Walter Stoeckel
Walter Stoeckel (* 14. März 1871 in Adlig Klein-Stobingen oder Gut-Stobingen bei Insterburg, Ostpreußen; † 12. Februar 1961 in Ost-Berlin) war ein deutscher Gynäkologe und Geburtshelfer.<ref name="Klee604">Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, 2. aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 604.</ref>
Leben
Walter Stoeckel absolvierte das Gymnasium in Insterburg, an dem er 1890 das Abitur ablegte. Danach studierte er Medizin in Leipzig, München, Jena<ref>Manfred Stürzbecher: Stoeckel, Walter. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin und New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1362.</ref> sowie an der Albertus-Universität Königsberg und wurde dort 1896 promoviert.<ref>Dissertation: Dreißig Fälle von vaginaler Totalexstirpation des Uterus aus der kgl. Universitäts-Frauenklinik zu Königsberg i. Pr.</ref> Anschließend arbeitete er als Schiffsarzt. Von 1897 bis 1898 war er Volontär in der Bonner Frauenklinik und am Pathologischen Institut in Marburg.<ref>Walter Jonat, Christian Andree, Thoralf Schollmeyer: Universitäts-Frauenklinik Kiel und Michaelis-Hebammenschule 1805–2005: eine medizinhistorische Studie zum 200-jährigen Bestehen. Georg Thieme Verlag, 2005, ISBN 3-13-142031-6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref> Weitere Stationen waren von 1897 bis 1903 die Schlesische Friedrich-Wilhelms-Universität, wo er bei Heinrich Fritsch zum Facharzt ausgebildet wurde. 1903 wurde er Oberarzt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen bei Johann Veit, wo er sich habilitierte.<ref>Habilitationsschrift: Die Cystoskopie in ihrer Bedeutung für den Gynäkologen (Teil I und II).</ref> 1905 war er an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin bei Ernst Bumm an der Charité und wurde dort Extraordinarius. Aus Berlin wurde er 1907, obwohl ein Berufungsverfahren an die Königliche Universität zu Greifswald lief,<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der Wert des Parameters archive-today muss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein. Medizinhistorie – Gynäkologisch-geburtshilfliche Sammlung der Universität Greifswald</ref> als Ordinarius an die Philipps-Universität Marburg berufen, von wo aus er 1910 dem Ruf der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel folgte und dort bis 31. August 1922 blieb. 1922 wurde er an die Universitätsfrauenklinik Leipzig berufen, wo er bis 1926 blieb, um danach nach Berlin zu wechseln. Dort war Stoeckel als Nachfolger von Bumm von 1926 bis 1951 Direktor der Universitätsfrauenklinik<ref>Biografie der Humboldt-Universität zu Berlin</ref> und setzte sich insbesondere für von ab etwa 1900 ausgebaute<ref>Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 60.</ref> Fachgebiet Gynäkologische Urologie<ref>Horst Kremling: Würzburger Beiträge zur Gynäkologischen Urologie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 5, 1987, S. 5–11, hier: S. 7–8.</ref> ein.
Er hatte einen konservativ-autoritären Führungsstil. Sich selbst sah er gern als „Kaiser der Gynäkologen“.<ref name="doetz155" />
Stoeckel übernahm mit Karl Reifferscheid das Lehrbuch der Gynäkologie von Heinrich Fritsch, mit dessen Tochter Anna er verheiratet war, und schrieb es nach dem Tod Reifferscheids ab der 2. Auflage allein.
Er trug maßgeblich zum Aufbau einer fortschrittlichen Frauenklinik an der Berliner Charité zu Beginn der 1930er Jahre bei und war 25 Jahre Inhaber des Lehrstuhls. Zu seinen wissenschaftlichen Arbeiten zählte die Verbesserung der operativen Entfernung der Gebärmutter über die Scheide beim Zervixkarzinom, die nach ihm und Friedrich Schauta Schauta-Stoeckel-Operation genannt wurde.
