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Homolulu

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Homolulu – Die Geburt eines Vulkans oder die Versuchung eine Utopie konkret zu machen war das erste internationale Homosexuellen-Treffen in Frankfurt am Main. Es fand vom 23. bis 29. Juli 1979 statt und war der politische Initiator für einige weitere schwule und lesbische Projekte.

Etymologie

Homolulu setzt sich zusammen aus Homoseksualiteit (Niederländisch) bzw. Homosexualität und Honolulu, der hawaiianischen Hauptstadt auf der Insel Oʻahu mit dem berühmten Stadtteil und Strand Waikīkī, der auch als „Metropole der Südsee“ bezeichnet wird und hinter dem sich die erloschenen Vulkane Diamond Head und Punchbowl Crater erheben.

In Amsterdam befand sich in der Kerkstraat 23 von 1975 bis 1997 die schwul-lesbische Diskothek und Cafe Homolulu.<ref>Tulleners: @1@2Vorlage:Toter Link/www.echo.nlKerkstraat 23 (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2019. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot, De Echo, 4. Dezember 2008</ref> Jerry Di Falco aus Philadelphia malte im Jahre 1988 das Werk Political Discussion at the Homo Lulu Cafe in Amsterdam.<ref>Jerry Di Falco: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Jerry Di Falco: "Political Discussion at the Homo Lulu Cafe in Amsterdam" - Painting Acrylic, 1988 (Memento des Vorlage:IconExternal vom 5. August 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.absolutearts.com, absolutearts.com, 20. Juli 2002</ref>

Von diesem Lokal, das die Veranstalter nicht persönlich kannten, entlieh man sich den Namen für die Veranstaltung in Frankfurt.<ref name="reiss">Willkommen auf dem ersten Versuch einer web site von Stefan Reiß, 18. Juli 2003</ref> Da sie für Männer und Frauen offen sein sollte, nahm man keinen Namen, der von schwul oder ähnlichem abgeleitet war.<ref>Neue Rhein-Zeitung, 25. Juli 1979</ref> Außerdem sollte er international, unabhängig von der Sprache, die richtigen Assoziationen hervorrufen.<ref name="reiss"/> Die Veranstalter assoziierten damit eine autonome palmenbestrandete Insel, die frei vom Zwang ist, sich gegen heterosexuelle Normen abzugrenzen. Und es soll keine flache Insel sein, sondern ein heißer Vulkan, von dessen breitem Gipfel man die Situation besser überschauen kann. Es sollte ein Tanz auf dem Vulkan sein, bei dem man sich mit dem homosexuellen Alltag beschäftigt, gegen die alltägliche Diskriminierung arbeitet und ihn zum Ausbruch bringt, wo er dann den Heterochauvinismus unter sich begraben soll.<ref>Stefan Reiß: Original-Info-Zettel mit Spenden- und Themenaufruf</ref>

Weitere Namensverwendung

Die Schriftstellerin Ginka Steinwachs betitelt in ihrem 1980 erschienenen literarischen Biografie George Sand, „eine Frau mit Männernamen, die schreibend Welten schaffte und Männer wie Frauen liebte“,<ref>Ginka Steinwachs & Torsten Flüh George Sand, ginkasteinwachs.de, 2004</ref> das vierte Kapitel mit „Homolulu: Treibhaus de la Paix“. „Der Ortsname ‚Homolulu‘ ruft vielfältige Assoziationen hervor: Das ‚pazifische‘ bzw. ‚pazifistische‘ Reiseparadies Honolulu, die Homosexualität und schließlich Lulu, die ‚Femme Fatale‘ der deutschen Literatur und somit die Symbolfigur des ‚unbezähmbaren Sexualtrieb[s]‘ des Weiblichen.“<ref>Suok Ham: Zum Bild der Künstlerin in literarischen Biographien: Christa Wolfs „Kein Ort. Nirgends“, Ginka Steinwachs' „George Sand“ und Elfriede Jelineks „Clara S.“ (Dissertation an der TU Berlin), Königshausen & Neumann, 2007, ISBN 3-8260-3723-5, S. 133</ref>

Das Café im 1982 eröffneten Bremer Rat und Tat Zentrum für Homosexuelle wurde damals Homolulu genannt.

