Luigi Federico Menabrea
Luigi Federico Marcello Conte di Menabrea (Luigi Federico Marcello Graf von Menabrea; * 4. September 1809 in Chambéry; † 25. Mai 1896 in Saint-Cassin)<ref>Pier Angelo Gentile: Luigi Federico Menabrea. In: Dizionario Biografico degli Italiani (DBI).</ref> war ein italienischer Wissenschaftler, General und Politiker. Er war mehrfach Minister in verschiedenen Ressorts und von 1867 bis 1869 Präsident des Ministerrats (Ministerpräsident) von Italien und gleichzeitig Außenminister.
Leben und Wirken
Menabrea wurde als Sohn eines Rechtsanwaltes in Hochsavoyen geboren. Nach dem Besuch einer Jesuitenschule studierte er ab 1828 in Turin Ingenieurwissenschaft und Mathematik u. a. bei den Professoren Giovanni Plana und Bidone. Im Juni 1832 schloss er sein Studium als Wasserbau-Ingenieur ab, im Januar 1833 erlangte er einen zweiten Studienabschluss als Architekt;<ref name="Treccani">Menabrea, Luigi Federico. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Band 73, 2009.</ref> anschließend wurde er in den Geniestab der sardinisch-piemontesischen Armee als Leutnant eingestellt. Im Dezember 1835 wechselte er an die Militärakademie, wo er angewandte Mechanik, Ballistik, Konstruktionslehre Geometrie und Geodäsie unterrichtete,<ref name="Unificacione">Menabrea, Luigi Federico. In: C. Donzelli (Hrsg.): L’Unificazione italiana. Treccani, Mailand 2011.</ref> hier wurde er 1839 zum Hauptmann befördert und 1843 (zusammen mit seinem Bruder Leone, einem Juristen und Historiker) geadelt.<ref name="Treccani" /> 1846 bis 1860 war er Professor der Bauingenieurwissenschaft an der Universität Turin. Da er von der Armee nur beurlaubt war, konnte er auch in dieser Zeit befördert werden: im August 1848 zum Major, im August 1849 zum Oberst, im April 1859 zum Generalmajor und im September 1860 zum Generalleutnant. Als Kommandeur der Genietruppen nahm er am Sardinischen Krieg teil, nach dem Krieg wurde er Generalinspekteur dieser Truppengattung. 1861 wurde er Generaladjutant des Königs Viktor Emanuel II. und kurze Zeit später zum Grafen erhoben.<ref name="Treccani" />
1846 heiratete er Carlotta Richetta, aus der Familie der Grafen von Valgoria. Der einzige in der Literatur erwähnte Sohn aus dieser Ehe starb im Frühjahr 1867.
Er war Mitglied der Accademia delle Scienze di Torino und der Accademia Nazionale dei Lincei und Ehrendoktor des Bürgerlichen Rechts der Universitäten Oxford und Cambridge.<ref name="Treccani" /> Seit Dezember 1874 war er assoziiertes Mitglied der Königlichen Akademie von Belgien in Brüssel<ref>Académicien décédé: Comte Luigi Federigo Menabrea. Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique, abgerufen am 21. Oktober 2023 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> und seit 1887 korrespondierendes Mitglied der Académie des sciences in Paris.<ref>Verzeichnis der Mitglieder seit 1666: Buchstabe M. Académie des sciences, abgerufen am 22. Januar 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Wissenschaftliche Bedeutung
Vorlage:Hinweisbaustein 1840 fand in Turin an der Akademie der Wissenschaften der zweite Kongress der italienischen Wissenschaftler statt, auf dem der eingeladene Charles Babbage seinen Entwurf einer Rechenmaschine vorstellte und mit den Zuhörern diskutierte. Die bei Rechenmaschinen notwendige Verkettung von Rechenoperationen stellt eine Vorstufe der Programmierung dar.
