Markus Gabriel
Markus Gabriel (geboren 6. April 1980 in Remagen) ist ein deutscher Philosoph, Buchautor und Vertreter des Neuen Realismus. Er lehrt seit 2009 als Professor an der Universität Bonn, leitet dort das interdisziplinäre Institute for Science and Thought und veröffentlicht neben Fachliteratur auch populärwissenschaftliche Bücher.
Leben
Berufliche Laufbahn
Gabriel studierte Philosophie, Klassische Philologie, Neuere Deutsche Literatur und Germanistik an der Fernuniversität Hagen (neben dem Zivildienst), Bonn und Heidelberg. Dort wurde er 2005 bei Jens Halfwassen und Rüdiger Bubner über die Spätphilosophie Schellings grundständig promoviert. 2005 war er Gastforscher an der Universität Lissabon, 2006–2008 Akademischer Rat auf Zeit in Heidelberg. 2008 folgte in Heidelberg seine Habilitation über Skeptizismus und Idealismus in der Antike.
2008/2009 war er Assistenzprofessor am Department of Philosophy der New School for Social Research in New York City. Seit Juli 2009 hat Gabriel den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und der Gegenwart an der Universität Bonn inne. Damit wurde er mit nur 29 Jahren zum deutschlandweit jüngsten Lehrstuhlinhaber im Fach Philosophie berufen.<ref>Andreas Fasel: Philosoph auf dem Skateboard - WELT. 21. Juli 2013, abgerufen am 12. August 2024.</ref>
Seither erhielt er Rufe an die Universität Helsinki und auf den Lehrstuhl für theoretische Philosophie an der Universität Heidelberg. Er ist regelmäßiger Gastprofessor an der Sorbonne in Paris (Paris 1-Panthéon Sorbonne), wo er gemeinsam mit Jocelyn Benoist ein Forschungszentrum über die Ansätze des Neuen Realismus in der Gegenwartsphilosophie leitet.<ref name="pantheonsorbonne">Laboratoire international associé. In: pantheonsorbonne.fr. Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne, abgerufen am 4. Dezember 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Seit 2020 ist er außerdem „Distinguished Lecturer in Philosophy and the New Humanities“ an der New School for Social Research in New York City.<ref name="newschool">Institute for Philosophy and the New Humanities. In: newschool.edu. Abgerufen am 4. Dezember 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> An der Universität Bonn leitet er das Internationale Zentrum für Philosophie NRW<ref name="izph">Prof. Dr. Markus Gabriel. In: izph.de. Abgerufen am 4. Dezember 2020.</ref> sowie das multidisziplinäre Center for Science and Thought<ref name="uni-bonn">Prof. Dr. Markus Gabriel. In: philosophie.uni-bonn.de. Abgerufen am 4. Dezember 2020.</ref>, das sich mit philosophischen Grenzfragen der gegenwärtigen Naturwissenschaften beschäftigt. 2021 war Gabriel Direktor des Programms „The Foundations of Value and Values“ der Hamburger Denkfabrik The New Institute,<ref>Perspektiven in der Krise: „Wir brauchen Drehbücher der Hoffnung“. 26. Januar 2022, abgerufen am 13. August 2022.</ref>. Von 2022 bis 2024 war er dessen Academic Director.<ref>Markus Gabriel THE NEW INSTITUTE - THE NEW INSTITUTE. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 14. Januar 2023; abgerufen am 22. November 2025 (Ab 6:23:00).</ref>
Gabriel hatte unter anderem Gastprofessuren an der UC Berkeley, der New York University sowie an vielen Universitäten in Lateinamerika und Asien inne.<ref name="uni-bonn" /> Er gilt weltweit als einer der bekanntesten deutschen Gegenwartsphilosophen, seine Schriften sind in über 15 Sprachen übersetzt worden, einige wurden zu internationalen Bestsellern. Er ist Träger des Ruprecht-Karls-Preises und des Paolo-Bozzi-Preises für Ontologie, den die Universität Turin vergibt. Außerdem erhielt er für seine Forschung Stipendien der Studienstiftung des Deutschen Volkes, des DAAD und der Alexander von Humboldt-Stiftung.
