Zum Inhalt springen

Innerer Reichsparteitag

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 25. Juni 2025 um 19:31 Uhr durch imported>Malabon (Kontroverse: Deklination).
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Der Begriff innerer Reichsparteitag entstammt der Umgangssprache aus der Zeit des Nationalsozialismus.<ref>Karl-Heinz Brackmann, Renate Birkenhauer: NS-Deutsch, 2001.</ref><ref name="Schreck 2001">Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Erziehung, Lebenswelt und Kriegseinsatz der deutschen Jugend unter Hitler.] Lit Verlag, , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 4. Juli 2010.Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref><ref>Boberg/Fichter/Gillen: Industriekultur in Berlin, 1986, S. 234.</ref><ref>Klaus Theweleit: Deutschlandfilme – Filmdenken und Gewalt, 2003, S. 229.</ref> Die umgangssprachliche Redewendung wurde und wird teils bis heute verwendet, um eine „große Genugtuung“ zu bezeichnen.<ref>Günter Drosdow: Duden. Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten, 1992, S. 234.</ref> Während der NS- und in der Nachkriegszeit konnte sie auch spöttische, die NS-Propaganda ironisierende bzw. persiflierende Funktion haben.<ref>Horst Dieter Schlosser, Vorsitzender der Jury für das Unwort des Jahres u. Christof Dipper, Historiker, zitiert nach Abendzeitung ( <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />online (Memento des Vorlage:IconExternal vom 17. Juni 2010 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.abendzeitung.de).</ref><ref name="Krause">Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name: Vorlage:Cite book/URL, Die Welt, 14. Juni 2010. Abgerufen am 16. Juni 2010Vorlage:Cite book/URL Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2</ref><ref name="Bahr">Egon Bahr: Wir haben so die Nazis verspottet. Leserbrief in der Berliner Zeitung, 19. Juni 2010.</ref> Als bedeutungsgleich gelten innerer Gauparteitag sowie innerer Vorbeimarsch und die Redewendung jemandem ein Volksfest sein.<ref>Günter Drosdow: Duden. Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten, 1992.</ref> „Innerer Reichsparteitag“ kann auch eine „private Zelebration rechtsradikalen Gedankenguts“<ref>Olga Ejikhine: Beim Wort genommen – der Sprachführer durch die Welt der Redewendungen. Indico/Digitalis Publishing, 2006, ISBN 90-7771305-0.</ref> bedeuten.

Etymologie

Die Redewendung nimmt auf die Reichsparteitage der Nationalsozialisten Bezug. Bernat Rosner und Frederic C. Tupach zeigen in ihrem autobiografischen Werk An Uncommon Friendship (2001) ihre Verwendung im Zusammenhang mit einer spöttischen Beschreibung des lange nachwirkenden „Glühens“ eines begeisterten Reichsparteitagsteilnehmers und sprechen von einem „Ausdruck, der in diesem Zeitraum weite Verbreitung gewann, um alle Arten von Glückserfahrungen oder -gefühlen zu beschreiben“.<ref>Original Englisch: „a phrase that gained widespread use during that period to designate any happy experience or emotion“. Bernat Rosner und Frederic C. Tubach, An Uncommon Friendship – From Opposite Sides of the Holocaust, 2001, S. 48.</ref> Heinz Schreckenberg erklärt die Begriffsentstehung als „Reflex dieser im Rundfunk übertragenen, jeweils eine Woche dauernden, pompösen Veranstaltung“.<ref>Heinz Schreckenberg: Ideologie und Alltag im Dritten Reich, Peter Lang Verlag Frankfurt, 2003, ISBN 36-3151325-9.</ref> Dem Erzählforscher Lutz Röhrich zufolge ist die Wendung „es ist mir ein innerer Reichsparteitag“ als eine ironische Verstärkung von „es ist mir ein Vergnügen“ zu verstehen.<ref name="Röhrich">Lutz Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Bd. 5, S. 1682.</ref> Die Sprachwissenschaftlerin Ulla Fix verweist darauf, dass die Wendung im Nationalsozialismus zum Ausdruck von politischer Begeisterung üblich war und eben deshalb heute vermieden werden sollte.<ref>Marcus Engert: „Nicht entschuldbar!“ Über sprachliche Fehlgriffe im öffentlichen Raum, Radiogespräch mit Ulla Fix auf Detektor.fm am 15. Juni 2010</ref>

