Hillel
Hillel (der Ältere oder der Alte; {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) (geboren Mitte bis Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. wahrscheinlich in Babylon (Partherreich); gestorben um 10 n. Chr.<ref>Lynn Somerstein: Hillel. In: David A. Leeming, Kathryn Madden, Stanton Marlan (Hrsg.): Encyclopedia of Psychology and Religion. Springer, Boston, MA 2010, ISBN 978-0-387-71802-6, S. 401</ref> wahrscheinlich in Jerusalem<ref>Solomon Schechter, Wilhelm Bacher: Hillel. Jewish Encyclopedia</ref>) war einer der bedeutendsten pharisäischen Rabbinen (Tannaim) und Gründer einer Schule zur Auslegung der Schrift, auf den sich Juden bis heute oft berufen.
Hillel lebte wahrscheinlich um die Zeitenwende (1. Jh. v. Chr. und 1. Jh. n. Chr.), kam in seiner Jugend aus Babylonien nach Jerusalem und wurde später Oberhaupt der nach ihm benannten Schule, Bet Hillel.<ref>Friedrich Wilhelm Bautz: Hillel, der Ältere. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Band 2. 1990, Sp. 860 f.</ref><ref>Alexander Maune: Hillel the elder. A Talmudic perspective of his leadership intelligence. In: Risk Governance & Control. Financial Markets & Institutions. Band 5, Nr. 2, 2015, S. 7–14 (doi:10.22495/rgcv5i2art1).</ref>
In der rabbinischen Tradition wird Hillel als Nasi (Patriarch) und Vorsitzender des Sanhedrin bezeichnet. Die neuere Forschung geht dagegen davon aus, dass diese Belege redaktioneller Natur sind und die spätere Zustände in die Vergangenheit projizieren. Hillels Nachkommen nahmen nach der aus der Zeit vor der Zerstörung des zweiten Tempels (70 n. Chr.) tatsächlich eine solche Position ein. Davor waren die Pharisäer - unter denen die Linie der Hillel-Schule nur eine von mehreren Richtungen war - eine zwar bedeutende aber nicht dominierende Gruppierung. Die Bezeichnung Hillels als nasi ist demnach als nachträglicher Ehrentitel anzusehen, wobei der Beginn des Amtes des jüdischen Patriarchen auf das zweite nachchristliche Jahrhundert angesetzt wird.<ref name="Martin Jacobs 1995">Martin Jacobs: Die Institution des jüdischen Patriarchen. Eine quellen- und traditionskritische Studie zur Geschichte der Juden in der Spätantike. Mohr, Tübingen 1995, ISBN 3-16-146503-2 (Texte und Studien zum antiken Judentum 52), (Zugleich: Berlin, Freie Univ., Diss., 1994). S. 99ff.</ref>
Jüdische Überlieferungen zu Hillel
Hillel wurde laut dem tannaitischen Midrasch Sifre Debarim wie Mose 120 Jahre alt.<ref>Sifrei Devarim 357. Abgerufen am 1. Juli 2020.</ref> Zum Todesalter des Mose in Debarim/Deuteronomium 34,7 heißt es: So wie Mose 40 Jahre in Ägypten 40 Jahre in Midian und 40 Jahre als Führer Israels gelebt hat, hat Hillel 40 Jahre in Babel gelebt, 40 Jahre unter den Weisen im Land Israel gewirkt und 40 Jahre als Führer Israels gelebt.<ref>Sifrei Devarim 357:33. Abgerufen am 1. Juli 2020.</ref>
Hillel gilt in der jüdischen Überlieferung als einer der prägendsten Lehrer des Judentums, dessen Sanftheit und Geduld sprichwörtlich geworden sind.<ref>bSchab 30a Bar, nach Friedrich Wilhelm Bautz: Hillel, der Ältere. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Band 2, 1990, Sp. 860 f.</ref> Er lehrte die Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit und hatte zahlreiche Schüler. Sein Gegenspieler war Schammai, der die Tora in mancher Hinsicht strenger auslegte. Bis heute sind Hillels Worte in der jüdischen Überlieferung von wesentlicher Bedeutung, vor allem in der jüdischen Ethik.
