Umweltsoziologie
Die Umweltsoziologie ist ein Bereich der Soziologie, der das Verhältnis zwischen Natur und Gesellschaft betrachtet.<ref>Marco Sonnberger, Alena Bleicher, Matthias Groß: Natur und die Wissenschaft von der Gesellschaft: Einleitung zum Handbuch Umweltsoziologie. In: Marco Sonnberger, Alena Bleicher, Matthias Groß (Hrsg.): Handbuch Umweltsoziologie. 2. Auflage. Springer VS, Wiesbaden 2024, ISBN 978-3-658-37217-0, S. 4, doi:10.1007/978-3-658-37218-7.</ref>
Dabei werden insbesondere gesellschaftliche Eingriffe in die Natur, und wie die Folgen dieser Eingriffe in der Gesellschaft wahrgenommen und kommuniziert werden, untersucht. Sie ist eine so genannte Bindestrichsoziologie, das heißt an den Hochschulen, trotz ihres allgemeinen Ansatzes, meist eine „Spezielle Soziologie“.<ref>Interview mit Prof. Dr. Matthias Groß zu aktuellen umweltsoziologischen Fragestellungen, Ulrich Becks Risikogesellschaft im Lichte von Tschernobyl und Niklas Luhmanns Theorie der „ökologischen Kommunikation“. Abgerufen am 16. November 2020.</ref>
Allgemeines
Besonderes Augenmerk der Umweltsoziologie liegt demnach auf dem Verhältnis von Natur und Gesellschaft. Es lassen sich zwei theoretische Richtungen unterscheiden:
- Dualismus von Natur und Gesellschaft – die Natur ist die Umwelt der Gesellschaft, und diese entwickelt sich weitgehend endogen, also von der Natur unabhängig (viele Modernisierungstheorien)
- Die Gesellschaft ist auf die Natur angewiesen und Natur von Gesellschaft nicht zu trennen. Die Gesellschaft ist nicht nur auf Vor- und Nachleistungsprozesse der Natur angewiesen (ökologische Modernisierung, Leitbild der nachhaltigen Entwicklung), sondern schafft und verändert gesellschaftliche Naturverhältnisse und die Natur.
Theorieansätze
Es lassen sich folgende theoretische Stränge der Umweltsoziologie unterscheiden:
- Modernisierungstheoretische Ansätze – vergleiche dazu Ulrich Becks Risikogesellschaft. Die Globalisierung von Risiken binde Gesellschaft und Natur zusammen und hebe Ungleichheiten auf.
- Technologieorientierte Ansätze wie die Ökologische Modernisierung nach Joseph Huber, Martin Jänicke, Ernst Ulrich von Weizsäcker u. a., die darauf abzielen, die Umweltproduktivität durch Effizienzsteigerungen sowie neue Technologien und veränderte Alltagspraktiken zu erhöhen.
- Systemtheoretische Ansätze – hierzu zählen die Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann (v. a. sein Werk Ökologische Kommunikation, wonach Natur als Umwelt soziale Systeme „störe“; wichtig ist hier v. a. der „Resonanz“-Begriff, d. h. der Grad, in dem soziale Systeme von der Umwelt ausgelöste Irritation nach Systemmaßgabe bearbeiten könnten, ohne dass vorhergesagt werden könne, ob zu viel oder zu wenig Resonanz entstehe).
- Interdisziplinäre Ansätze und Konzepte aus der Wissenschafts- und Technikforschung, die mit dem modernen Dualismus von Natur und Kultur brechen und „relationale“ oder „hybride“ Gesellschaftskonzeptionen entwickeln. Hier sind insbesondere die Akteur-Netzwerk-Theorie und die Arbeiten von Bruno Latour zu nenne, die der Umweltsoziologie wichtige theoretische Impulse verschafft haben.