Hauptsächlich befasste sich Menabrea jedoch mit Problemen der angewandten Mechanik. Auf diesem Gebiet stellte er 1858 den Satz von Menabrea auf, der sich mit Formänderungsenergien in Baustoffen (z. B. Durchbiegen eines Balkens) beschäftigt und heute als Sonderfall des rund 20 Jahre später aufgestellten Satzes von Castigliano gilt.
Politische Karriere
Von 1848 bis 1850 und wieder von 1850 bis 1864 war Menabrea Ratsherr seines Wohnortes Turin.<ref name="Treccani" /> Von 1848 bis 1859 (als er wegen seiner Ernennung zum General automatisch ausschied) war er auch für einen Wahlkreis im Aostatal Mitglied der sardinisch-piemontesischen Abgeordnetenkammer. Als Abgeordneter hielt er sich zu den Hochkonservativen, so stimmte er sowohl 1852 gegen die Einführung der Zivilehe als auch gegen die Aufhebung bestimmter katholischer Ordensgemeinschaften.<ref name="Treccani" /> Etwa ab 1857 galt er als das Haupt dieser parlamentarischen Gruppe. Als Parlamentarier war er Mitglied der italienischen Kommission für die Alpentunnelprojekte, außerdem wirkte er an der Neuaufstellung eines gesamtitalienischen Katasters mit und vertrat sein Land ab Mai 1858 in der Europäischen Donaukommission.
Im Februar 1860 ernannte ihn der König zum Senator auf Lebenszeit.<ref name="Treccani" /> Schon 1848/49 und wieder 1859/60 wurden ihm zahlreiche kurzfristige politisch-diplomatische Aufgaben im Rahmen der italienischen Einigung übertragen, z. B. als diplomatischer Vertreter Sardiniens bei den provisorischen Regierungen der Herzogtümer Parma und Piacenza oder als königlich-sardinischer Kommissar bei den Truppen des Kirchenstaates.<ref name="Treccani" />
Von Juni 1861 bis März 1862 war er Marineminister im Kabinett Ricasoli I. In diese Zeit fällt die Gründung der bis heute wichtigsten italienischen Flottenbasis La Spezia, aber auch der Ausbau anderer Marinebasen gehörte zu den Aufgaben Menabreas. Nach einem dreiviertel Jahr ohne Ministeramt wurde er im Dezember 1862 Minister für Öffentliche Arbeiten im Kabinett Farini und blieb dies auch im Kabinett Minghetti I bis zu dessen Sturz 1864. Trotz der desaströsen Lage der öffentlichen Finanzen konnte er in seiner Amtszeit das Eisenbahnnetz um etwa 2000 km erweitern. Auch die ersten italienischen Briefmarken wurden unter seiner ministeriellen Verantwortung herausgegeben.<ref name="Treccani" />
Vom 27. Oktober 1867 bis zum 14. Dezember 1869 amtierte Menabrea als Ministerpräsident und Außenminister des Königreichs Italien. Wegen fehlender Parlamentsmehrheiten musste er in diesen etwas mehr als zwei Jahren zweimal das Kabinett umbilden, was jeweils mit einem neuen Regierungsauftrag durch König Viktor Emanuel II. verbunden war, so dass Menabrea insgesamt drei Regierungen anführte. Die Regierung Menabrea I bestand nur wenige Wochen und setzte sich ausschließlich aus Senatoren und hohen Beamten ausgesprochen konservativer Prägung zusammen, was von der liberalen Kammermehrheit als Kampfansage verstanden und mit einem Misstrauensvotum im Dezember 1867 beantwortet wurde.<ref name="Treccani" /> Die Regierung Menabrea II war zwar parteipolitisch etwas mehr in die Mitte gerückt, bestand aber fast ausschließlich aus Norditalienern, was die Vertreter des Südens – egal ob konservative Großgrundbesitzer oder radikale Liberale – einhellig kritisierten. Die Regierung verkündete eine Verwaltungsreform und die Sanierung des Staatshaushaltes als ihre Ziele. Zu letzterem Zweck führte sie eine Mehlsteuer ein,<ref name="Unificacione" /> was zu ihrer Unpopularität stark beitrug. Recht und Wirklichkeit drifteten immer weiter auseinander,<ref name="Treccani" /> Unruhen mussten blutig unterdrückt werden. Auch das wichtigste außenpolitische Projekt – die Erwerbung Roms im Gegenzug für eine Beteiligung Italiens an einem gegen den Norddeutschen Bund gerichteten französisch-österreichischen Bündnis – an der französisch-innenpolitisch begründeten Weigerung Napoleons III., diesen Preis zu bezahlen, scheiterte.