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Davistan

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Die Davistan Krimmer-, Plüsch- und Teppichfabriken AG, bis 1933 David & Co. KG, ist ein ehemaliges deutsches Unternehmen, aus dem die Schaeffler-Gruppe entstand. Das von dem jüdischen Unternehmer Leopold David 1842 gegründete Unternehmen ging ab 1940 unter Wert in den Besitz von Wilhelm Schaeffler über.

Geschichte

Datei:Kietrz, opuštěná továrna.jpg
Ruine der Fabrik Nr. 1 von Welur, ehemals David & Co., in Katscher, 2016

Gründung und wirtschaftlicher Aufstieg

Das Unternehmen wurde 1842<ref name="Ausstellung">Amtlicher Katalog der Ausstellung des Deutschen Reiches. Königliche Geheime Ober-Hofbuchdr., 1873, S. 216 (google.com).</ref> als David & Co. KG von Leopold David<ref>Londoner Ausstellung 1862. Special-Catalog der gewerblichen Ausstellung des Zollvereins. K. Geh. Ober-Hofbuchdruck, Berlin 1862, S. 96 (google.com).</ref><ref>Verheiratet mit Clara, geb. Sonnenthal. Siehe National-Zeitung, Berlin, 6. November 1860 (google.de).</ref> gegründet, ansässig in der Niederwallstraße 13–14<ref>Meier’s Adreßbuch der Exporteure und Importeure. Dudy, 1925, S. 40 (google.com).</ref> in Berlin. Es produzierte Plüsch in Berlin, Brieg und Zinna sowie Wollgewebe in Nowawes. 1871 waren fast 1000 Menschen für das Unternehmen tätig.<ref name="Ausstellung" /> Im Jahre 1907 gehörte das Unternehmen dem jüdischen Unternehmer Georg Frank,<ref>Christof Biggeleben: Das „Bollwerk des Bürgertums“: die Berliner Kaufmannschaft 1870-1920. C.H.Beck, 2006, ISBN 978-3-406-54993-9 (google.com).</ref> hatte seinen Sitz An der Fischerbrücke 14 in Berlin und produzierte Plüsch, Herren- und Damenkonfektionskleidung, Stoffe und Teppiche.<ref>David & Co. In: Berliner Adreßbuch, 1907, Teil 1, S. 361.</ref> Zu dieser Zeit wurde ein Teil der Produktion des Unternehmens ins oberschlesische Katscher verlegt, ein Teil der Fertigung verblieb in Nowawes.<ref>Berichte aus Fachkreisen. In: Der Textil-Arbeiter. Band 28, Nr. 2. Berlin 14. Januar 1916, S. 8 (fes.de [PDF]).</ref> Das Unternehmen war in den 1920er Jahren der größte Teppichhersteller in Katscher. Im Jahr 1925 wurde ein mehrstöckiges Fabrikgebäude errichtet, in dem zwischen 600 und 700 Arbeiter beschäftigt waren. Im Jahr 1927 kaufte David & Co. eine ehemalige Schokoladenfabrik in der Nähe des Katscher Bahnhofs und baute sie aus.<ref name="Maler">Katarzyna Maler: Kościół katolicki na ziemi głubczyckiej w latach 1742–1945. Dzieje pruskiej części archidiecezji ołomunieckiej - komisariatu kietrzańskiego i wikariatu generalnego w Branicach. Tom I. (PDF; 55 MB) Stowarzyszenie Lokalna Grupa Działania „Płaskowyż Dobrej Ziemi“. Opole, Kietrz 2017, S. 170, ISBN 978-83-938215-1-8.</ref><ref>J. Pokorny: Die Weberei in Katscher. In: Festschrift zum 40jährigen Bestehen der Patenschaft zwischen dem Landkreis Holzminden und dem Kreis Leobschütz O/S 1955-1995.</ref> Im Geschäftsjahr 1933 machte das Unternehmen einen Umsatz von 4,2 Millionen Reichsmark.<ref name="SchlesischerAnfang">Grazyna Gintner: Schlesischer Anfang. (PDF) 2. August 2016, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 18. November 2021.</ref> Der aufkommende Nationalsozialismus und die damit verbundenen Repressalien gegenüber Juden zwangen den Inhaber Ernst Frank, Konsul aus Berlin und seit 1929 Ehrenbürger von Katscher,<ref name="Maler" /> im Jahr 1933 mit seiner Familie zur Flucht.<ref name="Cicero-Schöllgen">Gregor Schöllgen: Schaefflers dunkler Schatten. In: Cicero. März 2009, abgerufen am 7. Oktober 2019.</ref> Obwohl das Unternehmen allem Anschein nach wirtschaftlich erfolgreich war, wurde am 9. Dezember 1933 über das Vermögen von David & Co. ein Konkursverfahren eröffnet, sowie einige Tage später auch über das Vermögen von Ernst Frank.<ref name="Rauh-ZUG-56">Cornelia Rauh: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />„Angewandte Geschichte“ als Apologetik-Agentur? Wie man an der Universität Erlangen-Nürnberg Unternehmensgeschichte „kapitalisiert“. (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive). In: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Jg. 56, 2011, Heft 1, S. 102–115.</ref> Die beiden Vermögen beinhalteten zahlreiche Grundstücke in Katscher, Gebäude, Inventar und Rechte wie z. B. Wechsel. Gläubiger waren die Dresdner Bank und das Bankhaus Mendelssohn & Co. Der Konkursverwalter Walter Haupt und die beiden Gläubiger gründeten um die Jahreswende 1933/34 für das Unternehmen die Auffanggesellschaft Davistan Weberei und Knüpferei GmbH mit einem niedrigen Gesellschaftskapital von 20.000 Reichsmark, die den Betrieb von Davistan zunächst erfolgreich aufrechterhielt, jedoch im Frühjahr 1934 mit Schwierigkeiten im Einkauf und Geschäftsverkehr zu kämpfen hatte.<ref name="SchlesischerAnfang" /> Haupt schlug den beiden Gläubigern vor, die beiden Konkursmassen zu einem Preis von 4 bis 4,3 Millionen Reichsmark zu erwerben. Diese lehnten jedoch ab.

