Zum Inhalt springen

Hans Uebersberger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 19. April 2026 um 22:49 Uhr durch imported>Goesseln.
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Hans Uebersberger (* 25. Juni 1877 in Klagenfurt, Österreich-Ungarn; † 8. Juli 1962 in München) war ein österreichisch-deutscher Osteuropahistoriker mit Professuren in Wien, Breslau und Berlin.

Datei:Hans Uebersberger 1910.png
Hans Uebersberger (1910)

Leben und Wirken

Uebersberger studierte 1895 bis 1899 Geschichte an der Universität Wien.<ref>Walther Killy: Dictionary of German Biographie. Band 10: Thibaut–Zycha. Walter de Gruyter, 2006, ISBN 3-11-096116-4, S. 130.</ref> Durch Vermittlung des Fürsten Franz von Liechtenstein, damals k.u.k. Botschafter in Russland, konnte er um 1900 als erster deutschsprachiger Historiker Archivforschungen in Moskau und Sankt Petersburg durchführen.<ref>Herbert Dachs: Österreichische Geschichtswissenschaft und Anschluß 1918–1930. Geyer-Edition, Salzburg 1974, S. 141.</ref> 1906 wurde er Privatdozent, 1910 außerordentlicher Professor, 1915 schließlich ordentlicher Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Wien.<ref name="Kronenbitter">Günther Kronenbitter: Krieg im Frieden. Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906–1914. Verlag Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-56700-4, S. 225.</ref> Er war wesentlich am Aufbau des 1907 gegründeten Seminars für osteuropäische Geschichte, gefördert durch Fürst Liechtenstein, beteiligt.<ref name="Meyer">Klaus Meyer: Osteuropäische Geschichte. In: Reimer Hansen (Hrsg.): Geschichtswissenschaft in Berlin im 19. und 20. Jahrhundert. Persönlichkeiten und Institutionen. Walter de Gruyter, Berlin 1992, ISBN 3-11-012841-1, S. 533–570, hier: S. 565 f.</ref> Seine Forschungsschwerpunkte waren die Geschichte Russlands und Polens in der Neuzeit.<ref>Richard Georg Plaschka, Horst Haselsteiner (Hrsg.): Nationalismus, Staatsgewalt, Widerstand. Aspekte nationaler und sozialer Entwicklung in Ostmittel- und Südosteuropa. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1985, ISBN 3-486-52831-9, S. 399.</ref>

Während des Ersten Weltkrieges war Uebersberger neben Richard Kralik, Rudolf von Scala, Heinrich Friedjung, Eugen von Philippovich und Michael Hainisch ein Fürsprecher eines von Deutschland dominierten Mitteleuropas.

Er war Mitglied der, im Geheimen operierenden, antisemitischen Professorengruppe „Bärenhöhle“ an der philosophischen Fakultät, die erfolgreich akademische Karrieren von Juden in Wien verhinderte.<ref>Kurt Ehrenberg: Othenio Abel’s Lebensweg, unter Benützung autobiographischer Aufzeichnungen. Kurt Ehrenberg, Wien 1975, S. 85 f., ausgewertet bei Klaus Taschwer: Geheimsache Bärenhöhle. Wie ein antisemitisches Professorenkartell der Universität Wien nach 1918 jüdische und linke Forscherinnen und Forscher vertrieb. In: Regina Fritz, Grzegorz Rossoliński-Liebe, Jana Starek (Hrsg.): Alma mater antisemitica. Akademisches Milieu, Juden und Antisemitismus an den Universitäten Europas zwischen 1918 und 1939. Band 3, new academic press, Wien 2016, S. 221–242, hier S. 230 (online).</ref> 1930/31 amtierte er als Rektor der Universität Wien. In dieser Zeit konnte er das Seminar für osteuropäische Geschichte an der Universität weiter ausbauen, die Bibliothek des Seminars wurde dadurch zur damals größten Fachbibliothek für osteuropäische Geschichte außerhalb Russlands. Die Wiener akademische Burschenschaft Albia ernannte ihn 1930 „in Anbetracht seiner überragenden Verdienste im Kampfe Deutschlands gegen die Kriegsschuldlüge“ zum Ehrenmitglied.<ref>Von Lipensia zu Albia Jänner 1871 – April 1875, Selbstverlag der Wiener akad. Burschenschaft Albia, Wien 2010.</ref>

