Zum Inhalt springen

Seuche

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 28. März 2026 um 15:05 Uhr durch imported>Georg Hügler (Etymologie und Geschichte des Seuchenbegriffs).
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Vorlage:Hinweisbaustein Eine Seuche (verwandt mit siech im Sinne von „schwach, krank“) ist eine sich schnell ausbreitende ansteckende Infektionskrankheit im Sinne einer Epidemie<ref> Seuchen, Seuche. Gesundheitsberichterstattung des Bundes.</ref> bzw. eine „ältere Bezeichnung für eine bedrohliche und sich rasch verbreitende Krankheit“<ref name="rki" /> und in einem engeren Sinne eine zeitlich und örtlich gehäuft auftretende Erkrankung zahlreicher Lebewesen an einer bedrohlichen und hochansteckenden Infektionskrankheit.<ref name="Psch">Seuche. Pschyrembel Online.</ref> Nach Manfred Vasold handelt es sich um eine „hochkontagiöse Infektionskrankheit mit relativ kurzer Inkubationszeit“ wie die epidemischen Krankheiten Pocken, Masern und Grippe, die nicht selten großflächig als wellenförmig verlaufender Seuchenzug auftritt, etwa bei Cholera und Pest.<ref>Manfred Vasold: Seuchenzüge. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1323 f.</ref>

Etymologie und Geschichte des Seuchenbegriffs

Das Wort „Seuche“ (von mittelhochdeutsch siuche, auch süche) ist ein Abstraktum zu siech („schwach, krank“) und geht zurück auf althochdeutsch siuhhī, unter anderem (im Gegensatz zu Sucht) im Sinne von „allgemeine Krankheit, die den ganzen Körper schwächt oder eine Krankheit der ganzen Gegend, der ganzen Sippe od. Herde“.<ref>Max Höfler: Deutsches Krankheitsnamen-Buch. Piloty & Loehle, München 1899 (Reprografischer Nachdruck: Olms, Hildesheim / New York 1970 und 1979, ISBN 1-174-35859-9), S. 640–644, hier: S. 640.</ref><ref>Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 705.</ref><ref>Vgl. exemplarisch auch Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 391 (lëbersiuche ‚Leberkrankheit‘), 392 (lendensiuche ‚Krankheit der Lende‘, sowie lungensiuche ‚Krankheit der Lunge‘) und 393 (milzsiuche ‚Krankheit der Milz‘) sowie 397–398 (siuche ‚Krankheit, Erkrankung‘).</ref>

Es wurde auch vermutet, dass das dem Substantiv Seuche zugrundeliegende Adjektiv siech, von germanisch seuka („krank“), verwandt ist mit „saugen“ (vgl. gotisch siukan „gesogen sein“), das früher Krankheit als durch (aus)saugende (unsichtbare) Dämonen verursacht betrachtet wurde.<ref>Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 1975, S. 707 (siech).</ref><ref>Alice Natter: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Pest, Cholera, Corona: Warum Covid-19 eine Seuche ist. (Memento vom 23. September 2020 im Internet Archive) Interview mit der Altphilologin und Medizinhistorikerin Sabine Schlegelmilch.</ref>

Als Seuche bezeichnete man früher eine „ansteckende Krankheit, die allgemeiner sich ausbreiten kann, da die Gesunden durch die an derselben Krankheit Leidenden angesteckt werden können“, aber auch (im 17. Jahrhundert) den „Krankheitsstoff, der durch den ganzen Körper oder das Land geht“.<ref>Max Höfler: Deutsches Krankheitsnamen-Buch. 1899, S. 640.</ref>

Diese frühere Bezeichnung „besitzt eine emotionale Qualität, beschwört Bilder von Schrecken, Gefahr, von Massenelend und Tod“, auch in Bezug auf Kriegsseuchen (früher vor allem Typhus, Ruhr, Cholera, Fleckfieber und Pest<ref>H. Schloßberger: Kriegsseuchen. Historischer Überblick über ihr Auftreten und ihre Bekämpfung. Gustav Fischer, Jena 1945, hier: S. 4.</ref>). Seuche sei nach Johanna Bleker und Marina Stöffler-Meilicke im 18. Jahrhundert als Ersetzung des Begriffes Pest bzw. Pestilenz in Gebrauch gekommen, wobei letztere als Oberbegriff für massenhaftes Erkranken und Sterben diente. Dieser Seuchenbegriff berücksichtige die immer vorhandenen Krankheiten kaum, sondern „beschreibt mehr oder weniger plötzlich auftretende Massenerkrankungen“. Seuche „war nicht von der Ursache her definiert, sondern durch die Intensität und Plötzlichkeit des Auftretens“. Seuchen im alten Sinn waren dramatische Ereignisse. Das liege auch daran, dass die Erkenntnis der Übertragung durch Erreger erst 1876 durch die Arbeiten von Robert Koch ihren Anfang nahm.<ref name="bleker">J. Bleker, M. Stöffler-Meilicke: Seuchen, Plagen, Infektionen – Vom unausrottbaren Übel. fu-berlin.de, Januar 2002.</ref>

