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Atmende Wand

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Die atmende Wand ist die auf eine These Max von Pettenkofers (1818–1901) zurückgehende Vorstellung, eine Wand müsse „atmen“ können (im Sinne von Luftdurchlässigkeit = Konvektion), um ein behagliches Raumklima zu schaffen und Schimmel an Wandstellen zu vermeiden. Tatsächlich waren weder damalige typische Wände luftdurchlässig noch heutige.

Die Baubiologie greift trotzdem heute noch auf diesen Begriff zurück, teils in der ursprünglichen Bedeutung für Konvektion, teils für die Wasserdampfdurchlässigkeit (Diffusion) von Baustoffen.

Historisches

Der Hygieniker Max von Pettenkofer stellte 1858<ref>Max Pettenkofer: Über den Luftwechsel in Wohngebäuden. Cottaesche Buchhandlung, München 1858.</ref> bei Luftwechsel-Messungen in seinem Büroraum fest, dass sich nach dem vermeintlichen Abdichten sämtlicher Fugen die Luftwechselrate weniger als erwartet verminderte, und erklärte dies durch einen erheblichen Luftaustausch durch die Ziegelwände hindurch. Nach heutigem Kenntnisstand hatte er jedoch übersehen, dass Zimmer auch andere Bauteile als Wände haben und der Ofen in seinem Versuchsraum nicht abgedichtet war. Insbesondere die Holzbalkendecken der damaligen Zeit stellten sich bei Messungen mit und ohne Linoleumauflage später als sehr fugenundicht heraus. Dass Ziegel, Luftkalkmörtel und ähnliche poröse Baustoffe luftdurchlässig sind, demonstrierte er durch einen Versuch, in dem er auf die Stirnflächen eines wenige Zentimeter großen zylindrischen und seitlich abgedichteten Probenstücks einen kleinen Trichter aufsetzte und durch kräftiges Blasen durch die Probe hindurch eine Kerze ausblies. Der Luftaustausch durch die Zimmerwände hindurch sei, so Pettenkofer, ein wesentlicher Beitrag zum Raumluftaustausch. Nasse Wände hingegen würden den Luftwechsel behindern (wie ebenfalls im Versuch demonstrierbar). Pettenkofer war noch stark von der mittelalterlichen „Miasmenvorstellung“ geprägt.

Tatsächlich sind zahlreiche poröse Baustoffe im Sinne Pettenkofers luftdurchlässig. Ein Lufttransport durch das Porengefüge hindurch kann jedoch nur durch einen Luftdruck-Unterschied zwischen den beiden Seiten einer Wand in Gang gesetzt werden. Da sich der Luftdruck im Gebäude üblicherweise fast nicht vom Außenluftdruck unterscheidet, ist keine treibende Kraft für einen solchen Transportvorgang vorhanden. Der vom Wind verursachte Staudruck an der Außenoberfläche ist zu geringfügig, um Luftaustauschraten zu erzeugen, die im Vergleich zu den sonstigen Undichtigkeiten von Bedeutung sein könnten. Außerdem werden derartige Baustoffe in der Praxis immer in Verbindung mit einer luftdichten Schicht, z. B. Putzen und Bauplatten, eingesetzt, so dass die Wand als Ganzes nicht luftdurchlässig ist. Dies wurde 1928 durch Messungen unter definierten Randbedingungen an Bauteilen durch Ernst Raisch bewiesen.<ref>Ernst Raisch: Luftwechselmessungen an Baustoffen und Baukonstruktionsteilen. In: Gesundheits-Ingenieur. 51. Jahrgang, 30. Heft. Oldenbourg, München und Berlin 28. Juli 1928.</ref>

Moderne Prüfung der Luftdurchlässigkeit

Den größten Fassaden-Prüfstand Europas hat seit 2008 die Hochschule Luzern. Eine 2,5 Meter tiefe Prüfkammer mit einer 8 m × 12 m großen Öffnung ermöglicht die Prüfung der Luftdurchlässigkeit, der Schlagregendichtheit und der Widerstandskraft gegen Windlast.<ref>Einweihung: Europas grösster Fassadenprüfstand. 11. Dezember 2009, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 11. Dezember 2009; abgerufen am 17. September 2022.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.hslu.ch</ref>

