Tinglish
Tinglish (auch Thaiglish oder Thai-Englisch) heißt die von thailändischen Muttersprachlern gesprochene Form der englischen Sprache.
Überblick
Tinglish ist eine Varietät der englischen Sprache (also eine Sonderform mit unverwechselbaren Zügen), genauer: ein Pidgin (eine reduzierte Sprachform, mit deren Hilfe sich Menschen unterschiedlicher Muttersprache verständigen).<ref>„All pidgin languages originally start when people who don’t have a common language try to communicate with each other. (…) To begin with, pidgins are very limited forms of communication with few words, a few simple constructions (mainly commands), helped along by gestures and miming. (…) But when a pidgin expands, its vocabulary increases greatly, it develops its own rules of grammatical construction, and it becomes used for all the functions of everyday life.“ David Crystal: The English Language. Penguin Books, London 2002, S. 12–13. Vgl. auch den Artikel <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Pidgin- und Kreolsprachen ( vom 3. Dezember 2010 im Internet Archive) auf www.weikopf.de, Stand 29. August 2009.</ref> Die unverwechselbaren Züge resultieren aus der Anwendung von Prinzipien der thailändischen Sprache auf das Englische.<ref>„There are more and more Thai people speaking English, especially those in big cities and in the business world. Quite a few become very proficient. However, there are many others who speak with a heavy Thai accent and tend to use Thai grammar with English words. This is Thaiglish!“ Saksit Pakdeesiam: Thai for Gay Tourists. Paiboon Publishing, Bangkok 2001, S. 12.</ref> Das heißt zugleich, dass in Aussprache, Grammatik und Wortwahl Charakteristika der thailändischen Sprache deutlich werden.<ref>Vgl. den Artikel Tinglish Without Toil von Stuart Jay Raj, Stand 29. August 2009.</ref> Tinglish ist aber kein Dialekt. Der Grad der thailändischen Einflüsse variiert von Sprecher zu Sprecher, abhängig davon wie gut der Sprecher „richtiges“ Englisch sprechen kann. Die nachfolgend beschriebenen Charakteristika können also, müssen aber nicht unbedingt bei jedem Tinglish-Sprecher auftreten.
Neben den Begriffen Tinglish, Thaiglish und Thai-Englisch finden sich weitere Bezeichnungen, so Thailish und Thainglish. Das Wort Tinglish steht gelegentlich auch für andere Varietäten, etwa für tagalisches<ref>So im Artikel <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Philippines Profile ( vom 27. April 2012 im Internet Archive) von Clarence Henderson, Stand 29. August 2009.</ref> oder tamilisches<ref>So im Artikel Sprachbarrieren: Vielfalt der Sprachen und Verkehrssprachen von Margarete Payer, Stand 29. August 2009.</ref> Englisch, in den weitaus meisten Fällen aber für das hier behandelte Thai-Englisch.
Aussprache
- Bei mehrsilbigen Wörtern wird meist die letzte Silbe mit langem Vokal und fallendem Ton gesprochen, anders als im Englischen, wo die letzte Silbe oder Suffixe oft einen kurzen Vokal haben und unbetont sind. Das erzeugt bei Englisch-Muttersprachlern den Eindruck, die letzte Silbe würde nachdrücklich betont (tatsächlich kennt das Thailändische und damit auch das Tinglish keine dynamische Betonung), z. B. computer <templatestyles src="IPA/styles.css" /> und fashion <templatestyles src="IPA/styles.css" />.<ref>Beispiele aus Georg Gensbichler und Sarika Puangsombat: English – Thai. Bangkok Book House, Bangkok 2008, ISBN 974-272-222-6, S. 193–194.</ref>
- Das Thailändische kennt nur wenige Konsonantencluster. Im Tinglish wird daher zwischen Konsonanten ein kurzes ‚a‘ oder Schwa-Laut eingefügt,<ref name="Horwood">Graham Horwood: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Investigating Thai Loan Phonology ( vom 12. August 2014 im Internet Archive), 8. September 2008.</ref> oder einer der Konsonanten fällt ganz weg: z. B. wird stay zu sa-tay <templatestyles src="IPA/styles.css" />, blue zu ba-loo <templatestyles src="IPA/styles.css" />, sprite zu sa-pie <templatestyles src="IPA/styles.css" />.
