Zum Inhalt springen

Hans Poelzig

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 19. März 2026 um 07:04 Uhr durch imported>Invisigoth67 (form).
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Datei:Hans Poelzig, 1927.jpg
Hans Poelzig um 1927 auf einer Fotografie von Alexander Binder

Hans Poelzig (* 30. April 1869 in Berlin; † 14. Juni 1936 ebenda) war ein deutscher Architekt, Maler, Bühnenbildner, Filmarchitekt und Hochschullehrer. Vor allem seine Beiträge zur expressionistischen Architektur und zur Neuen Sachlichkeit machten ihn bekannt.

Seine Kinder waren der Kaufmann Hans Poelzig (1900–1941), der Schauspieler und Darmstädter Schauspieldirektor Jochen Poelzig (1901–1946), die Schauspielerin Ruth Poelzig (1904–1996) und der Architekt Peter Poelzig (1906–1981).<ref name=":1">Sächsisches Staatsarchiv: Sächsisches Staatsarchiv, 33519 Nachlass Familie Rathgeber. Abgerufen am 18. März 2026.</ref> Mit seiner zweiten Ehe mit Marlene Moeschke-Poelzig (1894–1985) hatte Poelzig ab 1923 drei weitere Kinder.<ref name=":1" />

Leben

Datei:Bundesarchiv Bild 183-1985-0816-500, Berlin, Neues Gross-Filmtheater am Bülowplatz.jpg
Das Kino Babylon am Bülowplatz (seit 1969 Rosa-Luxemburg-Platz) vor der Fertigstellung 1929
Datei:Hans Poelzig 1926 Munken Vendt Knut Hamsun, Festspiele Heidelberg.jpg
Bühnenbild Poelzigs aus dem Jahr 1926 für Munken Vendt von Knut Hamsun, gezeigt auf der Deutschen Theaterausstellung 1927 in Magdeburg
Datei:Berlin GTafel Poelzig.jpg
Berliner Gedenktafel in der Rosa-Luxemburg-Straße 30 in Berlin-Mitte
Datei:20240801.Talsperre Klingenberg.-015.jpg
Talsperre Klingenberg in Sachsen
Datei:Alter Friedhof Wannsee hans poelzig.jpg
Grabstätte in Berlin

Hans Poelzig wurde am 30. April 1869 in Berlin (andere Quellen nennen Pölzig) als sechstes Kind von Gräfin Clara Henriette von Poelzig geboren. Seine Mutter war die Tochter von Alexander von Hanstein Graf von Pölzig und Beiersdorf. Ihr Mann, der britische Reeder George Acland Ames, bestritt jedoch die Vaterschaft und ließ sich drei Monate nach der Geburt des Kindes von Clara scheiden. Hans wurde daher mit Nachnamen nicht Ames, sondern Poelzig genannt und von Pflegeeltern, dem Chordirigenten Emil Liese und seiner Frau, in Stolpe, heute ein Teil von Berlin-Wannsee, aufgezogen.

Nach Abschluss der Grundschule wechselte Poelzig im Mai 1879 an das Victoria-Gymnasium in Potsdam.<ref name=":0">Ulrike Eichhorn: Hans Poelzig in Berlin. Edition Eichhorn, Berlin 2014, ISBN 978-3-8442-9823-9.</ref>

Von 1889 bis 1894 studierte Poelzig Hochbau an der Technischen Hochschule (Berlin-)Charlottenburg und trat 1899 ein Amt als Bauassessor im Ministerium der öffentlichen Arbeiten des Königreichs Preußen an. Im gleichen Jahr heiratete er Maria Voss, mit der er vier Kinder hatte.

Poelzigs Karriere begann mit der Berufung als Lehrer für Stilkunde an die Königliche Kunst- und Kunstgewerbeschule in Breslau; 1903 wurde er als Nachfolger von Hermann Kühn deren Direktor. Bereits stark dem Expressionismus verpflichtet, machte er die ab 1911 Königliche Akademie für Bau- und Kunstgewerbe genannte Einrichtung zu einer der fortschrittlichsten Architektur- und Kunstschulen in Deutschland. 1916 wurde Poelzig als Nachfolger von Hans Erlwein Stadtbaurat<ref>Personalien. In: Kunstchronik. Jg. N.F. 27 (1916) Nr. 26, Spalte 253.</ref> in Dresden und 1919 Vorsitzender des Deutschen Werkbundes, den er wesentlich mitprägte und der heute auch stellvertretend für die Neue Sachlichkeit steht.