In der Zwischenkriegszeit versuchte Uebersberger vergeblich eine wichtige Beraterrolle für die österreichische Regierung zu spielen. Seine positive Haltung zum Nationalsozialismus – er war am 1. Oktober 1932 der NSDAP beigetreten (Mitgliedsnummer 1.343.337)<ref>Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/45371460.</ref> – kostete ihn als illegaler Nationalsozialist seine Professur in Wien, ermöglichte ihm aber 1934 die Erlangung des Lehrstuhls für osteuropäische Geschichte in Breslau. Von 1935 bis 1945 hatte er an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, als Nachfolger des zwangspensionierten Otto Hoetzsch, die Professur inne.<ref>Andreas Kappeler: Osteuropa und osteuropäische Geschichte aus Züricher, Kölner und Wiener Sicht. In: Dittmar Dahlmann (Hrsg.) Hundert Jahre Osteuropäische Geschichte. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Steiner, Stuttgart 2005, ISBN 3-515-08528-9, S. 107–119, hier: S. 107. Werner Weilguni: Österreichisch-jugoslawische Kulturbeziehungen. 1945–1989. Verlag Oldenbourg, München 1990, ISBN 3-7028-0297-5, S. 101.</ref> Als „überzeugter Nationalsozialist“ übernahm Uebersberger „bereitwillig einflußreiche Funktionen im Apparat des Regimes“.<ref>Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands. 44 (1996), S. 215.</ref>

Im Juni 1940 heiratete Uebersberger, nach der Scheidung seiner ersten Ehe, seine ehemalige Studentin und damalige Kollegin, die Historikerin und Schriftstellerin Hedwig Fleischhacker (1906–1978). Schon Ende 1944 war er mit seiner Frau und dem dreijährigen Sohn Alexander vor den alliierten Luftangriffen zu Verwandten nach Geinberg ins Innviertel geflohen.<ref>Heike Anke Berger: Deutsche Historikerinnen 1920–1970. Geschichte zwischen Wissenschaft und Politik. Campus, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-593-38443-6, S. 277.</ref><ref>Arnold Suppan, Maria Wakounig: Hans Uebersberger (1877–1962). In: Arnold Suppan, Marija Wakounig, Georg Kastner (Hrsg.): Osteuropäische Geschichte in Wien. 100 Jahre Forschung und Lehre an der Universität. Studien-Verlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2007, ISBN 978-3-7065-4525-9, S. 91–165, hier: S. 159 ff.</ref> Nach Kriegsende 1945 wurde er als politisch belastet in Berlin entlassen.<ref>Walter M. Markov, Fritz Klein: Grundzüge der Balkandiplomatie. Ein Beitrag zur Geschichte der Abhängigkeitsverhältnisse. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 1999, ISBN 3-933240-97-2, S. XXXV.</ref><ref name="Fischer">Wolfram Fischer (Hrsg.): Exodus von Wissenschaften aus Berlin. Fragestellungen - Ergebnisse - Desiderate Entwicklungen vor und nach 1933. Walter de Gruyter, Berlin 1994, ISBN 3-11-013945-6, S. 47.</ref>

Obwohl politisch diskreditiert, wurden bei seiner Rückkehr nach Deutschland seine Pensionsansprüche anerkannt.<ref>Heike Anke Berger: Deutsche Historikerinnen 1920–1970. Geschichte zwischen Wissenschaft und Politik. Campus, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-593-38443-6, S. 278.</ref> Seit 1950 lehrte er an der Ukrainischen Freien Universität in München, ab 1958 hatte er auch einen Lehrauftrag in Göttingen.<ref name="Kronenbitter" /> 1959 bis zu seinem Tod 1962 war er zudem als Emeritus an der Universität Erlangen tätig.<ref name="Fischer" /> Er war korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sein Grab befindet sich im oberösterreichischen Geinberg.<ref>Arnold Suppan, Maria Wakounig: Hans Uebersberger (1877–1962). In: Arnold Suppan, Marija Wakounig, Georg Kastner (Hrsg.): Osteuropäische Geschichte in Wien. 100 Jahre Forschung und Lehre an der Universität. Studien-Verlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2007, ISBN 978-3-7065-4525-9, S. 91–165, hier: S. 164.</ref> Der Nachlass zusammen mit dem seiner Frau lag zunächst im Osteuropa-Institut und seiner Nachfolgeeinrichtung, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, bevor er 2019 dem Archiv der Humboldt-Universität übergeben worden ist.<ref name="ios">Archive und Nachlässe der Bibliothek des IOS.</ref>

Schriften (Auswahl)

Literatur

  • Arnold Suppan, Marija Wakounig: Hans Uebersberger (1877–1962). In: Arnold Suppan, Marija Wakounig, Georg Kastner (Hrsg.): Osteuropäische Geschichte in Wien. 100 Jahre Forschung und Lehre an der Universität. Studien-Verlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2007, ISBN 978-3-7065-4525-9, S. 91–165.
  • Marija Wakounig: Hans Uebersberger (1877–1962). Eine Gratwanderung. (S)eine Karriere im Fokus privater und öffentlich-beruflicher Spannungen. In: Karel Hruza (Hrsg.): Österreichische Historiker. Lebensläufe und Karrieren 1900–1945. Band 3, Böhlau, Wien 2019, ISBN 978-3-205-20801-3, S. 157–184.

Weblinks

Commons: Hans Uebersberger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references />

Vorlage:Hinweisbaustein