Leo Frank (Manager)
Leo Max Frank (* 17. April 1884 in Cuero, Texas; † 17. August 1915 bei Marietta, Georgia) war ein US-amerikanischer Fabrikdirektor jüdischer Abstammung, der 1913 wegen des Mordes an der 13-jährigen Mary Phagan angeklagt und verurteilt wurde. Bereits 1913 führte der Fall zur Gründung der Anti-Defamation League. Franks Entführung aus dem Gefängnis und Ermordung durch einen Lynchmob bei Marietta im Jahre 1915 rückte den aufkommenden Antisemitismus in den Vereinigten Staaten in den medialen und öffentlichen Fokus.<ref name=Aphin124>Elaine Marie Alphin: An Unspeakable Crime: The Prosecution and Persecution of Leo Frank. Carolrhoda Books, 2010, S. 124, 139. For the founding of the ADL, see Blakeslee, Spencer. The Death of American Antisemitism. Greenwood Publishing Group, 2000, S. 81.</ref><ref>Hang the Jew, Hang the Jew. Anti-Defamation League, abgerufen am 7. Januar 2018.</ref>
Hintergrund und Prozess
Leo Frank war Direktor einer Bleistiftfabrik in Atlanta; die 13-jährige Mary Phagan, das Mordopfer, war seine Angestellte.<ref name=Steinberg95>Sally Steinberg-Brent: The Leo Frank Murder Case. In: Bruce Afran, Robert A. Garber: Jews on Trial. KTAV Publishing House Inc, 2005, S. 95–100, 106.</ref> Das Verfahren wurde von einer Berichterstattung begleitet, die durch ihre sensationslüsterne Darstellung, wonach es in der Fabrik auch zu Orgien und Vergewaltigungen gekommen sei, zu einer aufgeheizten Stimmung in der Bevölkerung beitrug, und wurde von Thomas E. Watson, einem einflussreichen populistischen Politiker und Publizisten, genutzt, um für die Neugründung des Ku-Klux-Klan zu werben, der Anfang der 1870er Jahre von den Bundesbehörden verboten worden war.<ref>Wyn Craig Wade: The Fiery Cross: The Ku Klux Klan in America. Simon and Schuster, 1987, S. 143.</ref> Der Historiker Kristoff Kerl betont in einer 2016 veröffentlichten Studie, dass die antisemitischen Vorstellungen und Hetze, die sich im Zuge des Falls Leo Frank innerhalb von zwei Jahren rasant verstärkt hatten, der 1915 erfolgten Neugründung des Ku-Klux-Klan als Wegebereiter diente.<ref>Kristoff Kerl: Männlichkeit und moderner Antisemitismus. Eine Genealogie des Leo Frank-Case, 1860er–1920er Jahre. Böhlau Verlag, Köln 2016, S. 318–320.</ref> Die Gründungsmitglieder des zweiten Ku-Klux-Klan waren fast ausschließlich Männer, die am Lynchmord Franks beteiligt waren.<ref>Kristoff Kerl: Männlichkeit und moderner Antisemitismus. Eine Genealogie des Leo Frank-Case, 1860er–1920er Jahre. Böhlau Verlag, Köln 2016, S. 276.</ref><ref>Jan Taubitz: K. Kerl: Männlichkeit und moderner Antisemitismus. In: H-Soz-Kult. 24. Oktober 2017, abgerufen am 10. Januar 2026 (Buchrezension).</ref>
Verurteilung
Frank wurde vom Gericht auf Grund von Indizienbeweisen und vor allem der belastenden Aussage von James Conley, der wegen Beihilfe verurteilt wurde, wegen Mordes an Mary Phagan zum Tode verurteilt, ein Urteil, das von mehreren Autoren als eklatanter Justizirrtum bewertet wurde.<ref>Albert S. Lindemann, The Jew Accused. Three Anti-Semitic Affairs (Dreyfus, Beilis, Frank) 1894–1915. Cambridge University Press, Cambridge/New York 1991, ISBN 978-0-521-40302-3, S. 239.</ref><ref>Leonard Dinnerstein: The Leo Frank Case. University of Georgia Press, 1987, S. xiii.</ref><ref>Jessica Ravitz: Murder case, Leo Frank lynching live on. CNN, 2. November 2009.</ref> Häufig wird die Auffassung vertreten, Frank sei nicht der Mörder Phagans gewesen, sondern vielmehr selbst Opfer eines aus brutalem Antisemitismus gespeisten Mordes geworden. Der Hauptbelastungszeuge Jim Conley sei aufgrund einiger Indizien mit seinem widersprüchlichen Verhalten vor Gericht wahrscheinlich der wirkliche Täter.<ref>Kristoff Kerl: Männlichkeit und moderner Antisemitismus. Eine Genealogie des Leo Frank-Case, 1860er–1920er Jahre. Böhlau Verlag, Köln 2016, S. 55; Kerl verweist auf Leonard Dinnerstein: The Leo Frank Case. Athens et al. The University of Georgia Press 2008, S. 102f, 114f., 125 u. 158f.</ref>