Privates
Gabriel ist mit der Lehrerin<ref>Jochen Wegner und Christoph Amend: Alles gesagt: Markus Gabriel, warum gibt es die Welt nicht? Die Zeit, abgerufen am 9. März 2026.</ref> und Sängerin<ref>Stef Boens | Listen and Stream Free Music, Albums, New Releases, Photos, Videos. Abgerufen am 24. März 2022.</ref> Stefanie Gabriel, geb. Boens, verheiratet. Der Ehe entstammen zwei Kinder.
Werk
Gabriels Werk wird dem Neurealismus und dem Spekulativen Realismus zugerechnet.<ref>Markus Gabriel (Hrsg.): Der Neue Realismus. Frankfurt 2014.</ref> Er wendet sich gegen den Physikalismus, gegen den Neurozentrismus und für den Moralischen Realismus.<ref>deutschlandfunkkultur.de: Philosoph Markus Gabriel über Moral heute - "Das Böse nimmt spürbar zu". 4. August 2020, abgerufen am 22. November 2025.</ref> 2026 wird sein Werk zur Ethik der Künstlichen Intelligenz dem Physikalismus zugerechnet.<ref>wdr.de: Ethik der KI. 2. März 2026, abgerufen am 22. März 2026.</ref>
Neurealismus
Der Neurealismus ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) wurde von Maurizio Ferraris, Mario De Caro und anderen italienischen Philosophen begründet.<ref>Maurizio Ferraris: Manifesto del nuovo realismo. Laterza: Rom 2012.</ref> Diese philosophische Position ist mit dem Spekulativen Realismus verwandt. Beide grenzen sich vor allem vom europäischen Konstruktivismus ab.
Gabriel begründet einen Realismus, den er von der älteren Metaphysik abgrenzt. Für ihn gibt es Objekte innerhalb und außerhalb des Geistes. Objekte sind also auch Gedanken über Objekte. Gemäß seiner realistischen Ontologie der Objekte umfasse die Welt neben materiellen Objekten bspw. auch Gefühle, Ideen, Konzepte und Kategorien. Sie sei nicht das Universum, in dem es nur physikalische Objekte gebe, als einer Welt neben vielen anderen. Es könne daher auch keine Weltformel geben.
Gabriel charakterisiert den Begriff der Sinnfelder,<ref>Matthias Eckoldt: Denken als sechster Sinn. In: Deutschlandfunk, 24. Januar 2019.</ref> von denen es unbegrenzt viele gebe, und entwickelt damit seine These, die Welt gebe es nicht. „Ein Überblick über das Ganze ist unmöglich, weil das Ganze nicht einmal existiert. Wir bewegen uns in einer unendlichen Vielfalt von Feldern der Erkenntnis, von »Sinnfeldern«, wie ich es nenne, die alle voneinander unterschieden sind.“<ref>(S+) »Eine Reise durch das Unendliche«. In: Der Spiegel. 30. Juni 2013, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 23. November 2025]).</ref> Während Immanuel Kant auf eine prinzipielle Unerkennbarkeit der Welt für den Menschen schließt, meint Gabriel, es gebe keine Regel, mit der alle ihre Zusammenhänge beschreibbar seien (bspw. eine Weltformel). Er kritisiert Kants Position der Unerkennbarkeit der Welt (das „Ding an sich“) mit dem Argument, dass „die Welt“ als Totalität in Wirklichkeit nicht existiere; es gebe überabzählbar viele „Sinnfelder“, in denen Objekte im Geist erscheinen (z. B. in einem naturwissenschaftlichen Sinnfeld oder in einem ökonomischen Sinnfeld). Erkenntnis geschehe stets innerhalb der Regeln des jeweiligen Sinnfeldes. Alle Phänomene – egal ob materielle oder geistige – werden in diesem Konzept eines ontologischen Pluralismus gleich behandelt. Alle Formen des Monismus (alles ist ... ) und Dualismus (es gibt entweder ... oder ...) seien daher verfehlt.
Damit kombiniert er einen ontologischen Realismus mit einem pluralistischen Realismus, also die Vorstellung, dass die Wirklichkeit teilweise unabhängig vom erkennenden Subjekt existiert, mit der Idee, dass sie keinen umfassenden Zusammenhang bildet. Damit werde ein naturwissenschaftlicher Fundamentalismus, den er bei Stephan Hawking findet, oder Materialismus ebenso wie die rein konstruktivistische Position der Erkenntnistheorie vermieden.
