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Vierte Welt

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Datei:Least Developed Countries map.svg
Weltkarte der am wenigsten entwickelten Länder 2020 (ehemalige Staaten in grün)

Vierte Welt ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) war speziell in der Entwicklungspolitik und Entwicklungstheorie die Bezeichnung für Entwicklungsländer, die als rohstoff-, kapital- und exportschwach eingestuft werden.<ref>Dirk Piekenbrock, Gabler Kompakt-Lexikon Volkswirtschaft, 2002, S. 458</ref>

Allgemeines

Die „Vierte Welt“ bildet die unterste Stufe einer Rangordnung, zu der die „Erste Welt“, „Zweite Welt“ und „Dritte Welt“ gehören. Heute wird die Vierte Welt häufig mit den am wenigsten entwickelten Ländern ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value), LLDC) gleichgesetzt<ref>Springer Fachmedien Wiesbaden (Hrsg.), Kompakt-Lexikon Internationale Wirtschaft, 2013, S. 406</ref>, ist aber kein Synonym. Die Abkürzung LLDC wird zur Abgrenzung gegen die weniger entwickelten Länder ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value), LDC) verwendet.<ref>Carsten Lenz/Nicole Ruchlak, Kleines Politik-Lexikon, 2001, S. 130</ref>

Der Begriff der „Vierten Welt“ ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) wurde im März 1969 von Joseph Wresinski geprägt<ref>Joseph Wresinski, Igloos: Science et Service – Le 4e monde, 1969, S. 41 f.</ref> und bezog sich auf eine von Jean Labbens in Pariser Elendsvierteln durchgeführte soziologische Studie unter dem Titel „Quart Monde“. Der Name verknüpft die Begriffe „Dritte Welt“ und „Vierter Stand“.<ref>Marie-Rose Blunschi Ackermann, Joseph Wresinski, 2005, S. 42</ref> Wresinski gründete 1957 die – später in ATD Vierte Welt umbenannte – Menschenrechtsorganisation.

Geschichte

Im deutschen Sprachraum war der „Vierte Stand“ im 19. Jahrhundert gebräuchlich, um den Gegensatz zum „Dritten Stand“ (Geistliche, Gemeindeabgeordnete, Rechtsanwälte) zu kennzeichnen<ref>Johann Caspar Bluntschli/Karl Ludwig Theodor Brater, Deutsches Staats-Wörterbuch, Band 11, 1870, S. 72 f.</ref> und betraf die Not – aber auch den Emanzipationskampf – der armen Bevölkerung.

Die Auflösung der Kolonien durch die Kolonialmächte nach dem Zweiten Weltkrieg führte zu mehr als 100 neuen Staaten, die von Staatsgründung an große soziale, religiöse, ethnische und wirtschaftliche Probleme hatten.<ref>Helmut Michels, Die Geschichte der Welt in einem Band, 2015, S. 386</ref>

Der Ausdruck „Dritte Welt“ geht auf einen Artikel von Alfred Sauvy vom August 1952 in einer französischen Wochenzeitung zurück, wobei er den sich um die Vorherrschaft ringenden kapitalistischen und kommunistischen Welten eine „Dritte Welt“ gegenüberstellte. „Diese missachtete, ausgebeutete, verschmähte Dritte Welt wolle – wie der Dritte Stand – ebenfalls etwas aus sich machen“.<ref>Alfred Sauvy, Trois mondes, une planète, in: L’Observateur vom 14. August 1952, S. 118</ref> Seitdem wurden „Dritte Welt“ und Entwicklungsländer sukzessive gleichgesetzt.<ref>Marie-Rose Blunschi Ackermann, Joseph Wresinski, 2005, S. 44</ref>

Das „Subproletariat“ meldete sich 1968 in dem Manifest Un peuple parle erstmals öffentlich zu Wort.<ref>Claude Ferrand, Un peuple parle, 1968</ref> Im Jahre 1975 führte die Weltbank den Ausdruck „Vierte Welt“ ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) für diejenigen Entwicklungsländer ein, die besonders arm an Rohstoffen sind.<ref>World Bank (Hrsg.), Rural Development Sector Policy Paper, 1975, S. 1 ff.</ref> Sie spricht dabei von ökonomischer Segmentierung.

