Helene Hegemann
Helene Hegemann (* 19. Februar 1992 in Freiburg im Breisgau) ist eine deutsche Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Bekannt wurde sie mit ihrem Debütroman Axolotl Roadkill, der bei Erscheinen zunächst als authentisch gelobt, wenig später wegen nachweislicher Plagiate kritisiert wurde. Das Buch wurde in 15 Sprachen übersetzt und wenige Jahre später von der Autorin selbst verfilmt. Neben drei weiteren Romanen und anderen Texten schrieb und realisierte sie Theater- und Filmprojekte und moderiert eine Literatursendung in der ARD.
Leben
Helene Hegemann ist die Tochter des Dramaturgen Carl Hegemann (1949–2025) und der Grafikerin und Bühnenmalerin Brigitte Isemeyer. Als sie drei Jahre alt war, trennten sich die Eltern. Hegemann wuchs bei ihrer Mutter in Bochum auf.<ref>Revanche einer Unverstandenen. In: Süddeutsche Zeitung Magazin. 22. Juni 2017.</ref> Nach dem Tod der alkoholkranken Mutter an einem Aneurysma<ref>Revanche einer Unverstandenen. In: SZ Magazin. 22. Juni 2017, abgerufen am 9. April 2025.</ref> zog sie mit 13 Jahren zu ihrem Vater, der in Berlin an der Volksbühne als Dramaturg arbeitete. Bis zu diesem Zeitpunkt wollte Hegemann Tänzerin werden; sie wandte sich nun jedoch dem Schreiben zu.<ref>Susanne Führer, Helene Hegemann: Schriftstellerin Helene Hegemann - Vom Wunderkind zur etablierten Autorin. In: deutschlandfunkkultur.de. 26. Februar 2019, abgerufen am 8. April 2025.</ref> Bis zum Hauptschulabschluss besuchte sie eine Montessorischule.<ref>Helene Hegemann im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar), abgerufen am 18. Mai 2025.</ref> Mit der Mittleren Reife ging sie von der Schule ab.<ref>Tobias Rapp: Autoren: Das Wunderkind der Boheme. In: Spiegel Online. 18. Januar 2010, abgerufen am 20. August 2013.</ref>
Hegemann lebt und arbeitet als freie Autorin in Berlin.<ref>Cosima Lutz: Hegemann feiert die Kommune im Kapitalismus. In: Die Welt. 20. Januar 2010, abgerufen am 20. August 2013.; Ric Graf: Stadtmenschen: Mein Leben, mein Film. In: Tagesspiegel. 6. Dezember 2008, abgerufen am 20. August 2013.</ref>
Werk
Am 6. Dezember 2007 wurde ihr Theaterstück Ariel 15 mit dem Untertitel „Die Grundlagen der Verlorenheit“ in Berlin im Ballhaus Ost unter der Leitung von Sebastian Mauksch uraufgeführt. Helene Hegemann nennt ihr Stück ein Kunstmärchen.<ref name="B"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />ARIEL 15 HELENE HEGEMANN / SEBASTIAN MAUKSCH ( vom 2. März 2013 im Internet Archive)</ref> Es wurde 2008 von Deutschlandradio Kultur als Hörspiel umgesetzt und gesendet.<ref name="D">hoerspielundfeature.de: Ariel 15 - oder die Grundlagen der Verlorenheit. Abgerufen am 1. Februar 2023.</ref>
Mit 14 Jahren hatte Helene Hegemann binnen eines Monats das Drehbuch zum Film „Torpedo“ geschrieben, der vom Umzug der 15-jährigen Mia in die Hauptstadt erzählt.<ref>Verena Friederike Hasel: Rote Rosen für Neurosen, In: Der Tagesspiegel, 8. März 2009</ref> Die Kulturstiftung des Bundes subventionierte 2007 die Verfilmung.<ref>Torpedo: Ein Film nach einer besonderen Geschichte von Helene Hegemann. Kulturstiftung des Bundes, abgerufen am 6. Februar 2022.</ref> Der daraus entstandene 42-minütige Film ist ein Jugenddrama mit autobiografischen Zügen, bei dem sie selbst Regie führte. Alice Dwyer spielte die Protagonistin Mia. Der Film wurde 2008 bei den Hofer Filmtagen uraufgeführt, lief im Sommer 2009 in den deutschen Kinos und wurde mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet.<ref>Laura Weißmüller: Berlinale: Helene Hegemann Katapultiert ins Elend der Jugend. In: Süddeutsche Zeitung. 17. Mai 2010, abgerufen am 20. August 2013.; <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Torpedo bei Filmgalerie 451 ( vom 12. Februar 2010 im Internet Archive)</ref> Im Episodenfilm Deutschland 09, der auf der Berlinale 2010 Premiere hatte, spielt Hegemann eine der Hauptrollen in Nicolette Krebitz’ Beitrag Die Unvollendete, in dem sie auf Ulrike Meinhof und Susan Sontag trifft.<ref>Katapultiert ins Elend der Jugend. 17. Mai 2010, abgerufen am 11. Mai 2025.</ref>
