Umgangsformen
Vorlage:Hinweisbaustein Umgangsformen (positiv auch Guter Ton) sind Bestandteil sozialer Interaktion und stellen die Art und Weise dar, wie sich eine Person in einer Gesellschaft anderen Menschen gegenüber verhält.<ref>Duden: Umgangsform. Abgerufen am 25. September 2025.</ref> Eine Gesellschaft bewertet bestimmte Verhaltensformen (Manieren) positiv (z. B. als gut erzogen, höflich, kultiviert, edel, tapfer) oder negativ (z. B. als derb, roh, ungehobelt, unhöflich, ungesittet, feige) und unterscheidet „gute“ und „schlechte“ Umgangsformen. Häufig verwendet man in der deutschen Sprache das Wort „Umgangsformen“ ohne den Zusatz „gut“ und meint gleichwohl „gute Umgangsformen“.<ref>Nicht immer werden die in einem konkreten Umfeld als „gut“ angesehenen Umgangsformen dort auch tatsächlich praktiziert – oft klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.</ref> Umgangsformen können auch als identitätsstiftende Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft bzw. einer sozialen Gruppe innerhalb einer Gesellschaft fungieren.
Umgangsformen und Etikette
Selbst Fachautoren verwenden die Wörter „Umgangsformen“ und „Etikette“ häufig bedeutungsgleich.<ref>Z.B. Helen Ann Augst: Das große Buch der Umgangsformen: Das Standardwerk des „guten Tons“ für alle Bereiche des beruflichen und privaten Lebens, Baden-Baden: Humboldt-Taschenbuch, 2004, ISBN 3-89994-891-2</ref> Im engen Sinne wird damit jedoch Unterschiedliches bezeichnet:
- Der Ausdruck Umgangsformen (Benehmen, Manieren) bezeichnet konkrete Verhaltensgewohnheiten: die Art und Weise, wie ein Mensch bestimmte soziale Situationen tatsächlich handhabt, z. B. ob und mit welchen Worten, welchen Gesten usw. er eine andere Person begrüßt, wenn er ihr begegnet.<ref name="beetz">Maud Beetz: Der Knigge für das Bankgeschäft: Mit sozialer Kompetenz Imagewerte verbessern und Geschäftserfolge steigern, Wiesbaden: Gabler, 2009, ISBN 978-3-8349-0797-4, S. 18 (eingeschränkte Online-Version in der Google-Buchsuche-USASkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.); Annette Zwahr (Redaktion): Meyers großes Taschenwörterbuch. Bibliographisches Institut, Mannheim 2004, ISBN 3-411-10709-X (Stichwort „Etikette“);Ursula Kraif (Redaktion): Duden – Das Fremdwörterbuch. 9. Auflage. Dudenverlag, Mannheim 2007, ISBN 978-3-411-04059-9 (Stichwort „Etikette“)</ref>
- Der Ausdruck Etikette dagegen bezeichnet einen (geschriebenen oder ungeschriebenen) Regelkanon, in dem Abläufe des sozialen Umgangs festgelegt sind, z. B. die Regeln, ob und mit welchen Worten und welchen Gesten eine Person eine andere zu begrüßen hat.<ref name="beetz" />
Der Ausdruck Manieren entstammt dabei {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value) „Art und Weise“ (vergleiche Manier „Eigenart, Handschrift“ in der Kunst und Manier „Verzierung“ in der Musik). Zusätzlich existiert noch der bildungssprachliche, ebenfalls aus dem Französischen stammende Ausdruck Pli, der für „(Welt-)Gewandtheit, Schliff im Benehmen, Geschick, modische Eleganz“ und „feines Benehmen“ steht.<ref>Pli. In: Duden online. Abgerufen am 13. März 2022.</ref><ref>Wolfgang Pfeifer et al.: Pli. In: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. 1993 (Online-Ansicht [abgerufen am 13. März 2022]).</ref>
Geschichte
Einer der ersten Vermittler von Bildung und Umgangsformen war Erasmus von Rotterdam (1466–1536), der mit seinen Erziehungsbüchern für Fürsten (Fürstenspiegel) und seinem Benimmbuch (de civilitate) einen Leitfaden vorgab. Soziologisch ausgerichtet war auch das 1788 erstmals herausgebrachte Werk Über den Umgang mit Menschen des Freiherrn Knigge (1752–1796).
Im Gegensatz zur heutigen landläufigen Meinung handelt es sich bei dem Buch keineswegs um einen Benimmratgeber mit Ratschlägen zu Fragen der Art: „Welche Gabel darf mit welchem Messer zu welchem Essen verwendet werden?“ Erst nach Knigges Tod wurde sein Buch mehrfach von Herausgebern umgeschrieben und so immer mehr zu einer Anstandsfibel, einem modernen Knigge.
