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Peter Lilienthal

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Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 27. April 2026 um 15:47 Uhr durch imported>Georg Hügler (Filmografie).
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Peter Lilienthal (* 27. November 1927<ref>Bei seiner Rückkehr nach Deutschland gab er 1929 als Geburtsjahr an. siehe hier</ref> in Berlin; † 28. April 2023 in München<ref>Filmregisseur Peter Lilienthal mit 93 Jahren in München gestorben. kurier.at. Abgerufen am 28. April 2023.</ref>) war ein deutscher Regisseur und Drehbuchautor.

Leben und Wirken

Peter Lilienthal war der Sohn von Erna Lilienthal, geborener Israel, und des Bühnenbildners Hans Lilienthal sowie ein Nachkomme des Flugpioniers Otto Lilienthal.<ref>Hanns-Georg Rodek: Der Regisseur Peter Lilienthal wird 80. Die Welt, 27. November 2009.</ref> 1939 floh seine jüdische Mutter mit ihm vor den Nationalsozialisten nach Uruguay, wo sie ein kleines Hotel eröffnete.<ref>Erlebte Geschichten mit Peter Lilienthal. WDR5, 30. November 2014.</ref> Lilienthal besuchte ein Gymnasium in Montevideo und studierte nach dem Abitur an der Universität Montevideo Kunstgeschichte, Musik und Jura. Im Universitäts-Filmclub beteiligte er sich an der Produktion von Kurzfilmen.

Von 1956 bis 1959 studierte er an der Hochschule der Künste in Berlin. 1959 konnte er seinen ersten eigenen Film fertigstellen, den Dokumentarfilm Im Handumdrehen verdient über einen Berliner Leierkastenmann. 1959 bis 1961 arbeitete er als Regie- und Produktionsassistent beim Südwestfunk, 1961 bis 1964 als Hausregisseur beim gleichen Sender in der Abteilung Fernsehspiel. 1964 zog er nach Berlin zurück und arbeitete als freier Regisseur hauptsächlich für den Sender Freies Berlin.

In einer Zeit, in der Einschaltquoten noch eine untergeordnete Bedeutung hatten, inszenierte er für das Fernsehen eine Reihe von Adaptionen des absurden Theaters, die wiederholt mit Fernsehpreisen ausgezeichnet wurden. Auch sein erster Spielfilm, Malatesta, wurde zuerst im Fernsehen gezeigt. 1971 gründete er mit anderen Autorenfilmern des Neuen Deutschen Films den Filmverlag der Autoren, aus dem er 1974 wieder ausschied.

In den siebziger Jahren wandte Lilienthal sich in seinen Filmen mehrmals den Problemen in Südamerika zu (La Victoria, Es herrscht Ruhe im Land, Der Aufstand, Das Autogramm).

Einen seiner größten Erfolge feierte er mit dem Film David, der auf der Berlinale 1979 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. In dieser Verfilmung eines autobiografischen Romans schildert er das Leben einer jüdischen Rabbinerfamilie, die zu spät die Gefahren des Nationalsozialismus erkennt. Zu Peter Lilienthals regelmäßigen Mitarbeitern gehörte unter anderen der Kameramann Michael Ballhaus. Bisweilen trat er auch als Schauspieler vor die Kamera, so ist er etwa als Gangster in Wim WendersDer amerikanische Freund von 1976/77 zu sehen.

Lilienthal wurde 1984, auf Anregung von Günter Grass,<ref>Hans Helmut Prinzler: Der Traum von den fünf Sekunden. FAZ, 27. November 2009.</ref> Gründungsdirektor der Sektion Film- und Medienkunst an der West-Berliner Akademie der Künste. In den neunziger Jahren gründete er eine Sommerakademie, die zu einem begehrten Treffpunkt von Filmschaffenden wurde.

2006 drehte Lilienthal den Dokumentarfilm Camilo – Der lange Weg zum Ungehorsam, eine Produktion der Filmwerkstatt Münster. Der Film handelt von Camilo Mejia, der nach einem zweiwöchigen Heimaturlaub desertiert und zum ersten Kriegsdienstverweigerer des letzten Irakkriegs wird. Neben Camilo, der aus Nicaragua stammt und in den USA im Militärgefängnis wegen Desertion inhaftiert war, ist Fernando Suarez del Solar die zweite Hauptperson, ein gebürtiger Mexikaner, der seinen Sohn in ebendiesem Krieg verlor. In dem Verlangen, in ihrer Wahlheimat USA ein angepasstes Leben zu führen, werden sie beide zu Komplizen der Gewalt. Doch ihre Verwandlung zu aktiven Kriegsgegnern kann ihre Schuldgefühle nicht verdecken. Lilienthal geht es darum zu zeigen, dass Hoffnung besteht, solange Menschen bereit sind, sich zu verändern.

