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Moritz Weinberg

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Moritz Weinberg (geb. 29. September 1888 in Werther, Westfalen; gest. nach dem 18. Oktober 1944 in Auschwitz) war ein deutscher Jurist.

Familie

Moritz Weinberg stammte aus einer jüdischen Familie, aus der Aron Bendix Levi im Jahr 1808 in der westfälischen Kleinstadt Werther den festen Nachnamen Weinberg annahm.<ref>Volker Beckmann: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, hier: Stadt Werther, Kreis Gütersloh. In: Karl Hengst und Ursula Olschewski (Hrsg.): Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen (E-Book). 10 (Neue Reihe). Münster 2021, S. 782 (lwl.org [PDF]).</ref> Moritz’ Vater Bendix Weinberg (1857–1933) betrieb in Werther ein dort bereits 1798 bestehendes Geschäft für Manufaktur- und Modewaren.<ref>Alfred Weinberg (Bruder von Moritz Weinberg): Aus der Geschichte unserer Familie. 20. Mai 1938, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref> Seine Mutter war Julchen (Julia) Simons (1859–1940) aus Olfen.<ref>Archivgut: Zivilstandsregister Olfen. Bestand: Heiratsbuch, Jg. 1887. Dokument: Urkundennummer 17. Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe in Detmold. 22. November 1887. Signatur: P 9/9 Nr. 1740. Online</ref>

Moritz hatte drei Geschwister, die alle in der Shoa ermordet wurden:

Am 9. März 1924 heiratete Moritz Weinberg in der Kölner Synagoge in der Roonstraße Mathilde (Hilde) Eschelbacher aus Neuwied,<ref>Familiennachrichten. In: Kölnische Zeitung, Abend-Ausgabe. Nr. 174. Köln 8. März 1924, S. 3.</ref> deren ebenfalls jüdische Familie ursprünglich aus dem fränkischen Hardheim stammte. Ihr Vater Max Eschelbacher (geb. 30. November 1875 in Hardheim) betrieb in Neuwied eine Kolonialwaren-Großhandlung mit Kaffeerösterei in der Mittelstraße 39. Ihre Mutter war Selma Cahn (1877–1923).<ref>Familiennachrichten. In: Kölnische Zeitung, Abend-Ausgabe. Nr. 595. Köln 27. August 1923, S. 4.</ref>

Hilde hatte eine Schwester, die in der Shoa ermordet wurde:

  • Alice Eschelbacher (geb. 30. Januar 1904 in Neuwied), verehelichte May, lebte mit ihrer Familie in Berlin, von wo aus sie am 12. März 1943 ins KZ Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.<ref name="Gedenkbuch"/>

Hildes Vater, Max Eschelbacher, wurde mit dem Transport III/1 von Köln aus am 15. Juni 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert,<ref>Transportkarteikarte Ghetto Theresienstadt für Max Eschelbacher. Arolsen Archiv, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref> überlebte dort und konnte am 5. Februar 1945 zu Verwandten in die Schweiz ausreisen,<ref>Archivgut: Inhaftierungsdokumente, hier: Ghetto Theresienstadt. Bestand: Listen entlassener Juden von Theresienstadt, angekommen in Schweden und St. Gallen/Schweiz. Arolsen Archiv. 1945. Signatur: 01014201. </ref> wo er 1951 verstarb und auf dem jüdischen Friedhof in La Tour-de-Peilz beerdigt wurde.<ref>Grabstein für Max Eschelbacher (1875–1951). Ancestry Ireland, 2015, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref>

Das Ehepaar Weinberg-Eschelbacher hatte zwei Kinder: Rolf Weinberg (geb. 25. Mai 1926 Köln) und Marie Luise Weinberg (geb. 13. September 1929 in Köln).<ref name="Stolperstein">Dr. jur. Moritz Weinberg. Deutsch-Israelischer Freundeskreis Neuwied e. V., 2023, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref>

