Zum Inhalt springen

Corpus Coranicum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 27. Februar 2026 um 20:47 Uhr durch imported>ⵓ (•3 externe Links geändert• 🌐︎).
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Corpus Coranicum (2007–2024) war ein Forschungsprojekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Ziele des Projekts waren eine Dokumentation des Korantextes unter Berücksichtigung sowohl der handschriftlichen als auch der mündlichen Überlieferungsgestalt; des Weiteren wurden jüdische, christliche und andere Texte aus dem Umfeld des Korans zugänglich gemacht und mit einzelnen Suren verglichen. Zum Korantext wurde ein literaturwissenschaftlicher Kommentar erstellt.<ref>Über das Projekt. In: Corpus Coranicum. BBAW, abgerufen am 7. Februar 2022.</ref>

Das auf 18 Jahre angelegte Projekt<ref>Arnfrid Schenk: Islamwissenschaft: „Der Koran ist auch ein europäischer Text“. In: Zeit Online. 23. Februar 2010, abgerufen am 30. November 2019 (Interview mit Angelika Neuwirth).</ref> wurde von zwei Projektverantwortlichen geleitet: Die Senior-Professorin für Arabistik Angelika Neuwirth (Freie Universität Berlin) war wissenschaftlich verantwortlich für den Kommentar. In den Arbeitsbereich von Michael Marx fielen die Leitung der Arbeitsstelle, die Erforschung der „Texte aus der Umwelt des Korans“ sowie die Textdokumentation.<ref>Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Jahrbuch 2007. 1. Auflage. Akademie Verlag, 2008, ISBN 978-3-05-004436-1, ISSN 0946-4638, S. 96; 344 f. (bbaw.de).</ref> Das Corpus Coranicum wurde im Rahmen des Akademienprogramms gefördert, das von der Union der Akademien der Wissenschaften betreut und von Bund und Ländern finanziert wird.<ref>Siehe <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Forschungsprojekte im Akademienprogramm, weiter unter Editionen Theologie (Memento vom 9. März 2018 im Internet Archive), abgerufen am 10. Juli 2015.</ref> Zahlreiche Drittmittelprojekte, u. a. gefördert von der DFG, schließen sich an das Projekt an (Paleocoran; IRANKORAN).<ref>Forschung. In: Corpus Coranicum. BBAW, abgerufen am 7. Februar 2022.</ref>

Seit 2025 führt M. Marx die Anpassung, Pflege und digitale Publikation der Datenbanken unter dem Dach von Corpus Coranicum e.V. fort.<ref>Corpus Coranicum. Abgerufen am 26. Juni 2025.</ref>

Projektinhalte

Das Projekt umfasst drei größere Forschungsbereiche, die in jeweils eigenen Datenbanken über eine Webseite zugänglich gemacht werden und sich gegenseitig ergänzen:<ref name="bbaw_Projektdarstellung">Corpus Coranicum: Projektdarstellung Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften</ref>

Textdokumentation

Bei der Textdokumentation wird zwischen schriftlicher und mündlicher Tradition unterschieden, also zwischen den frühen Koranhandschriften und den in der islamischen Literatur bewahrten mündlichen Lesevarianten des Korantextes (vgl. Geschichte des Korantextes). Beide Traditionen sollen für jeden Koranvers online abrufbar sein und werden deshalb umfassend in zwei Datenbanken erfasst:

  • Manuscripta Coranica (Datenbank der Koranhandschriften)
  • Variae Lectiones Coranicae (Datenbank verschiedener Lesarten des Korans)

Manuscripta Coranica

In den Manuscripta Coranica werden die frühsten erhaltenen handschriftlichen Zeugen des Korantextes bereitgestellt; neben Bildern der weltweit in Bibliotheken und Privatsammlungen aufbewahrten Manuskripte finden sich in der Datenbank diverse Metadaten zu den Dokumenten. Diese betreffen u. a. paläographische und kodikologische Informationen, des Weiteren die Provenienz und den aktuellen Standort (soweit bekannt). Vergleichend kann auf der Website der arabische Korantext der Kairiner Ausgabe<ref>Druckausgabe. In: Corpus Coranicum. BBAW, abgerufen am 7. Februar 2022.</ref> und dessen deutsche Übertragung (von Rudi Paret) abgerufen werden.