2010 erschien Hegemanns erster Roman Axolotl Roadkill im Ullstein-Verlag. Das Buch wurde als Sensation der Literatursaison gefeiert („große[r] Coming-of-Age-Roman der Nullerjahre“),<ref>Mara Delius: Mir zerfallen die Worte im Mund wie schlechte Pillen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 22. Januar 2010, abgerufen am 12. September 2014.</ref> wobei Vorwürfe laut wurden, Hegemann habe bei dem Berliner Blogger und Autor Airen abgeschrieben. Einige Formulierungen und Passagen erwiesen sich als kopiert,<ref>Das habe ich erlebt, nicht Helene Hegemann, ein Interview mit dem Blogger »Airen«. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 12. Februar 2010, abgerufen am 20. August 2013 (mit einer Zusammenstellung aller ähnlichen Passagen).</ref> was eine ausführliche Kontroverse nicht nur über Hegemann, sondern auch über Theorie, Praxis und Definition des Plagiats im Gegensatz zu „Intertextualität“ auslöste.<ref>Veronika Schuchter: Der Fall Hegemann. Analyse einer Debatte. In: literaturkritik.at. 7. Mai 2010, abgerufen am 12. September 2014.</ref> Dennoch wurde das Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.<ref>deutschlandfunkkultur.de: Trotz Plagiat: Hegemann für Buchpreis nominiert. 11. Februar 2010, abgerufen am 11. Mai 2025.</ref> Der Roman wurde in 15 Sprachen übersetzt.<ref>Laura Schütz: Punctum, Punctum, Loop, Pop? Zur Ästhetik von Helene Hegemanns Roman Axolotl Roadkill (2010), in: Ingo Irsigler, Ole Petras, Christoph Rauen (Hrsg.): Deutschsprachige Pop-Literatur von Fichte bis Bessing, V&R unipress, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8471-0981-5, S. 285</ref> 2015 verfilmte sie als Regisseurin und Drehbuchautorin ihren Debütroman unter dem Titel Axolotl Overkill mit Jasna Fritzi Bauer in der Hauptrolle. Der Film hatte auf dem Sundance Film Festival 2017 Weltpremiere.<ref>deutschlandfunkkultur.de: Sundance-Filmfestival eröffnet - Weltpremiere von Helene Hegemanns "Axolotl Overkill". Abgerufen am 1. Februar 2023.</ref>
Auch der 2013 erschienene Roman Jage zwei Tiger dreht sich um das Erwachsenwerden. Er handelt von einem Paar zweier Heranwachsender aus wohlhabenden Kreisen, die sich vor dem Hintergrund erheblicher gesundheitlicher und familiärer Probleme finden und die sich dabei zugleich von der Welt ihrer Eltern lösen. Der Rezensent Ijoma Mangold las das Buch in der Zeit als „rich kid-Literatur in der Nachfolge von Christian Krachts Roman Faserland.“<ref>Ijoma Mangold: Roman „Jage zwei Tiger“: Mit Segen von ganz oben. In: Die Zeit. 22. August 2013, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 18. Mai 2025]).</ref>
Helene Hegemanns dritter Roman Bungalow war auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018.<ref>deutschlandfunkkultur.de: Longlist zum Deutschen Buchpreis - Diese 20 Romane sind im Rennen. Abgerufen am 1. Februar 2023.</ref> Ihr 2021 erschienener Essay über Patti Smith wurde in deutschen Feuilletons lobend besprochen. Julia Encke las den Text als autobiografische Erzählung, die „eine Lebensrettungsgeschichte mit unglaublicher Wucht“ sei.
Seit 2024 moderiert Helene Hegemann für die ARD das Literaturformat „Longreads“.<ref>Cornelia Geißler: Helene Hegemanns neue Sendung „Longreads“: Literatur passt ins Fernsehen. 25. März 2024, abgerufen am 26. März 2024.</ref><ref>Julia Encke: Hegemann über Smith: Aliens und Obdachlose. In: FAZ.NET. 27. September 2021, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 1. Februar 2023]).</ref>
Im Jahr 2025 schrieb Hegemann das Vorwort für Alice Zeniters Buch Eine ganze Hälfte der Welt. Die vernachlässigten Frauen der Literatur.
