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Cesare Battisti

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Datei:Cesare Battisti, Milano, 1915 (portrait).jpg
Cesare Battisti (um 1915)

Cesare Battisti (* 4. Februar 1875 in Trient, damals Österreich-Ungarn; † 12. Juli 1916 ebenda) war Geograph sowie sozialistischer Abgeordneter zum österreichischen Reichsrat und zum Tiroler Landtag. Als Irredentist trat Battisti mit Kriegsbeginn 1915 auf der Seite Italiens in den Krieg gegen Österreich ein. 1916 wurde er von österreichischen Landesschützen gefangen genommen und nach kurzem Prozess in Trient wegen Hochverrats hingerichtet. An seiner Person werden in Österreich und Italien seither unterschiedliche Deutungen des Nationalitätenkonflikts festgemacht.

Leben

Jugend und politische Sozialisation

Datei:Plaque at the birthplace of Cesare Battisti.jpg
Gedenkplakette am Geburtshaus Battistis in Trient

Battisti wurde als Sohn eines Kaufmanns im damals österreichischen Trient geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Trient studierte er an der Universität Wien Geographie, wechselte 1896 allerdings an die Universität Florenz, wo er sein Studium erfolgreich beendete.

In seiner Wiener Studienzeit hatte Battisti in sozialistischen Kreisen um Wilhelm Ellenbogen eine erste politische Sozialisation erfahren und damit begonnen, sich publizistisch zu betätigen. In Florenz schloss er Bekanntschaft mit dem sozialistischen Intellektuellen Gaetano Salvemini, in dessen Umfeld er auch seine spätere Frau Ernesta Bittanti kennenlernte, die er 1899 heiratete.

Um die Jahrhundertwende betätigte sich Battisti aktiv am Aufbau der sozialistischen Partei im Trentino, u. a. als Herausgeber der Zeitschrift L'Avvenire. 1911 wurde er für die Sozialisten in das Abgeordnetenhaus des Österreichischen Reichsrats gewählt; 1914 erreichte er zusätzlich ein Mandat für den Tiroler Landtag.

Im Zuge des wachsenden Nationalitätenkonflikts innerhalb des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn wandte sich Battisti vom sozialistischen Internationalismus ab und trat ins Lager der italienischen Irredentisten über. Die Zerstörung der italienischen Rechtsfakultät an der Universität Innsbruck im Jahr 1904 (Fatti di Innsbruck) gilt diesbezüglich als Schlüsselereignis, welches Battisti darin bestärkte, dass die soziale Lage im Trentino nur durch eine Loslösung von Österreich und eine Angliederung an Italien zu verbessern sei.

Kriegsfreiwilliger gegen Österreich aufseiten Italiens

Datei:Filzi Battisti 1916 Perdomi.jpg
Cesare Battisti (rechts) und Fabio Filzi nach ihrer Gefangennahme durch österreichische Landesschützen (1916)

Battisti reiste am 12. August 1914 kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs regulär mit einem kurz zuvor ausgestellten Reisepass, der ihm vom Leiter des Polizeikommissariates in Trient, Regierungsrat Wildauer, gegen das Versprechen nach Österreich-Ungarn zurückzukehren, ausgehändigt worden war, nach Italien aus.<ref name="Akten">Prozessakte Battisti vom 12. Juli 1916 Aktenzeichen 1796/16–1 im Original und in der italienischen Übersetzung, veröffentlicht 1935 (PDF; 88 MB), abgerufen am 27. Oktober 2017</ref><ref>Alexander Jordan: Krieg um die Alpen: Der Erste Weltkrieg im Alpenraum und der bayerische Grenzschutz in Tirol. Duncker & Humblot, Berlin 2008, ISBN 978-3-428-12843-3, S. 147</ref> Dort warb er aktiv für einen Kriegseintritt aufseiten der Entente, um das Trentino von Österreich-Ungarn loszulösen und an Italien anzuschließen. Im Gegensatz zu Ettore Tolomei und Gabriele D’Annunzio forderte Battisti nicht den strategisch bedeutenden Brennerpass als nördliche Staatsgrenze Italiens, sondern eine Grenzziehung entlang der sprachlich-kulturellen Trennlinie zwischen deutschem und italienischem Kulturraum an der südlicher gelegenen Salurner Klause – eine Forderung, die sich 1919 auf den Friedensverhandlungen von Saint-Germain nicht durchsetzte und zur italienischen Annexion des Trentino wie auch Südtirols (südlich des Brenners) führte.<ref>Hugo Hantsch: Leopold Graf Berchtold. Grandseigneur und Staatsmann. Verlag Styria, Graz/Wien/Köln 1963, Band 2, S. 696, und István Diószegi: Außenminister Stephan Graf Burián. Biographie und Tagebuchstelle. In: Annales Universitatis Scientiarum Budapestinensis de Rolando Eötvös nominatae. Sectio historica 8 (1966), S. 169–208, hier: S. 177.</ref>