Die Kontagiosität (Übertragungsfähigkeit) und Infektiosität (Fähigkeit, bei einem Wirt eine Infektion hervorzurufen)<ref>Infektiosität auf pschyrembel.de</ref> sowie Art, Schweregrad und Letalität (Tödlichkeit) der hervorgerufenen Krankheit bestimmen dabei Art und Ausmaß einer Seuche. Typisch ist ein schwerer Verlauf solch virulenter Infektionskrankheiten, der zu „Siechtum“ oder Tod führen kann.<ref>Seuchen. In: Kompaktlexikon der Biologie, Spektrum.de</ref>

Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden. Für Seuchenlehre existiert der veraltete Begriff Loimologie (von griechisch loimos „Pest, Seuche“, zur Gleichsetzung siehe oben).<ref>Loimologie auf Pschyrembel online</ref> Auch der Begriff Seuchenforschung wurde und wird teilweise noch als Bezeichnung für die Erforschung der Infektionskrankheiten (einschließlich deren Verbreitung) verwendet, was heute Gegenstand der Epidemiologie bzw. genauer Infektionsepidemiologie ist.<ref>Karl Sudhoff, Georg Sticker: Historik und Seuchenforschung. Töpelmann 1910.</ref><ref>Marion Hulverscheidt, Anja Laukötter: Infektion und Institution: Zur Wissenschaftsgeschichte des Robert Koch-Instituts im Nationalsozialismus. Wallstein Verlag, 2013; books.google.ch</ref><ref>Seuchenforschung: Viren reisen wie Dollarnoten Focus online vom 26. Januar 2006</ref> Für die Erforschung von Tierseuchen existiert beispielsweise das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems.<ref>Pia Heineman: Die Seucheninsel. In: Welt am Sonntag, 13. September 2015</ref>

Aktuelle Fachterminologie

Der Begriff wurde in der modernen Fachsprache weitgehend durch Infektion ersetzt (z. B. Seuchenschutz durch Infektionsschutz, Seuchenhygiene durch Infektionshygiene, Seuchengeschehen durch Infektionsgeschehen, Seuchenlehre durch Infektionsepidemiologie). Im Kontext biologischer Gefahren und hochkontagiöser lebensbedrohlicher Krankheiten sind mit dem Begriff Seuche assoziierte Termini weiterhin im Gebrauch (z. B. Seuchenhygienisches Management, Seuchenalarmplan).<ref name="rki">Wolfgang Kiehl: Fachwörterbuch A–Z. (PDF) In: Infektionsschutz und Infektionsepidemiologie Fachwörter – Definitionen – Interpretationen. Robert Koch-Institut, S. 34 (bzw. 17, 119), abgerufen am 15. März 2020. Berlin 2015, ISBN 978-3-89606-258-1.</ref> Mit der Geschichte der Seuchen bzw. Pandemien bis in die Gegenwart<ref>Alice Natter: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Pest, Cholera, Corona: Warum Covid-19 eine Seuche ist. (Memento vom 23. September 2020 im Internet Archive) Interview mit der Altphilologin und Medizinhistorikerin Sabine Schlegelmilch. In: Main-Post, 8. August 2020, online (mit von der Printversion abweichendem Untertitel) aktualisiert am 11. August 2020.</ref> befasst sich die Seuchengeschichte.

Seuchenartige Häufungen von infektiösen Erkrankungen werden in der Epidemiologie je nach Art der zeitlichen und räumlichen Ausbreitung in drei Gruppen unterteilt.<ref name="bleker" /><ref name="rki" />

In der Humanmedizin:<ref name="Psch" />

  • Epidemie bei zeitlich und räumlich begrenzter Häufung
  • Endemie bei räumlich begrenzter, zeitlich unbegrenzter Häufung
  • Pandemie bei zeitlich begrenzter, räumlich unbegrenzter Häufung

In der Tiermedizin:<ref>Epizootie Lexikon der Biologie auf spektrum.de</ref><ref>Panzootie Lexikon der Biologie auf spektrum.de</ref>

  • Epizootie bei zeitlich und räumlich begrenzter Häufung
  • Enzootie bei räumlich begrenzter, zeitlich unbegrenzter Häufung
  • Panzootie bei zeitlich begrenzter, räumlich unbegrenzter Häufung