Lilienthal lehrte an der Kunsthochschule für Medien Köln und ab 1966 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Sein Archiv befindet sich im Archiv der Akademie der Künste in Berlin.<ref>Peter-Lilienthal-Archiv. Bestandsübersicht auf den Webseiten der Akademie der Künste in Berlin.</ref>

Peter Lilienthal lebte zuletzt in München.<ref>Lilienthal. Abgerufen am 15. März 2021.</ref> Dort starb er Ende April 2023 im Alter von 95 Jahren. Er wurde auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München beigesetzt.<ref>Traueranzeigen von Peter Lilienthal | SZ-Gedenken.de. Abgerufen am 9. Mai 2023 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Filmografie

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  • 1958: Studie 23 (Regie)
  • 1959: Im Handumdrehen verdient (Regie)
  • 1962: Stück für Stück (Regie, Fernsehfilm)
  • 1963: Striptease (Regie, Fernsehfilm)
  • 1963: Guernica. Jede Stunde verletzt und die letzte tötet (Regie, Fernsehfilm)
  • 1964: Marl – Das Porträt einer Stadt (Regie)
  • 1964: Das Martyrium des Peter O’Hey (Regie, Fernsehfilm)
  • 1964: Seraphine (Regie, Fernsehfilm)
  • 1966: Abschied (Regie)
  • 1966: Der Beginn (Regie, Drehbuch)
  • 1966: Robert (Regie, Drehbuch, mit Peter Schneider)
  • 1967: Verbrechen mit Vorbedacht (Regie, Drehbuch)
  • 1967: Der Findling (Nebenrolle)
  • 1968: Tramp (Regie, Drehbuch)
  • 1969: Horror (Regie, Drehbuch)
  • 1969: Noon in Tunisia (Regie)
  • 1970: Malatesta (Regie, Drehbuch)
  • 1970: Ich, Montag – Ich, Dienstag – Ich, Mittwoch – Ich, Donnerstag. Portrait Gombrowicz (Regie, Drehbuch)
  • 1971: Die Sonne angreifen (Regie, Drehbuch)
  • 1971: Start Nr. 9 (Regie, Produzent)
  • 1971: Jakob von Gunten (Regie, Drehbuch)
  • 1971: Noon in Tunisia (Regie, Drehbuch)
  • 1972: Shirley Chisholm for President (Regie, Produzent, Drehbuch)
  • 1973: La Victoria (Regie, Drehbuch)
  • 1973: Ikarus (unverfilmtes Filmprojekt)
  • 1975: Hauptlehrer Hofer (Regie, Drehbuch, Produzent)
  • 1975: Es herrscht Ruhe im Land (Regie, Drehbuch, Produzent)
  • 1977: Kadir (Regie, Produzent, Drehbuch)
  • 1979: David (Regie, Drehbuch)
  • 1980: Der Aufstand (Regie, Ausstattung, Drehbuch)
  • 1982: Dear Mr. Wonderful (Regie, Drehbuch)
  • 1984: Das Autogramm (Regie, Ausstattung, Drehbuch)
  • 1986: Das Schweigen des Dichters (Regie, Drehbuch)
  • 1988: Der Radfahrer von San Cristóbal (Regie, Drehbuch)
  • 1995: Angesichts der Wälder (Regie, Drehbuch)
  • 2000: Ein Fremder (Regie, Drehbuch)
  • 2007: Camilo – Der lange Weg zum Ungehorsam (Regie, Drehbuch)
  • 2008: Michael Ballhaus – Eine Reise durch mein Leben (Mitwirkung)

Hörspiele

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Auszeichnungen

Literatur

  • Lilienthal, Peter. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 765.
  • Anarchismus, eine Philosophie des Friedens. Ein Gespräch mit dem Filmemacher Peter Lilienthal. In: Bernd Drücke (Hrsg.): ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert. Interviews und Gespräche. Karin Kramer, Berlin 2006, ISBN 978-3-87956-307-4, S. 20–31.
  • Frederik Lang: Des Fernsehens liebstes Wunderkind macht Schule. Peter Lilienthal als Dozent an der dffb, 1966–1968. In: Filmblatt, Jg. 25 (2020), Nr. 72, S. 31–46.
  • Johannes Dominik Hardt: Fundstück: Absurdes Frühwerk. Peter Lilienthals Picknick im Felde (1962). In: Filmblatt, Jg. 25 (2020), Nr. 72, S. 47–49.
  • Claudia Sandberg: Peter Lilienthal. A Cinema of Exile and Resistance. Berghahn, New York 2021, ISBN 978-1-80073-091-5.
  • Claudia Sandberg: Die frühen Fernseharbeiten von Peter Lilienthal. Ein jüdischer Remigrant im Westdeutschland der Nachkriegszeit. In: Lea Wohl von Haselberg / Lucy Alejandra Pizaña Pérez (Hrsg.): Jüdischer Film. Ein neues Forschungsfeld im deutschsprachigen Raum. edition text + kritik, München 2022, ISBN 978-3-96707-721-6, S. 207–225.
  • Michael Töteberg (Hrsg.): Peter Lilienthal – Befragung eines Nomaden Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2002, ISBN 978-3-88661-235-2.
  • Bernd Drücke: „Also habe ich mich für den Anarchismus entschieden“. Erinnerungen an den Regisseur, Autor und gewaltfreien Anarchisten Peter Lilienthal, Nachruf aus Graswurzelrevolution Nr. 490, Sommer 2024, (graswurzel.net).

Film

  • Mein Leben. Peter Lilienthal. Dokumentarfilm, Deutschland, 2011, 43:20 Min., Buch und Regie: Maria Teresa Curzio, Produktion: MTC Producciones, WDR, arte, Reihe: Mein Leben, Erstsendung: 28. August 2011 bei arte, Inhaltsangabe von arte.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

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