- Laute, die im Thailändischen nicht vorkommen, werden ersetzt: die stimmhaften Laute /g/, /z/ und /d͡ʒ/ werden durch stimmlose Äquivalente ersetzt, also zu /k/, /s/ bzw. /t͡ɕ/.<ref name="Horwood"/> Zoo klingt z. B. wie Sue. Der Frikativ /ʃ/ wird durch die Affrikate /t͡ɕ/ ersetzt.<ref name="Horwood"/> Die Wörter chair und share können also (fast) gleich klingen.<ref>Vgl. Kenny Yee und Catherin Gordon: Dos and Don’ts in Thailand. Booknet, Bangkok 1999, ISBN 978-974-9823-34-7, S. 158 und Saksit Pakdeesiam: Thai for Gay Tourists. Paiboon Publishing, Bangkok 2001, S. 13.</ref> Der Frikativ /θ/ (das englische „th“) wird durch den Verschlusslaut /t/ ersetzt,<ref name="Horwood"/> also tin statt thin.
- /v/ wird im Silbenanlaut durch /w/ ersetzt,<ref name="Horwood"/> z. B. sewen elewen statt seven eleven.
- Im Auslaut tritt an die Stelle des /v/ hingegen ein „schwaches“ /p/,<ref name="Horwood"/> z. B. say(p) <templatestyles src="IPA/styles.css" /> statt safe.
- Verschlusslaute werden im Auslaut nicht gesprengt, klingen daher „schwach“ oder sind für englische Muttersprachler kaum wahrnehmbar, z. B. to(p) statt top. Auch Frikative, die im Thailändischen nie im Auslaut stehen, werden im Auslaut durch solche nicht gesprengten Verschlusslaute ersetzt, z. B. fi(t) statt fish. /l/ bzw. /ɫ/ wird im Auslaut entweder durch /n/ oder durch /w/ ersetzt, z. B. nationan statt national, biw statt bill.
- Englische Diphthonge (Zwielaute) aus zwei Vokalen werden zum Teil durch lange Monophthonge, zum Teil durch eine Kombination aus Vokal und Halbvokal ersetzt: /eɪ/ durch /eː/, /ɛə/ durch /ɛː/, /oʊ/ durch /oː/, /aɪ/ durch /a(ː)j/, /aʊ/ durch /a(ː)w/, /ɔɪ/ durch /ɔ(ː)j/, /juː/ durch /iw/.
- Am Silbenende kann im Thailändischen nie ein Konsonantencluster stehen, die „überzähligen“ Konsonanten fallen daher weg,<ref name="Horwood" /> z. B. ack <templatestyles src="IPA/styles.css" /> statt act oder ex (klingen im Tinglish beide gleich) sowie cam <templatestyles src="IPA/styles.css" /> statt camp.
- Halbvokale zählen auch als Konsonant, hinter Diphthongen, die im Tinglish einen Halbvokal enthalten (siehe oben), kann daher gar kein Konsonant stehen, z. B. cow <templatestyles src="IPA/styles.css" /> statt count, i <templatestyles src="IPA/styles.css" /> statt ice.
- Manche Sprecher ersetzen zudem /r/ durch /l/, z. B. tomollow statt tomorrow.
Grammatik
Als isolierende Sprache kennt das Thailändische keine Flexionen (Wortveränderungen), und in der alltäglich gesprochenen Sprache treten meist einfache Satzgliedfolgen auf:
- Substantive werden weder dekliniert, noch haben sie einen Artikel.
- Nähere Bestimmungen eines Substantivs (Adjektive bzw. das Bestimmungswort in Komposita) werden nicht vor, sondern hinter das Substantiv gestellt.
- Verben werden nicht konjugiert; Zeitformen werden ggf. durch Partikeln kenntlich gemacht.
- Die gewöhnliche Wortstellung ist (wie im Englischen) Subjekt-Prädikat-Objekt; das Subjekt kann ausgelassen werden, wenn es sich aus dem Kontext erschließen lässt.
In tinglishen Sätzen lassen sich dieselben Charakteristika erkennen:
- Die Fügungen man good („guter Mensch“) und bar beer („Bierbar“) sind Beispiele für Substantive mit nachgestellter näherer Bestimmung.
- Die Frage You go Chiang Mai? kann entweder Have you been to Chiang Mai? oder Do you want to go to Chiang Mai? bedeuten („Waren Sie in Chiang Mai?“ oder „Wollen Sie nach Chiang Mai fahren?“).<ref>Vgl. Rainer Bolik und Siriporn Jantawat-Bolik: Land & Leute. Thailand. Polyglott-Verlag, München 1995/96, ISBN 3-493-60526-9, S. 106–107.</ref> Um nun etwa die Vergangenheitsform zweifelsfrei darzustellen, wird das Wort already angefügt: You go Chiang Mai already? („Waren Sie bereits in Chiang Mai?“). Already ist die wörtliche Übersetzung der Partikel {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) [lɛ́ːw], mit der in der thailändischen Sprache die Vergangenheit ausgedrückt wird – der Satz darf also nicht im Sinne von „Fährst du jetzt schon nach Chiang Mai?“ verstanden werden.
