Lago di Lei
| Lago di Lei Valle di Lei | ||||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Lage | Region Lombardei (I) Kanton Graubünden (CH) | |||||
| Zuflüsse | diverse Bergbäche und Zuleitungen aus Nachbartälern | |||||
| Abfluss | Reno di Lei | |||||
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| Koordinaten | 46° 28′ 59″ N, 9° 27′ 18″ O
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| Daten zum Bauwerk
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| Sperrentyp | Bogenstaumauer | |||||
| Bauzeit | 1957–1961 | |||||
| Höhe des Absperrbauwerks | 138 m | |||||
| Höhe über Gewässersohle | 133 m | |||||
| Bauwerksvolumen | 850'000 m³ | |||||
| Kronenlänge | 635 m | |||||
| Betreiber | Kraftwerke Hinterrhein AG, Thusis | |||||
| Daten zum Stausee | ||||||
| Höhenlage (bei Stauziel) | 1931 m ü. M. | |||||
| Wasseroberfläche | 4,5 km² | |||||
| Stauseelänge | 7,7 km | |||||
| Speicherraum | 197'000'000 m³ | |||||
| Gesamtstauraum | 200'000'000 m³ | |||||
| Einzugsgebiet | 126,2 | |||||
| Bemessungshochwasser | 134 m³/s | |||||
Der Lago di Lei mit einem Seespiegel von 1927 m ü. M. ist ein 8 km langer, etwa 197 Mio. m³ fassender Stausee der Kraftwerke Hinterrhein im Valle di Lei an der Grenze zwischen den Gemeinden Piuro der italienischen Provinz Sondrio und Ferrera des Schweizer Kantons Graubünden. Im See mit einer Wasserfläche von ca. 4,2 km² wird der Reno di Lei gestaut, der jährlich mit etwa 70 Mio. m³ zum Wasseraufkommen beiträgt.<ref name=":3" details="141"/> Er ist das einzige Gewässer Italiens, das der Nordsee zufließt. Weiteres Wasser wird dem Stausee aus den Nachbartälern, dem Averser Obertal, dem Madris (Madrisch) und dem Val Niemet (Val d’Emet) zugeleitet. Auch wird Wasser von Ferrera aus in den See gepumpt.<ref name=":3" details="141"/>
Lage
Das etwa 15 Kilometer lange Valle di Lei ist ein nach Norden abfallendes Tal der «Averser Berge» in den Oberhalbsteiner Alpen zwischen dem italienischen Passo di Lei (2661 m s.l.m.<ref>SAC-Tourenportal. Abgerufen am 16. Oktober 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>) und der so genannten «Punt di Val di Lei» (etwa 1569 m ü. M.<ref name=":0">Maps of Switzerland - Swiss Confederation - map.geo.admin.ch. Abgerufen am 16. Oktober 2024.</ref>), der Talstrassenbrücke über den Reno di Lei, bei welcher dieser in den Schweizer Averser Rhein mündet.<ref name=":0" /> Das Tal ist nur über den Sommer bewohnt und wird seit Menschengedenken zur Sömmerung von Vieh genutzt.<ref>Il primo ponte sul fiume Reno è a Piuro - Alla riscoperta della Val di Lei. In: Comune di Piuro (SO). Abgerufen am 16. Oktober 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Um den See finden sich (Stand 2024) elf Almen (Alpen) mit ihren Almhütten, im Uhrzeigersinn beginnend im Süden an der linken (westlichen) Talflanke
- Alpe Scalotta (1971 m s.l.m.), in der Dufourkarte anfänglich als Pian del Nido bezeichnet,
- Alpe Motalla (1949 m s.l.m.) in der Dufourkarte anfänglich als Corbia di Sopra bezeichnet,
- Alpe Mulacetto (1980 m s.l.m.) früher als Alpe Mulecetto bezeichnet,
- Alpe Palazzetto (2173 m s.l.m.),
- Alpe Rebella (2172 m s.l.m.),
- Alpe Ganda Nera (2143 m s.l.m.),
- Alpe della Palù (2088 m s.l.m.) früher als Alpe la Palü bezeichnet,
- Alpe del Crot (1961 m s.l.m.) des Cavaliere Davide del Curto aus Piuro<ref>Andreas Sauer: Der Cavaliere macht den Käse selber. In: BZ Berner Zeitung, Bern. Tamedia Espace AG, Bern, 12. August 2010, abgerufen am 6. November 2024.</ref> und
- Alpe Motta (1918 m s.l.m.) früher als Alpe La Motta bezeichnet, die auf Grund des erwähnten Gebietsabtausches mit der Schweiz eine entsprechende Vergrößerung der Weideflächen erfahren hat,
sowie an der rechten, östlichen Talflanke
- Alpe Gualdo (1926 m s.l.m.) südlich unterhalb des Chumapasses / Passo del Gualdo (1992 m s.l.m.) gelegen
- Alpe Pian del Nido (1951 m s.l.m.).
