Textilfabrik Cromford
Die Textilfabrik Cromford wurde 1783 von Johann Gottfried Brügelmann in Ratingen gegründet. Sie war eine der ersten Fabriken auf dem europäischen Festland. Heute befindet sich hier eine Niederlassung des LVR-Industriemuseums.<ref>Textilfabrik Cromford des LVR. Abgerufen am 20. Januar 2023.</ref>
Geschichte
Vorgeschichte
Brügelmann entstammte einer reichen Elberfelder Kaufmannsfamilie. Er erfuhr – vermutlich Anfang der 1770er Jahre – dass der Engländer Richard Arkwright im mittelenglischen Dorf Cromford die Waterframes erfunden hatte. Nach seiner Rückkehr ins Wuppertal war der Garn-Markt im Aufschwung; die Nachfrage war kaum zu befriedigen. Brügelmann erkannte das Potenzial, das in der Mechanisierung des bislang arbeitsintensiven Spinnens lag – auf einen Weber kamen etwa zehn Spinner.<ref name="BolenzEtAl">Eckhard Bolenz: Vom Ende des Ancien régime bis zum Ende des Deutschen Bundes (ca. 1780–1870). In: Bolenz et al. (Hrsg.): Ratingen. Geschichte 1780 bis 1975. Klartext Verlag, Essen 2000, ISBN 3-88474-943-9 (435 S.).</ref>
Arkwright schützte seine in England patentierte Erfindung intensiv: er versuchte geheim zu halten wie sie funktionierte. Die britische Regierung drohte Menschen mit der Todesstrafe, die Informationen über deren Funktionieren ins Ausland verraten würden. Die Bedeutung dieser Erfindung ist auch daran zu erkennen, dass Baumwolle zum Spinnen aus den USA nach England und anschließend wieder zurück transportiert wurde, bis Samuel Slater im Jahr 1793 die Spinn-Maschine erfolgreich nachgebaut hatte.<ref name="Guelcher"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Guelcher Chronik ( vom 23. September 2017 im Internet Archive)</ref>
Dennoch gelang es Brügelmann im Jahre 1783, ein Modell der Waterframe zu bekommen. Zuvor hatte er bereits sechs Jahre lang erfolglos mit einem angeblichen Experten aus dem Siegerland geforscht, anschließend hatte er es geschafft, an eine Cromforder Kratzmaschine zu kommen, die ihm jedoch ohne die Waterframe nichts nutzte. Es ist unbekannt, wie er an diese Maschine und an das Modell der Waterframe kam. Der Familienchronik nach soll er sich selbst als Spinner in die arkwrightsche Fabrik geschmuggelt und dort solange gearbeitet und heimlich kleinere Ersatzteile gestohlen haben, bis er glaubte, sie zu Hause nachbauen zu können. In einem Brief an den Kurfürsten Karl Theodor schrieb er, er habe einen Freund in England, der ihm die Sachen beschafft habe.<ref name="Guelcher" /> Es ist denkbar, dass er in dem Brief nicht zugeben wollte, Industriespionage betrieben zu haben.
