Josef Joffe
Josef Joffe (eigentl. Josef Joffé; * 15. März 1944 in Łódź/Polen, damals Litzmannstadt) ist ein deutscher Publizist. Er war von April 2000 bis März 2023 Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit.<ref name="z1">Chronik. Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, abgerufen am 15. April 2013.</ref>
Leben
Jugend und Studium
Josef Joffe wurde während der deutschen Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg in einem Bunker in Łódź geboren,<ref>Leo Baeck Medal for Josef Joffe lbi.org, 4. Dezember 2014.</ref> in dem sich seine Eltern, der Kaufmann Fajfusz Joffé und seine Frau Bluma, geb. Gluk, versteckt hielten. Diese waren Juweliere jüdischen Glaubens und zogen nach Kriegsende in das von den Briten besetzte Berlin-Charlottenburg, wo sie ein Fachgeschäft für Uhren und Edelmetallankauf betrieben. Nach seiner Schulzeit in West-Berlin studierte Joffe in den USA und erlangte 1967 an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University den Master of Arts in International Studies und 1975 den Ph.D. (Doktorgrad) in Politologie an der Harvard University.<ref>Dr. Josef Joffe. Robert Bosch Stiftung, abgerufen am 15. April 2013.</ref> Von 1965 bis 1966 belegte er zudem Vorlesungen in Europäischen Studien am College of Europe in Brügge.<ref>LIST OF COLLEGE OF EUROPE ALUMNI HOLDING HIGH POSITIONS. (PDF) College of Europe, abgerufen am 23. Dezember 2025.</ref>
Berufliche Laufbahn
Seine journalistische Laufbahn begann Joffe 1976 bei der Wochenzeitung Die Zeit in Hamburg, zunächst als politischer Redakteur, dann als Chef des Ressorts Dossier. Von 1985 bis 2000 war er Leiter des Ressorts Außenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung in München. Im April 2000 wurde er neben Helmut Schmidt Herausgeber der Zeit. Im Januar 2001 wurde Michael Naumann ebenfalls Zeit-Herausgeber, und von 2001 bis 2004 war Joffe gemeinsam mit ihm auch Chefredakteur des Blattes.<ref name="z1" />
Auch im Ausland erschienen Beiträge Joffes in namhaften Publikationen: New York Review of Books, New York Times Book Review, Times Literary Supplement, Commentary, New York Times Magazine, New Republic und Weekly Standard in den USA sowie Prospect (London) und Commentaire (Paris). Er war regelmäßiger Autor im Wall Street Journal, der New York Times und der Washington Post und in den Magazinen Time und Newsweek.<ref name="Josef Joffe, PhD" />
Mit der Redaktionsleitung des Zeit-Dossiers und in seiner späteren Position als Herausgeber war Joffe lange nicht auf ein bestimmtes Themenfeld festgelegt. Ein Schwerpunkt seiner Publikationen lag jedoch auf außenpolitischen Themen, etwa auf dem Verhältnis der Bundesrepublik Deutschland und Europas zu den USA und Israel.<ref>Interview, abgerufen am 27. Februar 2026.</ref> In Zeit-Beilagen veröffentlichte er zudem Automobilkolumnen, und zusammen mit seiner Ehefrau übersetzte er Art Spiegelmans Comic Maus – Die Geschichte eines Überlebenden ins Deutsche.<ref name="zeit-2012-12-11">Christine Brinck und Josef Joffe: Audi Q3 2.0 TDI quattro: Von A nach B. In: zeit.de. 11. Dezember 2012, abgerufen am 2. Dezember 2014.</ref>
Joffe galt bei Beginn des Irak-Krieges als Befürworter<ref name="Die_Zeit_1">Ein anderer Krieg. Zeit Online, 4. Oktober 2001, abgerufen am 12. September 2013.</ref><ref name="Die_Zeit_2">Cowboy-Imperialist, dummer Sozialist, gezügelter Pazifist. Zeit Online, abgerufen am 12. September 2013.</ref> der US-amerikanischen Politik und Kritiker der Position der deutschen Bundesregierung. Angesichts möglicher Bedrohungen durch den Iran änderte er diese Position jedoch und hielt den Irakkrieg für einen strategischen Fehler insbesondere der USA.<ref>"Das falsche Schwein geschlachtet". ORF, 5. Oktober 2006, abgerufen am 12. September 2013.</ref> Nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 bezeichnete er Kritiker der amerikanischen Außenpolitik als „Russlandversteher“ und warf ihnen Verharmlosung, Zweckoptimismus und Hilflosigkeit vor.<ref name="zeit-2014-03-20">Josef Joffe: Russlandversteher – Psychologen, Ultra-Realisten, Wirtschaftsvertreter: Eine kleine Typologie von Josef Joffe. In: zeit.de. 20. März 2014, archiviert vom Vorlage:IconExternal; abgerufen am 2. Dezember 2014.</ref>