In seiner Kritik an der traditionellen Geopolitik hat John A. Agnew 1998 die Welt in die Weltteile „fortgeschritten“ oder „primitiv“ und „modern“ oder „rückständig“ aufgeteilt. Danach steht die europäisch-amerikanische Welt als „Erste Welt“ zuoberst und setzt die Maßstäbe und Standards, an denen sich der Rest zu orientieren hat und messen lassen muss.<ref>John A. Agnew, Geo-Politics: Re-visioning World Politics, 1998, S. 8/33</ref> Mit seiner statischen Perspektive zementierte er die bisherigen geostrategischen Auffassungen.

Bei Johan Galtung wird der Begriff Vierte Welt neu definiert. Er rechnet sie gemeinsam mit der Ersten Welt zu den MDC ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) und zählt den ostasiatischen Markt der buddhistisch-konfuzianistischen Länder Japan, China (zusammen mit Hongkong und Taiwan), Südkorea, Thailand und Vietnam dazu.<ref>Johan Galtung, Frieden mit friedlichen Mitteln, 2007, S. 321</ref>

Einteilung mit Stand 2012

Vorlage:Hinweisbaustein Die Bezeichnungen Dritte Welt oder Vierte Welt sind sozialökonomische und geodeterministische Einteilungen von Regionen auf der Makroebene. Für Dieter Senghaas war die Welt 2012 – trotz aller Globalisierungstendenzen – in vier Teilwelten mit unterschiedlichen Integrations- und Kompetenzniveaus gespalten:<ref>Gert Krell/Peter Schlotter, Weltbilder und Weltordnung, 2018, S. 44</ref>

Klassifizierung Staat Bruttonationaleinkommen
pro Kopf jährlich in US-Dollar
Erste Welt OECD-Mitgliedstaaten > 13.000
Neue Zweite Welt Ostasien: (China VolksrepublikDatei:Flag of the People's Republic of China.svg Volksrepublik China, TaiwanDatei:Flag of the Republic of China.svg Taiwan)
Osteuropa: EstlandDatei:Flag of Estonia.svg Estland, LettlandDatei:Flag of Latvia.svg Lettland, LitauenDatei:Flag of Lithuania.svg Litauen, PolenDatei:Flag of Poland.svg Polen,
SlowakeiDatei:Flag of Slovakia.svg Slowakei, SlowenienDatei:Flag of Slovenia.svg Slowenien, UngarnDatei:Flag of Hungary.svg Ungarn
Südamerika: BrasilienDatei:Flag of Brazil.svg Brasilien, KolumbienDatei:Flag of Colombia.svg Kolumbien, MexikoDatei:Flag of Mexico.svg Mexiko
4466 bis 13845
Dritte Welt BangladeschDatei:Flag of Bangladesh.svg Bangladesch, BolivienDatei:Flag of Bolivia.svg Bolivien, IndienDatei:Flag of India.svg Indien, IndonesienDatei:Flag of Indonesia.svg Indonesien 1136 bis 4465
„Vierte Welt“ AfghanistanDatei:Flag of Afghanistan (2013–2021).svg Afghanistan, Burkina FasoDatei:Flag of Burkina Faso.svg Burkina Faso, BurundiDatei:Flag of Burundi.svg Burundi,
Kongo Demokratische RepublikDatei:Flag of the Democratic Republic of the Congo.svg Demokratische Republik Kongo, RuandaDatei:Flag of Rwanda.svg Ruanda, SomaliaDatei:Flag of Somalia.svg Somalia,
TschadDatei:Flag of Chad.svg Tschad, Zentralafrikanische RepublikDatei:Flag of the Central African Republic.svg Zentralafrikanische Republik, SudanDatei:Flag of Sudan.svg Sudan
≤ 1135