Eine einführende Gesamtdarstellung seiner Position zur Ontologie veröffentlichte Gabriel 2013 mit Warum es die Welt nicht gibt, dem ersten Band einer für die breitere Öffentlichkeit geschriebenen Trilogie.
Anti-Neurozentrismus
In der zweiten Schrift der Trilogie Ich ist nicht Gehirn: Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert (2015) wies er die Ansprüche einiger Hirnforscher zurück, eine biologisch-organische Erklärung des Denkens zu finden. Der Sinn des Denkens (2018) greift die Erwartung an, künstliche Intelligenz würde jemals denken können. Mit diesen Positionen steht Gabriels Neuer Realismus dem Spekulativen Realismus nahe.
Anti-Physikalismus
In zwei Bänden hat Gabriel seine realistisch-pluralistische Ontologie ausführlich philosophisch positioniert und in der Fachdiskussion verteidigt: Sinn und Existenz. Eine realistische Ontologie (2016) und Fiktionen (2020).
Seine Abgrenzung von der philosophischen Strömung des Radikalen Konstruktivismus ebenso wie von der Systemtheorie Luhmanns legt Gabriel ausführlich in dem Buch Die ewige Wahrheit und der Neue Realismus. Gespräche über (fast) alles, was der Fall ist (2019) dar. Dieses Gesprächsbuch mit dem Wissenschaftsautor Matthias Eckoldt gibt einen umfassenden Überblick über Gabriels Denken und diskutiert unter anderem auch seinen Wahrheitsbegriff in Anlehnung an Karl Popper: „Wenn bei der Wahrheitsfindung etwas narrativ allzu elegant ist, spricht dies tendenziell dagegen, dass da die Wahrheit liegt, weil es [sich] uns als zu wenig fallibel, also als zu wenig irrtumsanfällig darstellt. Da hat Karl Popper etwas Richtiges gesehen mit seinem Fallibilismus.“<ref name="Gabriel 113">Gabriel / Eckoldt: Die ewige Wahrheit und der Neue Realismus. Gespräche über (fast) alles, was der Fall ist. Carl Auer, Heidelberg 2019, ISBN 978-3-518-58748-5, S. 113.</ref> In seinem Buch Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann. Ein Konzept für einen Fortschrittsoptimismus und eine neue Aufklärung. (2026) vertritt Gabriel Kerngedanken des Physikalismus.
Moralischer Realismus
Der moralische Realismus besagt, dass es objektive Tatsachen gibt, die moralischen Wahrheiten entsprechen. Er ist eine Grundposition der Metaethik.<ref>Christoph Halbig: Was ist moralischer Realismus?: Zur Topographie eines Problemfeldes. In: Was ist wirklich? De Gruyter, 2013, ISBN 978-3-11-032314-6, S. 277–298, doi:10.1515/9783110323146.277.</ref> Gabriel meint, dass es objektive, unserem Geist inhärente Tatsachen gibt, die vorgeben, wie wir moralisch handeln. Aufgrund komplizierter Einbettungen in nicht-moralische Zusammenhänge seien aber nicht alle moralischen Tatsachen leicht erkennbar. Deshalb müssten alle wissenschaftlichen Disziplinen kooperieren, um das moralisch Richtige zu finden.
