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Germanophobie

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Datei:Harry R. Hopps, Destroy this mad brute Enlist - U.S. Army, 03216u edit.jpg
Deutschfeindliches Propaganda-Poster in Amerika während des Ersten Weltkriegs (1917): „Vernichtet diese verrückte Bestie – Werdet Soldat“

Germanophobie (auch Deutschenhass oder Deutschfeindlichkeit) ist eine Einstellung, die Deutsche, mit ihrer Kultur, Sprache und zugeschriebenen „Wesensmerkmalen“ ablehnt.

Während imperialistischer Auseinandersetzungen und Kriege im 19. und 20. Jahrhundert war dies eine breite Erscheinung in anderen Ländern, insbesondere in solchen, die mit Deutschland Kriege führten. Germanophilie ist das Gegenwort dazu.

Geschichte

19. Jahrhundert

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Deutschfeindlichkeit in Form der Diskriminierung ethnisch Deutscher bzw. Deutschstämmiger im Zusammenhang imperialistischer Auseinandersetzungen in Europa eine wiederkehrende Erscheinung.<ref>Vgl. insbes. zu „Vorurteilen auf der inter-ethnischen Ebene“ Susanne Janssen: Vom Zarenreich in den amerikanischen Westen: Deutsche in Rußland und Rußlanddeutsche in den USA (1871–1928) (= Studien zur Geschichte, Politik und Gesellschaft Nordamerikas; Bd. 3). Lit Verlag, Münster 1997, ISBN 3-8258-3292-9, S. 243.</ref>

In den Vereinigten Staaten von Amerika entstanden mit der zunehmenden Einwanderung von Deutschen und Iren zur Jahrhundertmitte die Bewegung der Nativisten und später die fremdenfeindliche Know-Nothing Party, die die angelsächsische Kultur durch die überwiegend katholischen Migranten aus diesen Ländern bedroht sah.<ref>Michael C. LeMay (Hrsg.): Transforming America: Perspectives on U.S. Immigration (= The Making of a Nation of Nations: The Founding to 1865, Vol. 1). Praeger, Santa Barbara 2013, ISBN 978-0-313-39643-4, S. 226–228.</ref> Dies galt auch für die mit den Nativisten verwandten Temperenzler, da viele deutsche Einwanderer Gastwirte waren<ref>Sabine Freitag: Friedrich Hecker. Biographie eines Republikaners (=  Transatlantische Historische Studien, Bd. 10). Stuttgart 1998, S. 191–192.</ref> (die spätere Prohibition in den Vereinigten Staaten war auch teilweise germanophob motiviert). In den 1850er Jahren machte der Einfluss der Nativisten innerhalb der Republikanischen Partei es den in dieser mit ihnen konkurrierenden Forty-Eighters schwer, deutschstämmige Wähler für sie zu gewinnen,<ref>Daniel Nagel: Von republikanischen Deutschen zu deutsch-amerikanischen Republikanern. Ein Beitrag zum Identitätswandel der deutschen Achtundvierziger in den Vereinigten Staaten 1850–1861 (= Mannheimer Historische Forschungen, Bd. 33). St. Ingbert 2012, S. 517.</ref> bis der als deutschfreundlich geltende Abraham Lincoln 1860 als republikanischer Präsidentschaftskandidat aufgestellt wurde.<ref>Sabine Freitag: Friedrich Hecker. Biographie eines Republikaners (= Transatlantische Historische Studien, Bd. 10). Stuttgart 1998, S. 196.</ref>

