Funktionalismus (Design)
Im Design, insbesondere im Industriedesign und Möbeldesign sowie Industriedesign, bezeichnet Funktionalismus Gestaltungsauffassungen, nach denen Form, Material und Konstruktion eines Gebrauchsgegenstands aus dessen Verwendungszweck, technischer Funktionsweise und Herstellungsbedingungen abgeleitet werden. Ästhetische Gestaltung tritt dabei hinter Gebrauchstauglichkeit, Verständlichkeit und Produktionslogik zurück. Daher stammt der berühmte Ausspruch „Form follows function“ von Louis Sullivan, der der populären Auffassung entsprang, eine zeitgemäße Schönheit in Architektur und Design ergebe sich bereits aus deren Funktionalität.
Schönheit war im vorindustriellen Zeitalter eng mit Zweckzusammenhängen der Gesellschaft verwoben, z. B. mit sakralen, aber auch profanen Zwecken. Mit der industriellen Produktion emanzipierte sich die Kunst aus Zweckzusammenhängen, wie sich umgekehrt die Nützlichkeit von der Schönheit emanzipiert. Beim industriell gefertigten Gebrauchsgegenstand wird Schönheit damit zu einem bloßen „ästhetischen Überschuss“.<ref>Albrecht Wellmer: Kunst und industrielle Produktion, in: Ders.: Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne. Frankfurt, 5. Auflage 1993, S. 115.</ref> Darauf reagiert der gestalterische Funktionalismus, der die Ästhetik der Funktion gegen die illusionistische Dekoration sichtbar machen will, Der Funktionsbegriff war allerdings nach Andreas Dorschel von Anfang an mehrdeutig: „Funktion kann sowohl praktische Funktion bzw. Zweck als auch technische Funktionsweise bzw. Produktionsweise meinen“.<ref>Design und Improvisation: Produkte, Prozesse und Methoden in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.</ref> Die Anfänge des Funktionalismus in Design und Architektur reichen zu den ästhetischen Theoretikern des 19. Jahrhunderts zurück (Lotze, Semper, Greenough), werden in Deutschland jedoch erst mit der Gründung des Deutschen Werkbundes im Jahr 1907 unter den Schlagworten Sachlichkeit und Zweckform in den Rang einer künstlerisch ernstzunehmenden Gestaltungsweise erhoben.
Im Bereich des Designs gewannen funktional begründete Gestaltungsauffassungen vor allem im Umfeld des Deutschen Werkbundes seit 1907 an Bedeutung. Ziel war es, industriell gefertigte Produkte gestalterisch zu verbessern, ohne deren Herstellbarkeit oder Gebrauchstauglichkeit zu beeinträchtigen. Im Mittelpunkt standen dabei vor allem Gebrauchsgegenstände, Möbel und Haushaltswaren, weniger einzelne Bauwerke.<ref name="DWB-Geschichte">Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Werkbund-Geschichte.] In: Deutscher Werkbund. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 15. Dezember 2025.Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref><ref name="MuseumDerDinge-Werkbund">Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Deutscher Werkbund.] In: Werkbundarchiv – Museum der Dinge. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 15. Dezember 2025.Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>
Diese Ansätze wurden am Bauhaus weitergeführt und konkretisiert. In den Werkstätten für Metall, Möbel, Textil oder Typografie entstanden Entwürfe für Alltagsobjekte, die auf serielle Fertigung, Materialökonomie und eine klare Benutzbarkeit ausgerichtet waren. Architektur spielte zwar eine Rolle, war jedoch lange Zeit nicht der Schwerpunkt der Ausbildung.<ref name="BauhausEntdecken-Serie">Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Typisch Bauhaus.] In: Bauhaus entdecken. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 15. Dezember 2025.Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref><ref name="BauhausArchiv-Typography">Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Bauhaus Typography.] In: Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 15. Dezember 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>
Zeitgenössisch verstanden sich diese Gestaltungsansätze in der Regel nicht als Teil eines „Funktionalismus“. Stattdessen sprach man von moderner, sachlicher oder zweckmäßiger Gestaltung. Die Bezeichnung Funktionalismus setzte sich erst später als kunst- und designhistorischer Sammelbegriff durch, um bestimmte Entwurfsargumente und formale Tendenzen der Moderne zusammenzufassen.<ref name="Posener1964">Julius Posener: Die Anfänge des Funktionalismus: Von Arts and Crafts zum Deutschen Werkbund. Ullstein, Frankfurt am Main 1964.</ref><ref name="Poerschke2005">DFunktion als Gestaltungsbegriff - eine Untersuchung des Funktionsbegriffs in architekturtheoretischen Texten. Abgerufen am 16. Dezember 2025.</ref>
In der späteren Rezeption wurde insbesondere die Formel form follows function häufig verallgemeinert und auch für sehr unterschiedliche Designauffassungen herangezogen. So wird häufig darauf hingewiesen, dass der Funktionsbegriff dadurch ungenau werde und teils als pauschale Legitimation formaler Entscheidungen diente.<ref name="Michl1995">Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Form Follows WHAT? The modernist notion of function as a carte blanche.] In: janmichl.com. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 15. Dezember 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>
