Erdfall
Ein Erdfall (englisch: sinkhole) ist eine Senke an der Erdoberfläche, die durch das Einbrechen bzw. Nachbrechen nicht wasserlöslicher Deckschichten über einem natürlichen Hohlraum im Untergrund entsteht. Ursächlich für die Höhlenentstehung ist Subrosion, die Auflösung relativ leicht löslicher Gesteine (Steinsalz, Gips, Kalkstein) im Untergrund. Es handelt sich somit um eine Karsterscheinung.<ref>Harald Zepp: Geomorphologie : eine Einführung. 6., aktualisierte Auflage. Schöningh, Paderborn 2014, ISBN 978-3-8252-4030-1, S. 246.</ref>
Die durch einen Erdfall entstehende Erdsenkung wird im geotechnischen Sprachgebrauch als Erdfalltrichter oder -absturz bezeichnet, geomorphologisch auch als Erdfalldoline. Letztere muss abgegrenzt werden von der Lösungsdoline, die typisch für Kalksteinkarst ist und durch Lösungsprozesse an der Oberfläche entsteht. Ferner müssen Erdfälle unterschieden werden von Tagbrüchen oder Pingen, bei denen der einbrechende Hohlraum nicht natürlich entstanden ist, sondern durch Bergbau verursacht wurde.<ref>Wolfgang R. Dachroth: Handbuch der Baugeologie und Geotechnik. Springer, Berlin 2002, S. 189. hier online</ref>
Aufspüren von Erdfällen vor deren Einsturz
Interferometrisches SAR (InSAR)-Satelliten können Erdfälle vor ihrem Entstehen aufspüren. Sie messen kleinste Oberflächenverformungen und durch den langandauernden Vergleich der Daten können Rückschlüsse auf sich bildende Hohlbereiche im Untergrund gezogen werden. Damit ist es möglich, Hohlbereiche aufzuspüren, bevor sie einstürzen.<ref>https://pure.seoultech.ac.kr/en/publications/monitoring-for-sinkholes-using-wt-sbas-insar-analysis/</ref><ref>https://www.nasa.gov/news-release/nasa-radar-demonstrates-ability-to-foresee-sinkholes/</ref><ref>https://www.earthdoc.org/content/papers/10.3997/2214-4609.2024101790</ref>
Verbreitung
Deutschland
Erdfälle sind unter anderem im Zechsteingebiet am Südrand des Harzes häufig anzutreffen. In Norddeutschland entstanden Erdfalltrichter über Salzstöcken, die zuvor durch Grundwasserablaugung (Subrosion) ausgehöhlt worden waren und einstürzten. Oft entwickelten sich darin Erdfallseen oder Moore. Beispiele sind:
- Großes Heiliges Meer und Erdfallsee bei Hopsten
- Arendsee bei Salzwedel
- Maujahn bei Dannenberg
- Bullenkuhle bei Uelzen
- Wiedensee und Juessee bei Herzberg am Harz
- Rudower See (über dem Salzstock Gorleben-Rambow)
- Sager Meer im Landkreis Oldenburg
- Seeburger See im Eichsfeld
- Bernshäuser Kutte in Südthüringen
- Burgsee in Bad Salzungen in Südthüringen
- Zwischenahner Meer
- Landkreis Nordhausen: Erdfallseen bei Liebenrode (Lage: 51° 32′ 15,0″ N, 010° 38′ 40,0″ O
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}}), zahlreiche Erdfälle in Krimderode, Rüdigsdorf, Salza und am Salzagraben
- Probst Jesarer See bei Lübtheen
- Darnsee bei Bramsche im Landkreis Osnabrück
