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Mithu Sanyal

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Mithu Sanyal (2023)

Mithu Melanie Sanyal (* 1971 in Düsseldorf<ref name="Vita">Dr. Mithu Sanyal – Vita (Memento vom 28. September 2007 im Internet Archive).</ref>) ist eine deutsche Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Schriftstellerin. Ihre Themenschwerpunkte sind Feminismus, Rassismus, Popkultur und Postkolonialismus.

Leben

Sanyal wuchs als Tochter eines indischen Ingenieurs und einer polnischstämmigen Sekretärin, deren Eltern als Bergarbeiter nach Duisburg gekommen waren,<ref>Mithu Sanyal: „In den 80ern wurden Rassismus und Sexismus ungeniert ausgelebt“ - WELT. 13. September 2023, abgerufen am 19. September 2023.</ref> in Düsseldorf-Oberbilk auf. Sie studierte deutsche und englische Literatur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Während ihres Studiums arbeitete sie zeitweilig als Aktmodell.<ref>Schriftstellerinnen und ihre Nebenjobs: „Call Center und Flyer verteilen“. In: Die Tageszeitung: taz. 12. März 2022, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 15. März 2022]).</ref> Sie promovierte in Düsseldorf über die Kulturgeschichte des weiblichen Genitals. Aus ihrer Doktorarbeit entstand 2009 das Buch Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts.

Seit 1996 ist Mithu Sanyal Hörspiel- und Featureautorin für den WDR. Darüber hinaus schreibt sie für NDR, BR, Frankfurter Rundschau, Literaturen, taz, junge Welt, SPEX,<ref>Mithu Sanyal bei SPEX, abgerufen am 28. Juli 2020.</ref> Bundeszentrale für politische Bildung<ref>Die erste Kanzlerin. Ist nun Gleichberechtigung? Bundeszentrale für politische Bildung, 12. November 2018 abgerufen am 28. Juli 2020.</ref> etc. und war ehrenamtliche Redakteurin der Zeitschrift Wir Frauen. Seit Erscheinen ihres zweiten Buches Vergewaltigung wird Sanyal häufig als Expertin, Vortragende, Moderatorin, Gesprächspartnerin und Studiogast zu Beiträgen, Lesungen, Vorträgen, öffentlichen Diskussionsrunden und ins Fernsehen eingeladen.<ref>Kommunales Kino Freiburg: Mithu Sanyal spricht heute über die Tiefengrammatik von sexueller Gewalt, 12. März 2019.</ref><ref name="argento">Vorwürfe gegen Asia Argento: „Eine Person kann nicht eine Bewegung diskreditieren“. Mithu Sanyal im Gespräch mit Marietta Schwarz, Deutschlandfunk Kultur, 23. August 2018.</ref><ref>Deutscher Frauenrat: Mithu M. Sanyal, Video vom 16. Januar 2019; WDR-Hörfunk: „Eure Heimat ist unser Albtraum“, Gespräch mit Mithu Sanyal, WDR 3 Kultur am Mittag, 21. Februar 2019; Der Lila Podcast. Mehrere Gesprächsrunden mit Mithu Sanyal, 2017–2019; Heinrich-Böll-Stiftung, Gunda Werner Institut: Alle Beiträge von Mithu Sanyal, 2017–2018; Literarisches Zentrum Göttingen in Kooperation mit der 10th European Feminist Research Conference 2018 und dem Fachbereich Kultur der Stadt Göttingen: Mithu Sanyal im Gespräch mit Svenja Flaßpöhler, 2018.</ref> Vergewaltigung wurde wie Vulva in mehrere Sprachen übersetzt.<ref>Vergewaltigung. In: EDITION NAUTILUS. Abgerufen am 30. April 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Am 17. Februar 2017 löste ein Artikel von Sanyal und der Journalistin Marie Albrecht in der Tageszeitung (taz) eine Kontroverse aus. Nach Gesprächen mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt schlugen sie für diese neben dem Wort „Opfer“ die Bezeichnung „Erlebende sexualisierter Gewalt“ als weitere Möglichkeit der Selbstbezeichnung vor. An der #metoo-Bewegung kritisierte sie nicht die fehlende faktische Untermauerung der Vorwürfe gegen Harvey Weinstein, sondern deren stigmatisierenden Charakter: Wer einmal als Vergewaltiger gekennzeichnet werde, könne dieses Stigma kaum noch loswerden.<ref name="argento" /><ref>Mithu Sanyal, Marie Albrecht: Beschreibung sexualisierter Gewalt: Du Opfer! In: Die Tageszeitung: taz. 13. Februar 2017 (taz.de [abgerufen am 29. März 2019]).</ref> Feministische Medien wie der Blog Die Störenfriedas oder die Zeitschrift Emma kritisierten diesen Vorstoß als Verharmlosung von Vergewaltigungen und sexualisierter Gewalt.<ref>Offener Brief gegen die sprachliche Verharmlosung sexueller Gewalt. In: Die Störenfriedas. 18. Februar 2017, abgerufen am 29. März 2019. Opfer sollen nicht mehr Opfer heißen. In: EMMA. 21. Februar 2017, abgerufen am 29. März 2019.</ref> Unabhängig davon konstruierten rechte Blogs und Websites hieraus Bezüge auf Sanyals indische Herkunft und behaupteten fälschlicherweise, Vergewaltigung sei in Indien nicht strafbar.<ref name=":0">Gutmenschin meint Vergewaltigungs-Opfer sollten mehr Erlebende sein. In: halle-leaks.de (Blog). 22. Februar 2017, abgerufen am 29. März 2019.</ref><ref>David Berger: Unglaublich: Opfer von Vergewaltigung sollen ab jetzt „Erlebende“ heißen. In: Philosophia Perennis. 23. Februar 2017, abgerufen am 29. März 2019.</ref> In dem Blog Politically Incorrect wurde Sanyals E-Mail-Adresse veröffentlicht, woraufhin sie Vergewaltigungs- und Morddrohungen erhielt.<ref>Katrin Gottschalk: Beschreibung sexualisierter Gewalt: Debatte statt Hetze. In: Die Tageszeitung: taz. 25. Februar 2017 (taz.de [abgerufen am 29. März 2019]).</ref> In den großen Zeitungen wurde Sanyals Artikel breit diskutiert,<ref>Marion Detjen: Vergewaltigung: Gewalt ohne Namen. In: Die Zeit. Hamburg 27. Februar 2017 (zeit.de [abgerufen am 29. März 2019]). Ursula Scheer: Verbrechen und Sprache: Erlebnis Vergewaltigung? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 24. Februar 2017 (faz.net [abgerufen am 29. März 2019]).</ref> auch die feministische Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch nahm in ihrem Blog Stellung.<ref>Vergewaltigung als Erlebnis? Luise F. Pusch, Fembio Blog, 25. Februar 2017.</ref> Zudem schrieben hunderte Menschen Sanyal solidarische E-Mails.<ref>Mascha Drost: Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal – „Die Supermarkt-Verkäuferin fühlt sich vom Mainstream-Feminismus nicht repräsentiert“. In: Deutschlandfunk.de. 3. März 2017, abgerufen am 29. März 2019.</ref> Im Juli 2019 veröffentlichte das Journalismusportal Correctiv seine Stellungnahme unter dem Titel Nein, Mithu Sanyal hat Opfern nicht geraten, eine Vergewaltigung könne „auch Erleben sein“.<ref>Alice Echtermann: Nein, Mithu Sanyal hat Opfern nicht geraten, eine Vergewaltigung könne „auch Erleben sein“. Correctiv, 18. Juli 2019, abgerufen am 22. Februar 2021.</ref>

