Refusenik
Refusenik (von {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value), „ablehnen“) oder Otkasnik ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value), von отказывать, d. h. „ablehnen“, {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) war ein inoffizieller sowjetischer Ausdruck für Personen, typischerweise sowjetische Juden, denen die Möglichkeit einer Emigration verweigert wurde.<ref>Mark Azbel, Grace Pierce Forbes: Refusenik, trapped in the Soviet Union. Houghton Mifflin, 1981, ISBN 0-395-30226-9.</ref><ref>Dan Senor, Saul Singer, foreword by Shimon Peres: Start-up Nation – The Story of Israel's Economic Miracle. 2. Auflage. Twelve (Hachette Book Group), New York 2011, ISBN 978-1-4555-0239-4, S. 153.</ref> Ihre Zahl wurde zwischen 1967 und 1970 auf etwa 200.000 Personen geschätzt.<ref name=":2">Michel Abitbol: Histoire d’Israël (= Marguerite de Marcillac [Hrsg.]: Collection Tempus. Nr. 936). 2. Auflage. Éditions Perrin, Paris 2024, ISBN 978-2-262-10643-0, S. 504, 877, 943.</ref>
Im gegenwärtigen Diskurs findet der Begriff Refuznik meist im Zusammenhang mit Israel Verwendung. Dort bezeichnet er Personen, die Militärdienst in der Armee (IDF) entweder ganz verweigern oder Dienst in den von Israel seit 1967 besetzt gehaltenen Gebieten im Westjordanland bzw. im Gazastreifen verweigern. Davon abgeleitet ist die weiter gefasste Selbstbezeichnung Peaceniks israelischer oder israelischstämmiger Friedensaktivisten.<ref>Sylvaine Bulle: Israël après de 7-Octobre. Presses Universitaires de France, Paris 2026, ISBN 978-2-13-089020-1, S. 32, 39 f.</ref><ref>Chris McGreal: Israeli peaceniks in the US didn’t find a home in the Gaza protests. So they started their own. In: The Guardian. 8. Juni 2024, abgerufen am 19. April 2026.</ref>
In der Sowjetunion
Die Bewegung der Refusenik begann Ende der 1960er Jahre den Wunsch zu äußern, die Sowjetunion zu verlassen. 1970 erreichte sie den Höhepunkt, als das sowjetische Regime eine Gruppe von Juden wegen des Vorwurfs einer angeblich versuchten Flugzeugentführung festnehmen ließ. Den Dissidenten wurde der Vorwurf gemacht, sie hätten eine Maschine ins Ausland umleiten wollen. Es ergingen zwei Todesurteile und mehrere lange Gefängnisstrafen. Im Februar 1971 fand als Protest dagegen in Brüssel eine internationale Konferenz mit 700 Teilnehmern aus etwa 40 Ländern statt. Dabei wurde der Slogan „Let Our People Go!“ formuliert und das sogenannte Rückkehrrecht nach Eretz Israel eingefordert. Die Sowjetunion ließ auf Druck von Außen 1971 schließlich 13.000 Juden mit Vergabe von Ausreisevisa ausreisen. 32.000 folgten ihnen 1972 und 33.000 waren es im Jahr 1973. Ausreisenden Familien wurden die Kosten ihrer Ausbildung in der Sowjetunion verrechnet.<ref name=":2" /> Die USA übten mit dem Jackson-Vanik Amendment<ref>Daniel Gordis: Israel, a concise History of a Nation reborn. 2. Auflage. Ecco (Harper Collins Publishers), New York 2017, ISBN 978-0-06-236875-1, S. 358 f.</ref> zum U.S. Trade Act von 1974 Druck auf die Sowjetunion aus. Ein bekannter Refusenik war der spätere israelische Politiker Natan Scharanski.<ref name=":2" />
In Israel
Susan Sontag bezeichnete in Refusenik!: Israel’s Soldiers of Conscience die Wehrdienstverweigerer der israelischen Armee als Refuseniks. Die erste solche Bewegung gab es, als sich am 28. April 1970<ref name=":0" /> während des sogenannten Abnutzungskriegs mit Ägypten 56<ref name=":0" /> Gymnasiasten, die kurz vor der Einberufung standen, in einem Brief an die Regierung von Golda Meir kritisch zum Militärdienst äußerten. Die Gymnasiasten protestierten damit gegen deren Weigerung, auf Verhandlungsangebote einzugehen, die Nahum Goldmann (WJC) und Gamal Abdel Nasser angebahnt hatten. Unter den Unterzeichnern befand sich Shmouel Chem-Tov<ref name=":0">Steve Jourdin, préface de Élie Barnavi: Israël : autopsie d’une gauche (1905-1995). Hrsg.: Jean-Luc Veyssy. Éditions le bord de l’eau, Lormont (Gironde) 2021, ISBN 978-2-35687-802-1, S. 183 f.</ref> der Sohn von Victor Chem-Tov, einem Minister der Partei Mapam. Der Brief wurde in Haaretz veröffentlicht. Die meisten der Unterzeichner leisteten einige Monate später jedoch den Dienst, einige an der ägyptischen Front.