Schließlich wurde am 29. Mai 1934 die Davistan Krimmer-, Plüsch- und Teppichfabrik Aktiengesellschaft gegründet, mit einem Aktienkapital von einer Million Reichsmark. Sie löste die Davistan GmbH ab. Zum Vorstand wurden die Kaufmänner Franz Breitschädel und Rudolf Spies bestimmt. Den ersten Aufsichtsrat bildeten Herbert Schönfeldt, Clemens Carl Freyer und Joseph Kötter. Die neue Aktiengesellschaft bezahlte für das gesamte Vermögen der ehemaligen Firma David & Co. 3,6 Mio. RM, für das gesamte private Vermögen von Ernst Frank 224.000 RM. Der Betrieb ging weiter. Im Dezember 1934 beschäftigte das Unternehmen 590 Menschen. Im ersten Jahr wurde für die Aktiengesellschaft ein Reingewinn in Höhe von 25.316,50 RM ausgewiesen.<ref name="SchlesischerAnfang" />

Übernahme durch Wilhelm Schaeffler und Rüstungsbetrieb

Die Dresdner Bank, bei der Wilhelm Schaeffler seit 1937 als Wirtschaftsprüfer tätig war,<ref name="Cicero-Schöllgen" /> bot ihrem Angestellten an, in die Davistan Krimmer-, Plüsch- und Teppichfabriken AG einzusteigen,<ref name="SPIEGEL-2009-12">Nils Klawitter: Spur nach Auschwitz? In: Der Spiegel. Nr. 12, 2009, S. 76 f. (online).</ref><ref>Uwe Ritzer: Hässliche braune Flecken. Historiker streiten über die Rolle der Brüder Schaeffler im Dritten Reich – offenbar war die Firma stärker verstrickt als bisher bekannt. Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010.</ref> gut 30 Prozent unter Wert.<ref name="welt">Schaeffler legt Nazi Vergangenheit offen. Welt Online, 25. Februar 2009.</ref> Am 4. November 1940 löste Schaeffler mithilfe von Krediten seines Arbeitgebers über eine halbe Million RM Rudolf Spies als Vorstandsmitglied ab.<ref name="Rauh-ZUG-56" /> Vorsitzender des Aufsichtsrats wurde Carl Schleipen, Direktor der Dresdner Bank, sein Stellvertreter Heinz Fritsch<ref>Sächsisches Staatsarchiv: 11739 Gebrüder Fritsch, Werk Großenhain. In: archiv.sachsen.de. Abgerufen am 2. November 2025.</ref>, ein Tuchfabrikant aus Cottbus. Bereits seit Sommer 1940 wurde die Produktion von Plüsch und Krimmer auf Fliegerjacken und von Teppichen auf Papiersäcke für Sand und Stroh umgestellt. Im Juni 1941 verlegte Schaeffler den Sitz von Davistan von Berlin nach Katscher, wo das Unternehmen in der Krotfelderstraße 1 angesiedelt war.<ref name="SchlesischerAnfang" />