Seinen Aussagen nach lässt sich die Tora in einer „Goldenen Regel“ zusammenfassen. Die Frage nach dem „Klal“ ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)), nach dem einen Gebot, in dem die ganze Tora enthalten ist, war eine beliebte Frage unter rabbinischen Gelehrten. Laut dem babylonischen Talmud stellte ein Nichtjude eine solche Frage an Hillel: Wenn du mir die Lehre des Judentums vermitteln kannst, solange ich auf einem Bein stehe, werde ich konvertieren. Die Szene ist auf der großen Menora vor der Knesset in Jerusalem im Relief dargestellt. Hillel antwortete:<ref name="LG">„Abermals ereignete es sich, daß ein Nichtjude vor Schammaj trat und zu ihm sprach: mache mich zum Proselyten unter der Bedingung, daß du mich die ganze Tora lehrst, während ich auf einem Fuße stehe. Da stieß er ihn fort mit der Elle, die er in der Hand hatte. Darauf kam er zu Hillel und dieser machte ihn zum Proselyten und sprach zu ihm: Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur die Erläuterung; geh und lerne sie.“ (Lazarus Goldschmidt: Der Babylonische Talmud. Band I, S. 522; Shabbath II,v; Fol. 31a, 12–15).</ref>
“דַּעֲלָךְ סָנֵי לְחַבְרָךְ לָא תַּעֲבֵד זוֹ הִיא כָּל הַתּוֹרָה כֻּלָּהּ וְאִדַּךְ פֵּרוּשֵׁהּ הוּא זִיל גְּמֹר”
„Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht; das ist die ganze Gesetzeslehre, alles Andere ist nur die Erläuterung, gehe und lerne sie.“
Diese Goldene Regel ist gegründet auf dem Gebot der Nächstenliebe, 3. Buch Mose 19,18, die – neben dem Gebot der Liebe zu Fremden – ziemlich in der Mitte der Tora geschrieben steht. Hierzu gibt es zwei maßgebliche, leicht variierende Übersetzungsmöglichkeiten ins Deutsche:<ref>Andreas Schüle: kamoka – der Nächste, der ist wie Du. Zur Philologie des Liebesgebots von Lev 19, 18.34. jcrelations.net, in: KUSATU, 2/2001, S. 97–129.</ref>
“וְאָהַבְתָּ לְרֵעֲךָ כָּמוֹךָ אֲנִי ה׳”
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich (bin) der EWIGE (bzw. HERR).
oder
Liebe deinen Nächsten, er ist wie Du. Ich (bin) der EWIGE (bzw. HERR).“
Der Mischnatraktat Avot (Sprüche der Väter) enthält mehrere Aussagen von ihm. Er und Schammai werden dort als Nachfolger des Schemaja und des Abtaljon in der Traditionskette genannt. Sie sind eines der fünf „Sugot“ (Paare) in der Überlieferungsgeschichte der (mündlichen) Tora.
Die sieben Middot
Von Hillel sind sieben exegetische Regeln (Middot, {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) zur Auslegung der Tora überliefert, die aber vermutlich erst später nach seinen Grundsätzen formuliert wurden. Die christliche Exegese liegt ihm recht nahe. Neben diesen Middot des Hillel gibt es auch noch die 13 Middot des Rabbi Jischmael, eines großen Gelehrten aus der Zeit Bar Kochbas (um 135), und die 32 Middot des Elieser ben Jose ha-Gelili, eines im 2. Jahrhundert wirkenden Tannaiten.
- Vom Leichteren auf das Schwerere ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) = vom minder Bedeutenden auf das Bedeutendere und umgekehrt.
- Analogieschluss (hebräisch: gserah schawa, gleiche Verordnung – gleiche Satzung.)
- Verallgemeinerung besonderer Gesetze ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value), Gründung einer Familie von einem Wort), „von einer einzigen Bibelstelle aus“: Unterordnung von Schriftstellen unter eine bestimmte, die richtige Erklärung bietende Stelle.
- Obiges auf Basis zweier Stellen in der Thora ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value), Gründung einer Familie von zwei Wörtern), Verallgemeinerung auf Grund doppelten Vorkommens, Sonderfall von 3.
