Anila Wilms
Anila Wilms (* 1971 in Tirana) ist eine albanisch-deutsche Schriftstellerin und Publizistin. Sie schreibt auf Albanisch und Deutsch. Bekannt wurde sie insbesondere durch ihre historischen Romane, die sich mit der Geschichte Albaniens und deren internationaler Verflechtung auseinandersetzen.
Leben
Anila Wilms wuchs in der albanischen Hafenstadt Durrës auf. Ihre mütterliche Familie gehört zu den ehemals einflussreichen Bey-Familien, die nach der Machtübernahme der Kommunisten 1945 als die „natürlichen“ Feinde des kommunistischen Regimes enteignet und entmachtet wurden.<ref>Wilms, Das albanische Öl. Buchbeschreibung. In: Transit Verlag. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 8. Februar 2016; abgerufen am 13. Februar 2021.</ref> Ihr Vater ist orthopädischer Chirurg.
Von 1989 bis 1993 studierte sie Geschichte und Philologie an der Universität Tirana und erlebte den politischen Umbruch Albaniens. 1994 kam sie als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Berlin, wo sie bis 2021 lebte. Nach einem zwischenzeitlichen Aufenthalt in der Republik Zypern wohnt sie seit 2025 in London.
Werk
Das Werk von Anila Wilms ist vor allem dem historischen Roman zuzuordnen und basiert auf intensiver historischer Recherche. Im Zentrum stehen politische Umbrüche, Machtkonstellationen und die Geschichte Albaniens im 20. Jahrhundert.
Ihr Roman Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens (2012) basiert auf einer historischen Begebenheit aus den 1920er Jahren. Das Werk verbindet Elemente des Kriminalromans mit politischer und kulturhistorischer Analyse und wurde sowohl als historisch-politischer Roman als auch als literarisch anspruchsvoller Thriller beschrieben.<ref name=":5">Frank Riedel: Die Brücke über die Droja - Der Roman „Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens“ von Anila Wilms ist ein historischer Balkan-Thriller mit Gegenwartsbezug. In: literaturkritik.de. Abgerufen am 29. April 2026.</ref><ref name=":0">Machtspiel um die junge Demokratie. In: deutschlandfunk.de. 6. Februar 2013, abgerufen am 29. April 2026.</ref><ref name="Wörtche">Thomas Wörtche: Anila Wilms: Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens. In: culturmag.de. Abgerufen am 30. April 2026.</ref>
Der Roman wird darüber hinaus als Darstellung politischer und wirtschaftlicher Interessenlagen im frühen albanischen Staat interpretiert und in einen internationalen Kontext gestellt.<ref>Kultur: Heimtücke und Edelmut. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 29. April 2026]).</ref>
In ihrem 2025 erschienenen historischen Roman Dielli në mërgim („Die Sonne im Exil“) widmet sich Wilms dem Schicksal und der Rettung von Juden in Albanien während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Erzählung basiert auf historischen Ereignissen und wird aus der Perspektive eines jungen jüdischen Protagonisten geschildert. Ein Schwerpunkt liegt auf der jüdischen Gemeinde in Vlorë. Der Roman thematisiert insbesondere Formen zivilgesellschaftlicher Solidarität und moralischer Verantwortung.<ref>Dielli në mërgim - Botime Dudaj. In: Botime Dudaj -. 10. November 2025, abgerufen am 29. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
In Interviews betonte Wilms, dass ihre literarische Arbeit von der albanischen Erzähltradition geprägt sei und Elemente von Humor, Groteske und politischer Reflexion verbinde.<ref>Thekla Dannenberg: "Albanien ist ein sehr grimmiges Land". In: Die Zeit. 3. Dezember 2013, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 29. April 2026]).</ref>
In der Literaturwissenschaft wird Wilms’ Werk im Kontext eines sogenannten „South-Eastern Turn“ der deutschsprachigen Literatur verortet, der Perspektiven aus Südosteuropa stärker berücksichtigt. Ihr Roman Das albanische Öl wird dabei als Gegenentwurf zu stereotypen Darstellungen Albaniens interpretiert.<ref></ref>
Neben ihrer literarischen Arbeit ist Wilms auch publizistisch tätig. Sie veröffentlichte Essays insbesondere in der Reihe „Mein Europa“ der Deutschen Welle, in denen sie sich mit Fragen von europäischer Identität, Zugehörigkeit und Mehrsprachigkeit sowie mit Migration und dem Verhältnis zwischen Herkunft und neuem Lebensraum auseinandersetzt.<ref name=":4">Mein Europa: Der Zug fährt vorwärts. Abgerufen am 29. April 2026.</ref><ref name=":3">Ein Gefühl von Zuhause. Abgerufen am 29. April 2026.</ref><ref>Francesca Polistina: Interview zum Wochenende - Anila Wilms: Dankbarkeit muss ein Emigrant in seinem Herzen tragen. 20. März 2015, abgerufen am 29. April 2026.</ref>
Zu ihren Beiträgen zählen unter anderem:
- Ein Gefühl von Zuhause (2016)<ref name=":3" />
- Was auf dem Spiel steht (2017)<ref>Was auf dem Spiel steht. Abgerufen am 29. April 2026.</ref>
- Mein Europa: Der Zug fährt vorwärts (2017)<ref name=":4" />
- Himmel, Erde, Identität (2017)<ref>Himmel, Erde, Identität. Abgerufen am 29. April 2026.</ref>
- Mein Europa: Wie realistisch ist 2025? (2018)<ref>Mein Europa: Wie realistisch ist 2025? Abgerufen am 29. April 2026.</ref>
Diese Texte wurden in mehrere Sprachen übertragen, darunter ins Albanische von der Autorin selbst.