Seit 1918 verband ihn eine enge Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft mit der Bildhauerin und Architektin Marlene Moeschke, die 1924 seine zweite Ehefrau wurde. Das Paar hatte drei Kinder.

Ab 1920 arbeitete er wieder in Berlin und leitete ein Meisteratelier für Architektur an der Akademie der Künste zu Berlin. 1921 beteiligte er sich an dem in die Architekturgeschichte eingegangenen Wettbewerb für die Neubebauung eines prominent platzierten Areals am Bahnhof Berlin Friedrichstraße.<ref>Sein Entwurf wurde anderem in der Zeitschrift Das Kunstblatt (Heft 3, 1922, S. 132–133) abgebildet und besprochen.</ref> Zwei Jahre später wurde er als Professor an die Technische Hochschule Berlin berufen.<ref>Prof. Dr.-Ing. E. h. Stadtbaurat Hans Poelzig. In: Catalogus Professorum TU Berlin. Abgerufen am 30. Juli 2024.</ref> Hier entwickelte sich zwischen Poelzig und dem einst von ihm geförderten Heinrich Tessenow ein heftiger Diskurs über Inhalte und Art der Ausbildung junger Architekten.

Im Wandel von der handwerklich geprägten Produktion zur industriellen Fertigung rezipierte Poelzig diese Entwicklung in seinen Berliner Jahren und schuf hier die Grundlagen für die Neue Sachlichkeit in der Architektur. Der von ihm so genannte Materialstil brachte durch seine Schlichtheit die Eigenschaften der verwendeten Materialien viel stärker zur Geltung als der ornamental geprägte Stil der Zeit. 1926 wurde Poelzig Vorstandsmitglied im Bund Deutscher Architekten (BDA) und war weiterhin in der Gemeinschaft „Der Ring“ tätig.<ref name=":0" /> Im Jahr 1929 verlieh ihm die Technische Hochschule Stuttgart die Ehrendoktorwürde. Von 1929 bis 1930 entstand nach den Plänen seiner Frau Marlene Moeschke-Poelzig das Atelier- und Wohnhaus für die Familie an der Tannenbergallee 28 in Berlin-Westend.<ref name="tsp2020">Petition für Rettung der Poelzig-Villa</ref>

Die Berliner Akademie der Künste gestaltete 1931 die Ausstellung „Poelzig und seine Schule“. Ab dem 1. Januar 1933 war er Direktor der Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst in Berlin, die er aber am 10. April auf Veranlassung der Nationalsozialisten wieder verlassen musste.

Die rechte Presse warf ihm vor, er sei ein „Baubolschewik“, weil er an dem Wettbewerb für ein Theater in Charkiw (damals Sowjetunion) 1930 und einem Sowjetpalast in Moskau 1931 teilgenommen hatte. Dies wurde mit einer Befürwortung des Kommunismus gleichgesetzt.<ref>Wolfgang Pehnt: Wille zum Ausdruck. In: Wolfgang Pehnt, Matthias Schirren (Hrsg.): Hans Poelzig. Architekt, Lehrer, Künstler. 2007, S. 41–42.</ref> Die Angriffe setzten sich auch nach der „Machtergreifung“ der Nazis fort. Poelzig wies wiederholt die Behauptung zurück, er sei jüdischer Abstammung.<ref name="Pehnt-Schirren_2007 187" />

Im Jahr 1935 erhielt Poelzig den Ersten Preis für seinen Entwurf für ein Theater- und Konzerthaus in Istanbul. Für dies Projekt aber auch für Verhandlungen über einen Vertrag als Professor an der Akademie der Schönen Künste in Istanbul für drei Jahre reiste er zwei Mal nach Istanbul.<ref name="Pehnt-Schirren_2007 187" />

Zum 30. November 1935 schied er nach Erreichen der Altersgrenze von 65 Jahren aus seinen Ämtern als Vorsteher eines Meisterateliers an der Preußischen Akademie der Künste und als Lehrer der Technischen Hochschule aus.<ref name="Pehnt-Schirren_2007 187" />

Am 14. Juni 1936 starb Hans Poelzig an den Folgen eines dritten Schlaganfalls. Er wurde am 17. Juni auf dem Dorffriedhof von Wannsee beigesetzt.<ref name="Pehnt-Schirren_2007 187" /> Das vom Land Berlin betreute Ehrengrab befindet sich in der Abteilung 9W.