Baubiologische Verwendung des Begriffs "Atmende Wände"

In der Baubiologie wird der Begriff "Atmende Wände" nicht im bauphysikalischen Sinne einer Luftdurchströmung, sondern als Synonym für ein gesundes und ausgeglichenes Raumklima verwendet. Dabei steht der Begriff für Wandoberflächen und Baustoffe, die zur Regulierung der Luftfeuchtigkeit und zur Reduktion von Schadstoffen in Innenräumen beitragen soll.<ref>Raumklima - Luftschadstoffe - Innenräume. Abgerufen am 23. Oktober 2025.</ref><ref name=":1">Raumklima - Kalk und Lehm fürs Wohlbefinden. Abgerufen am 23. Oktober 2025.</ref><ref name=":2">Richtlinie zur Bewertung der Luftqualität von Innenräumen. Abgerufen am 23. Oktober 2025.</ref>

In den zentralen Eigenschaften solcher "atmenden" Wandaufbauten zählen:<ref name=":1" /><ref name=":2" />

  • Feuchtepufferung: Diffusionsoffene Putze und Farben können zeitweise auftretende Feuchtigkeit aus der Raumluft aufnehmen und bei sinkender Luftfeuchtigkeit wieder abgeben.<ref name=":1" /><ref name=":2" /> Damit tragen sie dazu bei, die relative Luftfeuchtigkeit im Innenraum im Idealbereich zwischen etwa 40 % und 60 % zu halten.<ref>A. V. Arundel, E. M. Sterling, J. H. Biggin, T. D. Sterling: Indirect health effects of relative humidity in indoor environments. In: Environmental Health Perspectives. Band 65, März 1986, ISSN 0091-6765, S. 351–361, doi:10.1289/ehp.8665351, PMID 3709462, PMC 1474709 (freier Volltext) – (nih.gov [abgerufen am 23. Oktober 2025]).</ref>
  • Diffusionsfähigkeit: Materialien wie Kalk- und Lehmputze oder Silikatfarben besitzen eine hohe Wasserdampfdurchlässigkeit (niedriger Wasserdampfdiffusionswiderstand (µ bzw. sd-Wert)) und ermöglichen so den Austausch von Wasserdampf zwischen Raumluft und Wandoberfläche.<ref name=":3">Raumluft. 9. Mai 2025, abgerufen am 23. Oktober 2025.</ref><ref name=":2" />
  • Allergikerverträglichkeit: Baubiologisch empfohlene Putze und Farben sind weitgehend frei von flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) und anderen Schadstoffen, die die Raumluftqualität beeinträchtigen können.<ref name=":3" /> Kalk- und Lehmputze können darüber hinaus bestimmte Luftschadstoffe und Gerüche absorbieren und chemisch binden.<ref name=":4">Ökologisch Bauen, Gesund Wohnen - IBO - Österreichisches Institut für Bauen und Ökologie. Abgerufen am 23. Oktober 2025.</ref>
  • Natürlicher Schimmelschutz: Kalk- und Silikatputze wirken durch ihre Alkalität schimmelhemmend. Ihre Fähigkeit, Feuchtigkeit kurzfristig aufzunehmen, kann Kondensatbildung an kalten Wandstellen verringern und damit das Schimmelrisiko senken.<ref name=":1" /><ref name=":5">Lüften in Bildungseinrichtungen. Abgerufen am 23. Oktober 2025.</ref>

Der Begriff "Atmende Wände" wird in diesem Zusammenhang bewusst positiv verwendet, um die Bedeutung diffusionsoffener und schadstoffarmer Materialien für das Wohlbefinden in Innenräumen hervorzuheben.<ref name=":4" /> In der Fachliteratur wird jedoch betont, dass diese Eigenschaften den Luftaustausch durch Lüften oder technische Lüftungssysteme nicht ersetzen.<ref name=":5" /><ref>Richtlinie zur Bewertung der Luftqualität von Innenräumen. Abgerufen am 23. Oktober 2025.</ref>

Literatur

  • H. Künzel: Sollen Hausaußenwände atmungsfähig sein? In: Physik in unserer Zeit. Band 21, Nr. 6, 1990, S. 252–257.

Einzelnachweise

<references />