Leben

Moritz Weinberg erhielt bis zu seinem 11. Lebensjahr Privatunterricht in Werther und besuchte anschließend bis zum Abitur das Realgymnasium in Bielefeld. Am 20. April 1907 schrieb er sich zum Studium der Rechtswissenschaften an der Universität in Bonn ein. Nach zwei Semestern wechselte er an die Universität in München, danach an die Universität in Münster und legte die erste juristische Prüfung am Oberlandesgericht in Hamm ab. Seinen weiteren juristischen Vorbereitungsdienst absolvierte er vor allem in Bielefeld. Unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg legte er sein Assessor-Examen daher erst am 8. August 1919 ab und war anschließend als Hilfsrichter an den Gerichten in Dortmund, Essen und Bielefeld sowie als stellvertretender Staatsanwalt in Bochum und Essen tätig. 1920 wurde er von der Universität in Greifswald mit der 41-seitigen Arbeit Der gerichtliche Schutz von Mitgliedern nicht rechtsfähiger Vereine gegen ungerechtfertigte Ausschließung promoviert und am 28. August 1920 in Essen zum Landgerichtsrat ernannt.<ref>Moritz Weinberg: Der gerichtliche Schutz von Mitgliedern nicht rechtsfähiger Vereine gegen ungerechtfertigte Ausschließung. (Lebenslauf im Anhang). Greifswald 1921.</ref>

In Bonn war er der jüdischen Studentenverbindung Rheno-Silesia sowie in München der Licaria beigetreten.<ref name="KC-1924">Personalnachrichten. In: K.C.-Mitteilungen. Mitteilungsblatt der im Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens vereinigten Korporationen. Nr. 9. Berlin 1. November 1924, S. 8.</ref>

Moritz Weinberg absolvierte seinen Wehrdienst als Einjährig-Freiwilliger von 1912 bis 1913 im bayerischen Feldartillerie-Regiment Nr. 3 mit Garnison in München. Am 30. September 1913 wurde er dort als Offiziersanwärter der Reserve entlassen und für eine spätere Verwendung an den Train (Nachschub) überstellt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs erhielt er seine Einberufung zur bayerischen 1. Train-Abteilung und am 19. September 1914 seine Beförderung zum Leutnant der Reserve. Am 15. August 1917 zum Führer der bayerischen Leichten Munitionskolonne Nr. 50 ernannt, wurde er am 17. März 1918 zum Oberleutnant der Reserve befördert und schließlich am 21. Dezember 1918 aus der Armee entlassen. Am 21. August 1914 hatte er das Eiserne Kreuz, 2. Klasse, und am 29. Oktober 1915 den bayerischen Militärverdienstorden, 4. Klasse mit Schwertern, verliehen bekommen.<ref>Archivgut: Kriegsstammrollen, 1914–1918. Bestand: 9. Feldart.Regt Ersatz-Abteilung. Dokument: Eintragsnummer 93 für Moritz Weinberg, geb. 29. September 1888. Bayerisches Hauptstaatsarchiv. Abteilung IV Kriegsarchiv, in München. Signatur: 14157. </ref><ref>Kriegsauszeichnungen für Soldaten jüdischen Glaubens. In: KC-Blätter. Monatsschrift der im Kartell-Convent vereinigten Korporationen. Nr. 2. Berlin 1914, S. 2.</ref><ref>Kriegsauszeichnungen für Soldaten jüdischen Glaubens. In: Israelitisches Familienblatt. Nr. 47. Hamburg 25. November 1915, S. 3.</ref>

Nach dem Krieg engagierte er sich im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und übernahm dort den Vorsitz des Landesverbandes Rheinland.<ref>Günter Erckens: Juden in Mönchengladbach. Jüdisches Leben in den früheren Gemeinden Mönchengladbach, Rheydt, Odenkirchen, Giesenkirchen-Schelsen, Rheindahlen, Wickrath und Wanlo (= Beiträge zur Geschichte der Stadt Mönchengladbach. Band 25). Band 1. Mönchengladbach 1988, S. 535.</ref>

