Helmut E. Ehrhardt
Helmut E. Ehrhardt (* 24. März 1914 in Kassel; † 19. August 1997 in Marburg) war ein deutscher Psychiater, Professor für Gerichtliche und Sozial-Psychiatrie sowie Gutachter am Erbgesundheitsgericht.
Leben
Helmut E. Ehrhardt, Sohn von Susanne Ehrhardt, geborener Bourgeois, und des Kaufmanns Stephan Ehrhardt, besuchte das Realgymnasium in Kassel, absolvierte nach dem Ende seiner Schullaufbahn (Abitur 1934) von 1934 bis 1940 ein Studium der Psychologie, Philosophie, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte sowie der Medizin<ref>Vgl. Lagis.</ref> in München, Berlin und Breslau. Am 5. Juli 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.159.810).<ref>Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/7451253</ref> Er wurde 1939 zum Dr. phil. und 1941 zum Dr. med. promoviert. Ab 1940 war Ehrhardt an der Universität Breslau in der medizinischen Poliklinik, am Physiologischen Institut und als Abteilungsarzt unter Werner Villinger an der Universitätsnervenklinik beschäftigt.<ref name="Ärzteblatt1986">Die Träger der Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft 1986. In: Deutsches Ärzteblatt. 83. Jahrgang, Heft 19 vom 7. Mai 1986, A, S. A, S. 1386.</ref> Ehrhardt war Gutachter am Erbgesundheitsgericht.<ref name="Klee127">Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 127.</ref>
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges praktizierte er von 1945 bis 1949 in Kaiserslautern als niedergelassener Psychiater und Neurologe.<ref name="Ärzteblatt1994">Elmar Doppelfeld: Varia. Personalien: Helmut E. Ehrhardt. 80 Jahre. In: Deutsches Ärzteblatt, Heft 12 vom 25. März 1994, 91. Jahrgang, Ausgabe A, S. A, S. 850.</ref> Ab 1949 war er wissenschaftlicher Assistent an der Universität Marburg und 1950 folgte dort seine Habilitation für das Fach Psychiatrie und Neurologie.<ref name="Hippius221">Hanns Hippius: Universitätskolloquien zur Schizophrenie, Steinkopff-Verlag, Darmstadt 2004, Band 2, ISBN 3-7985-1486-0, S. 221.</ref> Anschließend war er an der Universität Marburg als Privatdozent tätig. Ab 1955 war Ehrhardt an der Universitätsnervenklinik Marburg Oberarzt unter Direktor Villinger.<ref name="Klee127" /> In Marburg war Ehrhardt ab 1956 außerplanmäßiger Professor und ab Mai 1964 außerordentlicher Professor am neu geschaffenen Lehrstuhl für Forensik und Sozialpsychiatrie. Von Ende August 1966 bis zu seiner Emeritierung im März 1982 leitete Ehrhardt in Marburg das Institut für Gerichtliche und Sozial-Psychiatrie,<ref name="Hippius221" /> an 1967 als ordentlicher Professor.
Gemeinsam mit Villinger und Nachtsheim trat Ehrhardt 1961 im Bundestagsausschuss für Wiedergutmachung als Sachverständiger auf. Die Sachverständigen wurden zum Komplex Entschädigungszahlungen für Opfer von Zwangssterilisationen nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses gehört. Alle Sachverständigen sahen in dem Erbgesundheitsgesetz kein NS-Unrecht und so erhielten die Zwangssterilisierten in den 1960er Jahren aus dem Bundesentschädigungsgesetz keine Wiedergutmachungsleistungen.<ref>Thomas Gerst: Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Ächtung nach 74 Jahren. In: Deutsches Ärzteblatt, Heft 1–2 vom 8. Januar 2007, 104. Jahrgang, Ausgabe A, S. 14.</ref>
„Eine Entschädigungsregelung für die Sterilisierten würde in vielen Fällen zu einer […] Verhöhnung des echten Gedankens der Wiedergutmachung [führen].“
Ehrhardt gehörte mehreren Ärztegremien und Gesundheitsorganisationen an: Von 1962 bis 1970 war er im Präsidium des Deutschen Hochschulverbandes.<ref name="Ärzteblatt1994" /> Von 1966 bis 1969 war er stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Er gehörte ab 1963 dem Sachverständigenbeirat für Seelische Gesundheit der WHO an und war Member WHO Expert Advisory Panel on Mental Health; 1966/1967 war er Committee-Member der World Psychiatric Association und Member des Execution Board der World Federation for Mental Health. Ab 1969 war er im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer und 1969/1971 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie.<ref name="Klee127" /> 1961/64 und 1968/72 gehörte er der Delegiertenversammlung des Landesärztekammer Hessen an.<ref name="Ärzteblatt1994" /> Ab 1970 war er Landesarzt für geistig und seelisch Behinderte in Hessen, 1970/1971 Präsident der Europäischen Liga für Psychische Hygiene<ref name="Klee127" /> und 1972/1973 der Gesellschaft für die gesamte Kriminologie. Ab 1976 war er außerordentliches Mitglied der Deutschen Senats für Ärztliche Fortbildung.<ref name="Ärzteblatt1986" /> Ab 1977 war er Mitglied im Bundesgesundheitsrat,<ref name="Klee127" /> 1977/1980 Mitglied der International Narcotics Control Board-UN. 1980 wurde er in die Leopoldina berufen.<ref>Mitgliedseintrag von Helmut E. Ehrhardt bei der Deutschen Akademie der Naturforscher LeopoldinaVorlage:Abrufdatum</ref>
Schwerpunkte von Ehrhardts wissenschaftlicher Tätigkeit „waren ärztliche Fragen der Strafrechtsreform, Suchtstoffabhängigkeit und Suchtbekämpfung, die Neuordnung und Verbesserung der psychiatrischen Versorgung, Probleme des Freiheitsentzuges und der Unterbringung, Patientenrechte und Arztpflichten sowie die Beziehungen zwischen Medizin, Ethik, und Recht“.<ref name="Ärzteblatt1986" />
Helmut Ehrhardt war ab 1952 verheiratet mit der Medizinerin Ruth Ehrhardt, geborener Fiege, und hatte einen Sohn (Alexander).
