Operation Flavius
Die Operation Flavius (Flavius war der Name des in Spanien geborenen antiken römischen Kaisers Theodosius I.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Information auf der Webseite von www.wissen.de ( vom 21. Juli 2010 im Internet Archive) Abgerufen am 4. Dezember 2010</ref>) wurde von Soldaten des Special Air Service (SAS), einer britischen Spezialeinheit, in Gibraltar am 6. März 1988 durchgeführt. Daniel McCann, Seán Savage und Mairéad Farrell von der Active Service Unit (ASU), einer Abteilung der IRA, bereiteten den Anschlag mit einer Autobombe anlässlich eines Wachwechsels vor der Residenz des Gouverneurs von Gibraltar vor. Während der Vorbereitung des Anschlags wurden die drei Personen von einer SAS-Einheit<ref>The Irish Times vom 2. Februar 2008. Abgerufen am 4. Dezember 2010</ref> erschossen.<ref name="Urteil" details="§§ 15, 17(c) und (d)">McCann and Others v United Kingdom | Series A, No 324, Application No 18984/91(1995). In: UK Law Online. Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 24. März 2015; abgerufen am 2. Januar 2026.</ref> Dies soll geschehen sein, weil der SAS falsch informiert war und annehmen musste, dass die Bombe bereits platziert und zur Detonation über eine Fernzündung vorbereitet war.<ref name="Urteil" details="§ 52" />
IRA-Planung
Die Erschießungen ereigneten sich in der Nähe der Shell-Tankstelle in der Winston Churchill Avenue, der vielbefahrenen vierspurigen Hauptstraße, die von Gibraltar über die Flughafenlandebahn zur spanischen Grenze führt. Die drei IRA-Aktivisten bewegten sich in Gibraltar, um in der von parkenden Autos überfüllten Stadt einen geeigneten Parkplatz für ihr Fahrzeug mit Autobombe zu suchen. Sie bereiteten einen Anschlag auf eine militärische Musikkapelle des 1st Battalion Royal Anglian Regiments vor, die sich auf der Rückkehr von einer Tour in Nordirland befand.<ref>1988: IRA gang shot dead in Gibraltar. In: news.bbc.co.uk. 7. März 1988, abgerufen am 24. Februar 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Auf dem Weg dorthin wurde McCann als Erster von den zivil gekleideten Soldaten des SAS mit Maschinenpistolen erschossen, als er nach seinem Gepäck griff. Das SAS-Team nahm an, dass er den Auslöser der Fernsteuerung zur Bombendetonation betätigen wollte,<ref name="Urteil" details="§ 61" /> und Farrell ereilte das gleiche Schicksal, wie auch Savage, als sie nach ihrem Handgepäck griffen.<ref name="Urteil" details="§ 78" /> McCann wurde fünfmal, Farrell achtzehnmal und Savage zwischen sechzehn- und achtzehnmal von Kugeln getroffen.<ref name="Urteil" details="§§ 108–110" /> Es stellte sich heraus, dass die drei Erschossenen unbewaffnet waren und keine Fernsteuerungsgerätschaften bei sich trugen.
Das Bombenmaterial, 64 kg Semtex, wurde später von der spanischen Polizei in einem Fahrzeug in Marbella sichergestellt.<ref name="Urteil" details="§ 99" />
Attentat auf dem Milltown-Friedhof und Corporals-Killing
Zehn Tage nach dem Ereignis in Gibraltar wurden während der Beisetzung der drei Getöteten auf dem Milltown-Friedhof in Belfast drei Personen, darunter ein IRA-Aktivist, von Michael Stone, einem loyalistischen Fanatiker der Ulster Defence Association (UDA), durch Pistolenschüsse getötet und etwa 60 Trauergäste durch zahlreiche explodierende Handgranaten verletzt, die er in die trauernde Menge warf.