Bereits nach acht Monaten gab er seine Anstellung als Landgerichtsrat in Essen auf<ref>Justizpersonalien. In: Die Glocke. Beckumer Volkszeitung, Warendorfer Tageblatt, Wiedenbrücker Zeitung. Nr. 106, 9. Mai 1921, S. 3.</ref> und ließ sich als Rechtsanwalt kurzzeitig in Essen und danach in Köln nieder, wo er im Oktober 1924 die Zulassung beim Land- und Amtsgericht erhielt.<ref name="KC-1924"/> Seine Anwaltskanzlei befand sich im Gereonshof 38 und seit 1929 im Kaiser Wilhelm Ring 2. Die Familie selbst wohnte zusammen mit Moritz’ Schwiegervater Max Eschelbacher im eigenen Haus in der Hardefuststraße 8.<ref>Übersicht der vorhandenen Online-Adressbücher der Stadt Köln. Abgerufen am 2. Februar 2026.</ref> Seit 1923 war Weinberg zudem Mitgeschäftsführer der Firma Micaman in Bielefeld, die Isolationsmaterialien herstellte,<ref>Handelsregister-Eintragungen. In: Kölnische Zeitung, Abend-Ausgabe. Nr. 610. Köln 1. September 1921, S. 4.</ref> und von 1931 bis 1933 Präsident der Moria-Loge des B’nai B’rith in Köln.<ref name="Juden in Köln" details="S. 162–163.">Zvi Asaria: Die Juden in Köln. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Köln 1959.</ref>

Verfolgung und Ermordung

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Deutschen Reich wurde die Berufstätigkeit der jüdischen Bevölkerung weitgehend eingeschränkt. Bereits im April 1933 waren für die Kölner Gerichte überhaupt nur noch fünf jüdische Anwälte, darunter auch Moritz Weinberg, zugelassen.<ref>Die jüdischen Anwälte in Köln. In: General-Anzeiger für Bonn und Umgegend. Nr. 14660. Bonn 5. April 1933, S. 1.</ref> Anfang 1939 entschlossen sich Moritz und Hilde Weinberg, ihre Kinder mittels sogenannter Kindertransporte in Sicherheit zu bringen. Ihr Sohn Rolf reiste nach Großbritannien<ref name="Stolperstein"/> und ihre Tochter Marie Luise in die Niederlande aus. Aufgrund des Einmarsches der Deutschen Wehrmacht in die Niederlande sollte Marie Luise dort nicht länger ohne ihre Eltern bleiben und kehrte Ende 1940 nach Köln zurück.<ref>Marie Luise Weinberg. Deutsch-Israelischer Freundeskreis Neuwied e. V., 2023, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref> Noch im Juni 1940 lässt sich die Familie Weinberg in ihrem Haus in der Hardefuststraße 8 nachweisen.<ref>Archivgut: Liegenschaftsurkunden. Bestand: 495 (Preisbehörde für Grundstücke). Dokument: Dr. jur. Moritz Weinberg, Konsulent, Köln, Hardefuststraße 8, handelnd als Vertreter ohne Vertretungsmacht für Witwe Moritz Löwenstein [...]. Stadtarchiv Köln. 20. Juni 1940. Signatur: A45. </ref> Sie bemühten sich zwar beim US-Konsulat in Stuttgart um eine Ausreisegenehmigung in die Vereinigten Staaten, aber im April 1940 lagen dort noch so viele Ausreiseanträge vor, dass ein positiver Bescheid von dort für die nächste Zeit nicht zu erwarten war.<ref>Brief von Moritz Weinberg, Konsulent, Hardefuststr. 8 in Köln, an Prof. Bruno Kisch, 514 West 114 Str., Ap. 21, New York City. 29. April 1940, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref><ref>Andrea Löw: Deutsches Reich und Protektorat Böhmen und Mähren. September 1939–September 1941 (= Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Band 3). München 2012, ISBN 978-3-486-71666-5, S. 212–213.</ref> Zudem war Moritz Weinberg mittlerweile als letzter Konsulent im Kölner Oberlandesgerichtsbezirk alleine für die Verwaltung des dort beschlagnahmten Vermögens der deportierter Juden zuständig und war damit zunächst noch unabkömmlich.<ref>Michael Löffelsender: Kölner Rechtsanwälte im Nationalsozialismus (= Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Band 88). Tübingen 2015, ISBN 978-3-16-154215-2, S. 44.</ref> Mittlerweile hatte die Familie Weinberg ihr eigens Haus verloren und war in verschiedene sogenannte Judenhäuser in Köln eingewiesen worden. Bereits im Sommer 1942 lebten sie im Horst-Wessel-Platz 14 (heutiger Rathausplatz).<ref>Brief von Hilde Weinberg an ihren Sohn Rolf. Deutsch-Israelischer Freundeskreis Neuwied e. V., 7. Juni 1942, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref><ref>Reichspostdirektion Köln (Hrsg.): Amtliches Fernsprechbuch für den Bezirk der Reichspostdirektion Köln. Köln 1943, S. 184 (Stand vom 5. Januar 1943).</ref> Etwa Anfang 1943 waren die Eltern in die Neue Maastrichter Straße 3 umgezogen,<ref>Brief von Hilde Weinberg an ihren Sohn Rolf. Deutsch-Israelischer Freundeskreis Neuwied e. V., 17. Februar 1943, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref> während die Tochter Marie Luise in der Utrechterstraße 6, dem früheren jüdischen Lehrlingsheim, eingewiesen worden war<ref>Dieter Corbach: 6.00 Uhr ab Messe Köln-Deutz - Deportationen 1938–1945. Köln 1999, ISBN 978-3-921232-46-0, S. 582.</ref> und sich Weinbergs letztes Büro in einem Kellerraum der Kölner Synagoge befand.<ref name="Juden in Köln" details="S. 402."/>