Vom 3. bis 11. Oktober 1992 fand in Berlin die Veranstaltung Homolulu (II) statt.<ref>Manfred Roth: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Stifter-Vater oder Mutter Courage? (Memento des Vorlage:IconExternal vom 8. Oktober 2007 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.hms-stiftung.de, Laudatio auf den Preisträger „Rosa Courage 1993“ Prof. Dr. Andreas Meyer-Hanno, gehalten am Donnerstag, den 29. April 1993 auf den Schwulen Kulturtagen Osnabrück „Gay in May“, Nachdruck 2006</ref> Vom Verein zur Förderung schwuler Kultur in den Medien wurde zu diesem Anlass auch eine Homolulu Zeitung herausgebracht.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />ZF 63187 - Homolulu Zeitung / Verein zur Förderung schwuler Kultur in den Medien (Memento des Vorlage:IconExternal vom 11. Dezember 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/search.iisg.nl, Bibliotheksdatenbank International Institute of Social History</ref> Die Veranstaltung war bei weitem nicht so erfolgreich wie Homolulu 1979.

In Nürnberg fanden 2007 an verschiedenen Örtlichkeiten mehrere monatliche Clubbings unter dem Titel Honolulu statt.

Im Osloer Stadtteil Frogner befindet sich die Halbinsel Bygdøy. Dort befindet sich die bei Badenden beliebte Paradisbukta („Paradiesbucht“), der auch bei Lesben und Schwulen beliebt ist. Der nördlich angrenzende eigentlich Gay-Strand wird auch Homolulu genannt.<ref>Michael Möbius, Annette Ster: Oslo und Umgebung. DuMont direkt 3. Ausgabe, DuMont Reiseverlag, 2007, ISBN 3-7701-6521-7, S. 79 „Paradisbukta“</ref>

Der norwegische Regisseur Frank Mosvold drehte im Jahre 2004 die englische, mit Stereotypen spielende, einminütige Kurzfilm-Komödie The Homolulu-Show<ref>The Homolulu Show (2004), imdb.com</ref> als Reaktion auf konservative US-amerikanische und norwegische Aussagen zur gleichgeschlechtlichen Ehe.<ref>The Homolulu-Show, logoonline.com</ref> Darin ist der seit Jahren mit Martin (Per Christian Ellefsen) in Homolulu verheiratete Henry (Bjørn Sundquist) entsetzt über die Vorstellung, dass nun auch Heterosexuelle heiraten dürfen.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />The Homolulu Show (Memento des Vorlage:IconExternal vom 6. Februar 2009 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.movieola.ca, Movieola, Kopie auf Youtube</ref>

Vorgeschichte

1969/1973 wurde zwar der § 175 liberalisiert, gesellschaftliche Diskriminierung und Repressionen bestanden aber weiter. Öffentlichkeitsaktionen von Schwulengruppen wurden immer wieder von städtischen Behörden verboten. Einzelne Schwule, deren Homosexualität nachweisbar war, wurden im öffentlichen Dienst mit Berufsverboten belegt. In Einzelfällen gab es auch zwangspsychiatrische und medizinische ‚Behandlungen’. Man gründete daher die Nationale Arbeitsgruppe gegen Repression gegen Schwule (NARGS). Es war der zweite Versuch, eine bundesweite Vereinigung der Schwulenbewegung herbeizuführen, um politisch an Gewicht zu gewinnen und wirksamer arbeiten zu können. Ziel war es, dass beim 1978 geplanten 3. Internationalen Russell-Tribunal, welches Menschenrechtsverletzungen in der BRD behandeln sollte, Schwule nicht vergessen werden sollten.<ref name="glas">Michael Glas: Die Schwulenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland - politische Ziele und Strategien, 1993, Magisterarbeit an der Universität Erlangen-Nürnberg; gekürzte Fassung 100 Jahre Schwulenbewegung - <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Teil 5 NARGS und HomoLulu (Memento vom 19. Juli 2011 im Internet Archive) auf nuernberg.gay-web.de, Version: 20. Februar 1998</ref>