Ein natürlicher Erdfall in Brandenburg befindet sich südöstlich des Naturschutzgebietes Sperenberger Gipsbrüche.<ref>Landkreis Teltow-Fläming, Amt für Landwirtschaft und Umwelt (Hrsg.): Auf gutem Grund. Begleitheft zum Boden-Geo-Pfad im Landkreis Teltow-Fläming, 1. Auflage, 2008, S. 20.</ref>
Das Träbeser Loch bei Träbes und Stepfershausen, Stadt Meiningen im Landkreis Schmalkalden-Meiningen (Lage: 50° 34′ 55,4″ N, 010° 17′ 38,2″ O
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}}) ist ca. 27 m tief und 80 m breit und existiert mindestens seit dem Jahr 1700.<ref>thueringen.info</ref>
Im Gebiet der Valdorfer Mulde bei Vlotho liegende Erdfälle mit Moorausbildung waren im 19. Jahrhundert Anlass zur Gründung von Kur- und Badeeinrichtungen in dieser Region.<ref>O. Deutloff, H. Hagelskamp, G. Michel: Über die Erdfall-Quelle von Bad Seebruch in Vlotho, Ostwestfalen. Fortschritte in der Geologie von Rheinland und Westfalen 20, 27–40, Krefeld 1974</ref> Noch im Jahre 1970 gab es in dieser Gegend einen bedeutenden Erdfall.<ref>Geschichtswerkstatt Exter: Hans-Peter Märgner, Die Erdfälle in Vlotho [1]</ref>
Jüngere Erdfälle in Deutschland
An der Bahnstrecke zwischen Oberrohn und Bad Salzungen gibt es einen dauerhaft wachsenden Erdfall, der eine betriebliche Langsamfahrstelle von 10 km/h auf mehreren hundert Metern Streckenlänge bedingt. Die Bahnstrecke sowie die angrenzende Kreisstraße müssen in regelmäßigen Abständen erneuert werden. Eine Verlegung der Bahnstrecke ist seit Jahren in der Diskussion.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Boden an Gleisen sinkt täglich um einen Millimeter ( vom 29. Mai 2015 im Internet Archive)</ref>
Im Juni 2010 ereignete sich ein Erdfall im schleswig-holsteinischen Quickborn (Kreis Pinneberg).<ref>Hamburger Abendblatt: Plötzlich sackte der Boden weg</ref> Als Ursache wird ein um Hamburg liegender Salzstock vermutet.<ref>Hamburger Abendblatt: Salzstöcke unter Hamburg: „Risiko muss bewertet werden“. 8. Oktober 2010. Abgerufen am 21. Februar 2016, Abruf kostenpflichtig.</ref>
Am 1. November 2010 kam es in einem Wohngebiet im thüringischen Schmalkalden zu einem 20 m tiefen Erdfall, bei dem etwa 20.000 m³ Erdreich in die Tiefe rutschten. Die Anwohner wurden durch ein Geräusch aufgeschreckt. Die Straße wurde durch das Loch unterbrochen, Erdkabel hingen durch, sicherheitshalber wurden Gas-, Wasser- und Stromversorgung abgesperrt. Neun Häuser (25 Bewohner) wurden geräumt.<ref>Focus: Schmalkalden : Krater hatte natürliche Ursache. 1. November 2010. Abgerufen am 21. Februar 2016.</ref>
Am 19. Februar 2016 trat in Nordhausen am Harz auf dem ehemaligen Katastrophenschutz-Gelände (Lage: 51° 30′ 30,1″ N, 010° 46′ 07,8″ O