Rezeption
Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens (2012)
Der Roman wurde in der deutschsprachigen Kritik als vielschichtiges Werk zwischen historischem Roman und Kriminalgeschichte wahrgenommen. Hervorgehoben wurde insbesondere die Verbindung politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen sowie die Einbettung der Handlung in internationale Machtkonstellationen.<ref name=":5" /><ref name=":0" />
Zugleich wurde das Werk als ungewöhnliche Form des Kriminalromans beschrieben, die sich einer eindeutigen Genrezuordnung entzieht und Elemente der Groteske sowie der südosteuropäischen Erzähltradition integriert.<ref name="Wörtche" />
Mehrere Kritiken betonten darüber hinaus die Komplexität der Handlung und die Vielzahl der Figuren sowie die literarische Verarbeitung politischer und gesellschaftlicher Spannungen.<ref>Büro für Text und Literatur | Büro für Text und Literatur | Pressearbeit für Verlage und Autor*innen. Abgerufen am 29. April 2026.</ref><ref>Anila Wilms: Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens (2012). In: Sätze & Schätze. 3. Januar 2017, abgerufen am 29. April 2026.</ref><ref>Rebekka Roth, Laura Höfler: Anila Wilms: "Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens". 28. Oktober 2013, abgerufen am 29. April 2026.</ref>
Besondere Aufmerksamkeit erfuhr die französische Ausgabe Les assassins de la route du Nord (2018, Actes Sud), die im Kontext internationaler Kriminalliteratur veröffentlicht wurde. Verlagsbeschreibungen heben hervor, dass der Roman historische Stoffe mit Elementen des Thrillers verbindet und dabei politische, gesellschaftliche und kulturelle Konflikte sichtbar macht.<ref name=":2">Les assassins de la route du Nord. In: Éditions Actes Sud. Abgerufen am 29. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
In diesem Zusammenhang wird das Werk als Verbindung unterschiedlicher literarischer Traditionen beschrieben, indem es die erzählerische Spannung eines politischen Thrillers mit der poetischen und historischen Dimension eines literarischen Erzählens verbindet. Dabei wird es ausdrücklich in eine Tradition gestellt, die auch mit dem Werk von Ismail Kadare in Verbindung gebracht wird.<ref name=":2" />
Auch in der italienischen Literaturkritik wird die italienische Ausgabe La strada del nord (2016) als vielschichtige Darstellung eines von politischen und kulturellen Spannungen geprägten Albaniens interpretiert, wobei insbesondere die Verbindung von individueller Handlung und historischen Prozessen hervorgehoben wird.<ref>Anna Lattanzi: Un americano a Tirana tra le due facce della società albanese. In: Albania Letteraria. 23. Februar 2022, abgerufen am 29. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>LA STRADA DEL NORD, Anila Wilms – KELLER EDITORE. Abgerufen am 29. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Dielli në mërgim (2025)
Der Roman wurde in Albanien breit rezipiert und positiv aufgenommen.<ref>Heroizmi i shqiptarëve për hebrenjtë ringjallet në romanin “Dielli në mërgim”. 29. April 2026, abgerufen am 29. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Rezensionen heben insbesondere die Verbindung von historischer Recherche und literarischer Gestaltung hervor. Darüber hinaus werden die differenzierte Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse während des Zweiten Weltkriegs sowie die Einbettung individueller Lebensgeschichten in größere historische Prozesse betont. Kritiker verweisen zudem auf die sorgfältige Rekonstruktion historischer Milieus.<ref>Shija e romanit klasik mbi një temë të njohur që na mëson të reja. 11. Februar 2026, abgerufen am 29. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Mehrere Stimmen aus der Literaturkritik heben zudem die erzählerische Struktur und stilistische Klarheit hervor und ordnen den Roman in die Tradition des klassischen historischen Erzählens ein, das bekannte historische Themen in neuer Perspektive zugänglich macht. In diesem Zusammenhang werden auch die Verbindung von historischer Genauigkeit mit literarischer Imagination sowie die psychologische Tiefe der Figuren und die emotionale Wirkung der Sprache hervorgehoben.<ref>Minella Aleksi: “Dielli në mërgim”, eksploron të vërteta që realiteti i errëson. In: ExLibris. 9. Februar 2026, abgerufen am 29. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Einzelne Kritiken beschreiben den Roman darüber hinaus als Beitrag zur literarischen Erinnerungskultur und betonen seine Bedeutung für die Vermittlung historischer Erfahrung über die Form des Romans hinaus.<ref>Letërsia si tempull i kujtesës. 25. November 2025, abgerufen am 29. April 2026.</ref>
Der Journalist und Publizist Mero Baze würdigte das Werk als bedeutenden Beitrag zur literarischen Auseinandersetzung mit der Geschichte Albaniens und stellte es in einen Zusammenhang mit der literarischen Tradition um Ismail Kadare.<ref>Ani Wilms: a writer who has preserved our history through literature. 20. November 2025, abgerufen am 29. April 2026.</ref>
Auszeichnungen
- Förderpreis des Adelbert-von-Chamisso-Preises 2013<ref>Chamisso (No. 8, 2013). Abgerufen am 29. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
- Stuttgarter Krimipreis 2013<ref>Stuttgarter Kriminächte e.V. In: Stuttgarter Kriminächte e.V. Abgerufen am 29. April 2026.</ref>
- Comburg-Literaturstipendium 2014<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Preisverleihung an Comburg-Stipendium 2014 an Anila Wilms ( vom 11. Mai 2015 im Internet Archive)</ref>
Werke
- Pritje të bukura. Onufri, Tirana 2000, ISBN 978-9928-31326-3.
- Vrasje në rrugën e veriut. Onufri, Tirana 2007, ISBN 978-99943-42-16-7.
- Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens. Transit, Berlin 2012, ISBN 978-3-88747-279-5.
- Dielli në mërgim. Botime Dudaj, Tirana 2025, ISBN 978-99943-0-775-3.
Übersetzungen
Der Roman Vrasje në rrugën e veriut wurde von der Autorin selbst ins Deutsche übertragen und 2012 unter dem Titel Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens veröffentlicht.
Weitere Übersetzungen:
- Niederländisch: Moord op de noordelijke bergweg. Amsterdam: Van Gennep, 2014. ISBN 978-9461642110
- Italienisch: La strada del nord. Rovereto: Keller editore, 2016. ISBN 978-88-89767-92-4
- Französisch: Les assassins de la route du Nord. Arles: Actes Sud, 2018. ISBN 978-2-330-09260-3
Medienauftritte
- Kurzporträt im Zusammenhang mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis 2013<ref>BoschStiftung: Adelbert-von-Chamisso-Preis 2013: Anila Wilms auf YouTube, 1. März 2013, abgerufen am 30. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)</ref>
- Interviews zur Veröffentlichung von Dielli në mërgim<ref>Top Channel Albania: Rrëfimi i Ani Wilms: Marrëdhëniet e mia me Kadarenë dhe Artan Hoxhën - Exclusive, 08 Mars 2026 auf YouTube, 8. März 2026, abgerufen am 30. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)</ref><ref>Ora News: Një Grusht Librash “Dielli në mërgim”, Ani Wilms, Lufta e Dytë Botërore në sytë e një djali hebre auf YouTube, 27. November 2025, abgerufen am 30. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)</ref>
Weblinks
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Wilms, Anila |
| KURZBESCHREIBUNG | albanische Schriftstellerin |
| GEBURTSDATUM | 1971 |
| GEBURTSORT | Tirana |
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- Autor
- Roman, Epik
- Literatur (Deutsch)
- Literatur (Albanisch)
- Literatur (21. Jahrhundert)
- Träger des Förderpreises zum Adelbert-von-Chamisso-Preis
- Absolvent der Universität Tirana
- Albaner
- Geboren 1971
- Frau