Der See ist von zahlreichen Bergen umgeben, die zum Teil spektakuläre Tiefblicke auf ihn ermöglichen. Im Südsüdwesten, in Verlängerung der Seeachse und sich deshalb häufig im See spiegelnd, dominiert der Pizzo Stella (3163 m s.l.m.), im Südsüdosten die Cima da Lägh (3083 m s.l.m.), die noch bis etwa 1980 als Cima di Lago bezeichnet in den Landkarten und Führern zu finden ist.
Der See liegt, mit Ausnahme einer zur Schweizer Gemeinde Ferrera gehörigen etwa 125000 m² grossen Seefläche südlich der Staumauer<ref>Maps of Switzerland - Swiss Confederation - map.geo.admin.ch. Abgerufen am 6. November 2024.</ref>, auf dem Gebiet der italienischen Gemeinde Piuro, zu der das Tal fast vollständig gehört.
Zugänglichkeit
Das Valle di Lei war bis zum Bau der Stauanlage (1957–1962) nur zu Fuß über beschwerliche, schmale und steile Bergpfade erreichbar.
Von italienischer Seite von Campodolcino im Val San Giacomo über den Passo di Angeloga (2400 m), oder von Chiavenna aus über den Passo di Lei (2650 m), der aber bis in die 1960er Jahre fast nur noch von italienischen Schmugglern für den – aus Sicht der Schweiz – so genannten Ausfuhrschmuggel begangen wurde.<ref name=":3" details="137">Benedikt Mani: Val di Lei, einst und jetzt. In: Peter Metz, zeichnender Redaktor (Hrsg.): Bündner Jahrbuch. Band 4 (1962). Bischofberger & Co., Chur November 1961.</ref> Soweit die insgesamt 15 Alpen im Tal nicht bereits über den Splügenpass und Innerferrera bestossen wurden, erfolgte dies meist um den 20. Juni eines Jahres über den Passo di Angeloga.<ref name=":3" details="137 u.–138 o."/>
Für die Baumaßnahme wurde zunächst die Averserstrasse ausgebaut. Dann wurde eine Fahrstrasse zum «Tunnelportal Ost» im Avers (1901 m ü. M.) errichtet und schliesslich der etwa 950 Meter lange Zufahrtstunnel in das Valle di Lei erstellt.<ref name=":1">Stauseen - Stausee Valle di Lei. In: KHR Kraftwerke Hinterrhein AG, Thusis (Schweiz). Abgerufen am 16. Oktober 2024.</ref>
Stand 2024 ist der Lago di Lei aus allen Himmelsrichtungen über markierte Bergwanderwege erreichbar. An den Sommerwochenenden fährt einmal täglich ein (reservierungspflichtiger) Wanderbus aus dem Avers zum See.<ref>Wanderbus Valle di Lei. In: Geschäftsstelle Naturpark Beverin. Abgerufen am 16. Oktober 2024.</ref> Und mit Privatfahrzeugen kann der See vom 1. Mai bis 30. November zwischen 5 und 22 Uhr durch den Tunnel angefahren werden.<ref>Inforama - Tunneldurchfahrt. In: Kraftwerke Hinterrhein AG, Thusis. Abgerufen am 16. Oktober 2024.</ref> Beim «Tunnelportal West» Val di Lei (1932 m ü. M.) sind Parkplätze und eine WC-Anlage vorhanden.<ref>KHR & Staumauer Valle di Lei. Viamala Tourismus, Splügen, abgerufen am 16. Oktober 2024.</ref>
Geschichte
Geschichte des Val di Lei – Wechsel zwischen Italien und der Schweiz v. v.
