 24. März 1935. Einweihung der Thingstätte in Koblenz. ( vom 8. Dezember 2015 im Internet Archive) in: Landeshauptarchiv Koblenz</ref> die Bäume an den Seiten der ehemaligen Eingangspylone blieben erhalten | name=Ehemaliger Thingplatz, Koblenz|region=DE-RP|type=building}} |
|
| Northeim | Freilichtbühne Gesundbrunnen, heute „Waldbühne“ | name=Waldbühne|region=DE-NI|type=building}} | Datei:Waldbuehne Northeim.jpg |
| Passau | an der Veste Oberhaus | name=Veste Oberhaus|region=DE-BY|type=building}} | |
| Rathen | Felsenbühne Rathen | name=Felsenbühne Rathen|region=DE-SN|type=building}} | |
| Rostock | Barnstorfer Wald am heutigen „Platz der Jugend“ (weitgehend umgestaltet, u. a. zum Spielplatz)<ref>Martin Kaule: Ostseeküste 1933–1945. Der historische Reiseführer. Berlin 2009, S. 62.</ref> | name=Platz der Jugend|region=DE-MV|type=building}} | |
| Sankt Annaberg (Polen) | Feierstätte der Schlesier | name=Feierstätte der Schlesier auf Sankt Annaberg|region=PL-16|type=building}} | Datei:Deutsches Ehrenmal Oberschlesien (Annaberg).JPG |
| Sankt Goarshausen | heutige Freilichtbühne Loreley, 1934–1939 erbaut, heute genutzt für Rock-u. Popkonzerte<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />loreley-touristik.de ( vom 1. Juni 2011 im Internet Archive)</ref> | name=Loreley-Freilichtbühne|region=DE-RP|type=building}} | Datei:Loreley, Amphitheater - panoramio - Helfmann (1).jpg |
| Schleiden | in der Ordensburg Vogelsang | name=Ordensburg Vogelsang|region=DE-NW|type=building}} | Datei:Vogthing.jpg |
| Schwarzenberg | „Grenzlandfeierstätte Erzgebirge“, heutige Waldbühne Schwarzenberg | name=Grenzlandfeierstätte|region=DE-SN|type=building}} | Datei:Waldbühne Schwarzenberg.jpg |
| Tecklenburg | Umbau der Tecklenburg zur NS-Thingstätte, heute Freilichtspiele Tecklenburg | name=Burg Tecklenburg|region=DE-NW|type=building}} | Datei:Tecklenburg-Freilichtbühne.JPG |
| Verden (Aller) | Thingstätte Sachsenhain | name=Sachsenhain|region=DE-NI|type=building}} | Datei:Sachsenhain -- NS-Denkmalanlage (3).jpg |
| Wattenscheid | 1936 angelegt, heute Freilichtbühne Wattenscheid<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Stadtgarten Wattenscheid. ( vom 6. Januar 2008 im Internet Archive) auf: bochum.de</ref> | name=Freilichtbühne im Stadtpark|region=DE-NW|type=building}} | Datei:Freilichtbühne Wattenscheid, Festspielplatz, 1936.jpeg |
| Wittstock/Dosse | Thingplatz Kuhlmühle, Zustand unklar | ? |
Siehe auch
- Architektur in der Zeit des Nationalsozialismus
- Thing, die romantisierte Vorlage der Thingstättenbewegung.
- Reichsparteitagsgelände, Nürnberg
- Goethe-Freilichtbühne Porta Westfalica
Weblinks
- Aufzählung einiger Thingplätze mit zeitgeschichtlichen Fotos (englisch)
- Thingstätten, architekturgeschichtliches und künstlerisches Projekt
Literatur
- Katharina Bosse (Hrsg.): Thingstätten. Von der Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart. Kerber, Bielefeld und Berlin 2020, ISBN 978-3-7356-0693-8, englische Fassung: ISBN 978-3-7356-0699-0
- Uwe Degreif: „Zeugnisse opferfreudiger Gemeinschaftsarbeit“. NS-Thing-Stätten in Württemberg. In: Schwäbische Heimat, 71. Jg. 2020, Heft 4, S. 420–426
- Solveig Grothe: Das Thing ging schief, Der Spiegel, 8. Oktober 2020
- Jürgen Oppermann: Das Drama „Der Wanderer“ von Joseph Goebbels: Frühformen nationalsozialistischer Literatur. Dissertation. Karlsruhe 2005, S. 198–203: Nationalsozialistische Kampfbühnen.
- Stefanie Samida: Die nationalsozialistischen Thingstätten nach 1945. Zwischen Verfall, Aneignung und Umdeutung. In: Joachim Otto Habeck, Frank Schmitz (Hrsg.): Ruinen und vergessene Orte. Transcript, Bielefeld 2023, ISBN 978-3-8394-6222-5, S. 213–226
Einzelnachweise
<references />