Anthropologie
In seinem Werk „Der Mensch als Tier. Warum wir trotzdem nicht in die Natur gehören“ (2022) entwickelt Gabriel die Position, dass Menschen die einzigen Tiere sind. Gemäß der „Projektionsthese“ macht sich der Mensch „ein Bild seiner selbst, in dem das Tiersein ein Mangelbegriff ist, weil es durch die Besonderheit ergänzt werden muss. Sodann stellt er sich vor, dass die anderen Tiere damit Menschen ohne diese Besonderheit und mithin Mängelwesen sind. Doch genau damit verfehlt man die Besonderheit der anderen Lebewesen und beginnt, die menschliche Nische, unsere Umwelt, mit der Natur an sich zu identifizieren.“<ref>"Der Mensch als Lebewesen" (2022), S. 58.</ref> Das heißt: Mensch = Tier + X (wobei X = Vernunft), und umgekehrt: Tier = Mensch − X (wobei X = Vernunft).<ref>René Scheu: Worin wir Menschen irren. 9. Januar 2023, abgerufen am 23. November 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Das Buch wurde breit rezipiert.<ref>Ralf Julke: Der Mensch als Tier: Unser zwiespältiges Dasein als zur Erkenntnis befähigtes Lebewesen · Leipziger Zeitung. In: Leipziger Zeitung. 6. Dezember 2022, abgerufen am 22. November 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Hilal Sezgin: "Der Mensch als Tier" von Markus Gabriel: Die Metaphysik des Regionalprodukts. In: zeit.de. 11. Dezember 2022, abgerufen am 27. Januar 2024.</ref><ref>Markus Gabriel und sein Buch „Der Mensch als Tier“ – Wir sind das einzige Tier des Universums. In: swr.online. (swr.de [abgerufen am 22. November 2025]).</ref>
Positionen
Markus Gabriel kritisierte den öffentlichen Umgang mit Philosophie, deren Positionen durch die Medien vergröbert würden. Während er Richard David Precht allenfalls für einen überschätzten Populärphilosophen hält, verteidigt er Svenja Flaßpöhler und Julian Nida-Rümelin, weil sie als Philosophen öffentlich ihre Positionen zur Corona-Debatte äußerten. Er selbst sprach sich für eine Impfpflicht aus.<ref>Tobias Becker: (S+) Markus Gabriel zur Corona-Debatte: »Anders als Precht würde ich Karl Lauterbach als Philosophen bezeichnen«. In: Der Spiegel. 7. Dezember 2021, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 23. November 2025]).</ref>
Gabriel übt ökonomische und moralische Kritik an den sozialen Plattformen und Medien. In einem ausführlichen Gespräch mit dem Philosophen René Scheu sagte er: „Notorische User arbeiten in der Aktivzeit nicht für sich, sie arbeiten für andere. Das erkennen Sie mitunter daran, dass sie am Abend total erschöpft sind. Sie verrichten entfremdete Arbeit für kalifornische Softwarekonzerne.“ Deshalb fordert er einen Mindestlohn für Internet-User. Im Speziellen über Twitter sagt er: „Ich halte Twitter für eins der demokratiegefährdendsten Systeme überhaupt. Es ist geradezu unmoralisch, auf Twitter zu sein.“ Denn Twitter habe nichts mit Nachrichten zu tun, es sei nichts anderes als „geballte, in kurze Sätze verpackte Aggression“. Und weiter: „Da werden Leute gegeneinander aufgehetzt und Institutionen fertiggemacht. Die Frage wäre, ob wir Twitter nicht sogar in der jetzigen Form verbieten müssten.“<ref>René Scheu streitet mit dem Philosophen Markus Gabriel über soziale Medien (blick.ch)</ref>
Gabriel plädiert für das Konzept des ethischen Kapitalismus als Zukunftsmodell, um den vermeintlichen Widerspruch zwischen Ethik und kapitalistischer Praxis zu überwinden. Der Kapitalismus habe trotz seiner teilweise kritisierten Eigenschaften wie soziale Kälte und Zynismus bedeutende Errungenschaften wie Massenwohlstand und technologische Innovationen hervorgebracht. Dennoch würden die freien Märkte nicht von alleine zu ethisch vertretbaren Ergebnissen führen.<ref>«Die Zukunft gehört dem ethischen Kapitalismus», sagt Markus Gabriel. Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik, 26. Oktober 2023, abgerufen am 17. Oktober 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Öffentliche Wahrnehmung
Gabriel wurde einer breiteren Öffentlichkeit erstmals durch seine Zusammenarbeit mit dem Philosophen Slavoj Žižek bekannt, mit dem er 2009 ein Buch über Subjektivität im Deutschen Idealismus veröffentlichte. Der erste Band seiner populärphilosophischen Trilogie, Warum es die Welt nicht gibt (2013), wurde dann ein internationaler Bestseller. Die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung attestierten diesem Buch, fundamentale philosophische Fragestellungen anschaulich und massentauglich „auf hohem Niveau“ aufzubereiten.<ref>Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt: Das Heidegger-Vehikel läuft noch recht gut. 23. Juli 2013, abgerufen am 22. November 2025.</ref> Bert Rebhandl kommentierte hingegen im österreichischen Der Standard, das Werk sei eine „Mogelpackung“<ref name="standard">Mogelpackung eines Erkenntnisoptimisten. standard.at, 13. September 2013, abgerufen am 22. November 2025.</ref>, in der „Gabriel als Intellektueller eine dürftige Figur“ abgebe.