Variae Lectiones Coranicae

Da es sich bei den frühen arabischen Schriftstücken oftmals um mehrdeutige Texte handelt, weil sich das Schriftbild ohne diakritische Zeichen präsentiert (Rasm), entwickelten sich verschiedene Auslegungen des Korantextes (Lesevarianten), von denen einige in der Folge als autoritativ behandelt wurden. Um die Unterschiede zwischen den Deutungen verfolgen zu können, bietet die Datenbank Variae Lectiones Coranicae eine Synopse der in verschiedenen Exegesetraditionen verwendeten Lesarten. Jedes Wort einer Sure kann zu diesem Zweck ausgewählt und seine Varianten dargestellt werden.<ref>Lesarten. In: Corpus Coranicum. BBAW, abgerufen am 7. Februar 2022.</ref>

Perspektivisch sollen beide Kataloge zusammen der Erforschung von schriftlicher und mündlicher Überlieferung des Korans dienen.

„Texte aus der Umwelt des Korans“

Diese Datenbank dokumentiert und interpretiert sprachliche und inhaltliche Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Koranpassagen und vorkoranischen sowie frühislamischen Texten, die während der Entstehung des Korans in dessen Umfeld präsent waren oder präsent gewesen sein können. Die räumliche Dimension erstreckt sich dabei über europäische, afrikanische und asiatische Gebiete, wobei insbesondere jüngere jüdische und christliche Schriften sowie Texte der altarabischen Dichtung und Epigraphie untersucht werden. Zusammenfassend lassen sich diese chronologisch-topographischen Grenzen mit dem europazentrierten Konzept der Spätantike in Verbindung bringen. Die Datenbank soll durch Textanalysen Aussagen über den kulturellen und religiösen Horizont der Zeitgenossen Mohammeds sowie im Speziellen seiner Gemeinde ermöglichen.<ref name=":0">Michael Marx: Ein Koran-Forschungsprojekt in der Tradition der Wissenschaft des Judentums: Zur Programmatik des Akademievorhabens des Corpus Coranicum. In: Dirk Hartwig, Walter Homolka, Michael J. Marx, Angelika Neuwirth (Hrsg.): "Im vollen Licht der Geschichte". Die Wissenschaft des Judentums und die Anfänge der kritischen Koranforschung. 1. Auflage. Würzburg 2008, S. 46 f. (41-54 S.).</ref>

Kommentar

Der Kommentar greift auf das Material der anderen Module zurück. Die Arbeit am Kommentar folgt der mutmaßlichen chronologischen Reihenfolge der Suren während der Entstehung des Korantextes, orientiert an der von Theodor Nöldeke erarbeiteten Chronologie. Dabei wird auch die Frage gestellt, inwieweit Nöldekes Chronologie überarbeitet und gegebenenfalls verfeinert werden sollte. Die einzelnen Suren sind über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten entstanden, was sich in deutlichen inhaltlichen und formalen Unterschieden widerspiegelt.<ref name="bbaw_Projektdarstellung" />

Hilfsmittel

Zur Darstellung der im Projekt verwendeten Sprachen wurde ein eigener Font entwickelt: „Coranica“ Font ist mit Glyphensätzen für Arabisch, Griechisch, Hebräisch usw. ausgestattet.<ref>Coranica Font. In: Corpus Coranicum. BBAW, abgerufen am 7. Februar 2022.</ref>

Beispiel (1. Sure, 2. Vers)

Auf der Internetseite lassen sich folgende „Registerblätter“ auswählen:

Projekthistorie

In mehrfacher Hinsicht ist das Projekt in die Forschungstradition speziell der deutschsprachigen Orientalistik eingebunden. Es bedient sich u. a. der Methoden der Textkritik und setzt sich mit den bestehenden Vorarbeiten auseinander, zu denen die von Abraham Geiger, Theodor Nöldeke und Arthur Jeffrey gehören.<ref>Kommentar. Einleitung. In: Corpus Coranicum. BBAW, abgerufen am 7. Februar 2022.</ref><ref name=":0" /> Bezugspunkt bleiben dabei die „Rahmendaten der innerislamischen Tradition“<ref name=":0" />.