Es entwickelte sich im Rahmen der NARGS enge Kontakte unter der Federführung der Homosexuellen Aktion Hamburg und der Initiativgruppe Homosexualität Bielefeld (IHB). Am 21. August 1977 erschien eine Presseerklärung der elf beteiligten Gruppen, in der die Ziele bekannt gegeben wurden. Die gesammelten Materialien über Repressionen sollten einer Vorentscheidungsjury vorgelegt werden, allen Schwulengruppen zur Verfügung stehen und als Broschüre veröffentlicht werden, was im Oktober 1977 unter dem Titel Schwule gegen Unterdrückung und Faschismus und mit Erklärung der gesellschaftlichen Zusammenhänge erfolgte. „Man sah einen engen Zusammenhang zwischen der Unterdrückung der Schwulen, deren Existenz die Zwangsheterosexualität in Frage stelle, zum Beispiel Ehe und Männerherrschaft, und der Unterdrückung der lohnabhängig Arbeitenden, die ständig wachsender Repression in der BRD ausgesetzt seien.“<ref name="glas"/>

In der zweiten Sitzungsperiode des Russell-Tribunals vom 3. bis 8. Januar 1979 wurde beispielhaft in zwanzig Minuten das Infotischverbot der Stadt Aachen gegenüber der dortigen Schwulengruppe behandelt. Es wurde als Zensurfall vorgelegt und auch als solcher verurteilt. Die Frage der Schwulenunterdrückung spielte dabei keine größere Rolle, wodurch die Erwartungen so mancher enttäuscht wurden. Positiv empfand man den Prozess der gemeinsamen Vorbereitungszeit und den Erfahrungsgewinn. Einigen war klar geworden, dass die Aktionsformen der Hetero-Linken keinen Platz ließen für die wirkliche Artikulation schwuler Interessen. Immer wieder sollten Schwule ihre spezifischen Probleme zugunsten einer gemeinsamen linken Politik hintanstellen.<ref name="glas"/>

Auch andere linke Aktionsgruppen, welche heute als Neue soziale Bewegungen bezeichnet werden, hatten Ende der 1970er Jahre das Gefühl, auf der Stelle zu treten. So veranstaltete man von 27. bis 29. Januar 1978 in Westberlin den Tunix-Kongress, einem Riesenfest mit Musik, Kabarett und Theater die in viele Diskussionsrunden eingebettet waren, wo vieles relevante thematisiert wurde. Dieser Kongress wurde allgemein zum Aufbruch für viele weiterführende Projekte. Darunter waren auch die ersten Christopher-Street-Day-Demonstrationen am 30. Juni 1979, zum zehnten Jahrestag von Stonewall, in Stuttgart, Köln, Westberlin und Bremen.<ref name="hutter"/>

