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Mulesing

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Als Mulesing (englisch [ˈmjuːlziŋ]) bzw. Mulesierung oder Mules-Operation (nach John W. H. Mules) wird das Entfernen der Haut rund um den Schwanz von Schafen ohne Schmerzausschaltung bezeichnet. Es ist ein in Australien gebräuchliches Verfahren, um einen Befall mit Fliegenmaden (Myiasis) zu verhindern.

Mulesing ist eine umstrittene Praktik, zu der es viele unterschiedliche Meinungen gibt. Laut der National Farmers Federation ist es der effektivste Weg, das Risiko von Myiasis zu minimieren, der sonst 3.000.000 Schafe jährlich zum Opfer fallen würden.<ref name="Model Code">Primary Industries Ministerial Council: Model Code of Practice for the Welfare of Animals (= Primary Industries Report Series). 2. Auflage. CSIRO Publishing, 2006, ISBN 0-643-09357-5, The Sheep, S. 17–23 (csiro.au [PDF; abgerufen am 1. März 2008]).</ref> Die Australian Veterinary Association (AVA) erkennt die positiven Effekte von Mulesing bei Schafen an. Jedoch befürwortet die AVA auch Alternativen im Sinne einer ethisch vertretbaren Massentierhaltung. Dem Präsidenten der National Farmers’ Federation Peter Corish zufolge ist die Tierschutzorganisation Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals nicht gegen dieses Verfahren in Gebieten, in denen es keine sinnvolle Alternative gibt, empfiehlt aber Forschungen nach schmerzlosen Methoden als Alternativen.<ref name="AGE_ridicule" /> Die Tierrechtsorganisation PETA ist strikt gegen das Mulesing, dies sei eine grausame und schmerzhafte Methode, zu der es „humanere“ Alternativen gebe.<ref name="AGE_ridicule">Jesse Hogan: Farmers ridicule US wool ban. The Age, 15. Oktober 2004, abgerufen am 1. März 2008.</ref>

Im November 2004 trafen sich Delegierte der australischen Wollindustrie und beschlossen, das Verfahren des Mulesing bis Ende 2010 zu beenden.<ref name="AWGA2004">Peter Wilkinson: In the News. Australian Wool Growers Association, 8. November 2004, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 20. August 2006; abgerufen am 9. Januar 2007.</ref><ref name="Model Code" /> Mittlerweile hat die Australian Wool Innovation (AWI) den Termin abgesagt und keinen neuen gesetzt.<ref>Vgl. animalsaustralia.org oder abc.net.au (englisch).</ref> Die Australian Wool Growers Association verzeichnet hingegen einen zunehmenden Einsatz lokaler Betäubung. Im Jahr 2010 soll dies bereits in 60 % der Fälle angewandt worden sein.<ref>Peter Windsor: Pain management adoption on Australian sheep farms (PDF; 126 kB), 27. September 2011, abgerufen am 20. November 2011.</ref>

Die Merino-Industrie von Neuseeland erlegte sich ab Ende 2010 ein freiwilliges Verbot auf, an das sich jedoch nicht alle Farmer halten.<ref>safe.org.nz: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Mulesing (Memento vom 5. August 2014 im Internet Archive), abgerufen am 20. November 2011.</ref> Zudem hat die New Zealand Merino Company ein freiwilliges Qualitätssiegel namens Zque eingeführt, das Wolle von Schafen kennzeichnet, die unter anderem nicht dem Mulesing unterzogen wurden.<ref>Joanne Sneddon: How the wool industry has undercut itself on mulesing, 3. Mai 2011, abgerufen am 20. November 2011.</ref> Ein offizielles Verbot trat am 1. Oktober 2018 in Kraft.<ref name="New Zealand prohibits the practice of mulesing in sheep – Farm Online">Kristen Frost: New Zealand farmers on the ball with bare breech breeding. In: New Zealand prohibits the practice of mulesing in sheep Farm Online. 4. September 2018, abgerufen am 9. Februar 2019.</ref>

Geschichte

Mulesing ist benannt nach John W. H. Mules, der dieses Verfahren entwickelte.<ref name="BBC_row">Australian wool in animal rights row. BBC, 20. Juli 2005, abgerufen am 7. November 2007.</ref> Während er ein Mutterschaf schor, das mehrere Fliegenbefälle erlebt hatte, rutschte er ab und entfernte ein Stück Haut. Als er dies bei mehreren anderen Schafen anwandte, stellte er fest, dass dies den Fliegenmadenbefall signifikant senkte. Das Verfahren wurde im Laufe der Jahre weiterentwickelt und verbreitete sich in den 1930er Jahren in Australien. Die für Myiasis bei australischen Schafen hauptverantwortliche Schmeißfliegenart Lucilia cuprina wurde vermutlich im 19. Jahrhundert aus Südafrika eingeschleppt.<ref name="AWI Blowfly">Jules Dorrian: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Battling the blowfly – plan for the future (Memento vom 7. September 2008 im Internet Archive), 3. Juni 2006.</ref> Die Erkrankung wird als sheep strike oder breech-strike bezeichnet.<ref>J. W. Larsen, L. D. Tyrell, N. Anderson: Prevalence of breech-strike in mulesed, clipped and unmulesed Merino hoggets in south-eastern Australia. In: Australian veterinary journal. Band 90, Nummer 5, Mai 2012, S. 158–166, doi:10.1111/j.1751-0813.2012.00914.x. PMID 22510074.</ref>

Ursprünglich wurde es nur bei Schafen durchgeführt, die bereits entwöhnt waren, da es für Lämmer „zu hart sei“. Es stellte sich aber heraus, dass Lämmer das Mulesing besser vertrugen als ältere Schafe, da die betroffene Hautfläche deutlich kleiner ist.<ref name="Model Code" />