Seine Herausgeberschaft bei der Wochenzeitung Die Zeit ruhte bereits seit Mai 2022, ehe er im März 2023 ganz aus dieser Funktion ausschied. Laut Recherchen des Magazins Der Spiegel hatte Joffe im Januar 2017 den mit ihm befreundeten und mutmaßlich in den Cum-Ex-Skandal verwickelten Bankier Max M. Warburg Jr. vor Recherchen seiner Zeitung gewarnt. Joffe wies zwar Kritik Warburgs an der Cum-Ex-Berichterstattung der Zeit zurück, räumte jedoch ein, er habe sich für ihn um „Schadensbegrenzung“ bemüht. Seiner Intervention sei es zu verdanken gewesen, dass der Zeit-Artikel zu dem Thema aufgeschoben worden sei und die Bank die Gelegenheit erhalten habe, Widerrede zu leisten.<ref name="spiegel2022">Josef Joffe: „Zeit“-Mitherausgeber dankt ab. In: Der Spiegel. 16. Mai 2022, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 16. Mai 2022]).</ref><ref>Volltext des Briefes bei Twitter.</ref> Nach Beendigung seiner Herausgebertätigkeit<ref>Alan Posener: Josef Joffe kontert Kritik in Sachen Warburg: „Das ist eine Mär“. In: Die Welt. 3. Juni 2022 (welt.de [abgerufen am 5. Juni 2022]).</ref><ref>siehe auch Patrick Bahners (FAZ): Joe und Max (Kommentar, faz.net 18. Mai 2022).</ref> war Joffe noch weiterhin Autor von Zeit online.<ref>Josef Joffe. Zeit Online, abgerufen am 15. Mai 2025.</ref>
Als Dozent für internationale Politik lehrte Joffe zeitweise in München, an der Johns-Hopkins-Universität, in Harvard und an der Stanford-Universität.<ref name="Josef Joffe, PhD">Josef Joffe, PhD. Stanford University, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 7. August 2014; abgerufen am 3. Juni 2014 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Mitgliedschaften
Joffe war und ist in zahlreichen Organisationen, Kuratorien und Gremien engagiert, so beim Deutschen Museum in München, dem Aspen Institute Berlin, der Jacobs University Bremen, der Atlantik-Brücke (bis 2008), der Hoover Institution und der American Academy in Berlin. Als Verfechter der Wiederherstellung des traditionsreichen deutschen Reformjudentums war er unter anderem Kuratoriumsvorsitzender des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam.<ref>Joffe am Abraham-Geiger-Kolleg, abgerufen am 27. Februar 2026.</ref> Zudem war er Mitglied des Verwaltungsrates des Leo Baeck Instituts New York, bei der Ben-Gurion-Universität im Negev sowie dem Jugendbildungswerk Humanity in Action in Berlin, Beirat der Hypovereinsbank und der Goldman Sachs Foundation, Mitglied der Trilateralen Kommission, des International Institute for Strategic Studies und der Münchner Sicherheitskonferenz.<ref name="Josef Joffe, PhD" /> Er ist Beirat des Aspen Institut<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Aspen Review — Advisory Board ( vom 19. Mai 2014 im Internet Archive)</ref>, Autor und im Vorstand des American Institute for Contemporary German Studies.<ref>AICGS. In: AICGS. Abgerufen am 18. Oktober 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Josef Joffe in der Notable Names Database, abgerufen am 18. Oktober 2020 (englisch)</ref>
Ferner ist bzw. war er Mitglied in folgenden Redaktionsbeiräten: „International Security“ (Harvard/MIT),<ref name="ISP">International Security - Editorial Board. Harvard University, abgerufen am 3. Juni 2014 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> „The American Interest“<ref name="TAI">Masthead. The American Interest, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 10. September 2006; abgerufen am 12. Juni 2014.</ref> (Washington), „Prospect“ (London)<ref name="Prospect">Staff. Prospect, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 27. April 2006; abgerufen am 12. Juni 2014.</ref> und „Internationale Politik“ (Berlin).
