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Hans L. Merkle

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Hans L. Merkle (1986)
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Hans L. Merkle (1983)

Hans Lutz Merkle (* 1. Januar 1913 in Pforzheim; † 22. September 2000 in Stuttgart) war ein deutscher Manager. Er war Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH.

Leben

Hans L. Merkle wurde als Sohn von Zeline Merkle, geborener Kilgus, und des Druckereibesitzers und Verlegers Emil Merkle in Pforzheim geboren. Nach dem Abitur 1931 absolvierte er Merkle zunächst eine kaufmännische Lehre im Betrieb seines Vaters und begann seine berufliche Laufbahn 1935 bei der Textilfabrik Ulrich Gminder in Reutlingen.<ref>Vgl. für die Angaben zu Ausbildung und Karriere Würdigung zum hundertsten Geburtstag in der Stuttgarter Zeitung vom 1. Januar 2013 sowie Nachruf in Der Tagesspiegel vom 26. September 2000.</ref> Ohne ein abgeschlossenes Hochschulstudium – lediglich als Gasthörer hatte er an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft studiert – gelang ihm der Aufstieg innerhalb des Unternehmens, in dem er 1949 Geschäftsführer wurde, unbeschadet der Tatsache, dass er gleichzeitig zu seiner Tätigkeit im Unternehmen von 1942 bis 1945 Hauptgeschäftsführer des NS-Lenkungsverbandes Reichsvereinigung Textilveredelung gewesen war, deren Hauptziel, „die Rationalisierung des Kartellsystems in der Textilfertigwarenbranche, insbesondere in der Fusion bestehender Kartelle“ einen wesentlichen Beitrag zur Organisation der Kriegswirtschaft darstellte.<ref>(Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis de Nationalsozialismus 1933-1944, Frankfurt/Main, Fischer, 1988, S. 629: „Die Reichsvereinigung Textilveredelung unterscheidet sich von den anderen Reichsvereinigungen, da sie der Kontrolle des Wirtschaftsministeriums am wenigsten unterliegt. Ihr Hauptziel ist die Rationalisierung des Kartellsystems in der Textilfertigwarenbranche, insbesondere in der Fusion bestehender Kartelle - eine von dieser Reichsvereinigung erfolgreich gelöste Aufgabe.“)</ref><ref>Vgl. auch die Teile der erhalten gebliebenen Akten der Reichsvereinigung Textilveredelung im Deutschen Bundesarchiv: BArch R 10-IV/...</ref>

Von 1949 bis 1958 war Merkle Mitglied des Vorstandes unter Emil Gminder der Ulrich Gminder AG<ref>Vgl. Artikel Firma Ulrich Gminder: Aufstieg einer kleinen Färberei. In: Reutlinger Generalanzeiger vom 27. Mai 2014, sowie Artikel Noch bis 1964 residierte die Gminder AG in der Tübinger Straße. In: Schwäbisches Tagblatt- vom 31. März 2011.</ref> in Reutlingen. Dann kam er 1958 als Geschäftsführer mit Zuständigkeit für Beteiligungen zur Robert Bosch GmbH, wo sich sein Aufstieg fortsetzte. Als Nachfolger von Hans Walz war er ab 1963 Vorsitzender der Geschäftsführung. Danach wechselte er 1984 in den Aufsichtsrat der GmbH in Stuttgart, dessen Vorsitz er übernahm, und wurde später persönlich haftender Gesellschafter und Vorsitzender der Robert Bosch Industrietreuhand KG (bis 1993), welche die Stimmrechte der gemeinnützigen Robert-Bosch-Stiftung ausübt, in die die Erben auf Betreiben Merkles große Teile ihres Vermögens (92 % der Anteile) transferiert hatten, und somit das eigentliche Machtzentrum darstellt. Sein Nachfolger als Bosch-Geschäftsführer wurde 1984 auf sein Betreiben Marcus Bierich. Nach seinem Ausscheiden wurde er zum Ehrenvorsitzenden der Bosch-Gruppe ernannt. Im Zeitraum seines Wirkens vollzog sich der Aufstieg der Bosch GmbH zum Weltkonzern, dessen Umsatz unter Merkle als vorsitzendem Geschäftsführer von 2 Mrd. DM 1963 bis 1984 auf über 18 Mrd. DM stieg und inzwischen (2019) über 77 Milliarden Euro erreicht hat. Zu Merkles Aufsichtsratsmandaten gehörte ab 1984 auch der als Aufsichsratsvorsitzender der Deutschen Bank in Frankfurt am Main.