Der Philosoph Peter Baumann, Professor am Swarthmore College, veröffentlichte 2010 in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie eine äußerst negative Rezension zu Gabriels Buch An den Grenzen der Erkenntnistheorie. Baumann fasste am Ende der Rezension zusammen: „Zahlreiche der Interpretationen sind sehr fragwürdig. Schwerwiegender noch ist der Mangel an Argumenten und die Vielzahl argumentativer Sprünge und Konfusionen. Die Palette der Mängel und Schnitzer reicht von simplen Fehlern im Kleinen bis hin zu offener Inkonsistenz an zentraler Stelle.“<ref>Peter Baumann: Begrenzte Erkenntnisse? In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie. Band 58, Nr. 3, 1. Juli 2010, S. 483–489, doi:10.1524/dzph.2010.0038 (swarthmore.edu [abgerufen am 11. Januar 2021]).</ref>
Die Philosophen Catharine Diehl und Tobias Rosefeldt argumentierten in einer Kritik an Gabriels Neuem Realismus, „dass die meisten von Gabriels Thesen verschiedene Lesarten zulassen, von denen die einen akzeptabel, aber philosophisch wenig originell, die anderen dagegen unplausibel und schlecht begründet sind“.<ref>Catharine Diehl, Tobias Rosefeldt: Gibt es den neuen Realismus?, Philosophisches Jahrbuch 122/1, 2015, S. 126–145 (Preprint)</ref> Gabriel antwortete im selben Band ausführlich auf diesen Vorwurf, wobei er Diehl und Rosefeldt einen Zitierfehler und inhaltliche Fehler und Missdeutungen vorwirft.<ref>Markus Gabriel: Repliken auf Diehl/Rosefeldt, Hübner, Rödl und Stekeler-Weithofer. In: Thomas Buchheim (Hrsg.): Jahrbuch-Kontroversen 2. Markus Gabriel: Neutraler Realismus. Karl Alber, Freiburg/München 2016, S. 165–222.</ref> In einer Replik verteidigten Diehl und Rosefeldt ihren Eindruck, dass Gabriels Thesen unklar, kaum durch Argumente gestützt und einer philosophischen Fachdiskussion nicht angemessen seien.<ref>Catharine Diehl, Tobias Rosefeldt: Antwort auf Gabriel. In: Thomas Buchheim (Hrsg.): Jahrbuch-Kontroversen 2. Markus Gabriel: Neutraler Realismus. Karl Alber, Freiburg/München 2016, S. 230 ff.</ref>
Der amerikanische Philosoph John Searle von der Universität Berkeley meinte 2016, Markus Gabriel sei „momentan der beste Philosoph in Deutschland“.<ref>In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 34, 28. August 2016, S. 44 (Interview mit Christine Brinck).</ref> Searle vertritt eine Gabriels Neuem Realismus nahestehende Position.