Seitdem gab es zahlreiche Initiativen dieser Art. Beispielsweise wurde in Folge des Libanonkriegs der 1980er Jahre die Gruppe Jesch Gvul<ref>Juliet J. Pope: The Place of Women in Israeli Society. In: Keith Kyle, Joel Peters (Hrsg.): Whither Israel? – The Domestic Challenges. The Royal Institute of International Affairs/I. B. Tauris Publishers, London/New York 1993, ISBN 1-85043-643-6, Kap. 11, S. 202–222, hier S. 218.</ref> gegründet. Am 19. August 2001<ref name=":1">Thomas Vescovi: L’échec d’une utopie – Une histoire des gauches en Israël. Éditions La Découverte, Paris 2021, ISBN 978-2-348-04311-6, S. 266 f.</ref> kündigten 62 Gymnasiasten der Gruppe Schministim<ref name=":1" /> (dt. etwa Die vom 12. Schuljahr) in einem Brief an Ariel Scharon Dienstverweigerung an. Der Name der Gruppe war ein Verweis auf eine ähnliche Organisation in den 1970er Jahren. Die Öffentlichkeit reagierte ablehnend auf ihr Anliegen.<ref name=":1" /> Einige der Schüler verbrachten die ganzen<ref name=":1" /> für den Militärdienst vorgesehenen drei Jahre im Gefängnis. Andere Mitglieder der Gruppe erhielten in Einzeleinheiten abzusitzende Gefängnisstrafen von 133 bis 160 Tagen.<ref name=":1" />
Die Gruppe Ometz LeSarev<ref name=":1" /> (deutsch Der Mut, sich zu weigern<ref name=":3">Samy Cohen: Tuer ou laisser vivre : Israël et la morale de la guerre. Éditions Flammarion, Paris 2025, ISBN 978-2-08-046824-6, S. 196 f., 279, 294.</ref>) bildeten 52<ref name=":1" /> Offiziere und Unteroffiziere, die im Januar 2002 erklärten, nicht mehr zum Dienst in den besetzten Gebieten bereit zu sein. Sie konnten in den folgenden zwölf Monaten rund 1000<ref name=":1" /> Nachahmer finden. Dem Aufruf schlossen sich im September 2003, am Vorabend zu Rosch ha-Schana, in einem Offenen Brief an General Dan Chalutz zum ersten Mal in der Geschichte der Luftwaffe 27<ref name=":1" /> Militärpiloten an, darunter der Brigadier General Yiftah Spector.<ref>Michel Goya: L’Embrasement: Comprendre les enjeux de la guerre Israël-Hamas. Hrsg.: Christophe Parry. Éditions Perrin/Éditions Robert Laffont, Paris 2024, ISBN 978-2-221-27544-3, S. 52.</ref><ref name=":3" /> Die Piloten protestierten, nachdem sie im Juli 2002 eine Bombe von einer Tonne auf das Haus von Salah Shehada<ref name=":3" /> mit 14 zivilen Kollateraltoten hatten abwerfen müssen. Sie bezeichneten die Einsätze als „illegal und unmoralisch“.<ref name=":3" /> Vier ehemalige Kommandanten des Schabak unterstützten diese Kritik und sagten Jedi’ot Acharonot, die Forderung nach einem „Großisrael“<ref name=":3" /> müsse aufgegeben werden, um eine Katastrophe zu verhindern. Sie bemängelten die fehlende Empathie mit „dem anderen Volk und seinem Leiden“.<ref name=":3" /> Sie sagten der Zeitung weiter, „wir verhalten uns auf beschämende Weise. Wir demütigen die Palästinenser. Keiner von uns wäre bereit, das zu ertragen.“<ref name=":3" />
Drei Monate später veröffentlichten 13 Reserveoffiziere der Spezialeinheit Sayeret Matkal eine Erklärung zuhanden vom Ariel Scharon, in der sie bekannt gaben, dass sie sich weigerten, „an dem in den [besetzten] Gebieten errichteten Unterdrückungsregime“<ref name=":2" /> teilzunehmen. Sie äußerten zudem ihre Besorgnis über die Zukunft von Israel „als demokratischen, zionistischen und jüdischen Staat.“<ref name=":2" /> Die Offiziere führten in ihrer Begründung weiter aus:
- „Wir sind nicht mehr bereit, der Erweiterung der Siedlungen als Schutzschild zu dienen. Wir weigern uns, uns mit einer Besatzungsarmee moralisch zu kompromittieren. Wir werden nicht mehr schweigen.“<ref name=":2" />
Der Brigadier General Spector gab jedoch später an, er habe die Erklärung, keine zivilen Ziele (mit)angreifen zu wollen, zuvor nicht gründlich gelesen.<ref>Lily Galili: Top-ranking Refuser Modifies His Stand on Pilots' Letter. In: Haaretz. 3. Oktober 2003, abgerufen am 26. Juni 2024.</ref> Die Öffentlichkeit reagiert in weiten Teilen durchaus mit Verständnis,<ref name=":1" /> wenn Reservisten das Argument ihrer großen Diensterfahrung<ref name=":1" /> vorbringen können. Die Justizreform von 2023 durch das Kabinett Netanjahu VI brachte einen neuen Anstieg der Dienstverweigerung unter Schülern<ref>Linda Dayan: 'The Overhaul Opened Their Eyes': Israeli Youth Publicly Refuse Draft. In: Haaretz. 4. September 2023, abgerufen am 4. September 2023.</ref> mit bevorstehendem Militärdienst und unter den Reservisten.<ref>Alain Gresh: Israel-Palästina: Hintergründe eines Konflikts. 3. Auflage. Rotpunktverlag, Zürich 2025, ISBN 978-3-03973-057-5, S. 227.</ref> Gerichtlich anerkannte Refuznik sind persönlichen Anfeindungen ausgesetzt.<ref>Linda Dayan: A Conscientious Objector's Vision of Life for Israelis and Palestinians From the River to the Sea. In: Haaretz. 17. Juni 2024, abgerufen am 26. Juni 2024.</ref>
Im Langzeitkrieg in Israel und Gaza seit 2023 gaben im Oktober 2024 in einem Offenen Brief 130<ref name=":3" /> aktive Armeeangehörige und Reservisten bekannt, nicht mehr dienen zu wollen, weil von der Regierung keine wirkungsvollen Schritte zur Befreiung der Geiseln im Gazastreifen unternommen worden seien. Der französische Politologe Samy Cohen betont eine wesentliche Unterscheidung zu anderen Refuznik, die sich immer auf die Ethik berufen haben.<ref name=":3" /> Andere Refuznik begründen ihre Haltung weiterhin primär mit ihren moralischen, sicherheitspolitischen und ethischen Vorbehalten gegen den Krieg.<ref>Yahel Gazit: IDF Soldiers Who Refuse to Fight in Gaza: 'This War Had Crossed Every Moral, Security and Ethical Boundary'. In: Haaretz. 9. Juli 2025, abgerufen am 15. Juli 2025.</ref>
Film
Unter der Regie von Laura Bialis wurde 2007 ein US-amerikanischer Dokumentarfilm unter dem Titel Refusenik über die Bemühungen und Schwierigkeiten der Emigration sowjetischer Juden gedreht.<ref>Review von Refusenik auf avclub.com, 8. Mai 2008 (englisch).</ref>
Literatur
- Michael Beizer, Ann Komaromi: A Time to Sow: Refusenik Life in Leningrad, 1979-1989. University of Toronto Press, Toronto 2025, ISBN 978-1-4875-5725-6.
- Asaf Shapira: Arbaïm Chanah LeMikhtav HaChministim HaRischon. Israel Democracy Institute, 24. April 2010 (hebräisch).
- Peretz Kidron (Hrsg.), Susan Sontag (Redakteur): Refusenik!: Israel’s Soldiers of Conscience. Palgrave Macmillan, 2004, ISBN 1-84277-451-4.
Weblinks
Einzelnachweise
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