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Jenny Erpenbeck

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Datei:Jenny Erpenbeck im Burgberggarten 2021 - 2.jpg
Jenny Erpenbeck 2021 auf dem Erlanger Poetenfest

Jenny Erpenbeck (* 12. März 1967 in Ost-Berlin) ist eine deutsche Schriftstellerin. In ihrem Werk verknüpft sie Motive großer geschichtlicher Umbrüche mit persönlichen Schicksalen. Sie gewann als erste Deutsche den International Booker Prize (2024).

Leben

Jenny Erpenbeck ist die Tochter der Arabisch-Übersetzerin Doris Kilias und des Physikers, Philosophen und Schriftstellers John Erpenbeck. Ihre Großeltern väterlicherseits sind die Autoren Fritz Erpenbeck und Hedda Zinner.<ref name=":1">Volker Weidermann: Jenny Erpenbeck: Eine Art Wunder. In: Die Zeit. 22. Mai 2024, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 22. Mai 2024]).</ref>

Erpenbeck wuchs in Berlin auf. Als Siebenjährige verbrachte sie ein Jahr in Italien, da ihre Mutter kurzzeitig mit einem Diplomaten verheiratet war.<ref name=":1" /> Erpenbeck besuchte die Erweiterte Oberschule (EOS) „Heinrich Schliemann“ im Ost-Berliner-Stadtbezirk Prenzlauer Berg, an der sie 1985 ihr Abitur ablegte.<ref>Anja Reich: Ostdeutsche, Schriftstellerin, Gesellschaftskritikerin: Wer ist Jenny Erpenbeck? In: berliner-zeitung.de. 6. Mai 2024, abgerufen am 8. Juni 2025.</ref> Anschließend absolvierte sie eine zweijährige Lehre als Buchbinderin. Es folgte ein praktisches Jahr als Requisiteurin am Kleist-Theater in Frankfurt (Oder) und als Ankleiderin an der Staatsoper Berlin. Von 1988 bis 1990 studierte sie Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.

1990 wechselte sie zum Studium der Musiktheater-Regie (u. a. bei Ruth Berghaus und Peter Konwitschny) zur Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin. 1993 assistierte sie Heiner Müller bei der Produktion von Tristan und Isolde bei den Bayreuther Festspielen.

Wirken

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Studiums arbeitete sie ab 1997 als Regisseurin in Deutschland und Österreich. Gleichzeitig begann sie zu schreiben. 1999 erschien ihr Debüt Geschichte vom alten Kind. Es folgten u. a. die Romane Heimsuchung (2008), Aller Tage Abend (2012), Gehen, ging, gegangen (2015) und Kairos (2021),<ref name=":4">Peter Mohr: Jenny Erpenbecks „Kairos“: Untergang ohne Schadenfreude, in: Abendzeitung, 5. Oktober 2021, abgerufen am 8. Juni 2025; vgl. auch Maike Albath: Jenny Erpenbeck: „Kairos“. Abgesang auf die DDR, in: Deutschlandfunk, 27. August 2021, abgerufen am 8. Juni 2025.</ref> für die sie vielfach Preise im In- und Ausland erhielt.

Erpenbecks Werke wurden in 30 Sprachen übersetzt, darunter ins Englische, Französische, Spanische, Italienische, Schwedische, Türkische, Arabische, Hebräische, Dänische, Griechische, Niederländische, Norwegische, Slowenische, Ungarische, Japanische, Koreanische, Litauische, Polnische, Rumänische, Tschechische, Estnische, Finnische und Chinesische.

Erpenbeck ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung,<ref>Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung – Akademie – Mitglieder – Jenny Erpenbeck. Abgerufen am 4. Dezember 2019.</ref> der Akademie der Künste Berlin,<ref>16. Akademie der Künste, Journal der Künste 04, Nov. 2017, ISSN 2510-5221</ref> der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz,<ref>Mitgliedseintrag von Jenny Erpenbeck bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, abgerufen am 11. Oktober 2017</ref> des PEN-Zentrums Deutschland und des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller.<ref name=":3">„Ich erzähle Tragödien“. In: publik.verdi.de. 24. August 2024, abgerufen am 8. Juni 2025 (Jenny Erpenbeck im Interview mit Thomas Winkler zur Kritik).</ref> 2017 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.<ref>www.bundespraesident.de: Der Bundespräsident / Reisen und Termine / Ordensverleihung zum Tag der Deutschen Einheit. Abgerufen am 4. Dezember 2019.</ref> Seit 2018 wird Erpenbeck von der Literaturagentur Wylie vertreten.<ref>Volker Weidermann: Jenny Erpenbeck: Sie weiß sehr genau, woher sie kommt. In: Die Zeit. 28. April 2024, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 20. Mai 2024]).</ref><ref>Marie Schmidt: „Das wäre ein Ritterschlag“. In: Süddeutsche Zeitung. 20. Mai 2024, abgerufen am 21. Mai 2024 (Interview; in der gedruckten Ausgabe vom 21. Mai 2024 auf S. 9).</ref>