Mittelalter
Seit jeher mangelte es den Bauern der Täler südlich des Alpenkamms an Weiden und Alpen. So versuchten sie, für ihr Vieh Sömmerungsgelegenheiten nördlich des Alpenkamms zu erwerben, sei es durch Pacht, oder durch Kauf. Bauern aus Chiavenna pachteten im Jahre 1204 von Conrad von Medezen (Masein) in dem dem Val di Lei benachbarten Val Niemet (bis in die 1950er-Jahre als Val d’Emet bezeichnet) die Alp Emet<ref>Jürg Simonett: Splügenpass. In: HLS Historisches Lexikon der Schweiz. 10. Januar 2013, abgerufen am 8. November 2024.</ref> (inzwischen Alp Niemet) auf 30 Jahre.<ref name=":3" details="138"/>
Im Jahre 1355 erstmals als de Leylo erwähnt, war das Tal vorübergehend durch Siedler aus dem Süden ganzjährig bewohnt.<ref>Jürg Simonett: Valle di Lei. In: HLS Historisches Lexikon der Schweiz. 16. März 2017, abgerufen am 8. November 2024.</ref>
Bauern aus Plurs (heute Piuro) gelangten schon früh zu Alpen im Val di Lei. Nach einer notariellen Urkunde aus dem Jahre 1407, gehörten die Alpen Erbella, Ganda nera und Palude Privaten aus der Gegend von Chiavenna. Bald erwarb jedoch die Gemeinde Plurs diese Alpen zu Eigentum.<ref name=":3" details="138"/> Damit hatte die reiche Gemeinde aber nur privates Eigentum auf fremdem Gebiet. Das Val di Lei war dem Schams zugehörig.
Im Jahre 1462 verkaufte Jörg (Georg II.) von Werdenberg-Sargans im Zuge des Niedergangs der Grafen von Werdenberg-Sargans der Gemeinde Plurs seine Alpen im Val di Lei.<ref name=":3" details="138"/><ref>Martin Bundi: Jörg von Werdenberg-Sargans. In: HLS Historisches Lexikon der Schweiz. 3. Oktober 2013, abgerufen am 8. November 2024.</ref>
Drei Bünde
1512 wurde die Grafschaft Chiavenna (deutsch veraltet Cläven oder auch Cleven) und damit Plurs Untertanengebiet der Drei Bünde. Das zur Landschaft Schams des Grauen Bunds gehörige Val di Lei war hiervon nicht betroffen.
1618 wurde Plurs mit seiner Bevölkerung durch einen Bergsturz nahezu vollständig verschüttet und ausgelöscht.
Als die Landschaft Schams in Folge der Bündner Wirren in drückende Schulden geraten war, versuchte sie, die Alpen im Val di Lei mit einer Steuer zu belegen. Plurs verweigerte jedoch die Zahlung. Es kam zum Gerichtsprozess, der am 14. Februar 1644 mit Urteil zu Ungunsten Schams’ endete. Dem Urteil kommt deswegen besondere Bedeutung zu, weil es die Grundlage für die spätere definitive Grenzbereinigung zwischen der Schweiz und Italien bildete.<ref name=":3" details="138"/>
Die Landschaft Schams hatte in diesem Prozess geltend gemacht, die «Alp Ley» der Gemeinde Plurs liege «auff der Schamsser zerung und gebit». Schams habe die Alp schon früher mit Steuern belegt und dort auch die Erzgruben verlost. Das Gericht möge für Recht erkennen, «daß gedachte Alp Ley auff Ihr, der Schambser territorio lige». Die Plurser legten dar, dass «sie und ihre Altfordern ymmer und allweg die alpe Ley gehabt, welche von alters hero auf der Plurßer gebit und zerung sei», gemäß den Kaufbriefen. Das Gericht entschied auf Grund der vorgelegten Urkunden, der Zeugen und anderer Beweise, «das die Alp und thall Ley in der Gemeindt und Territorio Plurß lige» in den Zielen und Marchen, wie sie im Kaufbrief von 1462 angegeben seien.<ref name=":3" details="139"/>