Im selben Jahr veröffentlichte sie ihren vierten Roman Striker. Die gleichnamige Romanfigur ist vom Streetart-Künstler Mr. Paradox Paradise inspiriert, wie die Autorin am Ende des Buches schreibt. Geschildert wird darin das diffuse Gefühl der Existenzbedrohung, das heute so viele Menschen unserer westlichen Gesellschaften teilen, sowie die „Steigerungslogik“ ihrer Reaktionen.<ref>Meike Feßmann: Rezension: Helene Hegemann, "Striker". In: deutschlandfunkkultur.de. 14. März 2025, abgerufen am 31. März 2025.</ref>
Trivia
Helene Hegemann war im Juli 2015 zusammen mit ihrer damaligen Lebensgefährtin, der Journalistin Andrea Hanna Hünniger, auf der Titelseite des Magazins Emma zu sehen.<ref>K-Word #207: Neues aus der Lesbenwelt. Abgerufen am 12. Oktober 2020.</ref>
Werke
- Romane
- Axolotl Roadkill. Ullstein, Berlin 2010, ISBN 978-3-550-08792-9
- Jage zwei Tiger. Hanser, Berlin 2013, ISBN 978-3-446-24367-5
- Bungalow. Hanser, Berlin 2018, ISBN 978-3-446-25317-9
- Striker. Kiepenheuer & Witsch 2025, ISBN 978-3-462-00595-0
- Kurzgeschichten
- Schlachtensee. Stories. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022, ISBN 978-3-462-00168-6
- Essay
- Patti Smith. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2021, ISBN 978-3-462-05395-1
- Bühnenprojekte
- Ariel 15 – oder die Grundlagen der Verlorenheit, Uraufführung 2007, Ballhaus Ost
- Hörspiel, Regie: Elisabeth Putz, Produktion: Deutschlandradio Kultur, 2008
- Lyrics – Dieses Gedicht wurde vor ca. 20.000 Jahren geschrieben und ist immer noch aktuell, Uraufführung 2011, Spielart Festival, I-camp/Neues Theater München<ref>Laura Schütz: Punctum, Punctum, Loop, Pop? Zur Ästhetik von Helene Hegemanns Roman Axolotl Roadkill (2010), in: Ingo Irsigler, Ole Petras, Christoph Rauen (Hrsg.): Deutschsprachige Pop-Literatur von Fichte bis Bessing, V&R unipress, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8471-0981-5, S. 291</ref>
- Musik, Oper nach Frank Wedekinds gleichnamigen Drama von 1906. Libretto und Inszenierung: Helene Hegemann, Komponist: Michael Langemann. Uraufführung 2013, Palladium (Köln)<ref>Michael Struck-Schloen: Jungautorin Hegemann inszeniert ihre erste Oper. 8. Dezember 2013, abgerufen am 11. Mai 2025.</ref>
Filmografie (Auswahl)
- Regie und Drehbuch
- 2008: Torpedo
- 2017: Axolotl Overkill
- 2022: Strafe (Fernsehreihe, 1 Folge)
- 2024: Zeit Verbrechen (Miniserie, Folge Deine Brüder)
- Darstellerin
- 2009: Deutschland 09
- 2012: Hey, Cowboy
- 2015: Traumfrauen
- 2022: Servus Papa – See You in Hell
Auszeichnungen
- 2008: Hörspiel des Monats Oktober für Ariel 15 – oder Die Grundlagen der Verlorenheit
- 2009: Max-Ophüls-Preis für Torpedo<ref>Max-Ophüls-Festival: So reich war das Angebot selten. 2. Februar 2009, abgerufen am 11. Mai 2025.</ref>
- 2011: Stipendium der Villa Aurora
Literatur
- Laura Schütz: Punctum, Punctum, Loop, Pop? Zur Ästhetik von Helene Hegemanns Roman Axolotl Roadkill (2010). In: Ingo Irsigler, Ole Petras, Christoph Rauen (Hrsg.): Deutschsprachige Pop-Literatur von Fichte bis Bessing. V&R unipress, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8471-0981-5, S. 285–304.
Weblinks
- Literatur von und über Helene Hegemann im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Kurzbiografie und Rezensionen zu Werken von Helene Hegemann bei Perlentaucher
- Helene Hegemann im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
- Vorlage:IMDb/1
- Filmografie in: Filmportal.de
Porträts und Interviews
- Cosima Lutz: Hegemann feiert die Kommune im Kapitalismus, Welt Online, 20. Januar 2010
- „Ich halte nichts von diesem Delirium.“ Interview, Welt, 6. August 2013, abgerufen am 7. August 2013
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Hegemann, Helene |
| ALTERNATIVNAMEN | Isemeyer, Helene |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Autorin, Regisseurin und Schauspielerin |
| GEBURTSDATUM | 19. Februar 1992 |
| GEBURTSORT | Freiburg im Breisgau |