- Allgemeines und Besonderes ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value), Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere und umgekehrt), die 13 Middot des Jischmael machen daraus acht Regeln: Regel 4-11.
- Quasi-Analogieschluss ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value), Ähnliches an einer anderen Stelle.)
- Schluss aus dem Kontext ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value), Zusammenhänge der Situation); obwohl diese Schlussregel allgemein Zustimmung findet, kann sie zu fragwürdigen Schlüssen führen, indem sie formal nebeneinander Stehendes auch inhaltlich klammert.
Diskurs zwischen Schammai und Hillel
Schammai, ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) und Hillel waren Protagonisten bzw. Antagonisten in einem rabbinischen Diskurs, den sie als jüdische Gelehrte und Leitfiguren zweier Denkschulen<ref>vergleiche auch Beth HaMidrash</ref><ref>Stuart S. Miller: Beit Hillel and Beit Shammai. (1987) Encyclopedia of Religion, auf encyclopedia.com. 21. Dezember 2022 [1]</ref> während der Zeit des Tannaim führten. Die beiden Schulen führten heftige Debatten über Fragen der rituellen Praxis, Ethik und Theologie, die für die Gestaltung des mündlichen Gesetzes und des Judentums die für seine spätere Form von entscheidender Bedeutung waren.<ref>Lior Bar-Ami: Eine heilige Verpflichtung. 7. Oktober 2021 in Dossier, Religion, Toleranz, auf nunu.at [2]</ref> Die Mischna erwähnt die unterschiedlichen Sichtweisen von Schammai und Hillel als eine konstruktive Auseinandersetzung mit bleibendem positiven Wert: „Eine Meinungsverschiedenheit (Machloket) die dem Himmel zuliebe ist, wird bewahrt, und eine, die nicht dem Himmel zuliebe ist, wird nicht bewahrt. Was ist eine Meinungsverschiedenheit, die um des Himmels willen ist? Die Meinungsverschiedenheit von Hillel und Shammai. Das ist nicht um des Himmels willen? Die Meinungsverschiedenheit von Korah und seiner Gemeinde.“<ref>Pirqe Avot ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) 5:17</ref> Eine zentrale Unterscheidung ist die zwischen:
- Machloket leSchem Schamajim ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)): eine sachliche, auf Wahrheitssuche ausgerichtete Kontroverse
- Machloket sche-lo leSchem Schamajim ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value))
Der Begriff „Machloket leSchem Schamajim“ wird klassisch auf die Zeit der Tannaiten (ca. 1. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr.) zurückgeführt und ist ausdrücklich mit den Schulen von Hillel und Schammai verbunden.
Das „Beth Hillel“ und „Beth Shammai“ waren in ihrer Epoche die großen Schulen zur Auslegung des mündlichen Rechts, deren Blütezeit vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. reichte. Die talmudische Tradition verzeichnet mehr als dreihundertfünfzig Streitigkeiten oder Kontroversen zwischen „Beth Shammai“ und „Beth Hillel“ auf.<ref>Chana Safrai: Bet Hillel and Bet Shammai. Shalvi/Hyman Encyclopedia of Jewish Women. 31. Dezember 1999. Jewish Women’s Archive, auf jwa.org [3]</ref>
Literatur
- Israel Konovitz: Beth Shammai – Beth Hillel. Collected Sayings. Jerusalem 1965 (hebräisch).
- Nahum Norbert Glatzer: Hillel. Repräsentant des klassischen Judentums. Frankfurt/M. 1966.
- Hermann L. Strack, Günter Stemberger: Einleitung in Talmud und Midrasch. 8. Auflage. Beck, München 1992, S. 27–30.
- Friedrich Wilhelm Bautz: Hillel. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 2, Bautz, Hamm 1990, ISBN 3-88309-032-8, Sp. 860–861.
Weblinks
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Hillel |
| ALTERNATIVNAMEN | Hillel der Ältere; Hillel der Alte; Hillel ha-zaqen |
| KURZBESCHREIBUNG | jüdischer Patriarch |
| GEBURTSDATUM | um 30 v. Chr. |
| STERBEDATUM | um 9 |