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Menschenmaterial

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Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 13. Januar 2026 um 17:55 Uhr durch imported>N9713 (Verwendungen: und "Arbeitszwecke" ist in dem Kontext wohl auch eher euphemistisch).
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Menschenmaterial wurde von der „Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“ zum Unwort des 20. Jahrhunderts gewählt.<ref>Unwort des 20. Jahrhunderts - Menschenmaterial. Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 30. August 2009; abgerufen am 3. Januar 2010 (Begründung der Gesellschaft für deutsche Sprache für die Wahl zum Unwort des 20. Jahrhunderts).</ref> Die Wahl erfolgte nach Angaben der Jury aufgrund der „unangemessenen Koppelung von Lebendig-Menschlichem und toter Sache“. Das Wort Menschenmaterial sei „zwar bereits im 19. Jahrhundert bei Karl Marx aufgetaucht, habe aber in diesem Jahrhundert zynische Bedeutung erlangt, nicht zuletzt als Umschreibung von Menschen, die als Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg ‚verbraucht‘ wurden. Das ‚Unwort des 20. Jahrhunderts‘ stehe exemplarisch für die Tendenz, Menschen nur noch nach ihrem ‚Materialwert‘ einzuschätzen“.<ref>https://idw-online.de/de/news17376</ref>

Verwendungen

Der Begriff tauchte das erste Mal in Theodor Fontanes 1852 veröffentlichten Bericht Ein Sommer in London in einem militärischen Kontext auf: „Der englische Soldat, als rohes Menschenmaterial noch immer unvergleichlich …“ Karl Marx verwendete den Begriff mehrfach kritisch in Das Kapital (1867).

Theodor Herzl, der Wegbereiter des Zionismus, verwendete den Begriff an verschiedenen Stellen in seinem grundlegenden Werk Der Judenstaat (1895). Er benutzte ihn allerdings in durchaus positiv gemeintem Sinne, nämlich um das Potential zu beschreiben, das die zahlreichen jüdischen Menschen in ihrer Gesamtheit haben, um etwas Neues zu schaffen; gleichwohl räumte er ein, der Ausdruck sei „etwas roh“.<ref>Theodor Herzl: Der Judenstaat. 8. Auflage. Jüdischer Verlag, Berlin 1920 (lib.ru [PDF]).</ref>

Besonders während des Ersten Weltkriegs war oft von den vielen Verlusten an „Kriegs- und Menschenmaterial“ die Rede. Adolf Hitler benutzte den Ausdruck mehrfach in seinem politischen Grundlagenwerk Mein Kampf. Die Nationalsozialisten bezeichneten KZ-Häftlinge, die keine Zwangsarbeit leisten konnten, als „unbrauchbares Menschenmaterial“.

Der erste Ministerpräsident Israels, David Ben-Gurion, bezeichnete die Überlebenden des Holocaust als enttäuschendes, moralisch minderwertiges Menschenmaterial, das er nicht in Israel haben wolle.<ref>Rudolf Augstein: Politik der Erinnerung. spiegel-online vom 7. Mai 1995, aus Der Spiegel 19/1995.</ref><ref>Juliane von Mittelstaedt und Alexander Osang: Wir fürchten immer das Ende. Tom Segev im Interview. spiegel-online, 18. April 2018.</ref><ref>Jenny Hestermann: Gründervater: Lebensweg eines einsamen Mannes. Frankfurter Allgemeine, 17. September 2018, abgerufen am 3. Dezember 2024.</ref>

Der bulgarische Premierminister Bojko Borissow nannte 2009 die Roma und die Türken „schlechtes Menschenmaterial“.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Изказване на Бойко Борисов в Чикаго – емигрантска версия (Memento vom 14. Juli 2011 im Internet Archive), Chicago press conference transcription in Bulgarian</ref><ref>eurochicago: Boiko_Borisov_in_Chicago_2009_02_03 auf YouTube, 22. Januar 2012, abgerufen am 25. Februar 2024 (Laufzeit: 2:38 min).</ref><ref>Mayor of Sofia brands Roma, Turks and retirees 'bad human material', Telegraph.co.uk, 6 February 2009</ref><ref name="novinite.com">Sofia Mayor to Bulgarian Expats: We Are Left with Bad Human Material Back Home Sofia Mayor to Bulgarian Expats: We Are Left with Bad Human Material Back Home</ref>

Auch Franz Kafka benutzt dieses Wort in der Erzählung Beim Bau der Chinesischen Mauer.

Analog hierzu wird in Profisport-Kreisen – insbesondere vor dem Hintergrund, dass für Sportler Ablösesummen gefordert und bezahlt werden – von Trainern und Funktionären häufig von „Spielermaterial“ gesprochen. Von Lehrern, besonders der älteren Generation, ist gelegentlich das Wort „Schülermaterial“ zu hören.<ref>Kurt Singer: Worte können töten – im wahren Sinn des Wortes. Das Tabu: Gewalt durch verletzende Lehrer-Worte. In: Michele Minelli (Hrsg.): Endstation Schulausschluss? Über den Umgang mit schwierigen Schulkindern. Haupt-Verlag, Bern 2003, ISBN 3-258-06525-X.</ref>

Siehe auch

Weblinks

Wiktionary: Menschenmaterial – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

<references />

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