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Alte Pathologie Wehnen

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Datei:Gedenkstätte Wehnen Eingang.jpg
Eingang der Alten Pathologie

Die Alte Pathologie auf dem Gelände der Karl-Jaspers-Klinik im Bad Zwischenahner Ortsteil Wehnen ist eine Gedenk- und Dokumentationsstätte für Opfer der NS-Krankenmorde in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt.

Geschichte

Die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen (die heutige Karl-Jaspers-Klinik Wehnen) galt lange Zeit als psychiatrische Einrichtung in Deutschland, an der während der Zeit des Nationalsozialismus keine „Euthanasie“ durchgeführt wurde. Da von hier keine Patienten in die Gasmord-Anstalten verlegt worden seien, sei hier auch niemand getötet worden, so die Vertreter der These.<ref name=":0">Alfred Fleßner, Ingo Harms: Die oldenburgische NS-„Euthanasie“ und ihre Opfer. In: Einblicke 46. pesse.uni-oldenburg.de, 2007, S. 19, abgerufen am 14. September 2024.</ref> Allerdings begann bereits etwa drei Jahre vor dem Beginn der Aktion T4 in Wehnen ein "Euthanasie"-Programm durch Aushungern von Patienten und vermutlich auch durch Medikamentengaben. Dazu kam ab 1939 die Überbelegung der Einrichtung, als mit Kriegsbeginn die auf 400 Betten ausgelegte Einrichtung nach und nach bis zu 1200 Patienten versorgen musste.<ref>M. Roth, P. Tornow: Aufsätze zur Medizingeschichte der Stadt Oldenburg. Isensee, Oldenburg 1999, ISBN 3-89598-539-2, S. 247.</ref> Einen Höhepunkt erreichte die Sterberate der Patienten im Jahr 1945, als das Sechsfache des Normalwertes erreicht wurde. Schätzungsweise wurden insgesamt etwa 1500 Patienten in der NS-Zeit in der Heilanstalt Wehnen gezielt getötet.<ref>Erinnerungen | Gedenkkreis Wehnen e.V. | Gedenkstätte Wehnen. 20. Februar 2015, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 20. Februar 2015; abgerufen am 22. März 2024.</ref><ref>Euthanasie in Wehnen. In: Zeitung für Arbeit, Frieden, Umweltschutz. 15. September 1999, abgerufen am 10. September 2017.</ref>

In den 1960er Jahren konsultierte eine der späteren Gründerinnen des Gedenkkreises Wehnen einen Psychiater, um nach der Diagnose der Krankheit ihrer einst in Wehnen verstorbenen Mutter zu fragen. Dabei geriet sie zufällig an Dr. Paul Moorahrend, einen der Ärzte, die für die Tötung dieser Frau verantwortlich gewesen waren. Er enthielt ihr die Informationen aus der Krankenakte vor. Erst Jahrzehnte später erfuhr die Tochter, dass ihre Mutter in Wehnen verhungert war und dass sie dieses Schicksal mit zahlreichen anderen Patienten geteilt hatte. Anlass war die Veröffentlichung der Doktorarbeit des Historikers Ingo Harms im Jahre 1996.<ref name=":1">Ingo Harms: "Wat mööt wi heir smachten..." Hungertod und "Euthanasie" in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen im "Dritten Reich". (Buchfassung der Dissertation, die unter dem Titel "Im Schatten von Rassenhygiene und 'Euthanasie'". Die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen im 'Dritten Reich'" im Jahr 1996 an der Universität Oldenburg vorgelegt wurde.) Auflage. Oldenburg 1998, ISBN 3-925713-25-5 (2. Auflage).</ref> Er hatte zunächst auf private Initiative hin Forschungen über die Vorgänge in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen eingeleitet und sich gegen einige Widerstände z. B. aus dem Landeskrankenhaus, aber auch der Universität, der Thematik angenommen.