Schriften (Auswahl)
- Wissenschaftlicher Fortschritt und ärztliche Praxis. 1982.
- Aggressivität – Dissozialität – Psychohygiene. 1975.
- Kriminologische Gewissensfrage. Heft 11. 1974.
- 130 [Hundertdreissig] Jahre Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde. Steiner, Wiesbaden 1972.
- Perspektive der heutige Psychiatrie. 1972.
- Psychiatrisch-Psychopathologische Begutachtung. 1971.
- Rauschgiftsucht, Hoheneck-Verl., Hamm/Westf 1967.
- Euthanasie und Vernichtung lebensunwerten Lebens: [Erw. Fassung e. Vortrages] / Helmut Ehrhardt. Mit einem Vorwort von Hans Hoff, Enke, Stuttgart 1965.
- Forensische und administrative Psychiatrie. 1961.
- Untersuchungen über Elektrokrampfschwelle und Erregbarkeit, Marburg, Medizinische Habilitationsschrift vom 16. Dezember 1950.
- Beitrag zur elektrischen Erregbarkeit des Nerven unter der Einwirkung von Narkoticis, Breslau, Medizinische Dissertation, 1941.
Ehrungen
- Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft (1986)<ref name="Ärzteblatt1986" />
- Ehrendoktor (Dr. jur. h. c.) der Universität Mainz (1977)<ref name="Ärzteblatt1994" />
- Ernst-von-Bergmann-Plakette der Bundesärztekammer (1981)
- Ehrenplakette der Landesärztekammer Hessen (1980)
- Mitglied der Deutschen Akademie de Naturforscher Leopoldina (1980)
- Ehrenmitglied der Tschechischen Medizinischen Gesellschaft J. E. Purkinje (1978)
- Ehrenmitglied des Weltverbandes für Psychiatrie<ref name="Klee127" /> (World Psychiatric Assocation) (1977)
- Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde (1974)
- Prés. d’Honneur der Ligue Europ. d’Hygiéne Mentale (1971)
- Fellow des Royal College of Psychiatry in London (1970)
- Ehrenmitglied der Hellenischen Gesellschaft für Neurologie und Psychiatrie (1969)
Literatur
- Ehrhardt, Helmut E. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 258.
Weblinks
- Literatur von und über Helmut E. Ehrhardt im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Die Träger der Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft 1986 (PDF; 112 kB). In: Deutsches Ärzteblatt, (84) Heft 19 vom 7. Mai 1986, 83. Jahrgang, Ausgabe A, S. 1385–1388. ((pdf; 112 kB))
- Elmar Doppelfeld: Varia. Personalien: Helmut E. Ehrhardt. 80 Jahre. (PDF; 136 kB) In: Deutsches Ärzteblatt, (68) Heft 12 vom 25. März 1994, 91. Jahrgang, Ausgabe A, S. 850.
- Thomas Gerst: Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Ächtung nach 74 Jahren (PDF; 156 kB). In: Deutsches Ärzteblatt, Heft 1–2 vom 8. Januar 2007, 104. Jahrgang, Ausgabe A, S. 14.
- Villinger, Nachtsheim und Ehrhardt als nationalsozialistische "Fachleute" lehnen für das Finanzministerium der Bundesrepublik jedwede Entschädigung von Sterilisierten ab. Anhörung April 1961
- Ehrhardt, Helmut E.. Hessische Biografie. (Stand: 15. April 2021). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Ehrhardt, Helmut E. |
| ALTERNATIVNAMEN | Ehrhardt, Helmut |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Psychiater, Rechtsmediziner und Hochschullehrer |
| GEBURTSDATUM | 24. März 1914 |
| GEBURTSORT | Kassel |
| STERBEDATUM | 19. August 1997 |
| STERBEORT | Marburg |
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- Mediziner (20. Jahrhundert)
- Psychiater
- Rechtsmediziner
- Hochschullehrer (Philipps-Universität Marburg)
- Mitglied der Leopoldina (20. Jahrhundert)
- Träger der Paracelsus-Medaille
- NSDAP-Mitglied
- Ehrendoktor der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
- Deutscher
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