Verfahren

Mulesing ist ein chirurgisches Verfahren, das in Australien von Personen mit spezieller Ausbildung ausgeführt wird, also meist einem professionellen Mulesing-Unternehmer übertragen wird.<ref name="Model Code" /> Es wird zumeist nach dem Absetzen bis zu einem Alter von einem Jahr durchgeführt. Während das Schaf fixiert ist, wird die After-Schwanz-Falte durch Entfernung eines v-förmigen Hautstücks im proximalen Schwanzdrittel gestrafft und der Schwanz ab dem dritten Schwanzwirbel kupiert. Weder während des Eingriffs noch danach werden Schmerzmittel verabreicht. Ursprünglich wurde dies zusammen mit der Schur durchgeführt, mittlerweile gibt es aber spezielle Werkzeuge dafür.<ref name="sheepguide">Livestock & Grain Producers Assoc.: Sheep Production Guide. Macarthur Press, Parramatta 1978.</ref>

Kontroverse

Tierrechtler kritisieren das Mulesing ohne Betäubung als inhuman und unnötig. Sie argumentieren auch, dass das Mulesing verhindert, dass sich eine natürliche Resistenz gegen den Fliegenbefall bilden kann.<ref name="Animal Liberation">Mulesing. Animal Liberation (WA) Inc, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 21. November 2008; abgerufen am 9. Januar 2007.</ref> Darüber hinaus wird die Wirkung des Verfahrens generell bezweifelt, da die Maden auch in anderen Hautfalten am Körper nisten.<ref>Einkaufscheck Merinowolle, vom 29. Januar 2020 in Ots.at.</ref>

Einige Tierschutzorganisationen kritisieren zudem den Begriff „Mulesing“ und schlagen stattdessen die Bezeichnung „Lämmerverstümmelung“ vor, um den aus ihrer Sicht schmerzhaften und grausamen Charakter des Eingriffs zu betonen.<ref>Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Vorstellung des Begriffs "Lämmerverstümmelung" als Ersatz für Mulesing.] In: VIER PFOTEN. VIER PFOTEN – Stiftung für Tierschutz, , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 25. Januar 2026.Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>

Befürworter des Mulesing stammen meist aus Australien, wo es häufig zu starkem Fliegenbefall kommt. Es gebe zwar schon Alternativen, diese seien jedoch noch nicht erprobt und unwirtschaftlich. Aufgrund der großen Zahl der Schafe in Australien sei aber eine wirtschaftliche Methode notwendig.<ref name="PopNZ">John Wilson: A diminishing flock (infobox). In: Te Ara – The Encyclopedia of New Zealand. Ministry for Culture & Heritage, 26. September 2006, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 9. Mai 2006; abgerufen am 9. Januar 2007.</ref>

Im Oktober 2004 reagierte das amerikanische Modeunternehmen Abercrombie & Fitch auf den Druck von PETA und boykottierte australische Merinowolle wegen des Mulesings. Die australische Wollindustrie erlebte Umsatzeinbrüche, als sich weitere Unternehmen diesem Boykott anschlossen,<ref name="Pink2">Australian Associated Press: Red-faced Pink’s u-turn on wool ban. The Sydney Morning Herald, 17. Januar 2007, abgerufen am 17. Januar 2007.</ref><ref>Helsinki protest against Australian cruelty to sheep. In: blog.anta.net. 26. März 2008, ISSN 1797-1993 (archive.org [abgerufen am 26. März 2008]).</ref> darunter mehr als 60 britische Unternehmen.<ref>Wool Industry Granted Reprieve</ref> Der Konflikt entflammte erneut durch eine Sendung des schwedischen Fernsehens. In dieser wurde behauptet, dass ein Lobbyist, Kevin Craig, der für die australische Woll- und Schafindustrie arbeitete, einem schwedischen Aktivisten eine kostenlose Reise nach Australien anbot, unter der Bedingung, dass dieser nicht mehr vor der Kamera auftrete und keine Interviews mehr gebe. Daraufhin schloss sich nahezu die gesamte schwedische Bekleidungsindustrie dem Boykott an.

Im März 2020 wurde eine Liste mit hundert internationalen Textilmarken veröffentlicht, die sich gegen „Mulesing“ bei Lämmern aussprechen.<ref>Brands against Mulesing abgerufen am 6. Januar 2021 in Four-paws.org.au</ref> Im November 2020 hat Vier Pfoten in einem Ranking festgestellt, dass nur vier von 28 Herstellern von Strickwolle Mulesing ausschließen können.<ref>Warum Schafe für Wollpullover verstümmelt werden – und welche Alternativen es gibt vom 28. Januar 2021 in Geo.de</ref>

Alternativen

Alternativen zum Mulesing müssen sowohl für Schafe als auch den Ausführenden gesundheitlich unbedenklich sein und dürfen weder Fleisch noch Wolle schädigen.

Einige nicht-chirurgische Methoden wurden untersucht:

  • proteinhaltige Behandlung (intradermale Injektionen)<ref name="AWI Alternatives">Alternatives to mulesing. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 21. November 2017; abgerufen am 7. Februar 2016 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
  • gezielte Zucht<ref name="ABC-2007-04">Tara De Landgrafft: New Zealand farmers on the ball with bare breech breeding. In: ABC Rural News. Australian Broadcasting Corporation, 24. April 2007, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 16. März 2008; abgerufen am 1. Mai 2007.</ref><ref name="AWI Alternatives" />
  • sichere Insektizide
  • biologische Fliegenbekämpfung<ref name="AWI Blowfly" />
  • Plastikclips für die Schafhaut (breech clips)<ref name="AWI Alternatives" />

Weblinks

Einzelnachweise

<references />