Erst 2005 wurde an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg ein interdisziplinäres Forschungsprojekt eingerichtet, das sich der Vertiefung der Forschungen und der Aufarbeitung der Fälle im Kooperation mit der seit 2004 bestehenden Gedenkstätte widmete. Etwa 2000 Euthanasie-Meldebögen aus Wehnen aus den Jahren 1940 bis 1944 konnten ausgewertet werden. Der Grund für diesen großen Bestand liegt nur darin, dass in dieser Einrichtung die zunächst handschriftlich ausgefüllten Formulare zur Weitermeldung nach Berlin noch einmal abgetippt worden waren. Während die in die zentrale Meldestelle nach Berlin verschickten Bögen nicht mehr existieren, sind die handschriftlich ausgefüllten Originale in Wehnen zusammen mit den übrigen Krankenakten erhalten geblieben.<ref>Die oldenburgische NS-„Euthanasie“ und ihre Opfer (PDF; 2,6 MB), auf presse.uni-oldenburg.de</ref> Der Bestand liegt heute im Niedersächsisches Landesarchiv Abteilung Oldenburg.

Betroffen von der Euthanasie in Wehnen waren Patienten aus dem ganzen Oldenburger Land. Für einige wurden inzwischen Stolpersteine an ihren Herkunftsorten gesetzt.

Gedenkkreis Wehnen e.V.

Nach der Veröffentlichung der Doktorarbeit<ref name=":1" /> von Ingo Harms von 1996 bildete sich ein Kreis von Betroffenen, die das Schicksal ihrer in Wehnen während des Krieges verstorbenen Angehörigen mit Hilfe des Historikers erforschen wollten. Der "Gedenkkreis Wehnen e.V." schuf verschiedene Gedenkformen vor Ort:

  • Seit 2000 veranstaltet der Gedenkkreis auf dem Gelände des Landeskrankenhauses jährliche Gedenktage mit Vorträgen jeweils am 1. September. Das Datum wurde gewählt, da der "Euthanasie"-Befehl von Hitler auf dieses Datum zurückdatiert worden war.
  • Das Bronze-Mahnmal der Künstlerin Traudl Knöss entstand 2001 auf einem Rasenstück rechts vom Haupteingang des Geländes in der Nähe der heutigen Gedenkstätte. Es trägt die Inschrift: „Den Opfern der menschenverachtenden NS-Euthanasie in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Wehnen. – Die Schwachen und Kranken zu schützen ist die Würde der Gesunden“ (Abb. in<ref name=":0" />).
  • Datei:"Kissen", Konzeptzeichnung für die Traueranlage in Ofen, Susanne Schlechter 2002.jpg
    Die Traueranlage mit einem Kopfkissen aus weißem Marmor wurde 2008 verwirklicht. Angehörige von Opfern können nach Aufklärung der Schicksale Steine mit Namen beschriften lassen.
    Die Trauer- und Gedenkanlage auf dem evangelischen Friedhof des Nachbarortes Ofen, wo sich die namenlosen Patientengräber befinden, wurde 2002 von Susanne Schlechter für den Gedenkkreis konzipiert<ref>Susanne Schlechter: "Kissen". Konzept für eine Trauer- und Gedenkanlage auf dem Ofener Friedhof für mind. 1500 Patienten und Patientinnen der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen, die hier der nationalsozialistischen Euthansie zum Opfer fielen, für den Gedenkkreis Wehnen im Oktober 2002.</ref> und mit dem Oldenburger Bildhauer Marc Janzen umgesetzt, 2008 wurde die Anlage eingeweiht.<ref>Den Vergessenen steinerne Kissen, TAZ Nord, 15.8.2008, S. 17; Thymianbett für anonyme Opfer, Evangelische Zeitung, 24.8.2008, S. 1; Gedenkstein gegen das Vergessen und Verdrängen, NWZ (Ammerland), 1.9.2008, S. 35 und 23.</ref> Als Symbol für die nachträgliche Bettung der vergessenen Angehörigen dient ein Kopfkissen aus weißem Marmor, das auf weichem Thymianpolster auf der 80 m² großen Fläche liegt, zusammen mit 1500 kopfgroßen Kieselsteinen, die für die ermittelte Anzahl der im Krieg verstorbenen Patienten der Anstalt stehen. Angehörige können nach Erforschung eines Schicksals, bei der die Gedenkstätte hilft, einen dieser Steine auswählen und mit einer persönlichen Inschrift versehen lassen. Die Inschrift auf dem steinernen Kopfkissen formulierte der Gedenkkreis: „Sie haben uns hungern lassen, gequält und ermordet. Wir Angehörigen trauern um mehr als 1500 hilfsbedürftige Patienten, die in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen in den Jahren 1936 bis 1947 ihr Leben lassen mussten. Viele der Opfer liegen hier namenlos vergraben.“ Das Konzept ist auf Dauer angelegt, bis heute können Angehörige auf Wunsch weiterhin Namen eingravieren lassen.