<ref name="Treccani" /> Im Mai 1869 bildete er seine Regierung mit dem Kabinett Menabrea III erneut um, um sich eine breitere parlamentarische Basis zu verschaffen. Die neue Regierung wurde aber bald Bestechlichkeit nachgesagt, nachdem sie einen Gesetzesvorschlag im Parlament eingebracht hatte, mit dem die Tabakherstellung einer privaten Gesellschaft übertragen werden sollte. Den Widerstand des Parlaments wollte er mit einer Auflösung des Parlaments und mit Ausrufung von Neuwahlen brechen, was der König jedoch ablehnte. In der Folge verstärkte sich die Opposition in der Kammer noch, so dass er sich schließlich gezwungen sah zurückzutreten.<ref name="Treccani" />
In den 1870er und 1880er Jahren nahm Menabrea zahlreiche Ehrenämter wahr – von der Stellvertretung des Königs bei der Krönung Oskar II. 1873 über die Präsidentschaft des Verwaltungsrates des Annunziaten-Ordens bis zum Vorsitz des Heraldischen Beirates ab 1875. Von 1874 bis 1882 vertrat er sein Land als Botschafter in London, anschließend bis 1892 in Paris.<ref name="Unificacione" />
Schriften (Auswahl)
- Notions sur la machine analytique de M. Charles Babbage. In: Bibliothèque universelle de Genève. Neue Folge, Band 41, 1842, S. 352–376 (Digitalisat, Separatdruck).
- Sketch of the Analytical Engine invented by Charles Babbage, Esq. In: Scientific memoirs, selected from the transactions of foreign Academies of Science and learned societies, and from foreign. Band 3, Richard and John E. Taylor, London 1843, S. 666–690 (Digitalisat, Adas Anmerkungen: S. 691–731) – übersetzt und mit Anmerkungen von Ada Lovelace.
- Nouveau principe sur la distribution des tensions dans les systèmes élastiques. Paris 1858.
- Memorie. (Autobiografie) zuletzt Florenz 1971
Literatur
- Pier Angelo Gentile: Menabrea, Luigi Federico. In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 73: Meda–Messadaglia. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2009.
- Karl-Eugen Kurrer: The History of the Theory of Structures. Searching for Equilibrium. Ernst & Sohn, 2018, ISBN 978-3-433-03229-9, S. 1032 (Biografie).
- Francesco Lemmi: Menabrea, Luigi Federico, conte. In: Enciclopedia Italiana. Band 22: Malc–Messic. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 1934.
- Menabrea, Luigi Federico. In: Dizionario delle Scienze Fisiche, Rom 1996.
- Menabrea, Luigi Federico. In: Dizionario di Storia, Rom 2010.
- Menabrea, Luigi Federico. In: L’Unificazione, Rom 2011.
- Necrologio (1895–1896): Atti Accad. Sci. Torino 31, S. 851–852.
- Necrologio (1910): Suppl. ai Rend. Circ. Mat. Palermo 5, S. 21–24.
Weblinks
- Menabrea Luigi Federico auf Patrimonio dell‘Archivio Storico – Senato della Repubblica (italienisch)
- Luigi Federico Menabrea auf Camera dei Deputati – Portale storico (italienisch)
- Menabrèa, Luigi Federico, conte. In: Enciclopedia on line. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom. Vorlage:Abrufdatum
- <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der Wert des Parameters
archive-todaymuss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein. Biografie - John J. O’Connor, Edmund F. Robertson: Luigi Federico Menabrea. In: {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) (englisch).
- Alle origini del computer. In: polito.it. Politecnico di Torino, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 11. März 2016 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).