Mit Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn im Mai 1915 meldete sich Battisti als Freiwilliger zum Regio Esercito Italiano. Zunächst diente er als einfacher Soldat im Alpini-Bataillon „Edolo“; in einer Skifahrereinheit kämpfte er unter anderem auf dem Adamello. Battisti wurde mehrfach ausgezeichnet und nach kurzer Zeit zum Leutnant befördert. Nach einer Versetzung zum „Bataillon Vicenza“ kämpfte er auf dem Monte Baldo sowie 1916 in der Südtiroloffensive auf dem Monte Corno, im Massiv des Monte Pasubio. Dort wurde er bei einem wiederholten italienischen Angriffsversuch am 10. Juli 1916 gemeinsam mit dem Irredentisten Fabio Filzi von österreichischen Truppen gefangen genommen. Im Gegensatz zu Filzi, der bei der Gefangennahme einen falschen Namen anführte und schließlich von dem aus dem Trentino stammenden Fähnrich der Landesschützen Bruno Franceschini identifiziert wurde, gab sich Battisti sofort als solcher zu erkennen.<ref name="Akten" />

Kriegsgerichtsprozess und Hinrichtung

Datei:Esecuzione-Battisti.JPG
Hinrichtung Battistis in Trient (1916)

Nach der Identifizierung wurden Battisti und Filzi am 11. Juli nach Trient gebracht. Battisti wurde auf einem offenen Leiterwagen, die Hände in Ketten geschlossen, durch die Stadt kutschiert und von staatstreuen Einwohnern verspottet und angespuckt.<ref>Hans Hautmann: Militärprozesse gegen Abgeordnete des österreichischen Parlaments im Ersten Weltkrieg, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft. 21. Jg., 2/2014, S. 7–8.</ref> Am Tag darauf, den 12. Juli 1916, wurden Battisti und Filzi im Castello del Buonconsiglio vom Gericht des k.u.k. Militärstationskommandos in Trient wegen Hochverrats zum Tode durch den Strang verurteilt, wobei der Prozess gegen Battisti lediglich zwei Stunden dauerte. Im Gegensatz zu Filzi, der als fahnenflüchtiger Angehöriger der k.u.k. Armee nach Militärstrafrecht abgeurteilt wurde, wurde Battisti nach zivilem Strafrecht verurteilt.<ref>Hans Hautmann: Militärprozesse gegen Abgeordnete des österreichischen Parlaments im Ersten Weltkrieg, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft. 21. Jg., 2/2014, S. 8–9.</ref><ref name="Akten" /> Die Hinrichtung durch den Wiener Scharfrichter Josef Lang erfolgte unmittelbar nach der Verurteilung im nördlichen Schlossgraben des Castello del Buonconsiglio am Würgegalgen. Am Ort der Hinrichtung Battistis, Filzis und des bereits im Mai 1916 hingerichteten Damiano Chiesa im Fossa dei Martiri (deutsch: „Graben der Märtyrer“) erinnern Gedenksteine an diese Ereignisse.

Die Umstände des Prozesses gegen Battisti und seine Hinrichtung erregten aufgrund einer Reihe von besonderen Vorfällen großes Aufsehen im In- und Ausland. Battisti musste zwar aufgrund des Tatbestands des Hochverrat mit seiner Verurteilung rechnen, doch wurde er von den österreichischen Behörden noch zusätzlich herabgewürdigt. So wurde Battisti eine „langjährige verräterische Gesinnungsbetätigung“ und ein „würdeloser Anschluss an einen auch vom moralischen Standpunkt aus verächtlichen Feind“ vorgeworfen. Weiters wurde deklariert, dass er als Rädelsführer und „Ursächer des Banditenüberfalls Italiens auf die Monarchie“ für die „Ströme schuldlosen Blutes unserer Braven gegen den welschen Erbfeind“ verantwortlich sei.<ref>Hans Hautmann: Militärprozesse gegen Abgeordnete des österreichischen Parlaments im Ersten Weltkrieg, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft. 21. Jg., 2/2014, S. 7.</ref> Battistis Bitte, als Offizier ehrenhaft erschossen zu werden und während seiner Hinrichtung die italienische Offiziersuniform zu tragen, wurde von den Behörden abgelehnt. Bei der Hinrichtung riss die vom Scharfrichter Lang verwendete Schnur, so dass dieser Battisti einen neuen Strick um den Hals legen musste. Im Anschluss an Battistis Hinrichtung posierten Lang und zahlreiche Schaulustige für ein Foto, das anschließend als Postkarte weite Verbreitung fand.<ref>Hans Hautmann: Militärprozesse gegen Abgeordnete des österreichischen Parlaments im Ersten Weltkrieg, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft. 21. Jg., 2/2014, S. 9.</ref>