Errichtung und Betrieb der Fabrik
Zuvor hatte Brügelmann nach einem geeigneten Standort für seine Fabrik gesucht. In seiner Wuppertaler Heimat hinderten ihn daran die Garnnahrung, eine kartellähnliche Verbindung von Kaufmannsfamilien, und gesellschaftliche Zwänge. Er fand schließlich im damaligen Amt Eckamp eine stillgelegte Ölmühle mitsamt Mühlenrecht an der Anger vor den Stadtmauern Ratingens, nahe der Wasserburg Haus zum Haus. Der Kurfürst gewährte ihm 1784 für zwölf Jahre ein Privileg auf den Betrieb mechanischer Spinnereien (Brügelmann hatte um 40 Jahre ersucht) als Ausgleich für die zu tätigenden Investitionen.<ref name="Germes">Jakob Germes: Ratingen im Wandel der Zeiten – Geschichte und Kulturdolumente einer Stadt. 4. verbesserte und erweiterte Auflage, Verlag Norbert Ernst Henn, Ratingen 1979, S. 82ff.</ref> Zudem war das Lohnniveau im damals verarmten Ratingen sehr niedrig. Die dort lebenden Menschen waren froh Arbeit zu bekommen und neigten deshalb weniger zu Streiks oder Arbeiter-Unruhen. Anfang der 1780er Jahre hatten in Elberfeld und Barmen Weberaufstände stattgefunden.<ref name="Guelcher" />
Er baute an der Anger zwei Fabrikationshallen und stellte Engländer an, die ihm halfen, funktionsfähige Waterframes herzustellen. Es gelang ihm 1784, die Fabrik in Betrieb zu nehmen. Alle Maschinen wurden von Wasserrädern angetrieben. Er nannte die Fabrik nach dem Ort, an der ihr englisches Vorbild stand: Cromford. Noch heute gibt es in Ratingen den Stadtteil Cromford.<ref>zwischen Hauser Ring, Mülheimer Straße und Junkernbusch</ref>
Die Geschäfte gingen hervorragend; ein fünf Stockwerke hohes Fabrikgebäude wurde errichtet. Brügelmann ließ 1787 ein luxuriöses Herrenhaus für 20.000 Reichstaler bauen und einen teils barocker, teils englischer Garten anlegen, den heutige Poensgenpark.<ref name="Germes" /> Zehn Jahre nach der Eröffnung arbeiteten 400 Arbeiter in der Fabrik – eine damals unvorstellbar große Beschäftigtenzahl; kurz nach Brügelmanns Tod 1802 waren es 600. Dies war der höchste Stand der Unternehmensgeschichte. Nach Auslaufen des kurfürstlichen Privilegs wurden in der Umgebung bald zahlreiche weitere Spinnereien gebaut und betrieben; sie waren teils noch größer und moderner als die Textilfabrik Cromford.
1801, während der Franzosenzeit, annektierte Frankreich das linke Rheinufer (Friede von Lunéville): Der Rhein wurde zu einer Zollgrenze und Cromford verlor dadurch wichtige Absatzgebiete. Brügelmann hatte bereits 1799 in Rheydt (linksrheinisch) zusammen mit dem Fabrikanten Johann Lenssen einen Betrieb gegründet.<ref name="Germes" />
Nach dem Tod des Firmengründers führten seine beiden Söhne die Geschäfte fort. 1846 ließ Moritz Brügelmann, ein Enkel des Gründers, in der Baumwollspinnerei eine Dampfmaschine aufstellen, und er erweiterte den Betrieb durch die Errichtung einer mechanischen Weberei mit 165 Webstühlen.<ref name="Germes" /> Im Revolutionsjahr 1848 hatten die Arbeiter der Cromforder Fabrik ein Sensencorps als Sicherheitsverein gegründet mit Wilhelm Brügelmann an der Spitze. 1849 arbeiteten in der Spinnerei 134 Menschen und in der Weberei 216 Menschen.<ref name="Germes" /> 1852 zeigte Brügelmann Twiste, Warps (Stoff aus Baumwolle und Reißspinnstoff) und Nessel auf der Provinzial-Gewerbe-Ausstellung für Rheinland und Westphalen, welche im Düsseldorfer Schloss stattfand.<ref>208. J. G. Brügelmann in Cromford bei Ratingen, Fabrikant. XI. Twiste, Warps und Nessel, S. 31 in Katalog der Provinzial-Gewerbe-Ausstellung für Rheinland und Westphalen in Düsseldorf (1852), auf bsb-muenchen.de</ref> Das Unternehmen, das zwischenzeitlich stark gewachsen war, geriet 1890 in wirtschaftliche Schwierigkeiten, weil konkurrierende Unternehmen ihm überlegen waren.
