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Medinetz

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Medinetze (auch Medibüros; Netze und Büros für medizinische Flüchtlingshilfe) sind Nichtregierungsorganisationen, die sich für die medizinische Versorgung von Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus einsetzen. Dabei vermitteln sie anonym und kostenlos medizinische Hilfe für Migranten ohne Krankenversicherung.<ref name="slaek"/> Auf politischer Ebene fordern sie einen freien oder niedrigschwelligen Zugang zum Gesundheitssystem oder einen anonymen Krankenschein.<ref>Andreas Wiesner, Sandra Schmidt, Vera Bergmeyer, Ute Bruckermann: Gesundheitsversorgung von papierlosen Menschen in Bremen. Ergebnisse einer Umfrage bei Arztpraxen im Land Bremen, Medinetz Bremen (Hrsg.), Gesundheitsamt Bremen 2008.</ref><ref>Vera Dudik: Zehn Jahre Hilfe in Bonn: MediNetz fängt Flüchtlinge auf, General-Anzeiger Bonn, 25. November 2013.</ref><ref name="TazN"/>

Arbeitsweise

In der Regel arbeiten alle Mitarbeitenden, sowohl die Vermittelnden als auch die Behandelnden, ehrenamtlich. Das Spektrum der Behandelnden reicht von Ärzten und Psychotherapeuten über Krankenpfleger, Hebammen, Physiotherapeuten und Krankengymnasten bis hin zu Heilpraktikern. Vermitteln kann jeder; oft wird diese Aufgabe von Medizinstudierenden übernommen. Dolmetscher helfen oft ebenso ehrenamtlich. Anfallende Kosten, zumeist für Materialien, Medikamente oder aufwendige Operationen, die sich nicht ambulant realisieren lassen, also unter Umständen auch, wenn kostenlos behandelnde Ärzte nicht verfügbar sind, werden durch Spenden finanziert.<ref>Jonas Tauber: Medizinische Hilfe für „Illegale“, Ärzte Zeitung, 19. Juni 2012.</ref>

Juristischer Hintergrund

Um ausreisepflichtige Menschen vor Abschiebung zu schützen, binden Medinetze oftmals keine Behörden in den Behandlungsprozess ein;<ref>Moritz Heiser: Medinetz Ulm: Arbeit in rechtlicher Grauzone, Stuttgarter Zeitung, 16. August 2010</ref><ref>Das Mainzer Medinetz: Studenten kümmern sich um Kranke ohne Papiere, Jetzt-Magazin, 11. Dezember 2007</ref> eine Pflicht zu deren Einbindung besteht nicht, erscheint manchen Ärzten aber ungewohnt. In den letzten Jahren zählen vermehrt auch Einwanderer aus den osteuropäischen EU-Staaten (wie Bulgarien und Rumänien) zur Klientel, die sich zwar in Deutschland rechtmäßig aufhalten dürfen, oft aber nicht krankenversichert sind.<ref>Irmela Heß: Medinetz Mainz: Ein Arzt kommt auch zu Patienten ohne Papiere, Rhein-Zeitung, 21. März 2012</ref>

Im Februar 2017 startete im Freistaat Thüringen zudem der Anonyme Krankenschein Thüringen (AKST), bei welchem nicht nur Migranten ohne Aufenthaltsstatus, sondern alle Menschen ohne Krankenversicherung beraten werden und bei Bedarf einen anonymen Krankenschein ausgehändigt bekommen.<ref>Anonymer Krankenschein Thüringen. Abgerufen am 14. Oktober 2020.</ref>

Geschichte

Das älteste Medibüro besteht seit 1994 in Hamburg.<ref name="TazN">Ilka Kreutzträger: Unerwünscht gleich unversorgt, Serie Flüchtlingsleben (III), Taz Nord, 9. Dezember 2011</ref> 1996 nahm das Büro für medizinische Flüchtlingshilfe Berlin (heute Medinetz Berlin) seine Arbeit auf. 1997 wurde die Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum gegründet. In Deutschland bestehen 39 Medinetze und -büros, u. a. auch in München, Düsseldorf, Dresden, Leipzig, Magdeburg, Rhein-Neckar, Göttingen, Mainz, Marburg, Kiel, Lübeck und Rostock. Das jüngste Medibüro ist das in Chemnitz, welches 2019 gegründet wurde.

Gründungsjahr Name Ort
1994 MediBüro Hamburg
1996<ref>Medibüro Berlin: Über uns</ref> MediBüro (vormals Büro für medizinische Flüchtlingshilfe) Berlin
1997 Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum
1999 Medizinische Flüchtlingshilfe Nürnberg+Fürth (noch als Medizinische Flüchtlingshilfe Nürnberg)
2003<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Menschenrechtsinitiative MediNetzBonn (Memento vom 2. April 2015 im Internet Archive)</ref> MediNetz Bonn
2005 MediNetz Dresden
2006 MediNetz (vormals Medizinische Flüchtlingshilfe), als Teil des Arbeitskreises Asyl Bielefeld
2007 MediNetz Marburg
2007 MediNetz Rhein-Neckar e. V. Rhein-Neckar Region (Mannheim Heidelberg)
2009 MediNetz Ulm
2009 MediNetz Essen
2009 MediNetz Leipzig
2011 MediNetz Jena
2014 MediNetz Halle
2014 Medizinische Hilfe Solingen
2015 MediNetz Aachen
2016 MediNetz Würzburg
2016 MediNetz Koblenz
2017 MediNetz Tübingen
2019 MediBüro Chemnitz