Im Jahr 2021 veröffentlichte Sanyal ihr Romandebüt Identitti. Der Roman handelt von einer Düsseldorfer Professorin für postkoloniale Theorie, die sich nach der hinduistischen Göttin Saraswati benannt und fälschlich als Inderin ausgegeben hat, tatsächlich aber deutscher Abstammung ist und ihre Haut verdunkeln ließ. Die Figur ist an Rachel Dolezal angelehnt.<ref>„Das Private ist noch nicht politisch, es muss erst dazu gemacht werden“. 15. Februar 2021, abgerufen am 16. Dezember 2023.</ref> Der auf diese Enthüllung folgende Skandal wird aus der Perspektive von Saraswatis Studentin Nivedita erzählt, die wie Sanyal eine polnische Mutter und einen indischen Vater hat. Unter dem Pseudonym Identitti betreibt Nivedita einen Blog und mehrere Social-Media-Accounts, auf denen sie u. a. Rassismus, Migrationsgeschichten, sexuelle Identitäten und Orientierungen sowie identitätspolitische Debatten kommentiert. Aufgrund seiner Verortung im universitären Milieu zeichnet sich der Roman durch eine hohe Dichte an theoretischen Reflexionen aus. In Rezensionen wurde der Roman überwiegend sehr positiv besprochen.<ref>Tobias Kniebe: „Identitti“, Roman von Mithu Sanyal: Chaos der Identitäten. Abgerufen am 29. April 2021. Mithu Sanyal: „Identitti“ – Debatte im Schleudergang. Abgerufen am 29. April 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). Ronald Düker: „Identitti“: „Literatur muss freundlich sein“. In: Die Zeit. 13. Februar 2021, abgerufen am 29. April 2021.</ref>

Im Roman Antichristie (2024) wählte Sanyal eine vielschichtige Erzählweise und zielte auf die Verschmelzung historischer, politischer und popkultureller Themen. Die Handlung bewegt sich zwischen den Zeiten und Welten: Durga, die Protagonistin, reist von der Gegenwart ins Jahr 1906 und wechselt dabei sogar ihr Geschlecht. Sanyal verbindet die indische Unabhängigkeitsbewegung und die britische Kolonialgeschichte mit einer zeitgenössischen feministischen Perspektive, wobei sie auch humorvolle Dialoge einfließen lässt. Der Roman ist dabei sowohl Kriminalroman als auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Folgen des Kolonialismus und dem westlichen Blick auf Geschichte.<ref>Shirin Sojitrawalla: Mithu Sanyals neuer Roman: Welche Perspektive zählt? In: Die Tageszeitung: taz. 21. September 2024, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 21. September 2024]).</ref>

