Josef Schillinger
Josef Schillinger (* 22. Januar 1908 in Oberrimsingen; † 23. Oktober 1943 in Auschwitz) war ein deutscher SS-Oberscharführer im Konzentrationslager Auschwitz.
Leben
Schillinger, von Beruf Böttcher, trat zum 1. Mai 1937 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 4.352.112), nachdem ein Beitritt zum 1. Februar 1931 aberkannt wurde.<ref>Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/37431642</ref> Er war seit Anfang September 1939 Mitglied der SS (SS-Nummer 47.468). Nach Errichtung des KZ Auschwitz-Birkenau war Schillinger dort als Rapportführer im Männerlager eingesetzt.<ref name="Lasik237">Aleksander Lasik: Die Organisationsstruktur des KL Auschwitz. In: Aleksander Lasik, Franciszek Piper, Piotr Setkiewicz, Irena Strzelecka: Auschwitz 1940-1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations und Vernichtungslagers Auschwitz. Band I: Aufbau und Struktur des Lagers, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim 1999, S. 237.</ref> Ab Ende Oktober 1942 war Schillinger für mehrere Wochen Kommandoführer des Außenkommandos Chełmek des KZ Auschwitz. Dort mussten KZ-Häftlinge unter inhumanen Arbeitsbedingungen einen Teich ausheben, der als Wasserspeicher dienen sollte.<ref>Andrea Rudorff: Chełmek. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C.H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-52965-8, S. 209.</ref> Zuletzt war Schillinger als Küchenchef und auch Rapportführer im Männerlager des KZ Auschwitz-Birkenau tätig.<ref name="Museum241">Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Hrsg.): Auschwitz in den Augen der SS. Oswiecim 1998, S. 241.</ref>
Am 23. Oktober 1943 kam ein Transport aus dem KZ Bergen-Belsen mit 1800 jüdischen Häftlingen, sogenannten Austauschjuden, im KZ Auschwitz-Birkenau an; ihnen war die Ausreise in die Schweiz versichert worden. Unter der Aufsicht von Rapportführer Schillinger eskortierten SS-Männer die angekommenen Menschen von der Rampe zum Krematorium II. Dort wurden die ahnungslosen Häftlinge im Entkleidungsraum aufgefordert, sich für eine folgende „Desinfektion“ zu entkleiden. Eine junge Jüdin – eine Tänzerin namens Franciszka Mann – durchschaute die Täuschung und weigerte sich, ihre Kleidung abzulegen. Nach dem ausführlichen Bericht von Filip Müller,<ref> Filip Müller: Sonderbehandlung. Drei Jahre in den Gaskammern und Krematorien von Auschwitz. München 1979, S. 129–141.</ref> Angehöriger des Häftlings-Sonderkommandos in Birkenau, entwand sie dem SS-Oberscharführer Walter Quakernack die Pistole und schoss drei Mal; der erste Schuss traf Schillinger, ein zweiter Schuss verfehlte Quakernack, und der dritte verletzte SS-Oberscharführer Wilhelm Emmerich.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Ein exemplarischer Fall: Wilhelm Emmerich ( vom 7. Dezember 2015 im Internet Archive) auf www.landesarchiv-bw.de</ref> Auch die anderen Frauen im Entkleidungsraum setzten sich gegen ihre bevorstehende Ermordung zur Wehr. Der Aufruhr wurde durch den Einsatz von Maschinengewehren niedergeschlagen, die überlebenden Frauen wurden anschließend in der Gaskammer ermordet. Von dem Vorgang existieren unterschiedliche Darstellungen.<ref name="Pabst">Sylvia Pabst: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Ende einer Ehrenzeit - In Auschwitz war Josef Schillinger am Holocaust beteiligt, in seiner Heimat Oberrimsingen hatte er lange Zeit ein Ehrengrab ( vom 11. August 2011 im Internet Archive), Badische Zeitung vom Donnerstag, 23. Oktoaber 2003.</ref><ref name="Kilian">Andreas Kilian: Der "Sonderkommando-Aufstand" in Auschwitz-Birkenau"</ref><ref>Franziska Mann: Widerstand vor der Tür des Todes auf http://www.auschwitz.info</ref>
Schillinger starb auf dem Weg ins Krankenhaus an seinen schweren Schussverletzungen. Sein Leichnam wurde nach Oberrimsingen überführt und unter militärischen Ehrbekundungen beigesetzt.<ref name="Pabst"/>