Drei Tage nach dem Anschlag auf die Trauergemeinde kam es im Zusammenhang mit der Beisetzung einiger IRA-Mitglieder zu einem Ereignis, das in Großbritannien als Corporals-Killing bekannt wurde: Die Corporale der britischen Armee David Howes und Derek Wood<ref name="T284">Taylor, Peter. Brits: The War against the IRA. London: Bloomsbury, 2001. 284. ISBN 0-7475-5007-7, Seite 284.</ref> fuhren am 19. März 1988 in Belfast in Zivilkleidung in eine Trauergemeinde bei einer Beerdigung.<ref>Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref> Die Menschenmenge glaubte zunächst an einen versuchten Terroranschlag und lynchte die Briten<ref name="Lost Lives">Lost Lives 2007 Edition, Seiten 1121–24. ISBN 978-1-84018-504-1</ref>. Der Vorfall wurde teilweise gefilmt und erregte landesweites Interesse in Irland und Großbritannien.
Mediale Darstellung
Erste Meldungen
Die mediale Darstellung der Tötung variierte im Zeitlauf stark. Laut den ersten Medienberichten vom 6. März, die auf Informationen des britischen Verteidigungsministeriums zurückgingen, hatten zivile Polizisten eine Bombe gefunden und in diesem Zusammenhang drei Verdächtige erschlossen. Am Abend desselben Tages vermeldete das Ministerium, Soldaten seien bei der „Schießerei“ involviert gewesen, diese hätten auch die Bombe entschärft. Die BBC sprach daraufhin von „Schusswechseln“.<ref>David Miller: The Media on the Rock: The Media and the Gibraltar Killings. In: Bill Rolston (Hrsg.): The Media and Northern Ireland. Covering the Troubles. MacMillan, Houndmills, London 1991, ISBN 978-1-349-11279-1, S. 70 (academia.edu): „At 21.00 the MoD said that ‚security forces were involved in the shootings and that military personnel dealt with a supect bomb‘ The MoD statement came too late for the BBC 21.00 bulletin and they continued to refer to ‚police‘ rather than ‚British soldiers‘. Nevertheless, they were much more certain about what had happened: ‚Police in Gibraltar have shot dead three suspected Irish terrorists. They’ve also defused a car bomb … It was said ot have 500 pounds of explosives packed inside. Official sources said the bomb appeared to have been prepared to go off on Tuesday … They were challenged by, it appears, plain-clothed policemen … Then the shoot-out happened‘ (BBC1, 21.00, 6 March 1988).“</ref>
Am folgenden Tag korrigierte der britische Verteidigungsminister Geoffrey Howe, dass keine Bombe gefunden worden sei und die IRA-Leute unbewaffnet gewesen seien. Die Soldaten hätten jedoch annehmen müssen, dass die IRA-Mitglieder bewaffnet seien oder eine Fernzündung bei sich trügen, und hätten daher nach „verdächtigen Bewegungen“ der IRA-Leute das Feuer eröffnen müssen. Britische Medien korrigierten ihre Darstellung nicht. Auch andere Politiker blieben zunächst bei der ursprünglichen Version.<ref>David Miller: The Media on the Rock: The Media and the Gibraltar Killings. In: Bill Rolston (Hrsg.): The Media and Northern Ireland. Covering the Troubles. MacMillan, Houndmills, London 1991, ISBN 978-1-349-11279-1, S. 70 f. (academia.edu).</ref>
Death on the Rock
Einen Monat nach der Operation Flavius sendete das Independent Television (ITV), ein britisches Fernseh-Netzwerk, auf Thames Television die Dokumentation Death on the Rock. In dieser wurde der Tathergang korrekt dargestellt. Darüber hinaus sagten Augenzeugen aus, dass nach ihrer Wahrnehmung die unbewaffneten IRA-Leute ihre Hände erhoben hätten und dennoch erschossen worden seien (so unter anderem die Augenzeugin Carmen Proetta), und dass die IRA-Leute von SAS-Soldaten aus nächster Nähe weiter beschossen worden seien, als sie bereits am Boden lagen.<ref name="Miller1988-25">David Miller, Dave Maguire: Truth on the Rock. The Media and the Gibraltar Shooting. In: Irish America Magazine. 1988, S. 22–28, hier 25 (academia.edu).</ref>