Seuchen unterliegen im Regelfall einer Melde- bzw. Anzeigepflicht gegenüber öffentlichen Behörden. In den einzelnen Staaten (ggf. mit Spezifikationen in Bundesländern oder Kantonen) existieren dafür entsprechende gesetzliche Grundlagen. In Deutschland regelt dies das Infektionsschutzgesetz (früher Bundesseuchengesetz), in der Schweiz das Epidemiegesetz. In Österreich ist dies in vier verschiedenen Gesetzen geregelt. Für Tierseuchen gibt es entsprechende Regelungen. In Deutschland sind diese dem Veterinäramt zu melden. In der Schweiz gibt es das Informationssystem Seuchenmeldungen der Kantone (InfoSM) mit vorgeschriebenen Meldungen an die Kantonalen Veterinärämter.<ref>Informationen zum Informationssystem Seuchenmeldungen (InfoSM) der Schweiz</ref>

Weitere Verwendungen des Seuchenbegriffs

Verseuchung bzw. Kontamination ist die Verunreinigung durch Stoffe, insbesondere Schadstoffe, durch Mikroorganismen, biologische Gifte, chemische Substanzen oder Radioaktivität.<ref>Kontamination synonym zu Verseuchung auf Pschyrembel online</ref>

Durchseuchung ist der medizinische Begriff zur Beschreibung des Verbreitungsgrades einer endemischen Infektionskrankheit. Im Unterschied zur herkömmlichen Prävalenz werden auch Personen gezählt, die unter der Erkrankung litten, aber wieder gesund sind sowie solche, die nachweislich mit dem entsprechenden Erreger infiziert sind, aber keine klinischen Krankheitszeichen aufweisen.<ref>Helmut Hahn et al.: Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie. Springer-Verlag, 6. Auflage 2009, ISBN 9783540463627, S. 158.</ref>

Siehe auch

Dokumentarfilme

Literatur

  • Mary Dobson: Seuchen, die die Welt veränderten. Von Cholera bis SARS. Aus dem Englischen von Meike Grow und Ute Mareik. G + J, Hamburg 2009, ISBN 978-3-86690-094-3.
  • Reinhard Güll: Seuchen: unausrottbare Geißeln der Menschheit? In: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg. Heft 10/2013, S. 38–43; ssoar.info (PDF; 1,1 MB).
  • Jens Jacobsen: Schatten des Todes. Die Geschichte der Seuchen. Philipp von Zabern, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-8053-4538-5.
  • Kari Köster-Lösche: Die großen Seuchen. Von der Pest bis Aids. Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 1995, ISBN 3-458-33381-9.
  • Hans-Uwe Lammel: Aussatz und Schwarzer Tod. Die Seuchen des Mittelalters und ihre sozialen Folgen. In: Hans-Uwe Lammel (Hrsg.): Kranksein in der Zeit. Referate des Rostocker Medizin- und Wissenschaftshistorikertreffens 1995 (= Rostocker medizinische Beiträge. Band 5). Rostock 1996, S. 23–56.
  • Vivian Nutton: Epidemische Krankheiten. In: Der Neue Pauly – Enzyklopädie der Antike. Band 3. Stuttgart/Weimar 1997, Sp. 1102–1104.
  • Jacques Ruffié, Jean-Charles Sournia: Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit. [Übersetzung von Les épidemies dans l’histoire de l’homme ins Deutsche von Brunhild Seeler]. Klett-Cotta, Stuttgart 1987; 4., erweiterte Auflage ebenda 2000, ISBN 3-608-94001-4.
  • Malte Thießen (Hrsg.): Infiziertes Europa. Seuchen im langen 20. Jahrhundert. De Gruyter Oldenbourg, München 2014, ISBN 978-3-11-036434-7.
  • Manfred Vasold: Pest, Not und schwere Plagen. Seuchen und Epidemien vom Mittelalter bis heute. C. H. Beck, München 1991, ISBN 3-406-35401-7.
  • Manfred Vasold: Grippe, Pest und Cholera. Eine Geschichte der Seuchen in Europa. Steiner, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-515-11025-9.
  • Carl Christian Wahrmann, Martin Buchsteiner, Antje Strahl (Hrsg.): Seuche und Mensch. Herausforderung in den Jahrhunderten. (= Historische Forschungen. Band 95). Duncker & Humblot, Berlin 2012, ISBN 978-3-428-13701-5.
  • Stefan Winkle: Geißeln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen. Komet, Düsseldorf/Zürich 1997, ISBN 3-538-07049-0; 3., verbesserte und erweiterte Auflage. Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 2005, ISBN 3-538-07159-4 (Neudruck unter dem Titel Die Geschichte der Seuchen. Anaconda, Köln 2021, ISBN 978-3-7306-0963-7).

Weblinks

Wiktionary: Seuche – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

<references responsive />

Vorlage:Hinweisbaustein Vorlage:Hinweisbaustein