In der Zeit des Nationalsozialismus war er Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes und behandelnder Arzt von Magda Goebbels. Er war nie Mitglied der NSDAP, aber förderndes Mitglied der SS.<ref name="doetz155">Doetz, Walter Stoeckel und die I. Berliner Universitätsfrauenklinik im Nationalsozialismus, Dissertation, Charité, 2010, S. 155</ref> Allerdings waren alle seine sechs Oberärzte NSDAP-Mitglieder.<ref>Doetz, Dissertation, Charité, 2010, S. 163</ref> Im Dritten Reich nutzte er seine Beziehung als Arzt von Magda Goebbels für eigene Ziele. So war er im Gegensatz zur offiziellen Haltung des Reichsgesundheitsführers Leonardo Conti und dessen Mutter, der Leiterin der Reichshebammenschaft Nanna Conti, ein Befürworter der Klinikgeburt gegenüber der Hausgeburt. Als einziger Klinikdirektor konnte er einen für ihn in der Klinik als Pathologen wichtigen jüdischen Arzt (Robert Meyer) jedenfalls eine Weile bis 1938 und unentgeltlich weiterbeschäftigen.<ref>Christine Loytved, Mona Schwager, Walter Stoeckel: Protegé für viele im Dritten Reich, Obstetrica, 3/2019, S. 56–57</ref> Auch der jüdische Gynäkologe Paul Strassmann konnte noch Ende 1937 eine Arbeit im von Stoeckel redigierten „Zentralblatt für Gynäkologie“ veröffentlichen.<ref>Felix Dross, Wolfgang Frobenius, Andreas Thum: „Wir können ihr Geschick nicht wenden.“ Die jüdischen Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch. Hentrich & Hentrich, Berlin 2020, S. 245</ref>
Eigentlich war er ein entschiedener Gegner von Abtreibungen, jedenfalls bei „arischen“ Frauen, an seiner Klinik fanden aber solche aus eugenischen und rassischen Gründen statt (aufgrund eines Geheimerlasses von Leonardo Conti von 1940 ermöglicht), so bei einer Frau, bei der der Kindesvater ein Chinese war.<ref>Susanne Doetz, Walter Stoeckel und die I. Berliner Universitätsfrauenklinik im Nationalsozialismus, Dissertation, Charité 2010, S. 192</ref> In der Zeit des Nationalsozialismus war er ein Befürworter der Zwangssterilisation aus eugenischen Gründen, was sich auch in seinen Lehrbüchern niederschlug.<ref>Doetz, Dissertation, Charité 2010, S. 223</ref>
Von 1933 bis 1935 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Auch nach seiner Emeritierung 1936 blieb er aktiv. Im Jahr 1941 zeichnete ihn Adolf Hitler mit der Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft aus. 1944 wurde er in den wissenschaftlichen Beirat des Generalkommissars für das Sanitäts- und Gesundheitswesen Karl Brandt berufen.<ref name="Klee604" />
In der Eröffnungsrede zum DGG-Kongress am 11. Oktober 1933 in Berlin sagte Stoeckel hinsichtlich der jüdischen DGG-Mitglieder: „Wir können ihr Geschick nicht wenden; sie sind die beklagenswerten Opfer einer Härte geworden, die für die Gesundung des deutschen Volkes notwendig geworden war.“ Gleichzeitig bedauerte er, „daß diese Entwicklung auch Kollegen schwer getroffen hat, deren Persönlichkeit wir hochschätzen und deren wissenschaftliche Leistungen wir hoch bewerten.“ Den anwesenden Mitgliedern aus dem Ausland, darunter auch Juden, dankte er für das Bekenntnis ihrer Zugehörigkeit zur DGG in Zeiten, „die das Bekennen erschweren“, und äußerte den Wunsch, sie mögen von der Tagung „ein richtiges Bild des neuen Deutschland in ihre Heimat mitnehmen und dazu beitragen, daß die Zerrbilder der Verleumdung zerrissen werden“. Diese die jüdischen, nunmehr missliebig gewordenen DGG-Mitglieder ausgrenzende Rede Stoeckels machte allen klar, dass jüdische Verbandsmitglieder, die nach der nationalsozialistischen Machtübernahme bereits unter Boykott, Einschüchterung, Demütigung oder auch offener Gewalt zu leiden hatten, vonseiten der DGG zusätzliche Marginalisierung, aber keine Solidarität zu erwarten hatten. In der unredigierten Form seiner Memoiren von 1954 vermerkte Stoeckel, auf der Tagung 1933 „mußten wir zeigen, was wir allein konnten – ohne Juden und ohne Ausland“. Eine antisemitische Grundhaltung Stoeckels zeigt sich auch bei seinem Vorgehen bei der Herausgabe des Verzeichnisses deutschsprachiger Frauenärzte 1939 („Gynäkologen-Kalender“), in das Kollegen aus der Schweiz nur nach einer persönlichen Erklärung zu ihrer „arischen“ Abstammung aufgenommen werden sollten, woraufhin die Schweizer Ärzte protestierten und geschlossen auf die Erwähnung verzichteten. Selbstkritik äußerte Stoeckel später nur jenseits der großen Bühne der DGG-Kongresse. Auf einer „Tagung der Gynäkologen der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands“ 1947 in Berlin erklärte er in einem Grußwort an Felix Skutsch: „Es ist unsere Pflicht und unser Wunsch, ihn für dieses Leiden zu entschädigen und ihm Gutes zu erweisen, soviel wir können“. In seinen (posthum 1966 publizierten) „Erinnerungen eines Frauenarztes“ bekannte er hinsichtlich des Umgangs mit jüdischen Medizinern in der NS-Zeit, „daß wir deutschen Universitätsprofessoren insgesamt versagt haben, als es darum ging, in schwerer Zeit Solidarität zu zeigen – eine Solidarität der Herzen“.<ref>Fritz Dross, Wolfgang Frobenius, Andreas Thum: „Wir können ihr Geschick nicht wenden.“ Die jüdischen Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch. Hentrich & Hentrich, Berlin 2020, S. 13–24</ref>
Stoeckel setzte in der Nachkriegszeit seine Tätigkeit im sowjetischen Sektor von Berlin fort. Als Direktor widmete er sich dem Wiederaufbau der schwer kriegszerstörten I. Universitäts-Frauenklinik, als Ordinarius für Frauenheilkunde der Humboldt-Universität leitete er die ersten Gynäkologenkongresse 1946 in Jena und 1947 in Berlin und betrieb 1948 die Konstituierung der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie bei der Humboldt-Universität, die in die DDR übernommen wurde. Die DDR ehrte ihn 1949 mit dem Titel Obermedizinalrat und 1951, im Jahr seiner Emeritierung, mit dem Nationalpreis I. Klasse.