Im Vorfeld versuchte der britische Außenminister erfolglos, die Ausstrahlung der Sendung zu verzögern;<ref name="Miller1988-25" /> nach Ausstrahlung wurde sie heftig von weiteren Angehörigen der britischen Regierung kritisiert.<ref>Death on the Rock. In: The Museum of Broadcast Communications. 28. April 1988, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 6. Juli 2009; abgerufen am 1. Februar 2026.</ref> Als einige Monate später einer der interviewten Augenzeugen seine Aussage widerrief, brachte die Regierung Thames Television dazu, die Sendung von einer unabhängigen Untersuchungskommission untersuchen zu lassen. Die beiden mit der Untersuchung Betrauten wiesen die Vorwürfe zurück, die Dokumentation sei vorurteilsbehaftet.<ref>David Miller: Don’t Mention the War. Northern Ireland, Propaganda and the Media. Pluto Press, London, Boulder 1994, ISBN 0-7453-0835-X, S. 46.</ref> Sie beurteilten sie als „treffsicheres“ journalistisches Werk, das „in gutem Glauben und vorurteilslos“ produziert worden sei.<ref>Übersetzt nach David Windelsham, Richard Rampton: The Windelsham–Rampton Report on „Death on the Rock“. Faber and Faber, London 1989, ISBN 978-0-571-14150-0, S. 144.: „trenchant“; „in good faith and without ulterior motives“.</ref>
Parallel griffen britische Boulevardzeitungen andere aussagende Personen an, um die Sendung in Misskredit zu bringen. Die Sun beispielsweise titelte „The Tart of Gib“ und behauptete, Proetta sei eine anti-britische ehemalige Prostituierte, die eine Escort-Agentur betreibe und mit einem Kriminellen verheiratet sei. Weitere Zeitungen übernahmen ähnliche Vorwürfe. Nichts davon entsprach der Wahrheit. Proetta verklagte erfolgreich mehrere Zeitungen und erhielt geschätzt £350.000 Schadenersatz.<ref>David Miller, Dave Maguire: Truth on the Rock. The Media and the Gibraltar Shooting. In: Irish America Magazine. 1988, S. 22–28, hier 25–27 (academia.edu).
John Pilger: Hidden Agendas. The New Press, New York 1998, ISBN 1-56584-520-X, S. 210−212 (archive.org).
Paul Donovan: Speaking ill of the dead. In: The Guardian. 11. August 2003, abgerufen am 2. Januar 2026.</ref>
Nachdem Teile von Death on the Rocks in den USA in einer Dokumentations-Fernsehsendung gezeigt wurden, fragte John J. O’Connor von der The New York Times im Jahr 1989: „Wurde das IRA-Trio – sorgfältig seit Tagen observiert – in Wirklichkeit nach Gibraltar gelockt? Warum versäumte die Polizei die Leichen zu fotografieren oder forensische Beweise zu sammeln? Warum wurden der Presse – die britische Boulevardpresse jubelte – Lügen über eine riesige Autobombe erzählt, die entschärft wurde, und über drei Verdächtige, die in einer Schießerei getötet wurden? Die untertriebene Feststellung dieser Fernseh-Dokumentation: ‚Es gab einen starken Anschein der Vertuschung und Desinformation durch die Regierung.‘“<ref>Übersetzt nach John J. O'Connor: Review/Television; An I.R.A. Member, From Several Angles in der New York Times von 13. Juni 1989. Abgerufen am 4. Dezember 2010: „Was the IRA trio, carefully followed for days, in fact lured into Gibraltar? Why did the police fail to photograph the bodies or gather forensic evidence? Why was the press – Britain's tabloids were jubilant – told lies about a huge car bomb being defused and about the three suspects having died in a gunfight? This documentary's understated observation: 'There was a strong air of Government cover-up and disinformation.“</ref>