Merkle war CDU-Mitglied. Viele Jahre war er Berater von CDU-Politikern; aus der Partei trat er 1979 nach einem „langen Denkprozess“ aus.<ref name=TS2000>Hans L. Merkle: Der langjährige Bosch-Chef ist tot. In: Der Tagesspiegel vom 26. September 2000, abgerufen am 18. Dezember 2020.</ref> Er organisierte die Finanztransaktionen der „Gesellschaft zur Förderung der Wirtschaft Baden-Württemberg“, eine Geldwaschanlage für Parteispenden vor allem an die CDU.<ref>Mehr Steine als Brot. In: Der Spiegel. Nr. 17 vom 24. April 1989.</ref> Er wurde wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 1,5 Millionen Mark zu einer Geldauflage in Höhe von 600.000 DM verurteilt.<ref name=TS2000 /><ref>So dappig. In: Der Spiegel. Nr. 14 vom 2. April 1990, abgerufen am 18. Dezember 2020.</ref>

Merkle galt als öffentlichkeitsscheu, war aber einer der letzten Industriemanager, die nahezu uneingeschränkt und allein Entscheidungen trafen. 1976 wurde er Ehrenmitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Er war zudem Ehrendoktor, hatte 1973 einen Professorentitel von der baden-würrtembergischen Landesregierung erhalten und war Mitglied Max-Planck-Gesellschaft. 1983 erhielt er die Freiherr-vom-Stein-Medaille in Gold von der F.V.S.-Stiftung Hamburg, 1984 die Harnack-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft, die für Verdienste um die Gesellschaft vergeben wird. Merkle war zudem Rotarier als Ehrenmitglied des Rotary Club Stuttgart. Im Jahre 1994 wurde er mit der Ehrenbürgerwürde der Universität Stuttgart ausgezeichnet. Dies galt seinerzeit als eine ganz besondere Ehre, da die Universität zuvor 30 Jahre lang diese Würde nicht verliehen hatte. Am 4. Oktober 2001 hielt Henry Kissinger, der mit Merkle befreundet war, in Berlin eine Gedenkrede.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Gedenkrede Henry A. Kissingers vom 4. Oktober 2004 in Berlin (Memento vom 26. August 2016 im Internet Archive).</ref>

Am 13. Juli 1988 konnte Merkle einen Vortrag an der Universität Frankfurt/Main im Rahmen der Vortragsreihe Beruf als Erfahrung<ref>Beruf als Erfahrung</ref> nur unter Schutz einer polizeilichen Hundertschaft halten, da studentische Gruppierungen von ihm verlangt hatten, auf seine Beteiligung an der nationalsozialistischen Wirtschaftsorganisation in den angekündigten autobiographischen Ausführungen einzugehen,<ref>„Das höchste Gut, was uns keine Macht der Welt rauben kann, ist reine Gesinnung, die ihren Ausdruck findet in gewissenhafter Pflichterfüllung“ (Flugblatt), Frankfurt/Main, Juli 1988.</ref> was Merkle mit dem Hinweis „das ist alles schon bekannt“<ref>Selbst Jahre später steht diese Aussage im Widerspruch zum Allgemeinwissen: So vermerkt an seinem hundertsten Geburtstag die Stuttgarter Zeitung zu Merkle schlicht, dass er „von 1942 an in Berlin für die Reichsvereinigung Textilveredlung tätig wurde. Diese Organisation war in die Kriegswirtschaft eingebunden. Was genau Merkle dort gemacht hat, ist nicht bekannt.“ (Stuttgarter Zeitung, 1. Januar 2013)</ref> vehement ablehnte.<ref>Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Juli 1988: Furcht um Harmonie zwischen Geist und Geld. Streit an der Universität über Vorlesungsreihe geht weiter. Studenten halten an Kritik fest.</ref>