Der Begriff wurde von Schülern und Studenten nach 1933 geprägt.<ref name="Röhrich"/> Zur Entstehungsgeschichte verweist Christoph Gutknecht auf eine mit der Wendung gewollte Parodie, demnach seien „die Wendungen innerer Reichsparteitag und innerer Vorbeimarsch mit parodistischer Beziehung auf die Nürnberger Nazi-Großaufmärsche aufgekommen“.<ref>Christoph Gutknecht, Jüdische Allgemeine vom 24. Juni 2010, So dahingesagt: Innerer Reichsparteitag</ref>

Schreckenberg belegt hingegen in seiner Fachpublikation Erziehung, Lebenswelt und Kriegseinsatz der deutschen Jugend unter Hitler (2001) auch die Verwendung des Ausdrucks innerhalb der „Sprache, Jargon und Slang der Hitlerjugend“: „War einem Jugendlichen besonders feierlich zumute, bei einem erhebenden Moment jedweder Art, konnte er sagen: ‚Das ist wie ein innerer Reichsparteitag‘“.<ref name="Schreck 2001" /> Eva Sternheim-Peters spricht in ihrem autobiografischen Bericht Habe ich denn allein gejubelt?: eine Jugend im Nationalsozialismus von einer in der Hitlerjugend üblichen „Floskel“ zur „Aufwertung banaler, aber erfreulicher Ereignisse“.<ref>Eva Sternheim-Peters: Habe ich denn allein gejubelt?: eine Jugend im Nationalsozialismus, 2000, S. 246.</ref>

Die Umgangssprache der Nachkriegszeit verwendete den Begriff in kaum abgewandelter Bedeutung weiter.<ref>Der Spiegel: Notizen: Ausg. 23 / 1969.</ref> Er wurde in Wörterbücher für umgangssprachliche Redensarten aufgenommen.<ref>Heinz Küpper: Wörterbuch der deutschen Umgangssprache, 1963.</ref> Röhrich beschreibt ihn schon zu dieser Zeit als feststehende sprachliche Wendung mit starker Bildhaftigkeit.<ref>Gesellschaft für deutsche Sprache: Muttersprache, Band 86, 1976, S. 259 f.</ref><ref>Lutz Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Bd. 5, S. 1682; er schreibt von einer „parodistischen Beziehung auf die bombastischen Reichsparteitage der Nationalsozialisten in den dreißiger Jahren“.</ref> Allerdings sei die Unterstellung „innerer Reichsparteitage“ auch als Sponti-Spruch spöttisch gegenüber Nationalsozialisten verwendet worden und habe genauso schon während der NS-Diktatur Distanzierung von der Propaganda der Machthaber zum Ausdruck bringen können.<ref name="derwesten">Gerd Heidecke: Hohensteins Reichsparteitag. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Funke Mediengruppe, 14. Juni 2010, abgerufen am 1. Mai 2025.</ref> Ungeklärt ist, ob die generelle Verwendung des Begriffs in der Nachkriegszeit eine Distanzierung von Nazi-Propaganda impliziere oder nicht. Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte vertritt die Ansicht, dass per se „weder eine Distanzierung noch eine Identifikation mit NS-Gedankengut“ zum Ausdruck komme.<ref name="focus-519337">Nina Schick: „Innerer Reichsparteitag“: Gefährlich entgleist. In: Focus Online. 14. Juni 2010, abgerufen am 14. Oktober 2018.</ref>