Da aber hinsichtlich der Grenze gegen Schams «etwas tunkelheit» bestehe, veranlasste das Gericht die Kennzeichnung der Grenzlinie durch drei in die Felsen gemeisselte Kreuze. Diese Grenze verlief von der Mündung des Reno di Lei in den Averser Rhein in südwestlicher Richtung zum Felsen ob der Alp Motta. Was einwärts dieser Grenze liege, «soll derer von Plurs, Unsern getreuen lieben Underthanen zustendig sein und bleiben», was aber nördlich davon liege, «soll dass territorium und confinem der Ehrs. Gemeindt Schambss, Unserer getreuen lieben Pundtsgenossen, sein und bleiben, mit Holz und Feldt, Wunn und Weidt», doch vorbehalten das Schneefluchtsrecht der Plurser und das Recht, zu ihrer Notdurft Bau- und Brennholz zu nehmen, «doch nit in Lauenzügen und zu nachthaill der strassen». Mit diesem Entscheid ging das Tal für Schams endgültig verloren. Solange die Grafschaft Cläven Untertanenland war, hatte die Grenzziehung kaum Bedeutung. Das änderte sich aber, als im Juni 1797 die Grafschaft Cläven und damit auch Plurs von Bünden abfielen.<ref name=":3" details="139"/>
Übergang an Italien
Seit dem Beitritt der ehemaligen Grafschaft Chiavenna und damit auch Piuros zur Cisalpinischen Republik im Juni 1797, wurden die bisherigen Binnengrenzen des Val di Lei gegenüber dem Avers und Schams, und damit den Drei Bünden, nun zu Außengrenzen, auch wenn das in der sich erst entwickelnden Kartografie, zumal im Hochgebirge, zunächst meist noch keine Berücksichtigung fand. Genauere Vermessungen beschränkten sich um den Wechsel vom 18. zum 19. Jahrhundert allenfalls auf die Ebenen. Das Hochgebirge wurde meist nur schematisch dargestellt. Im ältesten die ganze Schweiz abdeckenden und auf wissenschaftlichen Vermessungstechniken basierenden Kartenwerk, dem Atlas Suisse (auch Meyer-Weiss Atlas genannt), Blatt 12 Partie des Grisons et de la Valtelline aus dem Jahr 1802, sind nicht nur keine Landesgrenzen, sondern auch das Hochgebirge nur ungenau eingetragen. Das ganze Valle di Lei existiert in dieser Karte überhaupt nicht.<ref>The Atlas Suisse (Meyer-Weiss-Atlas) 12 - Partie des Grisons et de la Valteline (1802) 1:120.000 - Landkartenarchiv.de. Abgerufen am 10. November 2024.</ref> Im Jahr 1851 berichtet der Naturwissenschaftler Johann J. Siegfried: «Val di Lei ist wenigstens zum Theil schweizerisch, obgleich auf allen Karten (mit Ausnahme der neuesten von M. Ziegler) [Hinweis: Kartograf Jakob Melchior Ziegler (1801–1884)] das ganze Thal als nicht zur Schweiz gehörend bezeichnet wird.»<ref>Johann Jacob Siegfried: Der Schweizerische Jura, seine Gesteine, seine Bergketten, Thäler und Gewässer, Klima und Vegetation. In: Die Schweiz geologisch, geographisch und physikalisch geschildert. 1. Auflage. 1. Band, Allgemeine Verhältnisse und Jura. Orell, Füssli & Comp., Zürich 1851, S. 230.</ref> In der Karte der Schweiz aus dem Jahr 1852 dieses Kartografen ist das Val di Lei dann als ausserhalb der Schweiz liegend [Hinweis: zum Königreich Lombardo-Venetien gehörend] mit zutreffenden Landesgrenzen eingetragen.<ref>J. M. Ziegler: Karte der Schweiz. 1. Auflage. Zürcher und Furrer, Zürich 1852.</ref> In dem 1858 publizierten Blatt XIX der Dufourkarte blieb das Val di Lei aber weiterhin als Teil der Schweiz kartiert.<ref>Dufourkarte von 1858, Blatt XIX, aufgerufen am 8. Juni 2013.</ref>
Im Urteil von 1644 war der Grenzverlauf des Tals nach Norden zwar ziemlich genau beschrieben worden, das Gelände war jedoch unübersichtlich und unwegsam und die Grenzmarkierungen spärlich. So entstand im Lauf der Zeit eine gewisse Unsicherheit über den Grenzverlauf, der auch darin zum Ausdruck kam, dass das Tal in Landkarten bald als zu Italien und bald als zur Schweiz gehörend eingezeichnet war.<ref name=":3" details="140"/> Es kam auch wiederholt zu Streitigkeiten und Zusammenstössen.<ref name=":3" details="140"/>
Erst der Vertrag Convenzione tra l’Italia e la Svizzera per l’accertamento della frontiera fra la Lombardia ed il Cantone dei Grigioni von 1863 klärte die Grenzziehung und damit die Zugehörigkeit des weitaus größten Teils des Tales zu Italien.