Postmortale Aussagen und Forschungen über Schillinger
Tadeusz Borowski, ein Auschwitzüberlebender, der im Juli 1951 Suizid beging, schrieb über Schillinger: „Der Hieb seiner Hand war wuchtig wie ein Knüppel, spielend zerschlug er einen Kiefer, und wo er hinschlug, floss Blut.“ Sein Name sei oft in einem Atemzug mit jenen Auschwitz-Mördern genannt worden, „die sich damit brüsteten, höchstpersönlich mit der Faust, dem Knüppel oder der Waffe Zigtausende von Menschen umgebracht zu haben.“<ref>Tadeusz Borowski über Josef Schillinger nach Kriegsende, zitiert bei: Waltraut Schwab: „Tausend Kilometer bis Auschwitz“, in: die tageszeitung vom 23. Januar 2010.</ref>
Im Strafprozess gegen Adolf Eichmann wurde 1961 von dem Zeugen Aharob Beilin ausgesagt, Schillinger habe schlimmste Abscheulichkeiten in Birkenau verübt. Dabei wurde nicht auf Details eingegangen, sondern nur kurz der Aufstand am Krematorium IV beschrieben, der zu Schillingers Tod führte.<ref>Video beim United States Holocaust Memorial Museum (englisch/israelisch)</ref><ref>Fact Check: Franceska Mann bei snopes.com (englisch). 9. März 2017, abgerufen am 23. März 2017</ref>
In einem um 2016 aufgezeichneten Interview schildert der Auschwitzüberlebende Leon Henry Schwarzbaum das Wesen und die Todesumstände Schillingers. Demnach sei Schillinger von einer jungen Auschwitzinsassin mit dem eigenen Revolver erschossen worden, was sogar bei seinen (SS-) Kameraden „Freude“ ausgelöst hätte, „weil er ein brutaler Mann war.“.<ref> Zeugen der Zeitzeugen: Interview - Auschwitz-Überlebender Leon Henry Schwarzbaum (engl. subtitles) (ab 0:25:25) auf YouTube, 11. November 2016, abgerufen am 7. Februar 2026 (Laufzeit: 1:10:15).</ref>
Der Hobbyhistoriker Andreas Meckel setzte sich beim Bürgermeister von Breisach 2003 erfolgreich dafür ein, dass der Grabstein Schillingers vom Ehrenfeld in Oberrimsingen entfernt wurde. Meckel hatte den Ort der Grabstätte Schillingers erfahren und wollte sich nicht damit abfinden, dass eines Täters des Holocaust mit einem Grabstein gedacht wurde, während Millionen von Opfern des Holocaust dieses persönliche Gedenken verwehrt blieb.<ref name="Pabst"/> Zudem wurde auch Schillingers Name vom örtlichen Kriegerdenkmal entfernt.<ref name="Schwab">Waltraut Schwab: „Tausend Kilometer bis Auschwitz“, in: die tageszeitung vom 23. Januar 2010</ref> Schillingers Todesumstände sind dokumentiert, sie stehen für den Widerstand der Opfer gegen ihre bevorstehende Ermordung.<ref name="Kilian"/>
Literatur
- Christiane Walesch-Schneller: German Josef Schillinger. „Bauchschuss in Ausübung des Dienstes“ – Eine gerechte Strafe. In: Wolfgang Proske (Hrsg.): Täter – Helfer – Trittbrettfahrer. NS-Belastete aus Südbaden. (= Täter – Helfer – Trittbrettfahrer. Band 6). 1. Auflage. Kugelberg, Gerstetten 2017, ISBN 978-3-945893-06-7, S. 281–300.
- Wacław Długoborski, Franciszek Piper (Hrsg.): Auschwitz 1940–1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Verlag Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oswiecim 1999, 5 Bände: I. Aufbau und Struktur des Lagers. II. Die Häftlinge – Existenzbedingungen, Arbeit und Tod. III. Vernichtung. IV. Widerstand. V. Epilog., ISBN 83-85047-76-X.
- Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1980, ISBN 3-548-33014-2.
Weblinks
- Eintrag von Josef Hermann Schillinger (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Februar 2026. Suche im Internet Archive ) in der Datenbank SS-Mannschaft KL Auschwitz.
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Schillinger, Josef |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher SS-Oberscharführer im Konzentrationslager Auschwitz |
| GEBURTSDATUM | 22. Januar 1908 |
| GEBURTSORT | Oberrimsingen |
| STERBEDATUM | 23. Oktober 1943 |
| STERBEORT | Auschwitz |