In geschichtlich-sozialdemokratisch geprägten Kreisen wird der Begriff „innerer Reichsparteitag“ gerne verwendet mit Bezug auf den ersten Nachkriegs-Reichsparteitag der SPD<ref> Reichsparteitag der SPD von 1946: Reichsparteitag der SPD. Sozialistische Mitteilungen, zuletzt aufgerufen am 16. Dezember 2024.</ref>, insbesondere nachdem die SPD von den Nationalsozialisten im Jahr 1933 verboten wurde.<ref> Website der SPD: [1]22. Juni 1933 Die SPD wird verboten, zuletzt aufgerufen am 16. Dezember 2024.</ref>

Bis in die Gegenwart findet der Begriff „innerer Reichsparteitag“ gelegentlich noch in deutschsprachigen Pressepublikationen Verwendung, um einen Zustand großer Genugtuung zu beschreiben.<ref name="niggemeier">Stefan Niggemeier: Ein innerer Reichsparteitag. Blog-Beitrag vom 14. Juni 2010.</ref> Der Duden – Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten führt die Formulierung nach einer Aufnahme im Jahr 1992, wo sie bereits als veraltet gekennzeichnet war, seit 2002 nicht mehr.

In der Deutschen Demokratischen Republik wandelte sich der Begriff zu „innerer Parteitag“ und nahm damit in erster Linie auf die Parteitage der SED Bezug.<ref>Reiher/Baumann: Vorwärts und nichts vergessen: Sprache in der DDR: was war, was ist, was bleibt, 2004, S. 7.</ref><ref>Becker/Nestler: DDR-Slang – das andere Deutsch, 1990, S. 25.</ref>

Auf diese Weise ist heute – im Osten Deutschlands – der „innere Parteitag“ nach wie vor als „spöttisch-sarkastisch“ im Sinne der großen Genugtuung (positiv) besetzt, was auf den Begriff „innerer Reichsparteitag“ nicht gleichermaßen zutrifft. Hier ist nach wie vor von einem östlich-westlich differenzierten Redegebrauch auszugehen: Der „innere Reichsparteitag“ ist – bei dessen Verwendung – ein westlich geprägtes Sprachmuster, das im östlich geprägten (Alltags-)Sprachgebrauch nicht mehr vorkommt und auf Ablehnung stoßen kann.<ref>Henryk Goldberg: Warum Reichsparteitag gedankenlos und unsensibel ist. (Die Deutschen Farben I), zuletzt abgerufen am 1. August 2012.</ref>

Kontroverse

Nennenswerte öffentliche Kritik an der Verwendung kam vor allem in sozialen Netzwerken im Internet auf, als die Fernsehmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein in der Halbzeitpause des ersten Gruppenspiels Deutschlands bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 im Gespräch mit ihrem Co-Kommentator Oliver Kahn äußerte, für Miroslav Klose müsse sein Treffer doch „ein innerer Reichsparteitag“ gewesen sein.<ref>Spruch von ZDF-Moderatorin löst Protest aus. Spiegel Online vom 14. Juni 2010.</ref> Dies zog eine Entschuldigung des übertragenden ZDF nach sich.<ref name="sd"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Aufregung um „Entgleisung“ von ZDF-Moderatorin. (Memento vom 17. Juni 2010 im Internet Archive) sueddeutsche.de vom 14. Juni 2010.</ref> Hugo Diederich, Mitglied des ZDF-Fernsehrats und Vize-Bundesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, erklärte in Bezug auf Müller-Hohensteins Äußerung: „Wir nehmen es nicht hin, wenn extremistische Terminologie von links oder rechts im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verbreitet wird. Das widerspricht dem Staatsvertrag.“<ref name="focus-519264">mic/ddp: WM-Reporterin: Müller-Hohenstein bereut Reichsparteitags-Spruch. In: Focus Online. 14. Juni 2010, abgerufen am 14. Oktober 2018.</ref>

Von verschiedener Seite wurde die Formulierung auch verteidigt.<ref name="Krause" /><ref name="Bahr" /><ref name="derwesten"/><ref name="niggemeier"/>