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise war die Fabrik seit Januar 1931 stillgelegt. Im September 1931 wurde es in eine „sozialwirtschaftliche Genossenschaft“ umgewandelt, deren Anteile die Baumwoll-Lieferanten, die früheren Großabnehmer sowie die Mitarbeiter hielten. Letztere konnten ihre Anteile in wöchentlichen Raten einzahlen. Der Ratinger Bürgermeister wurde von der Genossenschaft zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats gewählt. Am 1. Oktober 1931 wurde der Betrieb mit 200 Mitarbeitern wieder aufgenommen.<ref>Lieferanten, Kunden und Arbeiter bilden eine Fabriksgemeinschaft. In: Prager Tagblatt, 19. September 1931, S. 17 (online bei ANNO).</ref>
Die Textilfabrik Cromford wurde mehrmals verkauft und 1977 aufgelöst.<ref>thomas-sommerfeld.de: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Ratinger Baumwollspinnerei Cromford – Geschichte der ehemaligen Spinnerei ( vom 4. März 2016 im Internet Archive) (abgerufen am 24. Oktober 2015)</ref>
Die Textilfabrik Cromford heute
Die moderneren Fabrikhallen wurden in den 1980er Jahren durch ein Villenviertel überbaut. Verblieben sind noch das Herrenhaus des Fabrikeigentümers und die „Hohe Fabrik“, der ursprüngliche Kern des Unternehmens.
1983 wurde dort erstmals mit den Mitteln der Archäologie ein industrieller Standort untersucht und dokumentiert. Heute befindet sich in den Gebäuden ein Teil des LVR-Industriemuseums.<ref>offizieller Name: „LVR-Industriemuseum, Schauplatz Ratingen, Textilfabrik Cromford“ (Norbert Kleeberg: Krach um Cromford. In: Rheinische Post. 7. Februar 2009.)</ref> In dem alten fünfstöckigen Gebäude wurden alle zur Garnherstellung benötigten Maschinen originalgetreu und voll funktionsfähig rekonstruiert. Die Fabrik kann, über das zentrale Antriebsrad angetrieben, vollständig in Betrieb gesehen werden. Eine Ausstellung und optionale Führungen erläutern die Geschichte der Fabrik, den Prozess der Garnherstellung, die Arbeitsbedingungen (z. B. die damals übliche Kinderarbeit) und die damaligen sozialen Verhältnisse.
Im Gartensaal der Villa Cromford finden vom Frühjahr bis zum Herbst standesamtliche Hochzeiten statt.<ref>industriemuseum.lvr.de</ref>
Museumsbetrieb
Dauerausstellung
Zur Dauerausstellung Cromford Ratingen gibt es einen ausführlichen Katalog. Er berichtet vom Leben und der Arbeit in der Fabrik, von der Technik der Baumwollspinnerei und vom Herrenhaus Cromford. Das Herrenhaus war die Schaltzentrale des einst bedeutenden Unternehmens und Wohnhaus der Brügelmanns.<ref>Cromford Ratingen – Lebenswelten zwischen erster Fabrik und Herrenhaus um 1800, Hrsg.: LVR-Industriemuseum, Köln 2010, ISBN 978-3-9813700-0-3</ref>
Ausstellungen
Vom 25. Oktober 2015 bis zum 30. Oktober 2016 fand im Hause die Ausstellung Die Macht der Mode – Zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik statt. Schwerpunkte der Ausstellung waren unter anderem die Themenkreise Kultur- und Modegeschichte, Konsum- und Wirtschaftsgeschichte, sachlich zweckmäßige Kleidung sowie Mythen und Vorbilder. Zur Ausstellung erschien ein ausführlicher Katalog.<ref>Die Macht der Mode – zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik, Hrsg.: LVR-Industriemuseum, Projektleitung: Claudia Gottfried, Druckverlag Kettler GmbH, Bönen/Westfalen 2015, ISBN 978-3-9813700-3-4</ref>
Einzelnachweise
<references />
Weblinks
- Freunde und Förderer des Industriemuseums Cromford e. V.
- <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Lebensgeschichte Brügelmanns ( vom 23. September 2017 im Internet Archive)
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Koordinaten: 51° 18′ 21″ N, 6° 51′ 11″ O
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