Rosemarie Reichwein
Rose Marie Elisabeth Reichwein<ref>Geburtsregister StA Wilmersdorf Nr. 652/1904</ref>, geborene Pallalat, genannt Pallat (* 24. Juli 1904 in Deutsch-Wilmersdorf; † 5. August 2002 in Berlin) war eine deutsche Gymnastiklehrerin und Krankengymnastin, erste Bobath-Therapeutin in Deutschland und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus.<ref name=":0">Frauke Geyken: Rosemarie Reichwein. In: fembio.org. Abgerufen am 5. Juni 2023.</ref>
Leben
Rosemarie Pallat wurde als zweites Kind des preußischen Ministerialbeamten und Reformpädagogen Ludwig Pallat (1867–1946) und dessen Ehefrau Annemarie, geb. Hartleben (1875–1972), der Schwester des Dichters Otto Erich Hartleben, am Kronprinzendamm 11 in Halensee geboren. Sie wuchs in Wannsee zusammen mit ihrem Bruder Peter (1901–1992) in der Otto-Erich-Straße auf. Ihren Schulabschluss machte sie 1921 mit der 10. Klasse und anschließend besuchte sie die Gewerbeschule in Potsdam, wo sie eine Schneiderausbildung machte. 1922 wurde sie Schülerin der Elizabeth-Duncan-Schule in Potsdam. Elizabeth Duncan war die Schwester der Ausdruckstänzerin Isadora Duncan und leitete die Schule, deren Einrichtung in Potsdam Rosemarie Pallats Vater Ludwig Pallat als Leiter des Instituts für Erziehung und Unterricht im Preußischen Kultusministerium gefördert hatte.<ref>Rosemarie Reichwein: Die Jahre mit Adolf Reichwein prägten mein Leben. Ein Buch der Erinnerung, München 1999</ref>
Nach einer Ausbildung zur Krankengymnastin und Gymnastiklehrerin in Lund (Schweden), München und Berlin stellte die Pädagogische Akademie Halle (Saale) Pallat 1932 als Dozentin für Gymnastik ein, wo sie Adolf Reichwein kennenlernte.<ref>Zeitzeugin Rosemarie Reichwein. In: Zeitzeugen Portal. Abgerufen am 28. Mai 2020.</ref>
Die Verlobung fand am 30. Januar 1933, die Heirat am 1. April 1933 in der Kirche am Stölpchensee statt. Nach der Heirat zog das Paar nach Tiefensee in Brandenburg, da die Pädagogische Akademie von den Nationalsozialisten geschlossen worden war. Rosemarie Reichwein unterstützte ihren Mann bei seiner reformpädagogischen Arbeit, insbesondere beim musischen und gymnastischen Unterricht und kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Nach der Geburt ihres dritten Kindes im Jahr 1938 zog die Familie aufgrund der beengten Wohnverhältnisse in Tiefensee zurück nach Berlin.<ref name=":0" /> Die Sommerferien verbrachte die Familie auf Hiddensee im bis heute erhaltenen „Hexenhaus“ im Ort Vitte. Es gehörte Reichweins Mutter Annemarie, die es 1946 an die Tochter übereignete.
1940 wurde Adolf Reichwein Mitglied des Kreisauer Kreises, der sich um Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg bildete. Treffen der Gruppe fanden im Rahmen privater Geselligkeiten statt, so auch im Haus der Reichweins. Rosemarie Reichwein war selten bei diesen Treffen dabei, da ihr Mann fürchtete, dass ihre direkte Art sie und die Kinder in Gefahr bringen würde, sollte sie zu viel über die Aktivitäten der Gruppe wissen.<ref name=":0" /> Sie billigte und unterstützte seine Tätigkeit für die Gruppe jedoch.<ref>Görner Eberhard: Der 20. Juli 1944 im deutschen Film. In: bpb.de – Bundeszentrale für politische Bildung. 24. Juni 2004, abgerufen am 5. Juni 2023.</ref> Bei einem Bombentreffer 1943 wurde das Haus der Reichweins zerstört. Rosemarie konnte mit den vier Kindern nach Kreisau<ref name="Schad">Martha Schad: Frauen gegen Hitler – Schicksale im Nationalsozialismus. Wilhelm Heine, 2001, ISBN 978-3-453-86138-1, S. 275–288.</ref><ref name="Schad" details="S. 284" /> auf das Gut der Moltkes ziehen.