Das Magazin Focus zitierte den Historiker Eckart Dietzfelbinger vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg zu dem Vorgang: „Man kann daran sehen, wie tief solche Redewendungen sitzen. Dass diese Phrase sich bis heute hält, zeigt die Wirkungsmächtigkeit der NS-Parteitage.“<ref>Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name Vorlage:Cite book/URL, Focus, 14. Juni 2010. Abgerufen am 15. Juni 2010Vorlage:Cite book/URL Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2</ref> Der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland Dieter Graumann warnte in diesem Zusammenhang vor Hysterie, betonte allerdings auch, es sei „absolut richtig und nötig“, dass die Thematik „problematisiert und kritisch hinterfragt werde“. Der Ausdruck werde „umgangssprachlich viel zu häufig leichtfertig benutzt“.<ref name="sd"/>

Da diese prädikative Wortgruppe sprachwissenschaftlich betrachtet stets in einen Zusammenhang gestellt werden muss, um verständlich zu wirken, diskutierten deutsche Kulturredakteure die Zulässigkeit des Begriffs „innerer Reichsparteitag“ in der Folge kontrovers. Tilman Krause sah in der Formulierung beispielsweise keine Sprache der Nationalsozialisten, sondern „vielmehr gerade die Persiflierung des bombastischen Nazi-Jargons, wie er im Dritten Reich gang und gäbe war“, und stufte den Begriff als „Berliner Mutterwitz“ ein.<ref name="Krause" /> Der Sprachwissenschaftler Christoph Gutknecht merkte hierzu an, dass er sich Krauses Verteidigung der Formulierung „teilweise nicht ganz anschließen“ könne, da diese einen „methodischen Fehler“ enthalte, nämlich dass in der Wendung Ironie und Distanz bei Gebrauch vor 70 Jahren zwar mitschwangen, bei der heutigen Verwendung könne dies jedoch nicht reklamiert werden. Jedoch könne die Wendung einen „Nazi-kritischen Ton“ beinhalten.<ref>Sozusagen: Momentum und NS-Sprache. Vom „inneren Reichsparteitag“ bis nach Gotenhafen – Gespräch mit dem Anglisten Christoph Gutknecht über den Umgang mit Relikten des NS-Deutsch, Bayern 2, 9. Juli 2010</ref> Für Richard Herzinger sprach vieles dafür, dass sich „die verklärten Erinnerungen an das Flair der Reichsparteitage ins kollektive Unbewusste der Nation eingegraben haben – und sich in einer unreflektiert gebrauchten Redewendung einen Weg an die Oberfläche bahnen“.<ref name="welt-8061189">Richard Herzinger: Zeitgeschichte: Reichsparteitage waren die völkische Love Parade. In: welt.de. 15. Juni 2010, abgerufen am 7. Oktober 2018.</ref> Manfred Bleskin sah in der Verwendung des Ausspruchs gar „eine besorgniserregende Tendenz zur Verharmlosung der Naziherrschaft“.<ref>Manfred Bleskin: Zwischenruf: Verharmlosung ist bedenklich. In: n-tv.de. 14. Juni 2010, abgerufen am 10. Februar 2024.</ref>

Die ost-westlich geprägte Konnotation wurde dabei von der vorgetragenen (im Wesentlichen journalistisch geprägten) Kritik mit wenigen Ausnahmen ausgeblendet, wie deren Assimilierung unter den verschiedenen sozialen Gruppierungen, die zwischen „innerer Parteitag“ und „innerer Reichsparteitag“ unterscheiden.<ref>Als eines der wenigen Beispiele für die Ost-West-Konnotation siehe Henryk Goldberg: Warum Reichsparteitag gedankenlos und unsensibel ist. (Die Deutschen Farben I), zuletzt abgerufen am 1. August 2012.</ref>

Weblinks

Wiktionary: Reichsparteitag – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

<references />