In der Wilhelminischen Zeit erschien der Ratgeber Der gute Ton des Freiherrn Otto von Berger.<ref>Otto von Berger: Der gute Ton, Buch des Anstandes und der guten Sitten, Neuausgabe der Originalausgabe (Wien 1886): Reprint Primus Verlag, Leipzig 28. Juli 2009.</ref>
Im kirchlichen Zusammenhang (Gottesdienst) kann man zwischen Verhalten (Haltungen, rituelle Vollzüge) und Benehmen unterscheiden. Unangemessenes Benehmen im Gottesdienst (schlafen, essen, trinken, schwätzen, zu spät kommen, Mitbringen von Tieren, freizügige Kleidung u. a. m.) wird seit jeher immer wieder angesprochen und thematisiert (Predigten, Kirchenordnungen, Katechismus, Beichtspiegel, Bilder, Piktogramme).<ref>Guido Fuchs: Kleine Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2021, ISBN 978-3-7917-3246-6</ref> Verschiedene Dienste waren und sind für die Einhaltung des angemessenen Verhaltens und Benehmens zuständig (Diakon, Ostiarier, Kirchenschweizer, Küster, Hundepeitscher u. a. m.<ref>Fuchs 144–157.</ref>). Seit etlichen Jahrzehnten gibt es auch „Kirchen-Knigge“, die über angemessenes Verhalten in den Kirchen informieren.<ref>Bettine Reichelt: Der Kirchen-Knigge, Ein unterhaltsamer Ratgeber, Benno, Meißen 2009, ISBN 978-3-7462-2789-4; Christoph Peter Baumann: Der Knigge der Weltreligionen. Feste, Brauchtum und richtiges Verhalten auf einen Blick, Herder Freiburg i. Br. 2011, ISBN 978-3-451-07115-7; Ludwig Gschwind: Ministranten-Knigge, fe-medien, Kisslegg 2018, ISBN 978-3-86357-207-5.</ref> Die Bandbreite schlechten Benehmens ist groß und reicht bis zu störendem Tun mit strafrechtlicher Relevanz.<ref>StGB (Deutschland) § 167 (Störung der Religionsausübung)</ref>
Umgangswerte und Umgangstugenden
Nicolai Hartmann spricht von „Werte[n] des äußeren Umgangs“<ref>Nicolai Hartmann: Ethik. - 3. Auflage. - Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 479</ref> und von „Umgangstugenden“.<ref name="Nicolai Hartmann 1949">Nicolai Hartmann: Ethik. - 3. Auflage. - Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 483</ref> Auch wenn die „Umgangswerte“ nur ein „Randgebiet der ethischen Werttafel“<ref name="Nicolai Hartmann 1949" /> ausmachten, käme diesen ein ethischer, sittlicher relativer Wert zu: Es bedürfe überhaupt einer herrschenden Sitte, ohne die „der Mensch ins Formlose, Kulturlose“<ref>Nicolai Hartmann: Ethik. - 3. Auflage. - Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 482</ref> versinke und ohne die „die Entfaltung des inneren Ethos“<ref>Nicolai Hartmann, ebd.</ref> behindert sei.
„Wie zufällig oder konventionell die bestehenden Verkehrsformen auch sein mögen, wie lächerlich sie dem aus fremden Kulturkreise in sie Hineingestellte erscheinen mögen, sie sind doch eine tiefe Lebensnotwendigkeit, und wer sie verletzt, versündigt sich am Mitmenschen genau so sehr wie der Ungerechte und der Lieblose.“
Siehe auch
Literatur
- Franz Ebhardt: Der gute Ton in allen Lebenslagen. Klinckhardt, Leipzig und Berlin; Manz, Wien, 10. Aufl. 1886.(Zuerst erschienen 1878, bis 1928 erschienen 22 Auflagen.) (Digitalisat der 11. Aufl. 1889)
- Otto von Berger: Der gute Ton, Buch des Anstandes und der guten Sitten, Neuausgabe der Originalausgabe (Wien 1886): Reprint Primus Verlag, Leipzig 28. Juli 2009. ISBN 3-8262-0235-X.
- Emma Kallmann: Der gute Ton. Handbuch der feinen Lebensart und guten Sitte. Nach den neuesten Anstandsregeln bearbeitet. Steinitz, Berlin 1892 (Erstausgabe). Reprint als Taschenbuch: Zenodot, Berlin 2011. ISBN 978-3-8430-6797-3.
- Asfa-Wossen Asserate: Manieren. Eichborn, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-8218-4739-5 (unter Mitwirkung von Martin Mosebach).
- Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-518-28258-1 (französisch: La distinction. Critique sociale du jugement. Paris 1979. Beruht auf empirischen Untersuchungen in Frankreich in den 1960er-Jahren.).
- Erich Sturtevant: Vom guten Ton im Wandel der Jahrhunderte.
- Inge Wolff: Umgangsformen. Ein moderner Knigge. Bessermann, München 2004, ISBN 3-8094-1557-X
- Urs Roeber und Uta Bernsmeier: Manieren. Geschichten von Anstand und Sitte aus sieben Jahrhunderten. Bremen: Focke-Museum, 2009
- Margaret Visser, The Rituals of Dinner (1991).
Weblinks
- Literatur von und über Umgangsformen im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Über den Umgang mit Menschen. Im Projekt Gutenberg
Anmerkungen
<references />