Erpenbeck lebt mit ihrem Mann, dem Dirigenten Wolfgang Bozic, in Berlin.<ref>Porträt bei literaturport.de, abgerufen am 17. Juni 2016</ref><ref>Autorin Jenny Erpenbeck In der Verjüngungsmaschine (Jan Brandt im Interview mit Jenny Erpenbeck), auf spiegel.de, 6. März 2005, abgerufen am 8. Juni 2025.</ref>

Rezeption

Über das Ende der DDR sagte Erpenbeck: „Die Freiheit war ja nicht geschenkt. Sie hatte einen Preis, und der Preis war mein gesamtes bisheriges Leben.“<ref>Volker Weidermann: Jenny Erpenbeck: Eine Art Wunder. In: Die Zeit. 22. Mai 2024, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 4. Juli 2025]).</ref> Diese geschichtsträchtige „Folie der DDR“ wird von Andreas Platthaus (Frankfurter Allgemeine Zeitung) als ein wesentlicher Grund für ihren Erfolg in der englischsprachigen Welt angeführt. Er hebt dabei ihre Erzählweise hervor, welche die Form konsequent in den Dienst der Geschichte stellt.<ref>Andreas Platthaus: Deutschlands Romanweltstar. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 23. Mai 2024, S. 8.</ref>

Auch andere namhafte deutsche Kritiker würdigen ihr Werk regelmäßig. Adam Soboczynski (Die Zeit) bezeichnete ihren Roman Kairos als ein großes Werk, das einen beispiellosen Sog entwickle.<ref>Adam Soboczynski: Die Auferstehung. In: Die Zeit. 13. Juni 2024, S. 41.</ref> Denis Scheck lobte Erpenbeck als eine mutige und authentische Stimme der Gegenwartsliteratur, die tief liegende Schichten der deutschen Identität freilege.<ref>Ehrung: Berlinerin Jenny Erpenbeck gewinnt Usedomer Literaturpreis. In: Berliner Morgenpost. 21. Februar 2019, abgerufen am 23. Januar 2026.</ref>

International gilt Erpenbeck als eine der meistgeschätzten deutschen Autorinnen. Der einflussreiche US-amerikanische Literaturkritiker James Wood (New Yorker) bezeichnete sie bereits früh als eine „Virtuosin“ und als Anwärterin auf den Nobelpreis für Literatur.<ref name=":0">James Wood: Four Books That Deserved More Attention in 2017. In: The New Yorker. 20. Dezember 2017, abgerufen am 8. Juni 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Im Gegensatz zur hohen internationalen Wertschätzung wurde Kairos in Deutschland vom Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk kontrovers kommentiert. Er warf ihr „Ostdeutschtümelei“ vor und kritisierte dabei, dass sie in ihren Büchern einen Mythos der DDR-Gründung pflege und den Westen einseitig negativ darstelle.<ref>Ilko-Sascha Kowalczuk: Vielfach ausgezeichnete Jenny Erpenbeck: Kein Sehnsuchtsort, sondern Gefängnis. In: taz.de. 30. Mai 2024, abgerufen am 26. September 2025.</ref>

Der Regisseur Volker Schlöndorff verfilmt den Roman Heimsuchung derzeit für das Kino.<ref>Jana Haase, Lena Schneider: Bestseller-Dreh mit Starbesetzung: Volker Schlöndorff verfilmt „Heimsuchung“ in Potsdam und Umgebung. In: Der Tagesspiegel. 28. August 2025, abgerufen am 22. Januar 2026.</ref> Der Filmstart ist für Oktober 2026 angekündigt. Zur Besetzung gehören unter anderem Angela Winkler, Martina Gedeck, Susanne Wolff, Lars Eidinger und Ulrich Matthes.<ref>Dreh am See: Volker Schlöndorff verfilmt „Heimsuchung“. In: Potsdamer Neueste Nachrichten. 29. August 2025, S. 2.</ref>

Werkübersicht

Prosa

Als Autorin
  • Geschichte vom alten Kind. Eichborn, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-8218-0784-9.
  • Tand. Erzählungen. Eichborn, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-8218-0696-6.
  • Wörterbuch. Eichborn, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-8218-0742-3.
  • Heimsuchung. Eichborn, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-8218-5773-2.
  • Dinge, die verschwinden. Galiani, Berlin 2009, ISBN 978-3-86971-004-4.
  • Aller Tage Abend. Knaus Verlag, München 2012, ISBN 978-3-8135-0369-2.<ref>Rezension, literarischealtersbilder.uni-koeln.de</ref>
  • Sich ganz weit verirren – Sich vom Verirren verirren. Rede an die Abiturienten des Jahrgangs 2014. Hg. von Ralph Schock. Conte, Sankt Ingbert 2014, ISBN 978-3-95602-019-3.
  • Gehen, ging, gegangen. Knaus, München 2015, ISBN 978-3-8135-0370-8.
  • Kein Roman. Texte und Reden 1992 bis 2018. Penguin, München 2018, ISBN 978-3-328-60029-9.
  • Kairos. Roman. Penguin, München 2021, ISBN 978-3-328-60085-5.
  • Jenny Erpenbeck über Christine Lavant. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023, ISBN 978-3-462-00468-7.
Als Herausgeberin
  • Christine Lavant / Seit heute, aber für immer / Gedichte. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Jenny Erpenbeck. Wallstein, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8353-5158-5.