Gebietstausch 1952
Der Umstand, dass ein Teil des Tals nordwestlich der italienischen Alpe Motta (1918 m s.l.m.) Schweizer Territorium geblieben war, erlaubte das im Zusammenhang mit der Planung des heutigen Stauwerks am 25. November 1952 abgeschlossene und mit dem Austausch der Urkunden über die Ratifikation am 23. April 1955 in Kraft getretene «Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Italienischen Republik betreffend eine Grenzbereinigung im Val di Lei» mittels Gebietstausches.<ref>Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Italienischen Republik betreffend eine Grenzbereinigung im Val di Lei. In: Schweizerische Eidgenossenschaft. Schweizerische Eidgenossenschaft - Der Bundesrat, abgerufen am 1. November 2024.</ref> Denn das seinerzeitige Militärdepartement, seit 1979 Eidgenössisches Militärdepartement (EMD) und seit 1998 Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), hatte verlangt, dass die Talsperre für den Stausee auf Schweizer Gebiet zu stehen kommt.<ref name=":3" details="141"/> So gelangte um das geplante Stauwerk herum eine Fläche von rund 500000 Quadratmetern an die Schweizer Gemeinde Ferrera, während eine gleiche Fläche nordwestlich der Linie Piz Miez/Cimalmotta–Punkt 1941 der Landeskarte an die italienische Gemeinde Piuro gelangte und der Alpe Motta zugeschlagen wurde. Der Gebietsaustausch erfolgte nach der Kollaudation der Staumauer.<ref name=":3" details="141"/>
In einem Zusatzprotokoll wurden weitere Punkte insbesondere zollrechtlicher Natur geregelt. So dürfen die italienischen Älpler ihr Vieh weiterhin zum Weidegang auf die von Italien an die Schweiz abgetauschten und nach dem Bau des Stauwerks und Aufstauen des Sees noch verbliebenen ehemals italienischen Alpweiden führen.
Entstehungsgeschichte des Stauwerks
Rheinwald-Projekt
Ein zunächst im Rheinwald geplanter grosser Stausee, in dessen Fluten das ganze Dorf Splügen und ein Teil von Medels verschwunden wären, war gescheitert. Die Gemeinden im Rheinwald hatten die Konzession verweigert und Kleiner Rat und Bundesrat diesen Entscheid geschützt.<ref name=":3" details="141"/>
Verleihung der Wasserkraftnutzung, Wasserrechte
Auf der Suche nach Ersatz, stellten daraufhin in der Schweiz die seinerzeitige «Aktiengesellschaft Rhätische Werke für Elektrizität» in Thusis (ab dem Jahr 2000 mit den «Kraftwerken Brusio AG (KWB)» in Brusio, und der «AG Bündner Kraftwerke» in Klosters zur «Rätia Energie AG» fusioniert und 2010 in Repower AG umbenannt<ref>Unsere Geschichte – Meilensteine und Entwicklung. Repower AG, Poschiavo, abgerufen am 13. November 2024.</ref>) und in Italien die Aktiengesellschaft «Edison», in Mailand, Gesuche auf die so genannte «Verleihung der Wasserkraftnutzung» des Reno di Lei und weiterer Gewässer im Einzugsgebiet des Averser Rheins. Die Verhandlungen zwischen der Schweiz und Italien begannen im September 1947.<ref name=":3" details="141"/> Am 18. Juni 1949 trafen die Schweiz und Italien die «Vereinbarung zwischen der Schweiz und Italien über die Verleihung der Wasserkräfte des Reno di Lei», die, nach dem Austausch der Ratifikationsurkunden am 23. April 1955 gleichentags in Kraft trat.<ref name=":2">Vereinbarung zwischen der Schweiz und Italien über die Verleihung der Wasserkräfte des Reno di Lei. Schweizerische Eidgenossenschaft - Der Bundesrat, abgerufen am 1. November 2024.</ref>
Parallel zu diesen zwischenstaatlichen Verhandlungen erfolgten die Verhandlungen mit den 18 Konzessionsgemeinden des Hinterrheintals, die im März 1954 die Konzession erteilten.