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}}) ein 400 m² großer und etwa 40 m tiefer Erdfall ein. Das Gelände war kurz zuvor für den neuen Nutzer, die Servicegesellschaft des Landkreises für den Straßenbetriebsdienst, freigegeben worden. Feuerwehrleute, die in unmittelbarer Nähe übten, wurden über Geräusche auf den Rutschvorgang aufmerksam. Personen kamen nicht zu Schaden. Nachdem eine Sperrzone eingerichtet worden war, stürzte kurz nach 19 Uhr die Ecke eines zweistöckigen Gebäudes in den Erdfall.<ref>Erdfall am Salzagraben: Erstes Gebäude eingestürzt. NNZ-Online.de, 20. Februar 2016. Abgerufen am 21. Februar 2016. – Bilderserie, Video vom Absturz der Hausecke (5:43; Absturz bei 04:35).</ref><ref>meinkaese: In Nordhausen tut sich die Erde auf. YouTube-Video, 19. Februar 2016, Länge 05:43, Absturz der Hausecke bei 04:35. Abgerufen am 6. Februar 2017.</ref><ref>Erdfall am Salzagraben: Gebäude evakuiert. NNZ-Online.de, 20. Februar 2016. Abgerufen am 21. Februar 2016.</ref> Bereits im März 2010 hatte es auf dem Gelände einen kleineren Erdfall gegeben, doch es waren weder Wasser noch Hohlräume gefunden worden.<ref>Gebiet weiträumig abgesperrt. orf.at, 20. Februar 2016. Abgerufen am 21. Februar 2016.</ref>
In der Nacht zum 10. Juni 2022 kam es in Seesen zwischen dem Amtsgericht Seesen und dem Schützenplatz zu einem Erdfall. Die gebildete Senke hatte eine Ausdehnung von 35 m in der Länge, 26 m in der Breite und 5 m in der Tiefe.<ref>Seesen: 50 Meter breites Loch in Park verschlingt 8.000 m³ Erde. Harz Kurier, 10. Juni 2022, abgerufen am 13. Juni 2022.</ref> Die Ursache war wie in zurückliegenden Fällen, dass bei natürlich vorkommendem Gips im Untergrund eine Subrosion durch Wasser stattgefunden hatte.<ref>Erdfall in der Innenstadt von Seesen: Untersuchungen ab der kommenden Woche. Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie, 10. Juni 2022, abgerufen am 13. Juni 2022.</ref><ref>35 mal 26 Meter: Experten vermessen riesiges Erdloch bei ndr.de vom 15. Juni 2022</ref>
Am 4. Juli 2022 ereignete sich ein Erdfall in Bad Sulza, bei dem ein Mann beim Rasenmähen seines Grundstücks in ein sechs Meter tiefes Loch stürzte und starb.<ref>Erdfall in Bad Sulza: Mann stürzt sechs Meter und stirbt., MDR Thüringen, 4. Juli 2022</ref>
Österreich
Jüngere Erdfälle in Österreich
- In Großgmain, Sbg., entstand beim Grögnergut der Grögnerweiher mit 8 m Wassertiefe, überwiegend in Bayerisch Gmain, Bayern, D liegend. Auf 500 m Länge senkt sich eine Wiese jährlich 1–2 Zentimeter ab. Ein Haus brach und wurde vor 2009 abgerissen. Geschätzt 1000 t Gips werden hier jährlich vom Grundwasserstrom aufgelöst. Betroffen sind die benachbarten Gemeinden Abtenau, Großgmain, Hallein, Kuchl.<ref>Wolfgang Weber: Acht Meter tiefer See : Spektakulärer "Erdfall" auch bei Großgmain Krone.at, 3. November 2010, abgerufen am 5. Juli 2022.</ref>
- Am 29. August 2009 versank an der Wiener Ringstraße auf einem Grünstreifen neben dem Schottenring in Höhe der Gonzagagasse ein ca. 6 m hoher Baum in einem ca. 5 m tiefen und eineinhalb Meter breiten Erdloch.<ref>Versunkener Baum war lokale Erscheinung Tageszeitung Die Presse (Abgerufen am 21. Juni 2023).</ref><ref>APA-Aussendung (Abgerufen am 21. Juni 2023).