Privates

Hans L. Merkle war ab 1941 verheiratet mit Frau Annemarie Merkle, geborener Schlerff († 1990). Er lebte und starb in Stuttgart, hatte eine Tochter und zwei Söhne.<ref>Hans L. Merkle - Munzinger Biographie. Abgerufen am 11. Februar 2026.</ref>

Erst nach seinem Tod wurde der Öffentlichkeit bekannt, dass Merkle zeit seines Lebens ein nahezu besessener Erstausgaben deutscher Literatur sammelnder Bibliophiler gewesen war. Seine Bibliothek umfasste 17.000 Bände, darunter bibliophile Raritäten wie ein Exemplar der Erstausgabe von Goethes Das Römische Carneval. Die Bände seiner 2002–2004 versteigerten Bibliothek<ref>Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. April 2002 sowie Reiss & Sohn Buch- und Graphikauktionen, Kataloge 82, 85 und 88: Bibliothek Hans L. Merkle. Teile 1–3 I. Deutsche Literatur des 17.–19. Jahrhunderts. II. Bücher, die die Welt bewegten. III. Moderne Literatur und illustrierte Bücher. 3 Bde., zus. ca. 660 S., zahlr. Abb. <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Archivierte Kopie (Memento vom 25. August 2016 im Internet Archive).</ref> tragen sein Exlibris ohne Namen, lediglich mit der Standortbezeichnung Feuerbacher Heide und Buchnummer.<ref>Vgl. Datensatz Hans Lutz Merkle im Katalog der deutschen Nationalbibliothek.</ref>

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Stabilität in der Wirtschaftspolitik – Dynamik in der Wirtschaft. Vortrag. Stuttgart, 1966, 36 S.
  • Inflation und Öffentliche Finanzen. 1975.
  • Hermann J. Abs mit einer Einführung und einem Beitrag von Hans L. Merkle: Lebensfragen der Wirtschaft. Econ, München, 1976, ISBN 3-430-11011-4
  • Bruchzonen der Gegenwart. Gedanken über Politik und Wirtschaft. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1984, 321 (3) S.
  • Kultur der Wirtschaft. Betrachtungen am Rande der Politik. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1988, 304 Seiten, ISBN 3-421-06483-0
  • Hans L. Merkle, Hans Ullrich Gallwas: Zum Thema Stiftung. Der Einzelne und das Gemeinwesen. Verfassungsrechtliche Anmerkungen zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Hrsg. Robert Bosch Stiftung. Stuttgart; 1991, 35 S.
  • Der steinige Weg. Erfahrungen eines Unternehmers. Manesse Verlag GmbH München, 1993, ISBN 3-7175-8199-6, 2. Auflage. Manesse Verlag, Zürich 1994, 135 S.
  • Ein deutsches Unternehmen in Frankreich. Die Bosch-Gruppe und der Neubeginn in den deutsch-französischen Beziehungen ab 1945. Bonn: Bouvier 1995, 56 S.
  • Dienen und Führen – Erkenntnisse eines Unternehmers. Vorwort in englischer Sprache von Henry A. Kissinger und H. Scholl. Stuttgart; Leipzig: Hohenheim-Verlag, 2001, 351 S., ISBN 3-89850-058-6 (Auswahl seiner Vorträge und Aufsätze)

Literatur

  • Heide Ziegler (Hrsg.): Hans L. Merkle. Reden bei der Festveranstaltung aus Anlass der Ernennung von Prof. Dr. h.c. Hans L. Merkle zum Ehrenbürger der Universität Stuttgart, 4. Februar 1994. Anhang: Verzeichnis der Ehrenbürger der Technischen Hochschule bzw. der Universität Stuttgart. [Ulrich Sieber]. [Universität Stuttgart]. Stuttgart: Universität, 1994, 48 S., ISBN 3-926269-13-8 (= Reden und Aufsätze / Universität Stuttgart. Band 47).
  • Merkle, Hans L. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 830.
  • Verleihung der Freiherr-vom-Stein-Medaille in Gold an Professor Dr. phil. h.c. Hans L. Merkle, Stuttgart am 23. Oktober 1973, Hamburg: Stiftung F.V.S. 1973, 32 Seiten.

Weblinks

Commons: Hans Lutz Merkle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references />

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