Der Philosoph Michael Pauen, Professor für Philosophie des Geistes an der Humboldt-Universität zu Berlin, bezeichnete Gabriel 2016 in einer sehr negativen Rezension zu dessen Buch Ich ist nicht Gehirn scherzhaft und geringschätzig als „Hochgeschwindigkeitsphilosoph“, der sich nicht eingehend mit dem tatsächlichen Stand der Diskussion, sondern lediglich „mit den Ladenhütern von vorgestern oder gar mit irgendwelchen Vogelscheuchen, die an die Stelle ernst zu nehmender Theorien treten“, beschäftigt habe. Pauen bezog sich bei dieser Kritik nicht auf etwaige Differenzen zwischen seinen und Gabriels philosophischen Ansichten. Der Tenor von Pauens Rezension war vielmehr, dass Gabriel sich vollmundig über philosophische Theorien und Themen äußere, von denen er nicht hinreichend viel verstehe.<ref>Michael Pauen: Schwindelerregend. In: Die Zeit. 28. Januar 2016, abgerufen am 11. Oktober 2020.</ref> Auch die Philosophin Petra Gehring von der TU Darmstadt äußerte sich in einer FAZ-Rezension überwiegend negativ zu Gabriels Buch. Gehring schrieb u. a.: „Eher unkonzentrierte Problemreferate werden durch Polemik aufgepeppt, bis das Buch schließlich in einer Suada gegen ‚Neuromanie‘ und ‚Darwinitis‘ und mit vielen Ich-Bekenntnissen zur Freiheit endet.“ Darüber hinaus wies Gehring auch auf die „beachtliche Menge an Tippfehlern und Sprachschludrigkeiten“ in Gabriels Buch hin.<ref>Petra Gehring: Unbewusstes bitte nur in kleinen Dosen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. Januar 2016.</ref> Charles Taylor von der McGill University attestierte Gabriels Buch, die „flaws and contradictions in reductive theories of mind, based on natural science“<ref name=":0"></ref> nachgewiesen zu haben. Huw Price von der Universität Cambridge bezeichnete Gabriel anlässlich der englischen Publikation seines Buchs Der Sinn des Denkens als „that rare beast, a serious academic philosopher with the wit and talent to write for non-academic audiences – the German equivalent of Simon Blackburn.“<ref name=":0" />
Der Publizist René Scheu von der NZZ nannte Gabriel 2020, mit Blick auf seine beiden Bücher Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten und Fiktionen, einen „genuin originellen Denker, der mit den Klassikern auf Augenhöhe verkehrt“.<ref>René Scheu: Der Philosoph Markus Gabriel über Corona, Wahrheit und Moral. In: NZZ. 27. Oktober 2020, abgerufen am 22. November 2025.</ref>
Der Literaturkritiker Günter Kaindlstorfer beschreibt, das Erfrischende an Markus Gabriels Ethik sei der Umstand, dass er im Gegensatz zu den postmodernen Begriffsverwirrern klare Vorstellungen davon formuliere, was ethisch geboten sei und was nicht. Gabriel schrecke auch vor umstrittenen Themen wie Abtreibung und linker Identitätspolitik nicht zurück.<ref>Günter Kaindlstorfer: Markus Gabriel - Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert. In: SWR 2. 1. September 2020, abgerufen am 14. Juni 2021.</ref> In einer Rezension schrieb Kaindlstorfer, Gabriel befleißige sich einer wohltuend klaren und verständlichen Sprache, was die Lektüre des Buchs Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten zu einer streckenweise wirklich anregenden Erfahrung mache.<ref>Streamingdienste, moralischer Fortschritt, Datenmonopole und die Argonautensage | FR | 06 11 2020 | 9:05. In: orf.at. 6. November 2020, abgerufen am 14. Juni 2021.</ref><ref>Sachbücher im September. In: orf.at. 26. September 2020, abgerufen am 14. Juni 2021.</ref>
Christian Weidemann, Philosoph an der Ruhr-Universität Bochum, veröffentlichte hingegen im selben Jahr eine extrem negative Rezension zu Gabriels Buch Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Obwohl Weidemann selbst – wie Gabriel – einen moralischen Realismus vertritt, attestierte er Gabriel u. a. zahlreiche sachliche Fehler sowie eine schludrige Sprache und wies auf viele argumentative Schwächen in Gabriels Buch hin. Er resümierte: „Die Vorstellung, dass Menschen Gabriels Werk lesen und es für ein Muster an philosophischer Differenzierungskunst halten könnten, ist Stoff für Albträume“.<ref>Christian Weidemann: Markus Gabriels Ethik-Bestseller zu Corona-Krise. Abgerufen am 26. August 2020.</ref>
Der Philosoph Peter Neumann rezensierte dieses Werk hingegen in der Zeit lobend als gelungene Kritik am „postmodernen Unsinn“.<ref>Peter Neumann: Jetzt mal realistisch bleiben. In: Die Zeit. 3. August 2020, abgerufen am 30. November 2020.</ref>
Gabriel trat im Zuge seiner Buchveröffentlichungen seit 2013 weltweit vermehrt in Radio- und TV-Sendungen auf.<ref>Markus Gabriel bei IMDb</ref>
Werke
Monographien
- Der Mensch im Mythos: Untersuchungen über Ontotheologie, Anthropologie und Selbstbewußtseinsgeschichte in Schellings „Philosophie der Mythologie“. In: Quellen und Studien zur Philosophie. Band 71. Walter de Gruyter, Berlin/New York City 2006, ISBN 3-11-019036-2.