Bundeskongresse

Seit 2008 finden sich Vertreter der meisten Medinetze und -büros jährlich zu einem bundesweiten Treffen zusammen und tauschen sich über die aktuelle Situation der medizinischen Versorgung von Migranten ohne Krankenversicherung aus.<ref name="slaek"/>

Bundeskongress-Nummer Jahr Ort öffentlicher Teil
1. 2008 Bochum
2. 2009 Freiburg
3. 2010 Leipzig
4. 2011 Frankfurt am Main
5. 2012 Düsseldorf nein
6. 2013 Hamburg ja
7. 2014 Göttingen
8. 2015 Jena ja
9. 2016 Berlin ja
10. 2017 Dresden ja
11. 2018 Kiel
12. 2019 Würzburg ja

Auszeichnungen

Das Medinetz Dresden wurde 2009 mit dem Sächsischen Förderpreis für Demokratie ausgezeichnet,<ref>Rückblick 2009: Interview mit "Medinetz Dresden", Website des Sächsischen Förderpreises für Demokratie</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Medinetz Dresden e. V. erhält den Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2009 (Memento vom 30. Januar 2016 im Internet Archive), Technische Universität Dresden, 12. November 2009</ref> das Medinetz Mainz erhielt 2009 den Helmut-Simon-Preis gegen Armut und soziale Ausgrenzung der Diakonie in Rheinland-Pfalz<ref>Michael Heinze: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Zeichen gegen Stigmatisierung (Memento vom 12. Dezember 2013 im Internet Archive), Allgemeine Zeitung Mainz, 28. Januar 2009</ref> und das MediNetzBonn 2010 den Integrationspreis der Stadt Bonn, sowie 2021 den Heimatpreis der Stadt Bonn.<ref>Frank Vallender: Bonner Integrationspreis für Medinetz, General-Anzeiger Bonn, 26. August 2010</ref> 2021 wurde das Medinetz Rhein-Neckar mit dem Preis der Freunde der Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg ausgezeichnet,<ref>Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e. V. Abgerufen am 3. Januar 2025.</ref> auch wurden sie 2023 sowie 2024 von der Bürgerstiftung Mannheim ausgezeichnet.<ref>Bürgerstiftung Mannheim: Unsere Förderungen. Abgerufen am 3. Januar 2025.</ref><ref>Mannheim – Wettbewerb „Mensch miteinander!” zur Förderung von integrativem Engagement – Mannheimer Bürgerstiftung spendet 30 000 Euro – /// MRN-News.de. 3. Januar 2025, abgerufen am 3. Januar 2025.</ref>

Politische Zielsetzung und deren Umsetzung

Viele Medinetze sehen sich als Übergangsmodell, bis politisch eine Lösung für die medizinische Versorgung von Patienten ohne geregelten Aufenthaltsstatus gefunden wird. Eine solche Lösung sind u. a. anonyme Krankenscheine, wie sie 2016 in Niedersachsen<ref>Clearingstelle für Gesundheitsversorgung Hannover. Gesundheit ein Menschenrecht, 1. April 2021, abgerufen am 8. März 2023.</ref>, 2017 in Thüringen<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der anonyme Krankenschein (Memento vom 18. April 2017 im Internet Archive)</ref><ref>Anonymer Krankenschein Thüringen – Medizinische Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung. Abgerufen am 8. März 2023 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>, 2018 in Berlin und 2019 in Rheinland-Pfalz jeweils mit Mitteln der Landesregierungen eingeführt worden sind. Zudem wurden 2019 in Leipzig und München sowie 2021 in Bonn Projekte mit Mitteln der Stadt gestartet.

Literatur

  • Maren Mylius, Wiebke Bornschlegl, Andreas Frewer: Medizin für »Menschen ohne Papiere«: Menschenrechte und Ethik in der Praxis des Gesundheitssystems, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 386234844X (Vorschau)
  • Jakov Gather, Eva-Maria Schwienhorst: Medinetz Mainz e. V. – Medizinische Vermittlungsstelle für Flüchtlinge, Migrant/inn/en und Menschen ohne Papiere, in: Éva Rásky (Hrsg.): Gesundheit hat Bleiberecht: Migration und Gesundheit, Festschrift zum Anlass des 10-jährigen Bestehens des Ambulatoriums Caritas Marienambulanz in Graz, Facultas, Wien 2009, ISBN 3708903757, S. 330–339

Weblinks

Einzelnachweise

<references> <ref name="slaek"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Treffen der Medinetze in Leipzig – Medizinische Versorgung von Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus (Memento vom 25. August 2014 im Internet Archive), Sächsische Landesärztekammer, 2010</ref> </references>