</ref> Die Entstehung des Loches wurde auf die Bauarbeiten bei der Entstehung der Ringstraße um 1857 zurückgeführt. Dabei könnten nicht ausreichend zugeschüttete Gräben, alte nicht in den Plänen verzeichnete Kanäle (wie der alte Alsbachkanal, der auch die U-Bahn-Bauarbeiten verzögerte<ref>Wenn sich Bauprojekte in Wiens Geschichte graben Tageszeitung Der Standard 9. Mai 2023 (abgerufen am 21. Juni 2023).</ref>) oder Auffüllungen mit Bäumen oder Pflanzen (deren langsames Verrotten Hohlräume entstehen lassen kann) im Untergrund verblieben sein.<ref>Rätsel um versunkenen Baum gelöst. Vienna online (Abgerufen am 21. Juni 2023).</ref>
- In Neuhofen im Innkreis wurde 2012 ein 6 m tiefes Loch mit 0,5 m Durchmesser auf einem Feld entdeckt. Es wurde als Erdfall über einer schlecht verfüllten Schneckenbohrung gedeutet.<ref>Innviertler Loch gibt weiter Rätsel auf derstandard.at, 12. März 2012, abgerufen am 5. Juli 2022.</ref>
- In Krems an der Donau, NÖ, Ortsteil Brunnkirchen bildete sich 2019 in einem Weingarten ein 13 m tiefes Loch mit oben etwa 3 m Durchmesser über einem aufgelassenen Braunkohlebergbau aus dem 18. und 19. Jahrhundert, der nur unvollständig dokumentiert ist.<ref>13-Meter-Loch in Weingarten aufgerissen ORF.at, 19. Februar 2019, abgerufen am 5. Juli 2022.</ref>
Die Geologische Bundesanstalt erstellte 2020 die Datei INSPIRE – Gravitative Massenbewegungen.<ref>INSPIRE – Gravitative Massenbewegungen. Observed Events (Media) Österreich inspire.gv.at, abgerufen am 5. Juli 2022.</ref>
Türkei
In den Provinzen Konya, Karaman und Aksaray sind fast 700 Erdfälle bekannt. 534 davon befinden sich im Landkreis Karapınar. Die türkische Behörde für Katastrophen und Notfallmanagement (AFAD) hat 331 als plötzliche Einstürze, 273 als allmähliche Senkungen und 51 als Erosionshöhlen klassifiziert (Stand Dezember 2025).<ref name="FR_20251213" />
Einige Erdfälle sind bis zu 30 Meter breit und mehrere Hundert Meter tief.
Als Ursache gelten Dürren, der Klimawandel sowie tektonische Spannungen durch die unkontrollierte Nutzung von Grundwasser zur landwirtschaftlichen Bewässerung. Die in den letzten Jahren vermehrt auftretenden Erdfälle gefährden inzwischen die Landwirtschaft und ganze Gemeinden der Provinzen.<ref name="FR_20251213" /><ref name="FOCUS_20251212" /><ref name="ORF_20251223" />
Literatur
- Karl-Heinz Büchner: Die Gefährdung von Bauwerken durch Erdfälle im Vorland des Westharzes in: Geologisches Jahrbuch C 59, Hannover, 1991.
Weblinks
- Literatur von und über Erdfall im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
<references responsive>
<ref name="ORF_20251223"> ORF Science: Erdlöcher in der Türkei bedrohen Landwirtschaft. In: ORF.at. Österreichischer Rundfunk, 23. Dezember 2025, abgerufen am 23. Dezember 2025. </ref>
<ref name="FR_20251213"> Redaktion Wissen: Mehr als 20 neue gigantische Sinklöcher in der Türkei. In: fr.de. Frankfurter Rundschau, 23. Dezember 2025, abgerufen am 23. Dezember 2025. </ref>
<ref name="FOCUS_20251212"> Leonie Bordtfeld: 700 gigantische Löcher tauchen in der Türkei auf – Schuld ist der Klimawandel. In: focus.de. Focus, 12. Dezember 2025, abgerufen am 23. Dezember 2025. </ref>
</references>