Die meisten Historiker, die sich mit dem Fall Frank befasst haben – Leonard Dinnerstein, Steven Hertzberg, Nancy Mac Lean oder Jeffrey Melnick – halten den Antisemitismus für ein zentrales Antriebsmoment betreffs Verlauf, Dynamik und Resultat des Prozesses gegen Frank, seiner Begleitumstände und Folgen. Sie betonen die Wirkungsmacht von Judenfeindlichkeit in dieser Affäre.<ref>Kristoff Kerl: Männlichkeit und moderner Antisemitismus. Eine Genealogie des Leo Frank-Case, 1860er–1920er Jahre. Böhlau Verlag, Köln 2016, S. 73f.</ref> Kristoff Kerl nennt hier als Ausnahme den Historiker Albert S. Lindemann, der dem Jude-Sein Franks und dem Frank treffenden Antisemitismus eine untergeordnete Rolle zuweist, die sich im Rahmen der damals üblichen Xenophobie bewegt habe, wie sie auch gegen Italiener, Griechen oder Yankees üblich gewesen sei.<ref>Kristoff Kerl: Männlichkeit und moderner Antisemitismus. Eine Genealogie des Leo Frank-Case, 1860er–1920er Jahre. Böhlau Verlag, Köln 2016, S. 74f.</ref> Lindemann verneint, dass Antisemitismus bei der Anklageerhebung eine Rolle gespielt habe. In der Grand Jury hätten sich fünf jüdische Geschworene befunden, die von den vorgebrachten Fakten überzeugt gewesen seien. Der Ankläger Hugh M. Dorsey sei kein Antisemit gewesen, habe sich teils philosemitisch geäußert und darauf hingewiesen, dass für Juden (und Farbige wie James Conley) das gleiche Recht gelte wie für die Jury und ihn selbst.<ref>Albert S. Lindemann, The Jew Accused. Three Anti-Semitic Affairs (Dreyfus, Beilis, Frank) 1894–1915. Cambridge University Press, Cambridge/New York 1991, ISBN 978-0-521-40302-3, S. 251–252.</ref> Dorsey habe sich jedoch frühzeitig auf Frank als Täter festgelegt und Conley als Zeugen aufgebaut, obwohl dieser vielfach seine Aussagen geändert und eindeutige Lügen eingestreut habe. Er habe Conley, den damaligen Vorurteilen entsprechend, als notorischen schwarzen Lügner dargestellt, der am Ende der Befragung aber (wie es das Vorurteil vorsah) schließlich zur Wahrheit gebracht werde.<ref>Albert S. Lindemann, The Jew Accused. Three Anti-Semitic Affairs (Dreyfus, Beilis, Frank) 1894–1915. Cambridge University Press, Cambridge/New York 1991, ISBN 978-0-521-40302-3, S. 253.</ref> Auch der Vorsitzende Richter Roan sei sehr respektiert gewesen und frei von antisemitischem Gedankengut.<ref>Albert S. Lindemann, The Jew Accused. Three Anti-Semitic Affairs (Dreyfus, Beilis, Frank) 1894–1915. Cambridge University Press, Cambridge/New York 1991, ISBN 978-0-521-40302-3, S. 257.</ref>
Strafänderung und Lynchmord
Kurze Zeit nach der Verurteilung tauchten Hinweise auf, die Frank entlasteten.<ref>Steve Oney: And the Dead Shall Rise: The Murder of Mary Phagan and the Lynching of Leo Frank. Pantheon Books, New York 2003, ISBN 978-0-679-76423-6, S. 502 (Digitalisat).</ref> Die Zweifel an der Gesetzmäßigkeit des Verfahrens wuchsen, nachdem einige Zeugen der Anklage ihre Aussagen widerriefen, die sie während des Prozesses gemacht hatten. Sie gaben nun an, unter dem Druck der Ermittlungsbehörden gestanden zu sein; manche sagten sogar, ihre Angaben zum Fall seien das Ergebnis polizeilicher Bestechung gewesen.<ref>Kristoff Kerl: Männlichkeit und moderner Antisemitismus. Eine Genealogie des Leo Frank-Case, 1860er–1920er Jahre. Böhlau Verlag, Köln 2016, S. 55; Kerl verweist auf Leonard Dinnerstein: The Leo Frank Case, S. 85–87.</ref>