Zu seinen Schülern zählten die Gynäkologen und Professoren Felix von Mikulicz-Radecki, Ernst Philipp, Günther K. F. Schultze, Helmut Kraatz, Hans Limburg und Benno Ottow.<ref>Doetz, Dissertation, Charité 2010, S. 149</ref>
Stoeckel ist der Urgroßvater des Entertainers und TV-Darstellers Julian Stoeckel (* 1987).
Ehrungen
- Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (1926)<ref>Mitgliederverzeichnis Leopoldina, Walter Stoeckel</ref>
- Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft durch Adolf Hitler (1941)
- Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR (1949)
- Nationalpreis der DDR I. Klasse<ref name="Klee604" />
- Hervorragender Wissenschaftler des Volkes (1960)
- Paracelsus-Medaille (1960)
Schriften (Auswahl)
- als Hrsg. und Mitautor: Lehrbuch der Geburtshilfe. 7., verbesserte Auflage. Verlag von Gustav Fischer, Jena 1943; 8. Auflage ebenda 1945.
- Lehrbuch der Gynäkologie. (seit 2. Auflage 1927 Alleinautor), S. Hirzel, Stuttgart, 1. Auflage 1924, 11. Auflage 1947
- Gynäkologische Urologie. 3 Bände, München 1938 (= Handbuch der Gynäkologie, 10).
- Ansprachen. Thieme, Stuttgart 1952
- Erinnerungen eines Frauenarztes. München, Kindler 1966; auch 1979 bei Hirzel sowie Teubner, Leipzig (Herausgeber Hans Borgelt, der den ursprünglich nur für die Familie bestimmten Privatdruck von Stoeckel von 1954 kürzte und durch weitere Schriften ergänzte)
Literatur
- Susanne Doetz: Walter Stoeckel und die I. Berliner Universitätsfrauenklinik im Nationalsozialismus. be.bra wissenschaft, Berlin 2019, ISBN 978-3-95410-244-0.
- Susanne Doetz: Alltag und Praxis der Zwangssterilisation. Die Berliner Universitätsfrauenklinik unter Walter Stoeckel 1942–1944 (= Schriftenreihe zur Medizin-Geschichte des Landes Brandenburg; Bd. 19). be.bra-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-937233-79-6 <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />diss.fu-berlin.de ( vom 12. November 2012 im Internet Archive).
- Peter Schneck: Stoeckel, Walter. In: Wer war wer in der DDR? 5. Auflage. Band 2. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4, S. Vorlage:VonBis (bundesstiftung-aufarbeitung.de).
- Udo Schagen: Stoeckel, Walter. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 25. Duncker & Humblot, Berlin 2013, ISBN 978-3-428-11206-7, S. Vorlage:VonBis (deutsche-biographie.de).
Weblinks
- Literatur von und über Walter Stoeckel im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Biografie der Humboldt-Universität zu Berlin
- <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Walter Stoeckel bei whonamedit.com ( vom 29. März 2023 im Internet Archive)
- Walter Stoeckel im Professorenkatalog der Universität Leipzig
- Stoeckel, Walter. Hessische Biografie. (Stand: 12. Februar 2021). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
- Steffi Tenhaven: 14.03.1871 - Geburtstag von Walter Stoeckel WDR ZeitZeichen vom 14. März 2021. (Podcast)
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Stoeckel, Walter |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Gynäkologe und Hochschullehrer |
| GEBURTSDATUM | 14. März 1871 |
| GEBURTSORT | Adlig Klein-Stobingen bei Insterburg, Ostpreußen |
| STERBEDATUM | 12. Februar 1961 |
| STERBEORT | Berlin |
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- Person (Ostpreußen)
- Mediziner (20. Jahrhundert)
- Mitglied der Leopoldina (20. Jahrhundert)
- Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR
- Träger der Paracelsus-Medaille
- Hervorragender Wissenschaftler des Volkes
- Träger des Nationalpreises der DDR I. Klasse für Wissenschaft und Technik
- Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
- Hochschullehrer (Philipps-Universität Marburg)
- Hochschullehrer (Humboldt-Universität zu Berlin)
- Hochschullehrer (Charité)
- Hochschullehrer (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
- Hochschullehrer (Universität Leipzig)
- Geheimrat
- Urogynäkologie
- Gynäkologe, Geburtshelfer
- Förderndes Mitglied der SS
- Deutscher
- Geboren 1871
- Gestorben 1961
- Mann
- Absolvent der Albertus-Universität Königsberg