Auf Antrag von Heinz Fritsch wurde im Juni 1942 der Firmenname abgeschafft.<ref name="SPIEGEL-2009-12" /> Den langjährigen Vorstand Franz Breitschädel drängte Schaeffler im darauffolgenden Jahr aus der Unternehmensleitung.<ref name="Gazeta.pl-2009-03-04">Teresa Kudyba: Czy Niemcy wesprą firmę z hitlerowską przeszłością. In: Gazeta.pl. 4. März 2009, abgerufen am 10. Oktober 2019 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Die Firma lautete nun Wilhelm Schaeffler AG.<ref name="SchlesischerAnfang" />

Im Sommer 1943 gründete Wilhelm Schaeffler, der 1941 in die NSDAP eingetreten war, eine Kommanditgesellschaft für das Rüstungsgeschäft.<ref name="Cicero-Schöllgen2">Gregor Schöllgen: Schaefflers dunkler Schatten. In: Cicero. März 2009, abgerufen am 7. Oktober 2019.</ref><ref name="SPIEGEL-2009-12" /> Er steuerte fortan die Rüstungs- und die textile Produktion.<ref name="Cicero-Schöllgen2" /> Die Werke in Katscher produzierten Abwurfgeräte für die Luftwaffe, Brandbomben, Nadellager für Panzer, Wehrmachtswesten, Matratzen und Mäntel.<ref name="SPIEGEL-2009-12" /><ref>Der Hinweis auf Brandbomben findet sich bei Miroslaw Sikora: Die Waffenschmiede des „Dritten Reiches“. Die deutsche Rüstungsindustrie in Oberschlesien während des Zweiten Weltkrieges (Bochumer Studien zur Technik- und Umweltgeschichte, Band 3). Aus dem Polnischen übersetzt von David Skrabania. Klartext-Verlag, Essen 2014, S. 328, ISBN 978-3-8375-1190-1. Es handelte sich demnach unter anderem um Bomben des Typs Brand 4. Zu diesen siehe Brand 4 CH, Brand 4 CHl, Brand 4 D/NP 30, Brand 4 Na. In: michaelhiske.de. Abgerufen am 15. April 2020.</ref> Das Unternehmen setzte dabei Zwangsarbeiter aus Frankreich, der Sowjetunion und Polen ein.<ref name="Cicero-Schöllgen2" /><ref name="SPIEGEL-2009-12" /> Letztere waren im Polenlager 92 in Katscher<ref>Stichworte zum Lager im Verzeichnis der KZ-ähnlichen Lager und Haftstätten sowie von Institutionen und Betrieben, in denen Zwangsarbeit geleistet wurde (ehemals Haftstättenverzeichnis der Stiftung EVZ) auf den Webseiten des Bundesarchivs, abgerufen am 7. Oktober 2019.</ref><ref>Kietrz, Polenlager 92. Zapomniane obozy nazistowskie. In: fotohistoria.pl. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 16. April 2013; abgerufen am 14. Oktober 2019 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value), Informationen der Zeitzeugen Barbara Kruczkowska und Józefa Posch-Kotyrba).</ref> interniert.<ref name="SPIEGEL-2009-12" /> 1944 kam es zu einer „Kriegsarbeitsgemeinschaft“ mit der Schumag, die in den Räumlichkeiten in Katscher Achsen, Rollen und Präzisionskleinteile für Heer und Luftwaffe herstellte.<ref>Miroslaw Sikora: Die Waffenschmiede des „Dritten Reiches“. Die deutsche Rüstungsindustrie in Oberschlesien während des Zweiten Weltkrieges (Bochumer Studien zur Technik- und Umweltgeschichte, Band 3). Aus dem Polnischen übersetzt von David Skrabania. Klartext-Verlag, Essen 2014, S. 215, ISBN 978-3-8375-1190-1.</ref>