John Slaton, der Gouverneur von Georgia, wandelte daraufhin die Todesstrafe in lebenslange Haft um.<ref>John Slatons Anordnung samt ausführlicher Begründung zur Umwandlung der Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe ist abgedruckt bei: Harry Golden: A Little Girl is Dead. World Publishing Company, New York 1965 S, 320–353, hier: S. 352 (Digitalisat).</ref> Allerdings wurde Frank von einer Gruppe, die sich „The Knights of Mary Phagan“ (Die Ritter von Mary Phagan) nannten, verschleppt und bei Marietta durch Hängen gelyncht.<ref>Kenneth Coleman: A History of Georgia. University of Georgia Press, 1991, S. 292.</ref><ref>Body of Frank is found dangling from a tree near the Phagan home. Associated Press, 17. August 1915.</ref> Zu der Gruppe, die an dem Mord an Frank beteiligt war, gehörten der ehemalige Bürgermeister Mariettas Eugene Herbert Clay, der Sohn des Senators Alexander S. Clay, der frühere Gouverneur Joseph Mackey Brown, mehrere Rechtsanwälte und ein Staatsanwalt.<ref name=Sawyer>Kathy Sawyer: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />A Lynching, a List and Reopened Wounds. Jewish Businessman's Murder Still Haunts Georgia Town. ( des Vorlage:IconExternal vom 25. September 2015 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. The Washington Post, 20. Juni 2000.</ref><ref>Für die Liste der beteiligten Lyncher siehe Stephen Goldfarb: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Leo Frank Lynchers ( vom 15. August 2000 im Internet Archive), leofranklynchers.com, 1. Januar 2000, abgerufen am 22. August 2010.</ref>
Postume Begnadigung
1982 wurde ein Antrag auf postume Begnadigung Franks beim Georgia State Board of Pardons and Paroles eingebracht, nachdem ein Zeuge seine fast 69 Jahre zuvor im Prozess getätigte Aussage teilweise revidiert hatte. Das Board widersprach 1983 der Begnadigung, da Akten verloren gegangen waren und eine eindeutige Unschuld Franks nicht mehr festzustellen, dies aber Grundlage für eine Begnadigung sei.<ref>Steve Oney: And the Dead Shall Rise: The Murder of Mary Phagan and the Lynching of Leo Frank. Pantheon Books, 2003, S. 647–648.</ref> Nach einem weiteren Antrag 1986 wurde Frank schließlich begnadigt, ohne die Frage der tatsächlichen Schuld zu beurteilen. Das Board berief sich stattdessen auf die damalige Unfähigkeit des Staates Georgia, Franks Person und sein Recht auf Berufung zu sichern, und das staatliche Versagen, seine Mörder zu belangen.<ref>Leonard Dinnerstein: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Leo Frank Case ( des Vorlage:IconExternal vom 2. Februar 2013 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.. New Georgia Encyclopedia, abgerufen am 15. August 2015.</ref>
Die TV-Miniserie Der Fall Mary Phagan basiert auf all diesen Ereignissen.
Musical
Das 1998 auf dem Broadway uraufgeführte Musical Parade, komponiert und getextet von Jason Robert Brown, befasst sich mit dem Fall des Leo Frank.<ref>Parade. 16. September 2015, abgerufen am 15. September 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Das Musical wurde mehrfach ausgezeichnet; unter anderem erhielt es zwei Tony Awards – für „Bestes Musicallibretto“ sowie für „Beste Originalmusik“.<ref>Parade - Award Nominations. Abgerufen am 15. September 2021.</ref>
Literatur
- Kristoff Kerl: Männlichkeit und moderner Antisemitismus. Eine Genealogie des Leo Frank-Case, 1860er–1920er Jahre (= Kölner historische Abhandlungen. Band 54). Böhlau Verlag, Köln 2016, ISBN 978-3-412-50545-5 (zugleich Dissertation, Universität zu Köln, 2015, unter dem Titel „To Restore Home Rule“: Männlichkeit und Antisemitismus im US-Süden zwischen den 1880er und 1920er Jahren). Rezension bei Hsozkult; Rezension bei Belltower.News.
- Steve Oney: And the Dead Shall Rise: The Murder of Mary Phagan and the Lynching of Leo Frank. Pantheon Books, New York 2003, ISBN 978-0-679-76423-6 (Digitalisat).
Weblinks
- Profil auf jewish virtualibrary (englisch)
- Bericht bei cbsnews (englisch)
- Vorlage:IMDb/1
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Frank, Leo |
| ALTERNATIVNAMEN | Frank, Leo Max (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Unternehmer und Mordopfer |
| GEBURTSDATUM | 17. April 1884 |
| GEBURTSORT | Cuero, Texas |
| STERBEDATUM | 17. August 1915 |
| STERBEORT | bei Marietta, Georgia |
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