Im Oktober 2021 wurde sie in das PEN-Zentrum Deutschland aufgenommen.<ref>PEN nimmt neue Mitglieder auf, darunter Mithu Sanyal, Sharon Dodua Otoo, Jo Lendle und Benedict Wells. In: PEN-Zentrum Deutschland. 28. Oktober 2021, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 29. Januar 2022; abgerufen am 11. Februar 2022.</ref> Als es wegen des Eklats um Deniz Yücel beim PEN-Zentrum zur Spaltung der Organisation kam, schloss sich Sanyal den Austritten an und wurde am 10. Juni 2022 in den Gründungsvorstand des PEN Berlin gewählt.<ref>Andreas Platthaus: Nach Abspaltung: Wie begonnen, so zerronnen. FAZ.NET, 10. Juni 2022, abgerufen am 14. Juni 2022.</ref> Sanyal ist Teil der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises.<ref>Ingeborg-Bachmann-Preis - Jury.</ref><ref>Mithu Sanyal: „Literaturpreise haben blinde Flecken, sind selektiv und selten fair“, Augsburger Allgemeine, 17. September 2025.</ref>

Seit 2025 schreibt sie im nd die Kolumne Mithulogi,<ref>Mithu Melanie Sanyal. In: nd-aktuell.de. Abgerufen am 9. Februar 2026.</ref> die zuvor auch schon von ihr für die taz verfasst wurde.

Sanyal lebt mit ihrem Mann, dem Musiker und Sprecher Matti Rouse,<ref>A. Wehrmann: Matti Rouse im Porträt. Matti kann Voodoo. In: theycallitkleinparis. 28. Juni 2017, abgerufen am 14. Juli 2023.</ref> in Düsseldorf-Oberbilk. Sie hat mit ihm zwei Kinder,<ref>RP Online: Mithu M. Sanyal: „Vergewaltigung ist kein Frauenthema“. 19. November 2016, abgerufen am 9. April 2021.</ref> einen Sohn und eine Tochter.<ref>Der ewig postpubertäre Typ. Ruprecht (Heidelberger Studierendenzeitung), 15. Juni 2018.</ref> Gegenüber dem Stern gab sie an, mehrere Abtreibungen gehabt zu haben.<ref>Wir haben abgetrieben. Mithu Sanyal: „Zu meinem Leben gehören Kinder, aber auch Abtreibungen“. Mithu Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Die 49-Jährige hat dreimal abgetrieben und wünscht sich, dass in der Gesellschaft offener über das Thema gesprochen wird. Ein Protokoll. Der Stern, 7. Juni 2021.</ref>

Publikationen

Sachbücher

  • Vulva – die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009, ISBN 978-3-8031-3629-9.
  • mit Jasna Strick, Nicole von Horst und Yasmina Banaszczuk: „Ich bin kein Sexist, aber ...“. Sexismus erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden. Orlanda Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-944666-00-6.
  • Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens. Edition Nautilus, Hamburg 2016, ISBN 978-3-96054-023-6.<ref>Christiane Florin: Narrative der Gewalt: Über die Kulturgeschichte der Vergewaltigung. In: deutschlandfunk.de, Andruck – Das Magazin für Politische Literatur. 21. November 2016. (24. November 2016).</ref>
  • Über Emily Brontë. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022, ISBN 978-3-462-00366-6.

Romane

  • Identitti. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2021, ISBN 978-3-446-26921-7.
  • Antichristie. Roman. Carl Hanser, München 2024, ISBN 978-3-446-28076-2.

Hörspiele

Bühnenfassungen und Verfilmungen

  • Antichristie in einer Bühnenfassung von Kieran Joel, Premiere am 29. November 2025, am Theater Dortmund. Regie: Kieran Joel, Bühne: Justus Saretz, Kostüme: Tanja Maderner, Musik: Leonardo Mockridge, Video: Leon Landsberg, Dramaturgie: Sabrina Toyen.<ref>Sarah Heppekausen: Strategische Zeitreise: Antichristie - Theater Dortmund , Rezension auf nachtkritik.de vom 30. November 2025, abgerufen am 1. Dezember 2025</ref>

Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbänden

Auszeichnungen (Auswahl)

Für ihre Radiobeiträge über die Kulturgeschichte des Lesens bekam sie dreimal den Dietrich-Oppenberg-Medienpreis der Stiftung Lesen.<ref name="Vita">Dr. Mithu Sanyal – Vita (Memento vom 28. September 2007 im Internet Archive).</ref>

Literatur

  • Moritz Baßler: Populärer Realismus: Vom International Style gegenwärtigen Erzählens. C.H.Beck, 2022, ISBN 978-3-406-78338-8, S. 251–266.

Weblinks

Einzelnachweise

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