- Luigi Federico Menabrea in der Datenbank zbMATH
Einzelnachweise
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Camillo Benso von Cavour | Bettino Ricasoli | Urbano Rattazzi | Luigi Carlo Farini | Marco Minghetti | Alfonso La Marmora | Bettino Ricasoli (2.) | Urbano Rattazzi (2.) | Luigi Federico Menabrea (1.–3.) | Giovanni Lanza | Marco Minghetti (2.) | Agostino Depretis | Benedetto Cairoli | Agostino Depretis (3.) | Benedetto Cairoli (2.–3.) | Agostino Depretis (4.–8.) | Francesco Crispi (1.–2.) | Antonio Starabba di Rudinì | Giovanni Giolitti | Francesco Crispi (3.–4.) | Antonio Starabba di Rudinì (2.–5.) | Luigi Pelloux (1.–2.) | Giuseppe Saracco | Giuseppe Zanardelli | Giovanni Giolitti (2.) | Tommaso Tittoni | Alessandro Fortis | Sidney Sonnino | Giovanni Giolitti (3.) | Sidney Sonnino (2.) | Luigi Luzzatti | Giovanni Giolitti (4.) | Antonio Salandra | Paolo Boselli | Vittorio Emanuele Orlando | Francesco Saverio Nitti | Giovanni Giolitti (5.) | Ivanoe Bonomi | Luigi Facta | Benito Mussolini (Duce) | Pietro Badoglio (prov.) | Ivanoe Bonomi (2.–3.) | Ferruccio Parri | Alcide De Gasperi
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Camillo Benso von Cavour | Bettino Ricasoli | Urbano Rattazzi | Giacomo Durando | Giuseppe Pasolini | Emilio Visconti-Venosta | Alfonso La Marmora (1.–2.) | Bettino Ricasoli | Emilio Visconti-Venosta (2.) | Federico Pescetto | Pompeo di Campello | Luigi Federico Menabrea (1.–3.) | Emilio Visconti-Venosta (3.–4.) | Luigi Amedeo Melegari | Agostino Depretis | Luigi Corti | Benedetto Cairoli | Agostino Depretis (2.) | Benedetto Cairoli (2.–3.) | Pasquale Stanislao Mancini | Agostino Depretis (3.) | Carlo Felice Nicolis di Robilant | Agostino Depretis (4.) | Francesco Crispi | Antonio Starabba di Rudinì | Benedetto Brin | Alberto Blanc | Onorato Caetani | Emilio Visconti-Venosta (5.–6.) | Raffaele Cappelli | Felice Napoleone Canevaro | Emilio Visconti-Venosta (7.–8.) | Giulio Prinetti | Enrico Morin | Tommaso Tittoni (1.–3.) | Antonino Paternò-Castello (1.) | Francesco Guicciardini | Tommaso Tittoni (4.) | Francesco Guicciardini | Antonino Paternò-Castello (2.–4.) | Antonio Salandra | Sidney Sonnino | Tommaso Tittoni | Francesco Saverio Nitti | Vittorio Scialoja | Carlo Sforza | Ivanoe Bonomi | Pietro Tomasi Della Torretta | Carlo Schanzer | Benito Mussolini | Dino Grandi | Benito Mussolini (2.) | Galeazzo Ciano | Benito Mussolini (3.) | Raffaele Guariglia | Pietro Badoglio | Ivanoe Bonomi (2.) | Alcide De Gasperi
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Menabrea, Luigi Federico |
| ALTERNATIVNAMEN | Menabrea, Luigi Federico Marcello (Taufname); Menabrea, Luigi Federico Graf von; Menabrea, Luigi Federico Conte di; Menabrea di Val Dora, Luigi Federico. |
| KURZBESCHREIBUNG | italienischer Wissenschaftler, General und Politiker |
| GEBURTSDATUM | 4. September 1809 |
| GEBURTSORT | Chambéry |
| STERBEDATUM | 25. Mai 1896 |
| STERBEORT | Saint-Cassin |
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- Gestorben 1896
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