1937 musste seine Frau ihr Atelier auf Druck der Nationalsozialisten schließen.<ref name="tsp2020" />

Die Akademie der Künste ehrte Hans Poelzig im Jahre 2008 erneut in einer Ausstellung, in der Werke und der Nachlass des Künstlers gezeigt wurden.<ref>Nikolaus Bernau: Mehr als Rokoko-Expressionismus. In: Berliner Zeitung, 3. Januar 2008.</ref>

Werk

Bauten und Entwürfe

Gemälde

Da Poelzig seine Gemälde immer wieder überarbeitete, sind die Daten der Entstehung sehr unbestimmt:

  • begonnen 1918: Apokalyptische Reiter
  • 1919/1920 bis 1930: Blocksberg
  • Anfang der 1920er Jahre bis 1930: Don Quichote
  • Mitte der 1920er Jahre bis 1930, unvollendet: Drei Frauen, Kind und Tod
  • 1928–1931: Berglandschaft
  • Mitte der 1920er Jahre bis 1931: Karneval

Bühnenbilder, Filme und Filmarchitektur

Neben seinen vielen Industrie- und Gewerbebauten machte sich Poelzig seit Beginn der 1920er Jahre auch als Entwerfer von Bühnenbildern und Filmszenarien einen Ruf. Am bekanntesten ist die expressionistische Stadtarchitektur, die er für Paul Wegeners Film Der Golem, wie er in die Welt kam (1920) entworfen hat, sowie die Burg Grieshuus für Zur Chronik von Grieshuus (1923–1925, Regie: Arthur von Gerlach), die mehrere Jahre auf dem Ufa-Gelände in Neubabelsberg stehen blieb und als Burg Norfolk auch in dem Film Maria Stuart (1927, Regie: Friedrich Feher, Leopold Jessner) Verwendung fand.

In dem Horrorfilm Die schwarze Katze (1934, Regie: Edgar G. Ulmer), dem ersten gemeinsamen Film von Bela Lugosi und Boris Karloff, spielt Karloff den fiktiven Architekten Hjalmar Poelzig, der mitten in der ungarischen Steppe sein Haus im Stil der Neuen Sachlichkeit auf den Ruinen einer im Ersten Weltkrieg zerstörten Festung errichtet hat, deren Kommandant er gewesen war, und in deren Kellergewölbe er schwarze Messen begeht.

Im Jahr 2004 wurde das Foyer von Poelzigs Großem Schauspielhaus als Kulisse für den japanischen Film Godzilla: Final Wars von Regisseur Riyuhai Katamura nachgebaut. Das Foyer stellt dort das Innere eines außerirdischen Raumschiffes dar.<ref>Karl R. Kegler: Godzilla trifft Poelzig. In: archimaera. Heft 2/2009; archimaera.de (PDF; 1,5 MB).</ref>

Schriften

  • Architekturfragen. In: Das Kunstblatt, 6. Jahrgang 1922, Heft 4, S. 153–163 (Teil 1) / Heft 5, S. 191–199 (Teil 2). (Druckfassung eines am 25. Februar 1922 in Berlin gehaltenen Vortrags)
  • Vom Bauen unserer Zeit. In: Die Form, 1. Jahrgang 1922, Heft 1, S. 16–29. (Digitalisat bei der Universitätsbibliothek Heidelberg)

Würdigung

Die Hans-Poelzig-Straße in Frankfurt-Kalbach-Riedberg wurde im April 2013 nach ihm benannt.<ref>Amtsblatt für Frankfurt am Main, 144. Jg., Nr. 17, Stadt Frankfurt am Main, 23. April 2013; <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />frankfurt.de (Memento vom 21. Mai 2014 im Internet Archive; PDF; 5 MB)</ref> Im Berliner Ortsteil Hakenfelde gibt es auch eine nach ihm benannte Straße, an der auch sein Bau der Fabrikanlage des Kabelwerkes Dr. Cassirer & Co. AG liegt.<ref>Hans-Poelzig-Straße. In: Straßennamenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins (beim Kaupert)</ref> Seit 2015 trägt die Oberschule in Klingenberg-Sachsenhof seinen Namen.