„Luxenberg-Debatte“

Die Vorbereitungsphase des Projektes (2005–2007) fiel in die Zeit intensiver Diskussionen zum erhaltenen Korantext. 2000 veröffentlichte ein unter dem Pseudonym Christoph Luxenberg arbeitender Autor eine Studie zum Koran, in der er verschiedene Textstellen durch eigene Lesarten neu interpretierte. In der Forschung ist er mit seinen Thesen, seiner Methodik und seinen Ergebnissen auf breiten Widerstand gestoßen, doch vermochte die Untersuchung eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Überlieferungstraditionen des Korantextes anzustoßen. Schon vor Projektbeginn 2007 äußerten sich auch Neuwirth und Marx zu den von Luxenberg postulierten Annahmen;<ref>Angelika Neuwirth: Qur’an and History – a Disputed Relationship: Some Reflections on Qur’anic History and History in the Qur’an. In: Journal of Qur’anic Studies. Band 5, Nr. 1, 2003, S. 8–10 (1-18 S., euppublishing.com).</ref><ref>Michael Marx: "Ein neuer Impuls zur Erforschung des Korans", Teil I-II. In: inamo. Band 33/34, 2003.</ref> insofern kann die von Corpus Coranicum geleistete Dokumentation, Kommentierung und Interpretation des Korantextes als evidenzbasierte Replik verstanden werden. Die Auseinandersetzung mit Luxenbergs Sprachanalyse lässt sich u. a. in den vom Projekt erstellten „Umwelttexten“ nachweisen.<ref>David Kiltz: Johannes 1:1-18 – TUK_0218. In: Corpus Coranicum. Texte aus der Umwelt des Korans. BBAW, Michael Marx, 7. Februar 2022, abgerufen am 7. Februar 2022.</ref> Jedenfalls leistet das Projekt Grundlagenforschung im Hinblick auf die Entstehung des Korantextes sowie dessen frühe Interpretation und kann damit zum Ausgangspunkt für weitere Debatten werden.

Gotthelf-Bergsträßer-Archiv

Ein Arbeitsschwerpunkt im Bereich „Textdokumentation“ ist die Digitalisierung und Auswertung des Gotthelf-Bergsträßer-Archivs. Dabei handelt es sich um die von Gotthelf Bergsträßer und seinem Nachfolger Otto Pretzl in den 1920er und 1930er Jahren erstellte Sammlung von etwa 12.000 Fotos von Koranhandschriften und Lesartenwerken in Bibliotheken Europas und im Orient,<ref>Gotthelf-Bergsträßer-Archiv. In: Corpus Coranicum. BBAW, abgerufen am 7. Februar 2022.</ref> die als Grundlage eines von Bergsträßer geplanten Apparatus Criticus zum Koran dienen sollten. Die Projektleiterin Neuwirth hat dieses Fotoarchiv von Anton Spitaler, der 2003 starb, anvertraut bekommen. Zuvor hatte Spitaler behauptet, das überaus wichtige Archiv sei 1944 bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg in München zerstört worden.<ref name="Higgins">Andrew Higgins: The Lost Archive The Wall Street Journal, 12. Januar 2008. (Eingeschränkte Vorschau. Bei einer Google-Suche nach Andrew Higgins: The Lost Archive kann man den vollständigen Text abrufen.)</ref>

Wiewohl die Fotos des Archivs einen wichtigen Bestandteil der Untersuchungsobjekte des Corpus Coranicum ausmachen, geht der Forschungsanspruch des Projektes weit über den ehemals von Bergsträßer anvisierten kritischen Apparat hinaus. Dieser war als Kommentar zur Kairiner Ausgabe (1929) gedacht, in dem traditionelle Lesarten sowie Handschriftenvarianten zur Herstellung eines sicheren Textes – im Sinne der historisch-kritischen Methode – verzeichnet werden sollten.<ref>Gotthelf Bergsträßer: Plan eines Apparatus Criticus zum Koran. In: Bayerische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 1. Auflage. Nr. 7. Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 1930, S. 6–11 (1–11 S., digitale-sammlungen.de).</ref> Es kam nie zu einer gedruckten Ausgabe.

Literatur

Weblinks

Anmerkungen

<references />