Veranstaltung

Der Termin im Sommer 1979 erwies sich als glücklich gewählt: In der Presse herrschte „Saure-Gurken-Zeit“ und deshalb berichtete der Spiegel schon 10 Tage vor Beginn über die geplante Veranstaltung. Da auch während der Homolulu-Woche keine dramatischen Ereignisse die deutsche Presse beschäftigten, berichteten nahezu sämtliche überregionalen Medien über das Event<ref>Holy in „100 Jahre Schwulenbewegung“, Manfred Herzer (Hrsg.), Verlag rosa Winkel, Berlin 1998, Seite 107</ref> und so kam es, dass zum ersten Mal überwiegend sachlich über schwules Leben berichtet wurde. Das bis dahin größte und inhaltsreichste Schwulentreffen der Bundesrepublik in Frankfurt/Main zog tagsüber die Aktivisten in die Arbeitsgruppen im Studentenhaus an der Uni, in der Nacht zum großen Kulturprogramm ins Festzelt am Stadtrand. Für die Dauer des in jeder Beziehung lustvollen Treffens erschien eine schwule Tageszeitung, waren aber auch Reporter vieler Tageszeitungen vor Ort und selbst zahlreiche öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten berichtet erstmals. Die inhaltlichen Diskussionen zu schwulenpolitischen Themen, z. B. der kurz zuvor gegründeten AG schwuler Lehrer in der GEW Berlin<ref>Festschrift "40 Jahre AG Schwule Lehrer in der GEW Berlin", 2019, Abschnitt 4</ref>, blieben zwar dem selbst gedruckten täglichen Blatt für die Teilnehmer überlassen. Dennoch veränderte die sachliche, oft sogar sympathisierende Berichterstattung in der gesamten alten Bundesrepublik die allgemeine Wahrnehmung von Schwulen<ref>Waldschlösschen mittendrin, Rainer Marbach (Hrsg.), MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 2006, Seite 14 (rechte Spalte oben)</ref>. Deshalb war es danach eher möglich, auch regionale Termine in der Lokalpresse anzukündigen, und es wurde zunehmend über Veranstaltungen berichtet. Dies war ein Wendepunkt<ref>Sebastian Haunss, Identität in Bewegung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2004, Abschnitt 9 (Schwulenbewegung), S. 211</ref>, sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung als auch in der Selbstwahrnehmung der Schwulen. Dadurch wurde Homolulu zum Finale der politischen Schwulenbewegung der 1970er Jahre.

Eine ganze Woche lang feierten, diskutierten und demonstrierten über zweitausend Besucher beim Frankfurter Festival Homolulu. Höhepunkt war eine bunte Demonstration mit hunderten von schrill verkleideten Schwulen auf der Zeil. Bilder von dieser Veranstaltung schafften es sogar bis in die Tagesschau. Am Ende wurde von den Demonstranten per Akklamation eine Resolution verabschiedet, welche unter anderem folgende Punkte enthielt:<ref>Resolution des Homolulu-Kongresses vom 28. Juli 1979, vollständig abgedruckt in taz vom 30. Juli 1979.</ref>

  1. Wir verlangen, dass mit der Benachteiligung der Unverheirateten endgültig Schluss ist.
  2. Wir fordern die Gleichstellung im Erb- und Steuerrecht
  3. Die Darstellung der Hetero-Sexualität als einziger gesunder und wünschenswerter Form der Sexualität muss endlich ein Ende haben.
  4. Wir verlangen Unterstützung für eigenständige Institutionen von Schwulenzentren, schwulen Beratungsstellen und schwulen Gesundheitsorganisationen.
  5. Wir fordern das Recht der Schwulen, selbst in den öffentlichen Medien, Rundfunk und Fernsehen, arbeiten zu können. Wir fordern zwei Sitze im Rundfunkrat.
  6. Selbstdarstellung der Schwulen im Sexualunterricht muss möglich gemacht werden.
  7. Wir verlangen gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung in allen Bereichen.
  8. Wir fordern Wiedergutmachung an den schwulen KZ-Opfern und völlige Rehabilitierung der Überlebenden.
  9. Wir fordern die Streichung des § 175 StGB und aller flankierender Gesetze und Bestimmungen
  10. Wir wollen nicht nur in Homolulu, sondern überall frei und offen schwul sein.

Nachwirkungen

Die Veranstaltung war politischer Zündfunke für mehrere schwule Initiativen in der ganzen Bundesrepublik Deutschland.<ref name="hutter">Jörg Hutter: Zu den Wurzeln des Bremer Schwulen- und Lesbenzentrums, 2002</ref> Die Forderungen des vierten Punktes der Abschlussresolution war sehr ähnlich einer der zentralen Forderung des Films Nicht der Homosexuelle ist pervers …. So entstanden unter anderem folgende Initiativen:

Weblinks

Einzelnachweise

<references/>