Es handelte sich um die erste internationale Wasserrechtsverleihung Italiens.<ref name=":3" details="141"/> Die Dauer der Verleihung beläuft sich auf 80 Jahre seit Fertigstellung des Kraftwerks. Sie endet damit Ende 2042, kann aber nach erneuten Verhandlungen verlängert werden.
Baumaßnahmen
Die Vereinbarung über die Wasserkraftnutzung des Reno di Lei sah insbesondere die Errichtung einer «grossen Staumauer» im Valle di Lei vor, um dort einen Stausee zu schaffen, sowie ein Kraftwerk (Zentrale) in der Nähe des etwa 400 Höhenmeter tiefer gelegenen Ferreras. Geplant war auch die «Rückgabe» des Wassers in den Averser Rhein.
Energieverteilung
Die Vereinbarung regelt auch die Verteilung der im Kraftwerk Innerferrera «nutzbar gemachten Wasserkraft», von der 70 % der Schweiz und 30 % Italien zukommen sollen.<ref name=":3" details="141"/>
Im Zusatzprotokoll zur Vereinbarung wurde ferner, unter Bezugnahme auf die im «Projekt 1948/49 der Motor-Columbus AG in Baden, einer Ingenieur- und Finanzierungsgesellschaft im Bereich des Kraftwerkbaus, und der «Edison» in Mailand» insgesamt geplanten drei Kraftwerke (Ferrera, Bärenburg bei Andeer und Sils im Domleschg) geregelt, dass bis zu 20 % der verfügbaren Leistung und erzeugbaren Energie dieser drei Kraftwerke zusammen nach Italien ausgeführt werden darf.<ref name=":2" /> Entsprechend dieser Quote ist die Edison International Shareholdings S.p.A. in Mailand mit einem Anteil von 20,00 % an den Kraftwerken Hinterrhein AG (KHR) beteiligt.<ref name=":1" />
Auch die Motor-Columbus AG wurde Aktionärin der KHR. Die Motor-Columbus AG wurde am 7. November 2007 in Atel Holding AG umbenannt und ging Ende Januar 2009 in der neu gegründeten Alpiq Holding AG auf. Die Aktien an den KHR im Umfang von 9,28 % des Aktienkapitals hält nun (Stand 2024) die Alpiq Suisse SA (Société Anonyme) in Lausanne.
Gebietstausch
Im Zusatzprotokoll wurde bereits der spätere schon oben erläuterte Gebietstausch vorgesehen.<ref name=":2" />
Gründung der Kraftwerke Hinterrhein AG (KHR) in Thusis
Im Dezember 1956 erfolgte sodann die Gründung der Kraftwerke Hinterrhein AG, Thusis, die die Anlagen betreiben sollte und (Stand 2024) auch noch immer betreibt. An ihr beteiligten sich auch der Kanton Graubünden mit 12 % und die Konzessionsgemeinden mit 3 %.<ref name=":3" details="141"/> Stand 2024 bestehen die Beteiligungen unverändert.
Baudurchführung
Die Projektierung erfolgte durch Claudio Marcello, einem weltweit tätigen Spezialisten,<ref>Michele Fanelli: Profili dei grandi maestri di idraulica - Claudio Marcello (1901-1969). In: Associazione Idrotecnica Italiana, Roma (Italia). Mai 2004, abgerufen am 17. Oktober 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>OBITUARY. CLAUDIO MARCELLO. (1901-1969). In: ICE Virtual Library - essential engineering knowledge. Emerald Publishing Limited, Leeds (UK), abgerufen am 17. Oktober 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> während die Bauleitung bei der Mailänder Edison lag.<ref>Bündner Kalender. 2010, S. 131.</ref> Errichtet wurde die Talsperre durch ein italienisches Bauunternehmen.