Erster Weltkrieg

Einen vorläufigen Höhepunkt erfuhren deutschfeindliche Einstellungen während des Ersten Weltkriegs in den Staaten der Entente und ihrer Alliierten. Nachdem Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg erklärt hatte, bei dem zahlreiche US-amerikanische Zivilisten ums Leben kamen, wurden Deutschamerikaner angefeindet und sahen sich zur Assimilation gezwungen sowie wurden Ortsnamen deutscher Herkunft umbenannt.<ref>Jürgen Müller: Rezension von: Deutsch-Amerikaner im Ersten Weltkrieg. In: sehepunkte, Ausgabe 8 (2008), Nr. 3, 15. März 2008, abgerufen am 27. Oktober 2019.</ref> Ein Beispiel in Kanada war die Umbenennung von Berlin (Ontario) in Kitchener (Ontario) im Jahre 1916. Im Vereinigten Königreich sah sich das deutschstämmige britische Königshaus (bis 1917 Sachsen-Coburg und Gotha, engl.: Saxe-Coburg and Gotha) zur Umbenennung in Windsor gezwungen,<ref>Britisches Königshaus: Warum die Windsors eigentlich deutsch sind. 7. März 2011, abgerufen am 27. Oktober 2019.</ref> aus Battenberg wurde Mountbatten.

Zeit des Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Die größte Verbreitung deutschfeindlicher Einstellung gab es während des durch das „Dritte Reich“ zu verantwortenden Zweiten Weltkriegs und Holocausts. Nach dem Krieg äußerte sich dies u. a. während der Vertreibungen Deutscher aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches.<ref>Eva Rommerskirchen: Deutsche und Polen 1945–1995. Annäherungen – Zbliżenia. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, 7. März bis 5. Mai 1996. Droste, Düsseldorf 1996, ISBN 3-7700-1057-4, S. 70.</ref>

Während des Krieges und in der unmittelbaren Zeit danach waren auf westalliierter Seite die Vorstellungen des Vansittartismus in Umlauf gewesen. Nach diesem germanophoben Erklärungsmodell der deutschen Geschichte sei der Nationalsozialismus das Ergebnis einer jahrhundertealten politischen und kulturellen Fehlentwicklung derselben gewesen. Laut dem Historiker Wolfgang Wippermann sei die historische Wichtigkeit des Vansittartismus nicht zu unterschätzen, denn so „problematisch diese […] Deutung der deutschen Geschichte unter historischen Gesichtspunkten war, so wichtig war sie in politischer Hinsicht“, weil zahlreiche Vertreter der Westalliierten von einer Kollektivschuld der Deutschen ausgingen.<ref>Wolfgang Wippermann: Umstrittene Vergangenheit. Fakten und Kontroversen zum Nationalsozialismus. Berlin 1998, S. 14–15.</ref> So neigte der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt dazu, Adolf Hitler als den typischen Deutschen anzusehen (Winston Churchill teilte diese Ansicht, ähnlich wie Josef Stalin und anders als viele seiner Landsleute, allerdings nicht).<ref name="overy-wurzeln">Richard Overy: Die Wurzeln des Sieges. Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen. München 2000, S. 368–369.</ref> Während des Krieges sorgten die vansittartistischen Auffassungen innerhalb von Teilen des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, wie dem Kreisauer Kreis und den Verschwörern um das Attentat vom 20. Juli 1944, für antiwestliche Stimmungen gegen Kapitalismus, Materialismus und Utilitarismus, was, Axel von dem Bussche zufolge, auch bei Claus Schenk Graf von Stauffenberg der Fall gewesen sein soll.<ref>Dieter Ehlers: Technik und Moral einer Verschwörung. 20. Juli 1944. Frankfurt am Main 1964, S. 149–150.</ref> Vansittartistische Ansichten beeinflussten auch die Entnazifizierung und Reeducation. Der Historiker Ian Kershaw spricht diesbezüglich von „grobschlächtige[n] Interpretation[en]“ „von anglo-amerikanischen Autoren“.<ref>Ian Kershaw: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick. Reinbek 1994, S. 23.</ref> Mit Beginn des Kalten Krieges verlor der Vansittartismus jedoch an Bedeutung.