Dramatik

Inszenierungen

  • 1997: Gedichte aus der Hauspostille (Brecht), Berliner Ensemble
  • 1998: Hänsel und Gretel (Humperdinck), Opernhaus Graz
  • 2000: Katzen haben sieben Leben (UA), Schauspielhaus Graz
  • 2000: Schauspieldirektor/Apotheker (Mozart/Haydn), Landestheater St. Pölten
  • 2000: Cabaret (Kander), Schauspielhaus Linz
  • 2001: Erwartung/Herzog Blaubarts Burg, (Schönberg/Bartók), Opernhaus Graz
  • 2002: L’Orfeo, (Monteverdi). Theater Aachen
  • 2003: Acis und Galathea (Händel), Staatsoper Berlin
  • 2004: Orpheus in der Unterwelt (Offenbach/Hacks), Hans-Otto-Theater Potsdam
  • 2006: Zaide (Mozart/Erpenbeck), Oper Nürnberg (Markgrafentheater Erlangen)

Essay

  • Kein Roman. Texte und Reden 1992 bis 2018. Penguin, München 2018, ISBN 978-3-328-60029-9.

Preise und Würdigungen

Hörbücher

  • Heimsuchung. Roman. Autorenlesung. der Hörverlag, München 2016, ISBN 978-3-8445-2510-6 (Hörbuch-Download)
  • Kairos. Roman. Autorenlesung. der Hörverlag, München 2021, ISBN 978-3-8445-4353-7 (Hörbuch-Download)
  • Jenny Erpenbeck über Christine Lavant. Autorenlesung, mit Bernd Reheuser. Argon Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-7324-7361-8 (Hörbuch-Download)

Literatur

  • Wiebke Eden: Sich mit Worten auszudrücken, war immer das Nächste. In: Keine Angst vor großen Gefühlen. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-596-15474-X, S. 13–32 (Interview).
  • Friedhelm Marx, Julia Schöll (Hrsg.): Wahrheit und Täuschung: Beiträge zum Werk Jenny Erpenbecks (= Poiesis. Standpunkte zur Gegenwartsliteratur. Nr. 11). Wallstein Verlag, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8353-1562-4.
  • Elisabeth Krimmer: The Representation of Wartime Rape in Julia Franck’s „Die Mittagsfrau“ and Jenny Erpenbeck’s „Heimsuchung“. Nancy Nobile: The Legacy of Romanticism in Jenny Erpenbeck’s „Heimsuchung“. In: Paul Michael Lützeler, Erin McGlothlin, Jennifer Kapczynski (Hrsg.): Gegenwartsliteratur, ein germanistisches Jahrbuch. 14/2015, Stauffenburg Verlag, Tübingen 2015, ISBN 978-3-95809-641-7.
  • Maria Behre: „Give us a place“ – Politischwerden auf dem Oranienplatz. Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“. (2015), gelesen mit Hannah Arendts politischer Philosophie. In: Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik (ZDPE), Jg. 39, 2017, Heft 1 – Markus Tiedemann (Hrsg.): Hannah Arendt, S. 58–65.
  • Katharina Grabbe: Zu uns. Reflexionen des Nationalen und Europäischen in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur zu Flucht und Geflüchteten: Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“ und Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“. In: Olaf Briese, Richard Faber (Hrsg.): Heimatland – Vaterland – Abendland. Über alte und neue Populismen. Würzburg 2018, S. 239–254, ISBN 978-3-8260-6456-2.
  • Katharina Grabbe: Heimsuchung. In: Dies.: Deutschland. Image und Imaginäres. Zur Dynamik der nationalen Identifizierung nach 1990. De Gruyter, Berlin/Boston 2014, S. 225–259.
  • Laura Thyen: Genealogien des Bezeugens: Postmemoriale Verhandlungen der Shoah bei Doron Rabinovici und Jenny Erpenbeck (= Substanz). Marta Press, Hamburg 2018, ISBN 978-3-944442-74-7.
  • Carola Hähnel-Mesnard: Zeiterfahrung und gesellschaftlicher Umbruch in Fiktionen der Post-DDR-Literatur: Literarische Figurationen von Zeitwahrnehmung im Werk von Lutz Seiler, Julia Schoch und Jenny Erpenbeck (= Deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien. Nr. 28). V & R Unipress, Göttingen 2022, ISBN 978-3-8471-1345-4 (Habilitationsschrift, Sorbonne Université, 2020).
  • Heinz-Ludwig Arnold u. a. (Hrsg.): Jenny Erpenbeck (= Text + Kritik Neufassung. Nr. 246). edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2025, ISBN 978-3-96707-226-6.
  • Björn von Vedder, Katrin Dautel: Jenny Erpenbeck. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. 1. Februar 2025.

Weblinks

Einzelnachweise

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