Gisr el-Mudir
Gisr el-Mudir (arab. جسر المدير; deutsch wörtl. „Damm des Direktors“), auch unter der englischen Bezeichnung Great Enclosure (dt. „Große Einfriedung“) bekannt, ist das älteste bekannte aus behauenem Stein gemauerte, monumentale Bauwerk in Ägypten und befindet sich in Sakkara, einige hundert Meter westlich der Djoser-Pyramide und der Sechemchet-Pyramide. Die ursprüngliche und eigentliche Funktion des Bauwerks ist noch nicht geklärt.
Baudetails
Die Struktur besteht aus einem von Nord nach Süd ausgerichteten Mauerrechteck mit einem Umfang von etwa 650 m × 350 m. Die Mauer besteht aus zwei äußeren Wänden aus roh behauenem Kalkstein im Abstand von 15 m, deren Zwischenraum mit Bruchsteinen, Kies und Sand gefüllt ist.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Abbildung des Mauerwerks des Gisr el-Mudir ( vom 13. September 2009 im Internet Archive)</ref> In der nordwestlichen Ecke ist die Mauer über 15 Steinlagen bis in eine Höhe von 4,5 bis 5 m erhalten. Die Art des Mauerwerks deutet auf eine ursprüngliche Höhe von etwa 10 m hin. Im Süden ist der Erhaltungsgrad der Mauern deutlich schlechter als im Norden. Auf der Südseite gab es vermutlich eine Überlappung der Mauern, die so einen Eingang bildeten, da die westliche Mauer der Struktur 30 m kürzer ist als die östliche. Diese Form wiederholt sich auch beim großen Graben der Djoser-Pyramide.<ref name="Raffaele" />
Die Mauer wurde vermutlich fertiggestellt, doch im eingeschlossenen Areal wurden keine Überreste einer Bebauung gefunden, sodass eine Pyramide oder Mastaba als Zentrum ausgeschlossen werden können, da diese Bauten vor der Fertigstellung der Umfassungsmauern hätten errichtet werden müssen. Ein kleineres Gebäude könnte an der Nordwestecke des Geländes existiert haben, da dort zahlreiche Steinfragmente aus Kalkstein, Rosengranit und Basalt gefunden wurden.<ref name="NMS">Ian J. Mathieson, Ana Tavares: Preliminary report of the National Museums of Scotland Saqqara Survey Project, 1990–91. In: The Journal of Egyptian Archaeology. Band 79, 1993, ISSN 0307-5133, S. 17–31.</ref> Ein ursprünglich in der Mitte registrierter Hügel erwies sich als Schutt der Ausgrabung eines Grabes aus der griechischen Epoche durch Perring.<ref name="Raffaele" />
Der bei vielen Monumenten verzeichnete Steinraub betraf das Gisr el-Mudir in deutlich geringerem Maße als andere Bauwerke, was vermutlich auf die geringe Qualität der verwendeten Steine zurückzuführen ist.
Nördlich und nordöstlich von Gisr el-Mudir finden sich Überreste ähnlicher Strukturen.
Erforschung
Bereits bei der Erforschung Sakkaras durch John Shae Perring im Jahre 1837 wurden die Umrisse der Einfriedung entdeckt. Sie wurde ebenfalls von Karl Richard Lepsius (1842–46) und Jacques de Morgan (1897) bemerkt, aber es fand keine Erforschung statt.
Die ersten Ausgrabungen fanden 1947–48 unter dem damaligen Direktor des Supreme Council of Antiquities Abdel Salam Hussein statt. Dessen Spitzname „el-Mudir“ (= der Chef) war Namensgeber für die heutige Bezeichnung Gisr el-Mudir. Resultate dieser Ausgrabungen wurden nicht veröffentlicht.<ref name="Raffaele">Francesco Raffaele: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Saqqara – Early Dynastic monuments (Dynasties 1-3) ( vom 18. Dezember 2008 im Internet Archive)</ref>
Systematische Untersuchungen wurden erst in den 1990er Jahren von Archäologen des National Museum of Scotland durchgeführt, wobei auch Techniken wie Magnetometrie und Bodenradar zum Einsatz kamen.<ref name="NMS" /> Vor den Ausgrabungen wurde die Struktur als ein unvollendeter Pyramidenbezirk der 3. Dynastie angesehen. Keramikscherben aus der Mauerfüllung werden der 2. Dynastie zugeordnet und lassen den Schluss der Einordnung des Komplexes auf das Ende der 2. Dynastie (Ende 28. Jahrhundert v. Chr.) zu. Damit ist Gisr el-Mudir das bislang älteste bekannte Bauwerk Ägyptens, für das ausschließlich behauene Steine als Baumaterial verwendet wurden.