Nach dem Jahr 2002 erfüllte das Land Niedersachsen den Wunsch des Gedenkkreises nach Räumen auf dem Gelände, um vor Ort über das Geschehene zu informieren und aufzuklären. Das leerstehende Gebäude der alten Pathologie wurde dem Gedenkkreis, der seit 2003 eingetragener Verein war, dafür zur Verfügung gestellt. Bundesweit galt Wehnen als einziger Gedenkort zur NS-"Euthanasie", der von einer Angehörigen-Gruppe initiiert und aufgebaut wurde. An anderen Orten waren es z. B. Ärzte oder Wissenschaftler.

Gedenkstätte Alte Pathologie

Datei:Gedenkstätte Wehnen Schild.jpg
Gedenkstättenschild vor der Alten Pathologie

Die ehemalige Prosektur der Heil- und Pflegeanstalt auf dem weitläufigen Gelände des früheren Niedersächsischen Landeskrankenhauses wurde seit 2002 zum Ort des Gedenkens umgestaltet. Das kleine Backsteinbauwerk mit kreuzförmigem Grundriss wurde 1880 oder 1890 errichtet und diente zunächst als christliche Leichenhalle. Ab 1936 wurde es von den nationalsozialistischen Ärzten als Pathologie genutzt. Überreste des Seziertisches und Abflüsse im Boden und die Wandfliesen aus dieser Zeit sind noch erhalten.<ref>Gedenkstätte Wehnen | Gedenkkreis Wehnen e.V. | Gedenkstätte Wehnen. Abgerufen am 28. Februar 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Im Jahr 2002 überließ die Landesregierung dem Gedenkkreis Wehnen e.V. als Initiatoren der Gedenkstätte die ungenutzte Prosektur, die inzwischen nur noch als Gärtnerlager genutzt wurde, als Mietsache. Nach Renovierungsarbeiten konnte die Gedenkstätte Alte Pathologie am 17. April 2004 ihrer Bestimmung übergeben und im Juli desselben Jahres in Betrieb genommen werden. Der historische Sezierraum im Gebäude blieb als "authentischer Ort" unangetastet.