- Antike und moderne Skepsis zur Einführung. Junius, Hamburg 2008, ISBN 978-3-88506-649-1.
- Markus Gabriel, Slavoj Žižek: Mythology, Madness, and Laughter: Subjectivity in German Idealism. Continuum, New York/London 2009, ISBN 978-1-4411-9105-2.
- Sinn und Existenz - Eine realistische Ontologie. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-29716-2.
- Neutraler Realismus. In: Thomas Buchheim (Hrsg.): Jahrbuch-Kontroversen 2. Verlag Karl Alber, 2017.
- Peter Gaitsch, Sandra Lehmann, Philipp Schmidt (Hrsg.): Eine Diskussion mit Markus Gabriel. Phänomenologische Positionen zum Neuen Realismus. Turia + Kant, Wien/Berlin 2017, ISBN 978-3-85132-858-5.
- Der Geist untersteht nicht den Naturgesetzen, sondern seinen eigenen Gesetzen. In: Matthias Eckoldt (Hrsg.): Kann sich das Bewusstsein bewusst sein? Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2017, ISBN 978-3-8497-0202-1.
- Markus Gabriel, Malte Dominik Krüger: Was ist Wirklichkeit? Neuer Realismus und Hermeneutische Theologie. Mohr Siebeck, Tübingen 2018, ISBN 978-3-16-156598-4, urn:nbn:de:101:1-2018101713575527724178.
- Markus Gabriel, Csaba Olay: Welt und Unendlichkeit. Ein deutsch-ungarischer Dialog in memoriam László Tengelyi. Hrsg.: Sebastian Ostritsch. Verlag Karl Alber, Freiburg 2018, ISBN 978-3-495-48853-9.
- Markus Gabriel, Matthias Eckoldt: Die ewige Wahrheit und der Neue Realismus: Gespräche über (fast) alles, was der Fall ist. Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2019, ISBN 978-3-8497-0312-7.
- Neo-Existentialismus. Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2020, ISBN 978-3-495-49047-1.
- Fiktionen. Suhrkamp, Berlin 2020, ISBN 978-3-518-58748-5.
- Redliches Denken: Grundlagen der Ethik aus philosophischer Sicht : ein Essay. West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung, Würzburg 2020, ISBN 978-3-9819150-5-1.
- Markus Gabriel, Gert Scobel: Zwischen Gut und Böse: Philosophie der radikalen Mitte. Edition Körber, Hamburg 2021, ISBN 978-3-89684-287-9.
- Die Macht der Kunst. Merve, Leipzig 2021, ISBN 978-3-88396-341-9 (Originaltitel: Le pouvoir de l’art. Übersetzt von Max Seeth).
- Markus Gabriel, Graham Priest: Everything and Nothing. Polity Press, Cambridge 2022, ISBN 978-1-5095-3746-4.
- Der Mensch als Tier: Warum wir trotzdem nicht in die Natur passen. Ullstein, Berlin 2022, ISBN 978-3-550-20117-2.
- Liebe Kinder oder Zukunft als Quelle der Verantwortung. Kjona, München 2023, ISBN 978-3-910372-08-5.
- Gutes tun - Wie der ethische Kapitalismus die Demokratie retten kann. Ullstein, Berlin 2024, ISBN 978-3-550-20311-4.
- Moralische Tatsachen. Warum sie existieren und wie wir sie erkennen können. C.H.Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-83747-0.
- Ethische Intelligenz: Wie KI uns moralisch weiterbringen kann. Ullstein, Berlin 2026, ISBN 978-3-550-20461-6 (192 S.).