- Anstelle von yes und no wird manchmal – wie im Thailändischen – das Verb aus der Frage wiederholt (affirmativ) bzw. verneint, z. B. kann die Antwort auf die Frage Do you have ice cream? („Führen Sie Speiseeis?“) Have. oder No have. lauten.
Wortwahl
Die Wortwahl orientiert sich oft direkt an der thailändischen Sprache, zum Beispiel am Usus, Wörter durch Wiederholung zu unterstreichen. Die Fügung same same ist eine solche charakteristische „totale Reduplikation“ (Wortverdoppelung);<ref>Beschrieben im Artikel <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Different families, not different cousins: comparing Thai and English ( des Vorlage:IconExternal vom 13. Dezember 2013 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. von John Anyan, Stand 13. Dezember 2013.</ref> sie steht konsequent für die englischen Begriffe the same („der/die/das Gleiche“ oder „derselbe/dieselbe/dasselbe“), as usual („wie gewohnt“) und similar („ähnlich“). Auch der stehende Ausdruck snake snake fish fish ist eine wortwörtliche Übersetzung aus der Muttersprache und steht für das englische so-so, zu deutsch „so la la“.<ref>Saksit Pakdeesiam: Thai for Gay Tourists. Paiboon Publishing, Bangkok 2001, S. 16.</ref>
Der häufig gehörte Satz Where you go? ist weniger eine Frage als die direkte Übertragung der thailändischen Begrüßungsformel {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) [bpai nai].<ref>Kenny Yee und Catherin Gordon: Dos and Donts in Thailand. Booknet, Bangkok 1999, ISBN 978-974-9823-34-7, S. 159.</ref> Bemerkenswert ist die Übernahme muttersprachlicher Höflichkeitspartikeln in den englischsprachigen Kontext: nicht take care, sondern take care na, nicht thank you, sondern thank you khrap (männlicher Sprecher) beziehungsweise thank you kha (weibliche Sprecherin).
Beispiel
Same same but different, eine in Thailand und mittlerweile international verbreitete Redewendung mit der Bedeutung „ganz gleich und doch anders“, ist ein bekanntes Beispiel des Tinglish.<ref>Vgl. den Artikel Same Same But Different von James McCabe, Stand 29. August 2009.</ref> In ganz Thailand (und weltweit über zahlreiche Internet-Shops) sind T-Shirts mit dem Aufdruck same same but different erhältlich, wobei same same auf der Vorderseite zu lesen ist, but different auf der Rückseite.<ref>Auch der bereits angeführte Artikel <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Different families, not different cousins: comparing Thai and English ( des Vorlage:IconExternal vom 13. Dezember 2013 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. von John Anyan auf www.macmillandictionaries.com, Stand 13. Dezember 2013, führt das T-Shirt-Design als Beispiel an: „One example of how Thai lexis can lead to errors in English has become a T-shirt design, 'Same Same But Different'.“</ref>
Die Textzeile same same but different spielt auch in der internationalen Popmusik eine Rolle, so auf der CD „Same/Same … But Different“ der Band Vengeance (2007) oder in dem Hindi-Song „We Are Same Same But Different“, einem Hit aus dem Bollywood-Film „Bombay to Bangkok“ des Regisseurs Nagesh Kukunoor (2008).<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />We Are Same Same But Different ( vom 2. Dezember 2008 im Internet Archive), Liedtext von Mir Ali Husain, Stand 29. August 2009.</ref> Einige deutsch- und englischsprachige Bücher tragen die Redewendung direkt im Titel, wobei die Zeichensetzung variiert.<ref>Zum Beispiel Thomas Kalak, Jochen Müssig: Thailand. Same same, but different! Rupa Publications, München 2008, ISBN 978-3-940393-04-3.</ref> Der Film Same Same But Different des Regisseurs Detlev Buck, der allerdings in Kambodscha spielt, wurde im August 2009 auf dem 62. Internationalen Filmfestival von Locarno mit einem Preis ausgezeichnet und startete im Januar 2010 in den deutschen Kinos.<ref>„Same Same But Different“ in Locarno ausgezeichnet, Mitteilung auf ndr.de, 17. August 2009.</ref>
Weblinks
- Sound Systems of English: Investigating Thai Loan Phonology – eine Vorlesung an der Thammasat-Universität vom 8. September 2008, Stand 29. August 2009 (PDF; 87 kB)
- The Tinglish Files – eine Erklärung und fünf Dialoge des Journalisten Alasdair Forbes, Stand 29. August 2009
Einzelnachweise
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