Das Unternehmen, das in Kriegszeiten aus vier Werken bestand,<ref>Siehe die Fotos und Bildunterschriften in Schaeffler – die dunkle Vergangenheit. In: Süddeutsche Zeitung. 2. März 2009, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 13. Oktober 2019; abgerufen am 13. Oktober 2019.</ref> verarbeitete bei seiner textilen Produktion auch Menschenhaar aus dem Vernichtungslager Auschwitz.<ref>Einleitung. In: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Band 16. Das KZ Auschwitz 1942–1945 und die Zeit der Todesmärsche 1944/45. Bearbeitet von Andrea Rudorff. Walter de Gruyter. Berlin / Boston 2018, S. 28. ISBN 978-3-11-036503-0.</ref> Auf dem Firmengelände gefundene Meterware erwies sich nach einer Untersuchung des Gerichtsmedizinischen Instituts der Jagiellonen-Universität von 1949 als aus Menschenhaar gemachtes Gewebe.<ref name="Strzelecki-1994">Andrzej Strzelecki: The plunder of victims and their corpses. In: Israel Gutman, Michael Berenbaum (Hrsg.): Anatomy of the Auschwitz Death Camp, Indiana University Press in Zusammenarbeit mit dem United States Holocaust Memorial Museum, Bloomington 1994, ISBN 0-253-32684-2, S. 246–266, hier S. 261.</ref><ref>Andrzej Strzelecki: Die Verwertung der Leichen. In: Hefte von Auschwitz, 21 (2000) S. 101–164, hier S. 123.</ref><ref>Ins Deutsche übersetzte Abdrucke der Gutachten von 1946, 1947 und 1949 finden sich bei Andrzej Strzelecki: Die Verwertung der Leichen. In: Hefte von Auschwitz, 21 (2000) S. 101–164, hier S. 157–164.</ref>

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm der polnische Staat die Reste der Schaeffler-Werke. Bis in die 1990er Jahre wurden dort in der Zakłady T Materiał Dekoracyjnych Welur SA Teppiche hergestellt.<ref name="SchlesischerAnfang" /><ref>Zakłady Tkanin Dekoracyjnych Welur S.A. w Kietrzu. In: Archiwa Opolskie. Abgerufen am 18. November 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Erforschung der NS-Vergangenheit

Der Historiker Gregor Schöllgen, der die Unternehmensgeschichte im Auftrag der Familie Schaeffler untersuchte, behauptete 2009, es gebe für die Verbindung nach Auschwitz „keine Belege“<ref name="Cicero-Schöllgen3">Gregor Schöllgen: Schaefflers dunkler Schatten. In: Cicero. März 2009, abgerufen am 7. Oktober 2019.</ref> beziehungsweise keine direkten Belege.<ref name="SPIEGEL-2009-12" /> Für diese Ansicht wurde er 2011 von seinen Kollegen Tim Schanetzky,<ref>Tim Schanetzky: Die Mitläuferfabrik. Erlanger Zugänge zur „modernen Unternehmensgeschichte“. In: Akkumulation. Informationen des Arbeitskreises für kritische Unternehmens- und Industriegeschichte, Nr. 31/2011, S. 3–10.</ref> Cornelia Rauh<ref name="Rauh-ZUG-562">Cornelia Rauh: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />„Angewandte Geschichte“ als Apologetik-Agentur? Wie man an der Universität Erlangen-Nürnberg Unternehmensgeschichte „kapitalisiert“. (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive). In: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Jg. 56, 2011, Heft 1, S. 102–115.</ref> und Toni Pierenkemper<ref>Toni Pierenkemper: „Moderne“ Unternehmensgeschichte auf vertrauten (Irr-)Wegen? In: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Jg. 57, 2012, S. 70–85.</ref> vehement kritisiert.

Weblinks

Einzelnachweise

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