Schließlich wurde das Ehepaar Weinberg zusammen mit seiner Tochter am 19. Juni 1943 mit dem Transport III/8 (Personentransportnummern 29–31) von Köln aus deportiert. Dank Weinbergs geleisteten Kriegswehrdienst und vor allem seinen Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg geschah dies zunächst nicht nach Auschwitz oder in ein anderes Vernichtungslager im damals besetzten Polen, sondern sie kamen ins Ghetto Theresienstadt.<ref>Transportkarteikarte Ghetto Theresienstadt für Moritz Weinberg. Arolsen Archiv, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref><ref>Transportkarteikarte Ghetto Theresienstadt für Hilde Weinberg. Arolsen Archiv, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref><ref>Transportkarteikarte Ghetto Theresienstadt für Marie Luise Weinberg. Arolsen Archiv, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref> 1944 erkrankte Marie Luise und wurde in die Krankenstation verlegt. Etwa Mitte Oktober erhielt die Lagerleitung den Befehl, alle dort noch befindlichen Patienten in das KZ Auschwitz zu überstellen.<ref>Robert Weinberg: Lebensgeschichte von Ralph Wingfield. Deutsch-Israelischer Freundeskreis Neuwied e. V., 2017, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref> Am 19. Oktober 1944 wurde daher Marie Luise begleitet von ihren Eltern (Personentransportnummern 650, 886 und 718) nach Auschwitz verbracht und dort ermordet.<ref>Gedenkblatt für Moritz Weinberg. Abgerufen am 2. Februar 2026.</ref><ref>Gedenkblatt für Hilde Weinberg. Abgerufen am 2. Februar 2026.</ref><ref>Gedenkblatt für Marie Luise Weinberg. Abgerufen am 2. Februar 2026.</ref>

Rolf Weinberg nahm in Großbritannien den Namen Ralph Wingfield an, lebte später in Afrika, in Neuguinea und schließlich in Australien. Er verstarb am 22. September 2021.<ref>Mathilde Weinberg. Deutsch-Israelischer Freundeskreis Neuwied e. V., 2023, abgerufen am 2. Februar 2026.</ref>

Gedenken

2013 wurden in Neuwied Stolpersteine für Moritz, Hilde und Marie Luise Weinberg verlegt.<ref>Ermordeten Nazi-Opfern gedacht. In: Rhein-Zeitung, Lokalausgabe Neuwied. Koblenz 23. August 2013 (dif-neuwied.de [PDF]).</ref> Die Familie soll dort in der Engerser Landstraße 61 gewohnt haben.<ref name="Stolperstein"/> Wann sie dort gewohnt haben soll, wurde bisher nicht veröffentlicht.

Einzelnachweise

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