Da das Tal nur zu Fuss erreichbar war, musste die Baustelle vor Beginn der eigentlichen Bauarbeiten zuerst erschlossen werden. Von Campodolcino (1104 m s.l.m.) im Val San Giacomo, über den Passo di Angeloga (2386 m s.l.m.) mit der 2024 dort noch als Lost Place vorhandenen Zwischenstation (2354 m s.l.m.), wurden zwei 15 km lange Seilbahnen errichtet; eine für Personen und eine für Material, insbesondere Zement. Von Norden her musste zunächst die Talstrasse, die Averserstrasse für schwere Transport- und Baufahrzeuge ausgebaut werden. Dann wurde oberhalb des Weilers Campsut (1678 m ü. M.) eine Fahrstrasse zum heutigen Tunnelportal Ost (1901 m ü. M.) errichtet und schliesslich der Zufahrtstunnel in das Val di Lei erstellt. Zu realisieren war ausserdem die Infrastruktur zur Unterbringung von etwa 1500 Arbeitern, die auf dieser Gebirgsbaustelle lebten und arbeiteten. Die Bauarbeiten im Valle di Lei wurden im Sommer 1957 aufgenommen. Für den Mauerbau wurden südlich der Furgga zwei Steinbrüche eingerichtet, einer auf der Schweizer Seite der Grenze, der andere auf der Italienischen. Die Staumauer wurde von einem italienischen Bauunternehmen erstellt, während die maschinellen Einrichtungen von Schweizer Unternehmen geliefert wurden.<ref name=":3" details="141"/> Nach der Leistung von rund 1'080'000 Manntagen, waren die Bauarbeiten im Herbst 1962 mit dem ersten Vollstau beendet.<ref name=":1" />
Von den Seilbahnen sind heute nur noch Ruinen vorhanden.<ref>Bergstation Passo d’Angeloga. Foto. In: Panoramio. Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 30. Januar 2016; abgerufen am 4. November 2022.</ref><ref>Seilbahnantrieb. Foto. In: Panoramio. Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 11. Januar 2016; abgerufen am 4. November 2022.</ref> Seit der Ausserbetriebnahme der Seilbahnen besteht eine Verkehrsverbindung in das Tal nur über Schweizer Territorium.
Zu Revisionszwecken wurde der Stausee im Oktober und November 2012 innerhalb von 19 Tagen erstmals vollständig entleert, wobei Ruinen der 1962 gefluteten Gebäude sichtbar wurden. Nach erfolgter Revision der Stauwerkinstallationen und des Druckschachtes wurde die Wiederauffüllung im Frühling 2013 eingeleitet und 2014 abgeschlossen.<ref>Lago di Lei: Verwunschene Ruinen im Stausee. In: SRF News. 25. April 2013, abgerufen am 4. November 2022.</ref>
Umweltfolgen
Mit Beginn des Staus 1962 ging das im Talgrund westlich der Russa/Cima dei Rossi (früher wegen seiner rostfarbenen Felsen als Piz rosso bezeichnet) gelegene Kirchlein S. Anna verloren. Hier hatte der Pfarrer von Prosto di Piuro jährlich am 26. Juli, dem Namenstag der Heiligen, die Messe gelesen.<ref name=":3" details="141"/> Als Ersatz für dieses kleine Talkirchlein, wurde westlich der Staumauer die Kirche Santi Giacomo e Anna errichtet, die wieder zur Pfarrei Beata Vergine Assunta in Prosto di Piuro gehört.<ref>PARR. B. VERGINE ASSUNTA - PROSTO. In: Diocesi di Como. Abgerufen am 18. Oktober 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Als „chiesa sussidiaria“<ref>Orari e luoghi delle Sante Messe - Chiesa dei Santi Giacomo e Anna. In: Diocesi di Como. Abgerufen am 18. Oktober 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> ist sie nur zu besonderen Anlässen geöffnet. Neben ihrem Eingang befindet sich eine Gedenktafel für die zehn bei den Bauarbeiten tödlich Verunglückten.
Mit dem Aufstauen verschwanden die kleinen Siedlungen und Gebäude der Alpen Caurga, Rossi Vecchi, Sella, Rossi Nuovi und Sengio endgültig. Die der Alpen Motalla, Mulecetto, Palazzetto, Rebella, Ganda Nera und Della Palù wurden nach oben, über den künftigen Seespiegel verlegt, teilweise um bis zu 300 Höhenmeter. Mit dem Aufstauen verloren ging aber auch ein großer Teil der Weideflächen.