Am 18. November 2015 weihte der Friedrichstadt-Palast Berlin zu Ehren seiner Gründer Max Reinhardt, Hans Poelzig und Erik Charell feierlich ein Denkzeichen an der Friedrichstraße 107 ein.<ref>Dirk Jericho: Der Friedrichstadt-Palast ehrt seine Gründungsväter. In: Berliner Woche. 16. November 2015, abgerufen am 26. Februar 2020.</ref>

Literatur

  • Matthias Donath: Hans Poelzig. In: Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (Hrsg.): Sächsische Biografie.
  • Vorlage:ZentralblBauverw
  • Theodor Heuss: Hans Poelzig. Bauten und Entwürfe eines deutschen Baumeisters. 1939. Nachdruck: DVA, Stuttgart 1985, ISBN 3-421-02835-4.
  • Julius Posener (Hrsg.): Hans Poelzig. Gesammelte Schriften und Werke. 1966.
  • Der dramatische Raum. Hans Poelzig. Malerei, Theater, Film. Kat. Museum Haus Lange / Museum Haus Esters. Krefeld 1986.
  • Matthias Schirren (Hrsg.): Hans Poelzig. Ernst & Sohn, Berlin 1989, ISBN 3-433-02091-4.
  • Sender Freies Berlin (Hrsg.): Hans Poelzig. Haus des Rundfunks. Ars Nicolai, Berlin 1994, ISBN 3-89479-059-8.
  • Hans-Peter Reichmann (Red.): Hans Poelzig. Bauten für den Film [Kinematograph 12]. Ausstellungskatalog. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-88799-056-0.
  • Jerzy Ilkosz und Beate Störtkuhl (Hrsg.): Hans Poelzig in Breslau. Architektur und Kunst 1900–1916. Delmenhorst 2000, ISBN 978-3-932292-30-9.
  • Matthias Schirren: Poelzig, Hans. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 20. Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. Vorlage:VonBis (deutsche-biographie.de).
  • Sven Grüne, Gregor Herberholz: Hans Poelzigs «Festbau» für die Arbeit. Die Textilfabrik Sigmund Goeritz A.G. in Chemnitz (1922–1927). (mit einem Nachwort von Tilo Richter) Passage-Verlag, Leipzig 2005, ISBN 3-938543-07-8.
  • Wolfgang Pehnt, Matthias Schirren (Hrsg.): Hans Poelzig. Architekt, Lehrer, Künstler. DVA, München 2007, ISBN 978-3-421-03623-0 (Begleitbuch zur Ausstellung 2008; <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Exzerpt (Memento vom 20. September 2011 im Internet Archive; PDF)).
  • Hans-Stefan Bolz: Hans Poelzig und der „neuzeitliche Fabrikbau“. Industriebauten 1906–1934. (2 Bände) Dissertation, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Bonn 2008. urn:nbn:de:hbz:5-16153.
  • Andrea Gottdang: Programm und Propaganda. Hans Poelzigs Vorprojekt für das Salzburger Festspielhaus. In: INSITU. Zeitschrift für Architekturgeschichte 2 (2009), S. 223–240.
  • Winfried Nerdinger: Hans Poelzig, Paul Bonatz, Paul Schmitthenner – Die allmähliche Aufwertung, Normalisierung und Rehabilitierung der Konservativen, Opportunisten und NS-Mittäter. In: Arch+ 235 Rechte Räume 05/2019 (online).
  • Bernd Polster: Hans Poelzig. Für eine undogmatische Moderne. In: Stadtgruppe Stuttgart Deutscher Werkbund (Hrsg.): Die Werkbundsiedlung am Weißenhof. Vom Neuen Sitzen und Gestalten. avedition, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-89986-386-4, S. 80–97.

Weblinks

Commons: Hans Poelzig – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references responsive> <ref name="Pehnt-Schirren_2007 187"> Wolfgang Pehnt, Matthias Schirren: Hans Poelzig. 1869 bis 1936. Architekt, Lehrer, Künstler. Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2007, ISBN 978-3-421-03623-0, S. 187. </ref>

</references>

Vorlage:Hinweisbaustein