Frühe und international einflussreiche Beispiele für funktionalistisch geprägtes Design in Deutschland finden sich vor allem im Bereich der Gebrauchsgegenstände. Bereits die am Bauhaus entstanden Entwürfe für Gebrauchsgegenstände waren durch Reduktion auf das Notwendige und eine klare Orientierung am Gebrauch gekennzeichnet. Diese Gestaltungsauffassungen veränderten das Verständnis moderner Produktgestaltung nachhaltig.<ref>Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Typisch Bauhaus.] In: Bauhaus entdecken. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 15. Dezember 2025.Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden funktionalistische Designprinzipien insbesondere an der HfG Ulm weiterentwickelt. Gestalter wie Dieter Rams formulierten dort einen systematischen, auf Verständlichkeit, Langlebigkeit und Zurückhaltung zielenden Designansatz, der vor allem durch seine Arbeiten für Braun internationale Beachtung fand.<ref>Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Dieter Rams – Weniger, aber besser.] In: Vitra Design Museum. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 15. Dezember 2025.Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref><ref>Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>
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SK 61<ref>Dieter Rams und Hans Gugelot, 1956</ref>
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Studioblitz-Anlage F 1000, Dieter Rams 1966
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Regalsystem 606, 1960
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ET 66, 1987
Die von Bauhaus und Ulmer Schule entwickelte Formensprache wirkt bis in die Gegenwart fort. Zahlreiche Alltagsgegenstände greifen gestalterische Prinzipien früher funktionalistischer Entwürfe auf, teils nahezu unverändert. Der Einfluss von Dieter Rams auf zeitgenössisches Produktdesign ist vielfach dokumentiert; insbesondere wurde wiederholt auf Parallelen zwischen Braun-Entwürfen der 1950er und 1960er Jahre und Produkten des Unternehmens Apple hingewiesen, dessen Gestaltungsphilosophie sich ausdrücklich auf Rams bezieht.<ref>Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Jonathan Ive on Dieter Rams.] In: The New Yorker. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 15. Dezember 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref><ref>Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Apple and the Influence of Dieter Rams.] In: Design Museum London. , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 15. Dezember 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>
Kritik
Der Philosoph Albrecht Wellmer hat den Funktionalismus nicht nur als architektonisches Phänomen kritisiert, sondern als umfassendes kulturelles Gestaltungsprogramm der Moderne. Seine Einwände lassen sich auch auf Design, Möbel und industriell gefertigte Gebrauchsgegenstände beziehen. Wellmer zufolge habe der funktionalistische Anspruch dazu geführt, historisch gewachsene Ausdrucksformen und symbolische Bedeutungen zugunsten von Zweckmäßigkeit und Effizienz zurückzudrängen.
Zwar habe diese Haltung überladene Formen und dekorative Überformungen beseitigt, zugleich aber eine gewisse gestalterische Nüchternheit gefördert. Produkte und Möbel erschienen dadurch häufig vor allem als Träger von Funktionen, während andere Qualitäten – etwa Atmosphäre, Erinnerung oder kulturelle Bedeutung – in den Hintergrund traten. Die funktionalistische Gestaltung mache damit sichtbar, was ohnehin wirksam sei: die Dominanz ökonomischer und industrieller Produktionsbedingungen. Die Vorstellung der dem Funktionalismus huldigenden Architekten und Designer, den industriellen Fortschritt „mit den schwachen Kräften einer ästhetischen Aufklärung (zu) humanisieren und domestizieren“, sei immer schon naiv gewesen.<ref>Albrecht Wellmer: Kunst und industrielle Produktion, in: Ders.: Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne. Frankfurt am Main, 5. Auflage 1993, S. 121 ff.</ref>
Literatur
- Hans Gerhard Evers: Vom Historismus zum Funktionalismus. (= Kunst der Welt. Die Kulturen des Abendlandes). Holle Verlag, Baden-Baden 1967, DNB 573059802. (1976, ISBN 3-87355-121-7). Download als PDF
- Sebastian Müller: Kunst und Industrie. Ideologie und Organisation des Funktionalismus in der Architektur. Carl Hanser, München 1974, ISBN 3-446-11849-7.
- Ute Poerschke: Funktion als Gestaltungsbegriff. Dissertation an der TU Cottbus 2005.
- Julius Posener: Die Anfänge des Funktionalismus. Von Arts and Crafts zum Deutschen Werkbund. Ullstein, Frankfurt am Main / Wien 1964.
- Robert Venturi, Denise Scott Brown, Steven Izenour: Lernen von Las Vegas. Zur Ikonographie und Architektursymbolik der Geschäftsstadt. Vieweg, Braunschweig 1979, ISBN 3-528-08753-6, (= Bauwelt-Fundamente, Band 53, Funktionalismuskritik)
- Adolf Behne: Der moderne Zweckbau. Ullstein, Berlin / Frankfurt am Main / Wien / Berlin 1964; NA: Gebrüder Mann, Berlin 1998, ISBN 3-7861-2250-4.
- Jan Michl: Form follows WHAT? The modernist notion of function as a carte blanche 1995.
- Albrecht Wellmer: Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne. Suhrkamp Verlag 1985, ISBN 978-3-518-28132-1.
Einzelnachweise
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