Ein Erbauer der Struktur konnte aus den Funden bisher noch nicht nachgewiesen werden. Rainer Stadelmann sieht einen Bezug dieser Strukturen zu zwei südlich des Djoser-Komplexes gelegenen Galeriegräbern der 2. Dynastie, die Hetepsechemui oder Raneb und Ninetjer zugeschrieben werden. Seiner Meinung nach verhalten sich die leeren Rechteckstrukturen zu den Gräbern ähnlich wie in Abydos die Talbezirke zu den Gräbern.<ref name="lehner-pyramide">Mark Lehner: Geheimnis der Pyramiden. ECON, Düsseldorf 1997, S. 82ff. Saqqara im Überblick.</ref> Andere Forscher schreiben die Struktur aufgrund von Ähnlichkeiten zu dessen Einfriedung in Abydos Chasechemui zu, da diesem auf dem Palermostein die Errichtung eines Steinbauwerks namens Men-Netjeret zugeschrieben wird und die zeitliche Einordnung des Gisr el-Mudir passend ist.<ref name="Raffaele" /><ref>Ian Mathieson, Elizabeth Bettles, Joanne Clarke, Corinne Duhig, Salima Ikram, Louise Maguire, Sarah Quie, Ana Tavares: The National Museums of Scotland Saqqara Survey Projekt 1993–1995. In: Journal of Egyptian Archaeology. Band 83, 1997, S. 17–53, hier S. 36, 38ff., 53.</ref> Vermutlich stellten die Rechteckstrukturen ein Übergangselement von den Einfriedungen in Abydos zur Einfriedung des Djoser-Pyramidenkomplexes dar.
Im Jahr 2024 wurde eine Studie zur Struktur von Forschern des Paleotechnic Institute, der Grenoble Alpes University, der Sicame Group, des Centre d’études et d’expertise sur les risques, l’environnement und der University of Orléans durchgeführt, die die Strukturen von Gisr el-Mudir erneut untersuchten. Die Arbeit fasste bereits vorhandene topografische Vermessungen, Einzugsgebiets-Karten sowie geophysikalische und sedimentologische Analysen rund um das Saqqara-Plateau zusammen. Sie integrierte außerdem Erkenntnisse aus früheren archäologischen Berichten zum Trockengraben und zur Tiefenrinne. Laut der Studie war Gisr el-Mudir wahrscheinlich ein Kontrollstau (Check Dam) als Teil eines vollständigen hydraulischen Systems, das den Bau der Stufenpyramide unterstützte. Es hätte als Sedimentfang und Hochwasserschutz gedient, das Saqqara-Plateau vor Sturzfluten geschützt und den Wasserfluss reguliert. Im südlichen Teil des Djoser-Grabens befindet sich ein tiefer Graben von 400 Metern Länge und 27 Metern Tiefe, der vollständig in den Fels gehauen wurde und mehrere Kammern aufweist. Die Kammern bestanden wahrscheinlich aus einem Sedimentationsbecken, einem Rückhaltebecken und einem Reinigungssystem, mit dem Zweck, den Wasserfluss zu kontrollieren und Wasser für das hydraulische Netzwerk zu reinigen.<ref>Xavier Landreau, Guillaume Piton, Guillaume Morin, Pascal Bartout, Laurent Touchart, Christophe Giraud, Jean-Claude Barre, Cyrielle Guerin, Alexis Alibert, Charly Lallemand: On the possible use of hydraulic force to assist with building the Step Pyramid of Saqqara. In: PLOS ONE. 19. Jahrgang, Nr. 8, 5. August 2024, doi:10.1371/journal.pone.0306690 (plos.org [abgerufen am 19. Januar 2026]).</ref>
Literatur
- Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt. Routledge, London u. a. 1999, ISBN 0-415-18633-1, S. 210 ff.
Weblinks
- Satellitenaufnahme von Gisr el-Mudir bei Google Maps
- Egypt State Information Service: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Gisr el-Mudir ( vom 13. September 2009 im Internet Archive)
- Artikel mit Foto (engl.)
- Artikel mit Abbildung (engl.)
Einzelnachweise
<references />
Koordinaten: 29° 51′ 59″ N, 31° 12′ 23″ O
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