Populärwissenschaftliche Bücher
- Warum es die Welt nicht gibt, Ullstein, 2013, ISBN 978-3-548-37568-7.
- Ich ist nicht Gehirn: Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert, Ullstein, 2015, ISBN 978-3-548-37680-6.
- Der Sinn des Denkens. Ullstein, Berlin 2018, ISBN 978-3-550-08193-4.
- Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten: universale Werte für das 21. Jahrhundert. Ullstein, Berlin 2020, ISBN 978-3-550-08194-1 (auch Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2021).
- Markus Gabriel, Christoph Horn, Anna Katsman, Wilhelm Krull, Anna Luisa Lippold, Corine Pelluchon und Ingo Venzke: Auf dem Weg zu einer Neuen Aufklärung: Ein Plädoyer für zukunftsorientierte Geisteswissenschaften, The New Institute. Interventions, Hamburg 2022, ISBN 978-3-8376-6635-9.
- Sätze über Sätze. ABC des wachen Denkens. Kuratiert, redigiert und ediert von René Scheu. Kein & Aber, Zürich 2023, ISBN 978-3-0369-5021-1.
Editionen (Herausgeber, Mitherausgeber bzw. Mitbearbeiter)
- Jens Halfwassen, Markus Gabriel, Stephan Zimmermann (Hrsg.): Philosophie und Religion. Winter, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-8253-5863-1 (Konferenzschrift, 2008).
- Markus Gabriel (Hrsg.): Skeptizismus und Metaphysik. Akad.-Verl., Berlin 2011, ISBN 978-3-05-005171-0.
- Markus Gabriel, Stefan Heyne (Illustrator): Stefan Heyne - Naked light: die Belichtung des Unendlichen. Hrsg.: Gisbert Porstmann. Hatje Cantz, Ostfildern 2014, ISBN 978-3-7757-3841-5 (anlässlich der Ausstellung Stefan Heyne - Naked Light. Die Belichtung des Unendlichen, Städtische Galerie Dresden - Kunstsammlung, 14. Juni bis 14. September 2014).
- Markus Gabriel (Hrsg.): Der Neue Realismus. Suhrkamp, Berlin 2014, ISBN 978-3-518-29699-8 (Konferenzschrift, 2013).
- Erwin Wurm, Björn Egging, Markus Gabriel: Erwin Wurm - Fichte. Hrsg.: Ralf Beil. Kunstmuseum Wolfsburg, Baden-Baden 2015, ISBN 978-3-945364-04-8.
- Markus Gabriel, Wolfram Hogrebe, Andreas Speer (Hrsg.): Das neue Bedürfnis nach Metaphysik = The new desire for metaphysics. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2015, ISBN 978-3-11-044129-1.
- Matthias Eckoldt: Kann sich das Bewusstsein bewusst sein? Gespräche mit Dirk Baecker, Markus Gabriel, John-Dylan Haynes, Philipp Hübl, Natalie Knapp, Christof Koch, Georg Kreutzberg, Klaus Mainzer, Muhô Nölke, Michael Pauen, Johannes Wagemann und Harald Walach. Heidelberg 2017.
- Philip Freytag: Die Rahmung des Hintergrunds : eine Untersuchung über die Voraussetzungen von Sprachtheorien am Leitfaden der Debatten Derrida - Searle und Derrida - Habermas. Hrsg.: Markus Gabriel. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-465-04358-4.
- Markus Gabriel, Jan Voosholz (Hrsg.): Top-Down Causation and Emergence. Springer Nature Switzerland AG, Cham 2021, ISBN 978-3-03071898-5.
Sekundärliteratur
- Albert Meier: Fakten und Interpretationen - Interpretationen und Fakten. Philologisch-philosophische Bemerkungen in Sachen Neuer Realismus. 2018.
Weblinks
- Literatur von und über Markus Gabriel im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Werke von und über Markus Gabriel in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Markus Gabriel an der Universität Bonn, Lehrstuhl für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart.
- Private Website: https://markus-gabriel.com/
- Kurzbiografie und Rezensionen zu Werken von Markus Gabriel bei Perlentaucher
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Gabriel, Markus |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Philosoph und Autor |
| GEBURTSDATUM | 6. April 1980 |
| GEBURTSORT | Remagen |