- Ein an den Gender Studies orientierter, gleichwohl interdisziplinärer, Ansatz: Fragestellungen dieses Ansatzes beschäftigen sich mit Geschlechterverhältnissen und Nachhaltigkeit, sie betonen die verschiedenen Auswirkungen von Umweltzerstörung auf die Lebensverhältnisse der Geschlechter. Geschlechtshierarchien, soziale Kämpfe von Umweltbewegungen im Kontext von geschlechtlicher Benachteiligung, Positionierung und Abgrenzung gegenüber einer westlich verordneten Weltfrauensolidarität, die Forderungen internationaler Frauennetzwerke und ganz allgemein Ideen für einen „geschlechtergerechten Umbau weltwirtschaftlicher und globalökologischer Anliegen“ spielen eine Rolle.<ref>Sabine Hofmeister, Christine Katz: Naturverhältnisse, Geschlechterverhältnisse, Nachhaltigkeit. In: Matthias Groß (Hrsg.): Handbuch Umweltsoziologie. Wiesbaden 2011, S. 365–398.</ref>
- Marxistisch orientierte Ansätze, die teils mit Rückgriff auf den dialektischen Materialismus argumentieren, analysieren die sozialen wie ökonomischen Strukturen einer Gesellschaft in Naturzusammenhängen. Menschliche Arbeit wird als notwendiger Stoffwechselprozess des Menschen mit der Natur definiert und damit zur alles begründenden Wirklichkeit.<ref>Arno Anzenbacher: Einführung in die Philosophie. Verlag Herder, Freiburg 2002, ISBN 3-451-27851-0, S. 170.</ref> Die marxistische Umweltsoziologie untersucht, wie umweltzerstörende und soziale Nachteile der kapitalistischen Produktionsweise durch gesellschaftliche Veränderungen zu überwinden sind.
Praktische Ansätze
Die Umweltsoziologie beschäftigt sich vor allem mit folgenden Anwendungsbereichen:
- Umwelteinstellungen: Auf welchen Werten basieren Einstellungen zur Umwelt und zur Natur und in welchen Kontexten und wie überhaupt werden diese Einstellungen verhaltensrelevant?
- Umweltverhalten: Wie und aus welchen Einstellungen heraus verhalten sich Menschen umweltverantwortlich/umweltgerecht? Es wird hier vom „langen Weg vom Kopf zur Hand“ gesprochen, also dem Phänomen, dass hohes Umweltbewusstsein nicht zu konsequent umweltgerechtem Handeln führt.
- Beobachtung von gesellschaftlichen Diskursen: Wie verändert sich die Gesellschaft unter dem Einfluss von Umwelt- und Naturdiskursen (z. B. durch soziale Bewegungen wie die Ökologiebewegung der 70er und 80er Jahre oder durch das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung)?
- Risikosoziologie: Wie nehmen Menschen Umweltrisiken wahr und wie reagieren sie darauf und wie werden Risiken international unterschiedlich kommuniziert (z. B. Waldsterben, das in Deutschland als hohes Risiko und in Frankreich als geringes eingeschätzt und kommuniziert wurde)?
Siehe auch
- Humanökologie
- Soziale Ökologie
- Umweltbewusstsein
- Umweltgeschichte
- Umweltpsychologie
- Umweltpolitik
- Umweltrecht
Literatur
- Karl-Werner Brand: Umweltsoziologie. Entwicklungslinien, Basiskonzepte und Erklärungsmodelle. Beltz-Juventa, Weinheim 2013, ISBN 978-3-7799-2609-2.
- Cordula Kropp, Marco Sonnberger: Umweltsoziologie. Nomos, Baden-Baden 2021, ISBN 978-3-8487-5035-1.
- Niklas Luhmann: Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? 4. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, ISBN 978-3-663-05746-8.
- Joachim Radkau: Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt. Beck, München 2000, ISBN 3-406-48655-X.
- Marco Sonnberger, Alena Bleicher, Matthias Groß (Hrsg.): Handbuch Umweltsoziologie. 2., vollkommen überarbeitete und erweiterte Auflage. Springer VS, Wiesbaden 2023, doi:10.1007/978-3-658-37222-4.
- Matthias Groß: Die Natur der Gesellschaft. Eine Geschichte der Umweltsoziologie. Juventa, Weinheim 2001, ISBN 3-7799-1071-3.
Weblinks
- Literatur von und über Umweltsoziologie im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Sektion Umweltsoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
- Nachwuchsgruppe Umweltsoziologie
- Research Committee on Environment and Society (RC24) der International Sociological Association (ISA)
Belege
<references />