Die Leichen der Hingerichteten Battisti und Filzi wurden kurz nach der Hinrichtung auf dem Gelände des Castello del Buonconsiglio verscharrt. Am 31. Oktober 1918 – kurz vor dem Einmarsch der italienischen Truppen in Trient – wurden sie vom österreichischen Militär in ein Massengrab umgebettet, wo er im November schließlich von den eingerückten italienischen Militärs exhumiert wurde. Nachdem der Leichnam durch Battistis Sohn identifiziert worden war, wurde er in Trient feierlich aufgebahrt.<ref>Hans Hautmann: Militärprozesse gegen Abgeordnete des österreichischen Parlaments im Ersten Weltkrieg, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft. 21. Jg., 2/2014, S. 9.</ref> 1935 wurden Battistis sterbliche Überreste in einem von italienischen Faschisten errichteten monumentalen Mausoleum bei Trient beigesetzt. Die Gebeine von Fabio Filzi und Damiano Chiesa befinden sich heute im Beinhaus Castel Dante in Rovereto.

Rezeption

Cesare Battistis Schicksal wurde bereits kurz nach seinem Tod in nationalistischen wie antinationalistischen Diskursen intensiv und kontrovers verarbeitet.

Datei:Hinrichtung battisti.jpg
Battisti am Würgegalgen nach seiner Hinrichtung am 12. Juni 1916 im Burggraben des Kastel von Trento, mit dem in Österreich-Ungarn beliebten Henker Josef Lang. Dieses Bild wurde im als österreichisches Nationaldrama bezeichneten<ref name="k298">Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Warum ist "Die letzten Tage der Menschheit" das "österreichische Nationaldrama"?] In: Salzburger Nachrichten. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 6. Oktober 2025.Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref> Werk Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus verwendet und unterstrich damit die Bedeutung des für Österreich typischen Würgegalgen als Sinnbild der Unterdrückung in Österreich,<ref name="b953">Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig ORF Topos.] In: ORF Topos. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 12. Oktober 2025.Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref><ref name="j866">Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name: „Nach dem Henker mußte noch der Photograph heran.“ Krieg und Fotografie in Karl Kraus’ Monumentaldrama Die letzten Tage der Menschheit. In: Cahiers d’études germaniques. 1 volume. Jahrgang, Nr. 79. OpenEdition, Vorlage:Cite book/Date, ISSN 0751-4239, S. 79–108, doi:10.4000/ceg.12415 (Vorlage:Cite book/URL [abgerufen am 12. Oktober 2025]).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2</ref> insbesondere gegenüber nicht-deutschsprachigen Menschen.<ref name="g125">Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Atrocities / 1.1 / handbook.] In: 1914-1918-Online (WW1) Encyclopedia. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 3. November 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref><ref name="m539">Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Centenary (Austria) / 1.0 / handbook.] In: 1914-1918-Online (WW1) Encyclopedia. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 3. November 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>

Nationalistische Deutungen: In kaisertreuen und deutschnationalen Kreisen Österreichs galt Battisti spätestens nach seiner Hinrichtung als Inbegriff des italienischen Verräters. In Italien wurde er hingegen als später Vertreter des Risorgimento posthum mit dem höchsten Militärorden ausgezeichnet und wie andere Irredentisten (Fabio Filzi, Nazario Sauro, Guglielmo Oberdan) zum Nationalhelden stilisiert, nach denen zahlreiche öffentliche Einrichtungen benannt wurden. Battisti findet ebenso in der vierten Strophe der patriotischen Hymne La leggenda del Piave Erwähnung.

In seiner Heimatregion Trentino wurde Battisti 1920 mit anderen Protomartiri della Grande Guerra als Ehrenmitglied in die Accademia Roveretana degli Agiati aufgenommen.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Mitgliederdatenbank der Akademie (Memento vom 8. Dezember 2015 im Internet Archive)</ref> Der Berg, auf dem er von den Österreichern gefangen genommen wurde, erhielt zum Ursprungsnamen Monte Corno den Zusatz Battisti.