Die Mitgliedschaft in einigen der genannten Institutionen wurde von Joffe 2014 bestritten.<ref name="meedia">Einstweilige Verfügung gegen "Die Anstalt": Zeit-Journalisten wehren sich gegen ZDF-Satire | MEEDIA. 29. Juli 2014, abgerufen am 18. Oktober 2020.</ref> Joffe wurde in der ZDF-Kabarett-Sendung Die Anstalt vom 29. April 2014 in diesem Zusammenhang Vernetzung mit Thinktanks und politischen Kreisen vorgeworfen. Er bezeichnete die der Sendung zugrunde liegende Untersuchung von Uwe Krüger als „keine gute Wissenschaft“<ref name="heise-41841">Marcus Klöckner: Leitartikler und Machteliten. In: Telepolis. 23. Mai 2014, abgerufen am 2. Dezember 2014.</ref> und erwirkte beim Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung, wonach das ZDF nicht mehr behaupten dürfe, er sei Mitglied, Beirat oder Vorstand von acht Organisationen;<ref name="meedia"/> die Verfügung wurde aufgehoben.<ref>Hamburger Abendblatt - Hamburg: Einstweilige Verfügung gegen „Die Anstalt“ aufgehoben. 6. Oktober 2014, abgerufen am 18. Oktober 2020.</ref> Im Hauptsacheverfahren im November 2014 wurde seine Klage wegen des satirischen Charakters der Sendung abgewiesen.<ref name="HamburgerAbendblatt_2014-11-21">"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe scheitert mit Klage gegen ZDF. In: Hamburger Abendblatt. 21. November 2014, abgerufen am 13. Dezember 2014.</ref><ref>LG Hamburg, 21.11.2014 - 324 O 435/14. Abgerufen am 18. Oktober 2020.</ref> Das Oberlandesgericht in Hamburg hob dieses Urteil auf Joffes Berufung hin im September 2015 auf,<ref>LTO: Die Anstalt verliert vor OLG Hamburg gegen Die Zeit. Abgerufen am 7. Oktober 2019.</ref> doch der Bundesgerichtshof folgte am 10. Januar 2017 der Auffassung der Erstinstanz.<ref>"Zeit"-Journalisten scheitern mit Klage gegen ZDF-Satire, Spiegel Online vom 10. Januar 2017.</ref>
Privates
Joffe lebt in Hamburg, ist mit der Journalistin Christine Brinck verheiratet und hat zwei Töchter.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der Wert des Parameters archive-today muss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein. via Internet Archive</ref>
Auszeichnungen
- 1983: Theodor-Wolff-Preis
- 1996: Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland
- 1998: Ludwig-Börne-Preis
- 2012: Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik
Bücher
- Friede ohne Waffen? Der Streit um die Nachrüstung. Heyne, München 1981, ISBN 3-453-01524-X.
- Das waren die Achtziger Jahre. Rückblick auf ein Jahrzehnt, das uns bevorsteht. Rowohlt, Reinbek 1982, ISBN 3-499-14887-0 (zusammen mit Michael Naumann u. a.)
- Eroding Empire. Western relations with Eastern Europe. The Brookings Institution, Washington, D.C. 1987, ISBN 0-8157-3213-9.
- The Limited Partnership. Europe, the United States, and the burdens of alliance. Ballinger, Cambridge, Mass. 1987, ISBN 0-88730-216-5.
- A Century's Journey. How the great powers shape the world. Basic Books, New York 1999, ISBN 0-465-05475-7 (zusammen mit Robert A. Pastor u. a.).
- Die Hypermacht. Warum die USA die Welt beherrschen. Hanser, München 2006, ISBN 3-446-20744-9.
- Schöner denken. Wie man politisch unkorrekt ist. Piper, München 2007, ISBN 3-492-05016-6 (zusammen mit Dirk Maxeiner, Michael Miersch, Henryk M. Broder).
- Hypermacht und Friedensmacht: Die Zukunft der europäisch-amerikanischen Beziehungen. Robert-Bosch-Stiftung, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-939574-07-1.
- Mach dich nicht so klein, du bist nicht so groß. Der jüdische Humor als Weisheit, Witz und Waffe. Siedler Verlag, 2015.
Übersetzungen
- Art Spiegelman: Maus – Die Geschichte eines Überlebenden. Übersetzung Christine Brinck, Josef Joffe. Rowohlt, Reinbek
- Bd. 1. Mein Vater kotzt Geschichte aus, 1989; ISBN 3-498-06233-6. 5. Aufl. 2005 ISBN 3-499-22461-5
- Bd. 2. Und hier begann mein Unglück, 1992; ISBN 3-498-06260-3. 4. Aufl. 2005 ISBN 3-499-22462-3
Weblinks
- Literatur von und über Josef Joffe im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Biografie von Josef Joffe auf der Seite der Bosch-Stiftung
- Josef Joffe - Der Dickbrettbohrer in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.
Einzelnachweise
<references> </references>
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Ernst Samhaber (1946) | Richard Tüngel (1946–1955) | Josef Müller-Marein (1957–1968) | Marion Gräfin Dönhoff (1968–1972) | Theo Sommer (1973–1992) | Robert Leicht (1992–1997) | Roger de Weck (1997–2001) | Josef Joffe und Michael Naumann (2001–2004) | Giovanni di Lorenzo (seit 2004) | Jochen Wegner (seit 2025)
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Marion Gräfin Dönhoff (1973–2002) | Theo Sommer (1979–1982, 1992–2000) | Diether Stolze (1979–1982)[1] | Helmut Schmidt (1983–2015)[2] | Josef Joffe (seit 2000)[3] | Michael Naumann (2001–2010)[3]
2) Am 1. Oktober 1985 zog sich Gerd Bucerius, der Eigentümer des Zeitverlags aus dem Tagesgeschäft zurück. Die publizistische Verlagsarbeit übernahm Helmut Schmidt, die kaufmännische Führung Bucerius’ Lebensgefährtin Hilde von Lang.
3) Joffe und Naumann waren von Januar 2001 bis August 2004 in Personalunion gemeinsam als Chefredakteure der Zeit tätig.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Joffe, Josef |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Publizist, Verleger und Dozent |
| GEBURTSDATUM | 15. März 1944 |
| GEBURTSORT | Łódź |
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- Person (Süddeutsche Zeitung)
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