Der weitaus größte Teil aller Staaten weltweit gehört zur zweiten bis vierten Welt. Der Übergang von der Dritten zur Vierten Welt ist fließend, zumal schon innerhalb der Dritten Welt, die sich noch durch eine leidlich konsolidierte Staatlichkeit auszeichnet, Länder mit Merkmalen der Vierten Welt anzutreffen sind.<ref>Dieter Senghaas, Weltordnung in einer zerklüfteten Welt: Hat Frieden Zukunft?, 2012, S. 30</ref> Je nach wirtschaftlicher Entwicklung kann es hier zu Verschiebungen kommen etwa von der vierten zur dritten Welt oder umgekehrt. Die Dynamik innerhalb der ersten Welt dagegen ist – wegen des enormen Wohlstandsgefälles – sehr gering.

Zu den Staaten der vierten Welt gehören insbesondere Südasien, die Sahelzone und ein großer Teil Zentralafrikas.<ref>United States. Congress. House. Committee on Banking, Finance, and Urban Affairs. Subcommittee on International Development Institutions and Finance (Hrsg.), International Development Institutions Authorizations, 1977, S. 166</ref>

Wirtschaftliche Aspekte

Die Vierte Welt kann ihre Bevölkerung nur unzureichend ernähren und medizinisch versorgen, das Pro-Kopf-Einkommen und die Arbeitsproduktivität sind gering. Deshalb sind ihre Einwohner oft Analphabeten, Arbeitslose und kaum qualifiziert. Die Vierte Welt weist ein hohes Bevölkerungswachstum, hohe Defizite bei Grundbedürfnissen (Bildung, Ernährung, Gesundheit)<ref>Adam Reining, Lexikon der Außenwirtschaft, 2003, S. 429</ref>, Urbanisierung mit der Folge von Slums und Kriminalität in Großstädten auf. Die Politik ist geprägt von Korruption, Misswirtschaft und Cliquenherrschaft.<ref>Helmut Michels, Die Geschichte der Welt in einem Band, 2015, S. 386</ref> Allgemein gibt es Massenarmut und dadurch Hunger und Wassermangel (begünstigt durch Naturkatastrophen), schlechte Infrastruktur, politische Instabilität und hohe Staatsverschuldung.<ref>Gerd Reinhold/Siegfried Lamnek/Helga Recker (Hrsg.), Soziologie-Lexikon, 2000, S. 122</ref>

Die Entwicklungshilfe der „Ersten Welt“ und Gelder der UNO, Weltbank oder Internationalem Währungsfonds seit etwa 1948 konnten das Elend nur lindern.<ref>Helmut Michels, Die Geschichte der Welt in einem Band, 2015, S. 387</ref> In der Vierten Welt können deshalb die Prognosen der Malthusianischen Katastrophe und des Bevölkerungsgesetzes beobachtet werden. Durch das rasche Bevölkerungswachstum in der Dritten und Vierten Welt gewannen die Argumente von Thomas Robert Malthus wieder an Gewicht.<ref>Gabi Hesselbein/Lars Lambrecht (Hrsg.), Märkte - Staaten - Welt der Menschen, 2000, S. 120</ref> Paul R. Ehrlich griff 1968 die Malthusianische Katastrophe wieder auf und prognostizierte für die Zukunft unabwendbare Hungersnöte, da die Nahrungsmittelproduktion hinter dem Bevölkerungswachstum zurückbliebe.<ref>Paul R Ehrlich, The Population Bomb, 1968, S. 44; ISBN 978-1568495873</ref> Durch Naturkatastrophen wie Dürre oder Überschwemmungen wird die Lücke weiter verstärkt. Das hohe Bevölkerungswachstum erfordert zudem zusätzlichen Wohnraum, der zu Lasten der Agrarfläche geschaffen wird und dadurch das Güterangebot an Agrarprodukten weiter sinken lässt.