Obwohl Sozialist, wurde Battisti gegen den Willen seiner Frau auch von den italienischen Faschisten vereinnahmt, die ihm 1935 in seiner Heimatstadt Trient ein Mausoleum errichteten. Eine von Adolfo Wildt gestaltete Büste Battistis findet sich auch im Innenraum des 1928 eingeweihten Siegesdenkmals in Bozen, das ursprünglich auch Battistis Namen tragen sollte.<ref>Thomas Pardatscher: Das Siegesdenkmal in Bozen: Entstehung, Symbolik, Rezeption. Athesia, Bozen 2002</ref><ref>Marilena Pinzger: Steinernes Zeichen des Imperiums. Faschistische Denkmalsarchitektur in Südtirol am Beispiel des Siegesdenkmals in Bozen. Universität Wien, Diplomarbeit 2011</ref> Nur der öffentliche Widerstand von Battistis Witwe Ernesta Bittanti führte dazu, dass das Denkmal nicht seinen Namen erhielt und von Mussolini stattdessen dem italienischen Sieg im Ersten Weltkrieg gewidmet wurde. Dennoch behielt der Denkmalarchitekt Marcello Piacentini die gesamte nördliche Nische des Monuments Battisti vor und flankierte dessen Büste mit Zitaten aus dem Zwölftafelgesetz und aus Titus Livius.<ref>Sabrina Michielli, Hannes Obermair (Red.): BZ ’18–’45: ein Denkmal, eine Stadt, zwei Diktaturen. Begleitband zur Dokumentations-Ausstellung im Bozener Siegesdenkmal. Folio Verlag, Wien-Bozen 2016, ISBN 978-3-85256-713-6, S. 110–113 (mit Abb.).</ref>

Antinationalistische Interpretationen: Obwohl die national-gegensätzlichen Deutungen der Figur Battistis lange Zeit den öffentlichen Diskurs bestimmten, existierten von Anfang an auch historische Interpretationen, die an der Figur Battistis das Scheitern von Nationalismen hervorhoben. Battistis Hinrichtung und insbesondere die Zurschaustellung seines Leichnams zwecks Photographie thematisierte der österreichische Schriftsteller Karl Kraus bereits unmittelbar nach den Ereignissen in seinem Werk Die letzten Tage der Menschheit. Kraus rückte dabei nicht den Tod Battistis, sondern das selbstzerstörerische Wirken eines österreichischen Chauvinismus in den Mittelpunkt:

Der Nörgler: Das österreichische Antlitz ist jederlei Antlitz. Es lauert hinter dem Schalter der Lebensbahn. Es lächelt und greint je nach Wetter. (...) Zumal aber ist es das des Henkers. Des Wiener Henkers, der auf einer Ansichtskarte, die den toten Battisti zeigt, seine Tatzen über dem Haupt des Hingerichteten hält, ein triumphierender Ölgötze der befriedigten Gemütlichkeit, der »Mir-san-mir« heißt. Grinsende Gesichter von Zivilisten und solchen, deren letzter Besitz die Ehre ist, drängen sich dicht um den Leichnam, damit sie nur ja alle auf die Ansichtskarte kommen.

Der Optimist: Wie? So eine Ansichtskarte gibt es?

Der Nörgler: Sie wurde von amtswegen hergestellt, am Tatort wurde sie verbreitet, im Hinterland zeigten sie »Vertraute« Intimen, und heute ist sie als ein Gruppenbild des k. k. Menschentums in den Schaufenstern aller feindlichen Städte ausgestellt, ein Denkmal des Galgenhumors unserer Henker, umgewertet zum Skalp der österreichischen Kultur. Es war vielleicht seit Erschaffung der Welt zum erstenmal der Fall, daß der Teufel Pfui Teufel! rief.“

– <templatestyles src="Person/styles.css" />Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit. Die Fackel, Wien 1919.<ref>Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit (Onlineausgabe)</ref>

In den 1960er-Jahren knüpfte der Historiker Claus Gatterer in seinem Buch Unter seinem Galgen stand Österreich – Cesare Battisti. Porträt eines „Hochverräters“ an die kritische Interpretation Karl Kraus’ an. Gatterer recherchierte die politischen Zeitumstände und daraus resultierende Motive Battistis, wobei er in Österreich erstmals Battistis demokratische Grundüberzeugungen hervorhob:

„Das vorliegende Buch ist einem nichtnationalistischen Irredentisten gewidmet, einem ‚internationalistischen‘ und pazifistischen Sozialisten, der im Jahre 1914, nachdem andere den Krieg begonnen hatten, sowohl zum Bannerträger des ,letzten Risorgimento-Krieges’ als auch der Zerstörung der plurinationalen Habsburgermonarchie wurde. Battisti wählte den Weg, den auch andere Nicht- oder Antinationalisten genommen hatten. Ich will nur einen erwähnen: den ersten Präsidenten der Tschechoslowakei, Tomáš G. Masaryk. Die beiden, Battisti und Masaryk, verfolgten ein ähnliches, wenn auch nicht gleiches Ziel: Battisti sah in der Zerschlagung Österreichs die Möglichkeit, den Traum Giuseppe Mazzinis Wirklichkeit werden zu lassen: die Schaffung der vereinigten (nationalen) Staaten von Europa; weniger ambitioniert dagegen Masaryk, für den der Krieg (indem er den Zerfallsprozeß Österreichs vollendete) in die Bildung einer neuen demokratischen Gemeinschaft und Einheit der Donauvölker münden sollte.“

– <templatestyles src="Person/styles.css" />Claus Gatterer: Unter seinem Galgen stand Österreich. Cesare Battisti – Porträt eines „Hochverräters“. [Erweiterte Neuauflage], Wien-Bozen 1997 (Erstausgabe 1967)<ref>Claus Gatterer: Unter seinem Galgen stand Österreich. Cesare Battisti – Porträt eines „Hochverräters“. [Erweiterte Neuauflage], Folio-Verlag, Wien-Bozen 1997, S. 15.</ref>

In Italien bzw. im Trentino wurde die demokratische Gesinnung Cesare Battistis in erster Linie von seiner Witwe Ernesta Bittanti und dem gemeinsamen Sohn Gigino Battisti (die sich in den 1930er und 40er-Jahren als Antifaschisten exponierten) weitergetragen.<ref>Artikel von Mimma Battisti (Enkelin Cesare Battistis) im Gedenken an den Antifaschisten Gianantonio Manci. salto.bz, 29. April 2015</ref> An ihre Rezeptionsgeschichte wie auch an die Ansätze Claus Gatterers knüpfte in den 1970er- und 80er-Jahren eine kritische Trentiner und Tiroler Regionalgeschichtsschreibung an.

Bilder

Literatur

Sachliteratur
  • Gaetano Arfè: Battisti, Giuseppe Cesare. In: Alberto M. Ghisalberti (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 7: Bartolucci–Bellotto. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 1965, mit umfangreichen Angaben zu seinen Veröffentlichungen.
  • Battisti Cesare. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 1, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1957, S. 53 f. (Direktlinks auf S. 53, S. 54).
  • Claus Gatterer: Unter seinem Galgen stand Österreich – Cesare Battisti. Porträt eines „Hochverräters“. Europa-Verlag, Wien u. a. 1967.
  • Bruno Gius: Cesare Battisti (1875–1916) als politischer Erinnerungsort. In: Der Schlern. Bd. 98 (2024), Heft 2, S. 36–55.
  • Hans Hautmann: Militärprozesse gegen Abgeordnete des österreichischen Parlaments im Ersten Weltkrieg, in: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft (Wien). Nr. 2/2014, S. 1–11 (klahrgesellschaft.at).
  • Vincenzo Cali: “Niemandsland”. Cesare Battisti, das Trentino und die Grenzdiskussion 1914/15. In: Johannes Hürter, Gian Enrico Rusconi (Hrsg.): Der Kriegseintritt Italiens im Mai 1915. Oldenbourg 2007, zugl. Sondernummer der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. ISBN 978-3-486-58278-9, S. 101–116.
  • Mario Isnenghi u. a.: Identitätskonflikte und Gedächtniskonstruktionen. Die „Märtyrer des Trentino“ vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg: Cesare Battisti, Fabio Filzi und Damiano Chiesa (= Studien zur italienischen Literatur und Kultur des 20. und 21. Jahrhunderts. Band 2). Lit-Verlag, Berlin/Münster 2018, ISBN 978-3-643-13896-5.
Belletristik

Dokumentarfilme

  • Clemente Volpini, Graziano Conversano: Cesare Battisti. L'ultima fotografia. RAIstoria 2014, 60 Min (Online-Video).

Weblinks

Einzelnachweise

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