Mit Projektförderungen der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten wurde sie als „Gedenkstätte im Dialog“ mit Präsenzbibliothek aufgebaut.<ref>Titel des ersten Prospekts, 2004</ref> Die erste Dauerausstellung entstand so von 2004 bis 2006 nach einem Konzept von Susanne Schlechter, die als Gedenkstättenleiterin während der Projekte auch an der weiteren professionellen Vernetzung der Gedenkstätte arbeitete.<ref>Susanne Schlechter: Ausstellungsdrehbuch für die Gedenkstätte 'Alte Pathologie' Wehnen. Verfasst für die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten Dezember 2004 und März 2005. Archiv der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, Celle.</ref> Zur damaligen Präsentation als Dauerausstellung gehörte eine wandgroße Topografie zur nationalsozialistischen Gesundheitspolitik des Landes Oldenburg und verschiedene Schauobjekte in Vitrinen. 2005 bis 2006 entstanden in Gesprächen mit den Angehörigen 33 "Rote Bücher" mit Patientenschicksalen, die im Zentrum der Ausstellung auf einem Bett zum Lesen ausgelegt wurden.<ref>Susanne Schlechter: Das Projekt Patientengeschichten: "Hiermit schicke ich Ihnen die Fotos meiner ermordeten Mutter...". Patientengeschichten - Ein Projekt mit Angehörigen von Opfern der NS-Euthanasie in der Gedenkstätte "Alte Pathologie" in Wehnen bei Oldenburg. In: Raimond Reiter (Hrsg.): Opfer der NS-Psychiatrie. Gedenken in Niedersachsen und Bremen. Tectum, Marburg 2007, ISBN 978-3-8288-9312-2, S. 113–122.</ref><ref>Susanne Schlechter; Ingo Wenke: Mathilde - Eine Geschichte aus dem Projekt Patientengeschichten der Gedenkstätte "Alte Pathologie in Wehnen/Oldenburg. In: Raimond Reiter (Hrsg.): Opfer der NS-Psychiatrie. Gedenken in Niedersachsen und Bremen. Tectum, Marburg 2007, ISBN 978-3-8288-9312-2, S. 123–128.</ref> Die erste Dauerausstellung bestand 10 Jahre, bis das Konzept grundlegend verändert wurde.

Dokumentiert und präsentiert werden in der Alten Pathologie heute die Zwangssterilisationen und NS-Krankenmorde in der Anstalt Wehnen während der Zeit des Nationalsozialismus. Die Schicksale der zwischen 1933 und 1947 verstorbenen Patienten werden dargelegt, ferner werden Informationen über Sterilisierte im Bereich des Erbgesundheitsgerichts Oldenburg sowie insgesamt über die „Erbgesundheitspflege“ im Gau Weser-Ems angeboten.

Die Gedenkstätte ist regelmäßig der Öffentlichkeit zugänglich. Es bestehen finanziellen Probleme zum Erhalt und zur Erweiterung der Gedenkstätte.<ref>Gerwin Möller: Boese will weiter Unruhestifter sein. In: Delmenhorster Kurier (Weserkurier). 26. September 2024, abgerufen am 26. September 2024.</ref>

Filme

  • Ein ZDF-Arte Fernsehfilm von Esther Gronenborn aus dem Jahr 2017, der die Euthanasie-Fälle in Wehnen behandelt, trägt den Titel Ich werde nicht schweigen. Nadja Uhl verkörpert darin in der Hauptrolle eine überlebende Patientin der Heilanstalt, die sich nach dem Krieg gegen den Amtsarzt wehrt.<ref>Vorlage:IMDb/1</ref>
  • "German Guilt", ein dreiteiliger Film von Boris Quatram und Thilo Mischke, dokumentiert drei familiäre NS-Spurensuchen, von denen eine die von Katja Riemann nach ihrer Großmutter, die 1945 in Wehnen starb, an die Schauplätze in Wehnen und Ofen begleitet (Produktion von PQP/P2 i. A. des ZDF 2025).

Siehe auch

Literatur

  • Ingo Harms: "Wat mööt wi hier smachten…" Hungertod und „Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen 1936-1945. BIS-Verlag (Erste Auflage: 1996), überarbeitete Auflage, Oldenburg 2008, ISBN 978-3-8142-2127-4
  • M. Roth, P. Tornow: Aufsätze zur Medizingeschichte der Stadt Oldenburg. Isensee, Oldenburg 1999, ISBN 3-89598-539-2.
  • Susanne Schlechter: "Hiermit schicke ich Ihnen die Fotos meiner ermordeten Mutter...". Patientengeschichten - Ein Projekt mit Angehörigen von Opfern der NS-Euthanasie in der Gedenkstätte "Alte Pathologie" in Wehnen bei Oldenburg. In Raimond Reiter (Hg.): Opfer der NS-Psychiatrie. Gedenken in Niedersachsen und Bremen, Marburg 2007, S. 113-128, ISBN 978-3-8288-9312-2.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

Koordinaten: 53° 10′ 10,3″ N, 8° 8′ 19,1″ O

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