Nachkriegszeit und EU

Datei:Andreas Könen, Andre Meister, Konferenz "Das ist Netzpolitik!" 2019 (cropped).jpg
T-Shirt mit dem Aufdruck „germanophob“ in gebrochener Grotesk-Schriftart (Schlagwort der antideutschen Bewegung)

In einem Aufsatz über die kulturpolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien nach 1945 geht Andrea Hindrichs (2002) auf „deutschfeindliche Filme“ ein, die von italienischen, überwiegend linksgerichteten Regisseuren bis in die 1960er Jahre produziert wurden. Hindrichs urteilt, dass, während Deutsche in den Filmen kollektiv „zu Nazis abgestempelt“ wurden, im Gegenzug alle in den Filmen vorkommenden Italiener in durchgehend positiven Rollen in Erscheinung traten<ref>Andrea Hindrichs: Die kulturpolitischen Beziehungen Deutschlands zu Italien seit 1945. In: Bernd Roeck et al. (Hg.): Deutsche Kulturpolitik in Italien. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2002, ISBN 3-484-67014-2, S. 51–86, hier S. 66 ff.</ref>

Der deutsch-türkische Germanist Seref Ates urteilte 2011 in seiner Studie über die deutsch-türkischen Medienbeziehungen von 1999 bis 2009 über die türkische Zeitung Hürriyet, diese habe über eine gewisse Zeit „nationalistische und deutschfeindliche Töne“ vertreten.<ref>Seref Ates: Deutsch-türkische Medienbeziehungen (1999–2009). Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2011, ISBN 978-3-8260-4522-6, S. 62, 115.</ref>

Im Zuge der Schuldenkrise im Euroraum und der verordneten Austeritätspolitik wurde vor allem in Griechenland ein Wiederkehren von deutschfeindlichen Stereotypen in Zeitungen beobachtet. Es wurden beispielsweise Bildmontagen von Angela Merkel in nationalsozialistischer Uniform abgedruckt.<ref>Bernard-Henri Lévy: Germanophobie in Europa: Warum ich Angela Merkel verteidige. In: Spiegel Online. 2. April 2015 (spiegel.de [abgerufen am 27. Oktober 2019]).</ref><ref>Cambridge Scholar Examines Roots of Anti German Sentiment in Europe. In: Der Spiegel. 11. April 2013, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 13. November 2024]).</ref> Ähnliche Veröffentlichungen gab es auch in italienischen<ref>Italienische Zeitung zeigt Merkel mit Hitler-Bart. In: Welt Online. 8. August 2011, abgerufen am 30. Oktober 2019.</ref> und türkischen<ref>Türkische Beleidigung: Angela Merkel mit Hitler-Schnurrbart. In: Luxemburger Wort. 17. März 2017, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 30. Oktober 2019.</ref> Medien.

Die polnische Partei Recht und Gerechtigkeit (2005–2007 und 2015–2023 an der Macht in Polen) und ihr Vorsitzender Jarosław Kaczyński werden als deutschfeindlich wahrgenommen.<ref> Wyborcza.pl. Abgerufen am 13. November 2024.</ref><ref>Florian Hassel: Amtliche Verunglimpfung. Süddeutsche Zeitung, 18. August 2017.</ref>

Auch in den – zumindest mehrheitlich – deutschsprachigen Ländern Österreich und Schweiz gibt es Deutschenfeindlichkeit. Für die Schweiz ist das in Deutsche in der Schweiz dargestellt. Das Verhältnis der Österreicher zu den Deutschen wird im Film Die Piefke-Saga thematisiert – einerseits will man die Einnahmen aus dem Tourismus, andererseits sind die deutschen Gäste nicht immer willkommen.

Das BKA verwendet seit Beginn des Jahres 2019 die Unterkategorie „Deutschfeindlich“ als Bestandteil des Themenfeldes „Hasskriminalität“ zur Erfassung politisch motivierter Kriminalität.<ref>Bundeskriminalamt: Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2019. Bundesweite Fallzahlen. 12. Mai 2020, S. 6.</ref>

Siehe auch

Literatur

  • Arno Münster: Angst vor Deutschland: Ursachen und Hintergründe der neuen Germanophobie. Welche Zukunft für Europa? Königshausen u. Neumann, Würzburg 2017, ISBN 978-3-8260-6297-1.
  • Don Heinrich Tolzmann, Arthur D Jacobs: Germanophobia in the U.S.: The Anti-German Hysteria and Sentiment of the World Wars (= German-Americans in the World Wars, Volume V). De Gruyter Saur, Berlin 1998, ISBN 978-3-11-181960-0.

Einzelnachweise

<references />