Vergeltung der IRA
Am 18. September 1990 verübte die IRA als Vergeltung einen Anschlag auf Peter Terry. Terry war Gouverneur von Gibraltar zu der Zeit, als Operation Flavius durchgeführt wurde, und hatte den Einsatz des SAS gebilligt. Durch ein Fenster seines Wohnhauses in Staffordshire wurden mehrere Schüsse auf Terry abgegeben. Terry erhielt mehrere Treffer im Gesicht und seine Frau Betty wurde unterhalb eines Auges verletzt, die Tochter erlitt einen Schock.<ref>Our Century 1976-2000: Headline will go right here auf expressandstar.com. Abgerufen am 4. Dezember 2010</ref>
Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte
Nach dem Ende der Operation kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung in Großbritannien. Eine eingesetzte Untersuchungskommission kam abschließend zu dem Ergebnis, dass es sich bei der Operation Flavius um keine gesetzeswidrige Operation gehandelt habe. 1995 verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Operation Flavius mit einer knappen Mehrheit von 10:9 Stimmen als Verstoß gegen die Menschenrechte. Der Gerichtshof war mehrheitlich nicht davon überzeugt, dass die Tötung der drei Terroristen erforderlich war, um Personen von ungesetzlicher Gewalt abzuhalten. Es ging um die Frage, wie weit ein Staat gehen darf, um sich und seine Bürger zu schützen. Das knappe Urteil zeigte den Dissens in der juristischen Interpretation eines Artikels in der Menschenrechtskonvention zwischen Recht auf Tötung in staatlicher Notwehr und Recht auf Leben von Individuen. Der Gerichtshof hielt aber auch fest, dass sich die drei IRA-Aktivisten in einem geplanten Terrorakt engagiert hatten.
Nachgang
Professor Christopher Andrew, der offiziell beauftragte Historiker des britischen Inland-Geheimdienstes MI5, der ein Buch zu dessen 100-jährigem Bestehen veröffentlichte, schrieb darin, dass dem MI5 ein Fehler unterlief, als er annahm, dass McCann, Savage und Farrell die Absicht hatten, an der Tankstelle eine Bombe zu zünden. Es habe keine staatliche Weisung zum Töten durch Erschießen gegeben.<ref>BBC: IRA Gibraltar deaths 'a mistake' vom 6. Oktober auf news.bbc.co.uk. Abgerufen am 4. Dezember 2010</ref>
In diesem Buch befindet sich auch ein Observierungsbild von Siobhan O’Hanlon in Gibraltar und ihr Bewegungsprofil vor dem Anschlag vom März. Einige britische Zeitungen spekulierten, dass sie in den Anschlag verwickelt war.<ref name="gun">David McKittrick: The Gibraltar Shootings. The gunshots that had terrible echoes across Ireland auf The Independent vom 2. Februar 1995. Abgerufen am 6. Mai 2015</ref> O’Hanlon wurde vom spanischen Geheimdienst in Spanien und auf ihrem Rückweg nach Irland observiert. Sie war zeitweise auch als Sekretärin von Gerry Adams von der nordirischen Sinn Féin tätig.<ref name="gun" />
Brian Fitzsimons von der Royal Ulster Constabulary, der bei einem Hubschrauberabsturz in Schottland 1994 ums Leben kam, wird nachgesagt, dass er an der Operation Flavius beteiligt war.<ref name="gun" />
Literatur
- Andy McNab: Remote Control. Kindle Edition 1998. ISBN 0-552-15235-8
- Christopher Andrew: The Defence of the Realm. The Authorized History of MI5. Allen Lane 2009. ISBN 0-7139-9885-7
- Nicholas Eckert: Fatal Encounter - The story of the Gibraltar killings. ISBN 1-85371-837-8
Weblinks
Einzelnachweise
<references />