Am 4. Juli 1944 hatte Adolf Reichwein ein Treffen mit Gleichgesinnten, von dem er nicht zurückkehrte, seine Ehefrau machte sich direkt auf die Suche, erlangte jedoch keine neuen Erkenntnisse. Rosemarie Reichwein erhielt am 18. Juli die telefonische Auskunft, dass sich ihr Mann in Haft befindet. Einen Tag später wurde sie dazu aufgefordert am 20. Juli nach Potsdam zu kommen und sich im Gebäude des Volksgerichtshof einzufinden habe.<ref name="Schad" details="S. 284" /> An dem besagten Tag bekam sie einen Brief von ihrem Mann ausgehändigt und sie konnte ihm Zigaretten und eine Päckchen mit Traubenzucker zukommen lassen. Im Haus von Freunde verbrachte sie die Nacht und erfuhr aus dem Radio vom fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler. Anschließend kehrte sie zurück nach Kreisau. Nach langer Recherche fand Reichwein ihren Mann Adolf im Zuchthaus im brandenburgischen Görden, dann wurde er nach Berlin verlegt, ins Gefängnis an der Lehrter Straße. Adolf Reichwein wurde am 20. Oktober 1944 in Berlin-Plötzensee gehängt. Sie blieb mit ihren Kindern bis nach Kriegsende in Kreisau<ref name="Schad" details="S. 285" />
Nach 1945 war Rosemarie Reichwein als Krankengymnastin tätig, ab 1957 auch mit dem Therapiekonzept von Berta und Karel Bobath. Von 1947 bis 1950 arbeitete sie in der Charité in Berlin und unterrichtete in der Krankengymnastikschule des Oskar-Helene-Heims. Von 1950 bis 1978 führte sie eine eigene Praxis in ihrem Haus in Berlin-Wannsee. 1967 gehörte sie zu den Mitbegründern des Vereins Spastikerhilfe Berlin e.V., außerdem war sie Gründungsmitglied der Kreisau-Initiative Berlin und sie war maßgeblich beteiligt an der Gründung des Reichwein-Vereins. Die Grabstätte von Rosemarie Reichwein befindet sich auf dem Friedhof Wannsee I in Steglitz-Zehlendorf, seit November 2010 ist es ein Ehrengrab des Landes Berlin. Neben ihrem Grabstein gibt es einen Gedenkstein für ihren Ehemann Adolf Reichwein, der dort allerdings nicht begraben ist, sondern wie die meisten anderen Widerstandskämpfer keine Grabstätte hat.
Ehrungen und Auszeichnungen
1974 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Im Jahr 2022 wurde das Haus Reichwein der Cooperative Mensch in Berlin-Charlottenburg in der Kranzallee nach ihr benannt. Es dient geflüchteten Familien mit mehrfach behinderten Kindern als vorübergehende barrierefreie Unterkunft.<ref>Haus Reichwein. In: cooperative-mensch.de. Abgerufen am 5. Juni 2023.</ref>
Film
- Der Leutnant Yorck von Wartenburg. DDR-Fernsehfilm. Drehbuch von Eberhard Görner nach einer Erzählung von Stephan Hermlin, Regie: Peter Vogel, 1981.
- Wir haben nichts zu bereuen. Dokumentarfilm von Hans Bentzien, 1984.
- Die Frauen des 20. Juli. Dokumentarfilm von Irmgard von zur Mühlen. Chronos Film, Berlin 1985.
- Freya von Moltke. Von Kreisau nach Krzyzowa. TV-Dokumentarfilm, Bayerischer Rundfunk 1997.
Literatur
- Frauke Geyken, Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler. C.H. Beck 2014, ISBN 978-3-406-65902-7.
- Eberhard Görner: Am Abgrund der Utopie. Verlag Faber & Faber, ISBN 978-3-86730-037-7.
- Dorothee von Meding: Mit dem Mut des Herzens. Die Frauen des 20. Juli. btb Verlag 1997, ISBN 3-442-72171-7.
- Rosemarie Reichwein, Die Jahre mit Adolf Reichwein prägten mein Leben. Ein Buch der Erinnerung. Verlag C.H. Beck 1999, ISBN 3-406-45358-9.
Weblinks
- Literatur von und über Rosemarie Reichwein im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Kreisau-Initiative Berlin e. V. ( vom 12. Dezember 2007 im Internet Archive)
- Website der Cooperative Mensch e. G., der Nachfolgeorganisation der Spastikerhilfe Berlin e. V.
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Reichwein, Rosemarie |
| ALTERNATIVNAMEN | Reichwein, Rose Marie Elisabeth (vollständiger Name); Pallat, Rosemarie (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, Reformpädagogin und Bobath-Therapeutin |
| GEBURTSDATUM | 24. Juli 1904 |
| GEBURTSORT | Deutsch-Wilmersdorf |
| STERBEDATUM | 5. August 2002 |
| STERBEORT | Berlin |
- Seiten mit Skriptfehlern
- Wikipedia:Defekter Dateilink
- Träger des Bundesverdienstkreuzes
- Wikipedia:Träger des Bundesverdienstkreuzes (Ausprägung ungeklärt)
- Person (Kreisauer Kreis)
- Hochschullehrer (Pädagogische Akademie Halle)
- Gymnastiklehrer
- Person (Berlin)
- Adolf Reichwein
- Otto Erich Hartleben
- Bestattet in einem Ehrengrab des Landes Berlin
- Deutscher
- Geboren 1904
- Gestorben 2002
- Frau