Die Bruttonationaleinkommenkategorisierung der Weltbank differenziert für 2024 die Pro-Kopf-Einkommen nach dem Bruttonationaleinkommen <math>BNE</math>:<ref>World Bank (Hrsg.), World Bank Country and Lending Groups, 2023</ref>

<math>PKE = \frac{BNE}{P}</math>.

Daraus entwickelte sie folgende Klassifizierungen, aus denen auch die „vier Welten“ abgelesen werden können:

Klassifizierung der Weltbank <math>BNE</math> in US-Dollar
pro Kopf und Jahr
Low Income Country ≤ 1135
Lower Middle Income Country 1136 bis 4465
Upper Middle Income Country 4466 bis 13845
High Income Country > 13846

Trotz teilweise hohem Wirtschaftswachstum ist das Wohlstandsgefälle in keinem Kontinent so groß wie in Asien. Spitzenreiter China VolksrepublikDatei:Flag of the People's Republic of China.svg Volksrepublik China und JapanDatei:Flag of Japan.svg Japan werden gefolgt von den reichen Stadtstaaten HongkongDatei:Flag of Hong Kong.svg Hongkong und SingapurDatei:Flag of Singapore.svg Singapur, während auf der untersten Stufe BangladeschDatei:Flag of Bangladesh.svg Bangladesch, BhutanDatei:Flag of Bhutan.svg Bhutan oder KambodschaDatei:Flag of Cambodia.svg Kambodscha stehen.<ref>Peter Janocha, Asiens Märkte erfolgreich erschließen, 1998, S. 6</ref>

Die Vierte Welt dagegen umfasst nicht weniger als die von der Weltbank aufgeführten 48 am wenigsten entwickelten Staaten (LDCs) – gelegentlich auch als der „globale Süden“ bezeichnet –, die das niedrigste Niveau sozio-ökonomischer Entwicklung und staatlicher Autorität aufweisen und überwiegend in Afrika, Lateinamerika, Südasien und dem pazifischen Asien beheimatet sind.<ref>Parag Khanna, Der Kampf um die Zweite Welt, 2008, S. 28</ref>

Die verschiedenen Welten sind keine „Closed Shops“, sondern es gelang einigen, von der „Dritten Welt“ zum Schwellenland aufzusteigen (BrasilienDatei:Flag of Brazil.svg Brasilien, China VolksrepublikDatei:Flag of the People's Republic of China.svg Volksrepublik China, IndienDatei:Flag of India.svg Indien und MexikoDatei:Flag of Mexico.svg Mexiko).<ref>Helmut Michels, Die Geschichte der Welt in einem Band, 2015, S. 387</ref> Manche Staaten und Regionen konnten sich sogar auf das Niveau der „Ersten Welt“ etablieren (Südkorea, Taiwan und Singapur).

Die Dependenztheorie untersucht das Bestehen hierarchischer Abhängigkeiten (Dependenzen) zwischen Industrie- (Metropolen) und Entwicklungsländern (Peripherien) und geht davon aus, dass die Entwicklungsmöglichkeiten der Vierten Welt durch dieses Hierarchieverhältnis als begrenzt anzusehen sind.

Literatur

  • Marie-Rose Blunschi Ackermann: Joseph Wresinski. Wortführer der Ärmsten im theologischen Diskurs. Academic Press Fribourg, Freiburg 2005, S. 42–45, ISBN 3-7278-1535-3
  • Léon Cassiers et al.: Histoire: De la honte à la fierté. Histoire du passage de la honte de la misère à la fierté d’appartenir à un peuple. In: Groupe de recherche Quart Monde - Université (Hrsg.): Le croisement des savoirs. Quand le Quart Monde et l’université pensent ensemble. Les Editions de l’Atelier/Editions Ouvrières, Les Editions Quart Monde, Paris 1999, S. 43–140, ISBN 2-7082-3420-X
  • Louis Join-Lambert: Quart Monde. In: Encyclopédia Universalis, Universalia 1988 (1989), S. 341–344
  • Manuel Castells: Das Informationszeitalter (Opladen 2004) Bd. III, Kap. 2, S. 73–174

Einzelnachweise

<references />

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