Als Ersatz für die eingestauten Alpen war vorgesehen, in den zu Graubünden gehörigen Nachbartälern Val Niemet (auch Val d'Emet genannt) die Alp Emet (Alp Niemet), sowie im Madris die Alpen Bles, Preda und Sovrana langfristig zu verpachten. Die Alp Emet war Eigentum des Kantons Graubünden, und die Alpen Bles, Preda und Sovrana standen im Eigentum der damals noch selbständigen Gemeinden Casaccia und Soglio im Bergell. An Stelle dieses angebotenen «Realersatzes» kam es dann aber zu Ausgleichszahlungen. Die Alpbesitzer wurden in Geld abgefunden.<ref name=":3" details="141"/>
Technische Daten
Die Anlagen gehören der Kraftwerke Hinterrhein AG in Thusis und sind Teil einer dreistufigen Anlagengruppe. Beim durch die Stauanlage mit amtlicher Bezeichnung Valle di Lei gebildeten Lago di Lei handelt es sich um den so genannten Kopfspeicher, also den höchstgelegenen Speicher in einer zusammenhängenden Gruppe von Speichern und Kraftwerken. Das Wasser aus dem Lago di Lei wird in den drei aufeinanderfolgenden Kraftwerken Ferrera, Bärenburg und Sils zur Stromerzeugung genutzt. Zunächst gelangt es in das Kraftwerk Ferrera mit 185 MW Leistung.
Abgesehen vom taleigenen Niederschlag, der nur etwa 70 Mio. m³ jährlich ausmacht, wird der See mit Hilfe von Spiegelstollen aus den benachbarten Tälern Avers, Madris und Niemet (Emet) gespeist. Auch wird aus dem Sufnersee Wasser über Ferrera in den Lago di Lei gepumpt.<ref name=":1" /> Die Pumpen sind im Kraftwerk Ferrera installiert. Im Durchschnitt gelangen jährlich etwa 60 Mio. m³ von Ferrera in den Lago di Lei.<ref>Stauseen - Stausee Sufers. In: KHR Kraftwerke Hinterrhein AG, Thusis (Schweiz). Abgerufen am 16. Oktober 2024.</ref>
Sportliche Nutzung des Sees
Angelsport (ital. Pesca)
Im See lebten Fische, unter anderem verschiedene Forellen und Saiblinge, deren Bestand bereits in den Jahren vor der Entleerung des Stausees 2012 stark reduziert worden war.<ref>Abfischen am Lago di Lei. In: Fisch & Fang. Paul Parey Zeitschriftenverlag, 26. Mai 2009, abgerufen am 4. November 2022.</ref> Die Kraftwerke Hinterrhein AG waren zum Wiederbesatz bis 2018 verpflichtet.
2024 bewirbt „in Lombardia“, die offizielle Tourismus-Website der Lombardei, den Lago di Lei als beste Möglichkeit zum Angeln in der Provinz Sondrio. Hier seien der amerikanische Seesaibling mit über 5 kg Gewicht zu finden, aber auch Regenbogenforellen oder Bachforellen.<ref>Angeln in der Lombardei. In: in Lombardia - offizielle Tourismus-Website der Lombardei. Explora S.p.A. (Alleinaktionär Regione Lombardia), abgerufen am 19. Oktober 2024.</ref>
Der Angelsport unterliegt der Regulierung durch die Provinz Sondrio, die der Unione pesca sportiva della provincia di Sondrio hierfür die Konzession erteilt hat.<ref>Com'è regolamentata la pesca | Provincia di Sondrio. In: Amministrazione Provinciale di Sondrio, Sondrio (Italien). Provincia di Sondrio, abgerufen am 20. Oktober 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Für die Bewirtschaftung und Ausgabe der Fangberechtigungen ist insofern die Unione Pesca Sportiva della Provincia di Sondrio in Sondrio zuständig. Sie regelt das Sportfischen<ref>Regolamenti. In: Unione Pesca Sondrio. Abgerufen am 19. Oktober 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> und erlässt die diesbezüglichen Bestimmungen.<ref>Regelung für das Sportfischen in Salmonidengewässern der Provinz Sondrio – Saison 2024. In: Unione Pesca Sportiva della Provincia di Sondrio. 10. Januar 2024, abgerufen am 19. Oktober 2024.</ref>
Rudersport (ital. Canottaggio)
Der See wird auch von Schweizer und italienischen Rudersportlern (ital. canottieri) zum Höhentraining genutzt.<ref>Raffaele Soldati: Canottaggio «L’oro mondiale di Aurelia-Maxima dà lustro anche alla nostra società». In: Corriere del Ticino. Gruppo Corriere del Ticino, Muzzano (Lugano, Schweiz), 9. August 2023, abgerufen am 19. Oktober 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Siehe auch
Literatur
- Bündner Kalender. 169. Jahrgang. Casanova Druck und Verlag, Chur 2010, ISBN 978-3-85637-276-7, S. 131–140.
Weblinks
Einzelnachweise
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