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Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Koordinaten: 49° 19′ 21,1″ N, 12° 13′ 42,2″ O

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Weithin sichtbares Gebäude für die Modulteststände der geplanten WAA; im Vordergrund der Murner See (geflutete Braunkohlegrube)

Die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (kurz WAA oder WAW) in Wackersdorf im bayerischen Landkreis Schwandorf in der Oberpfalz sollte die zentrale Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren in Deutschland werden. Der aus Steuermitteln finanzierte Bau, begonnen 1985, wurde von massiven Protesten von Teilen der Bevölkerung begleitet und 1989 eingestellt. Er gilt als eines der umstrittensten Bauprojekte in der Geschichte der Bundesrepublik. Das WAA-Baugelände wurde danach zum Gewerbegebiet Innovationspark Wackersdorf umgestaltet.

Technik

Anlage

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Datei:WAA BMW 5.jpg
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Mit einer Fläche von ca. 120 Hektar grenzt das WAA-Gelände an die Bahnstrecke Schwandorf–Furth im Wald. Das vormals gemeindefreie Waldgebiet wurde der Gemeinde Wackersdorf zugesprochen.

Auf dem Gelände waren neben der eigentlichen Wiederaufarbeitungsanlage große Lagerhallen für den Atommüll sowie eine MOX-Brennelementefabrik geplant.<ref name="planet-wissen-07-10" /><ref>Atom-Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf soll erweitert werdenÖ1-Mittagsjournal vom 7. Januar 1989 auf Österreichische Mediathek, 49.–53. Min.</ref>

Geplante Einrichtungen:<ref>Sammlung der Vorträge anläßlich des 7. Statusberichtes des Projektes Wiederaufarbeitung und Abfallbehandlung am 15./16. März 1988, Kernforschungszentrum Karlsruhe, Oktober 1988
Wackersdorf vor 25 Jahren: Demonstranten „abgeräumt“ – Eine Perspektivzeichnung der geplanten Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf im Landkreis Schwandorf. In: Nordbayern.de, 5. Januar 2011.</ref>

  • Brennelement-Eingangslager<ref name="BUNDperspekt" /> (
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das Gebäude – es ist eines von zwei Gebäuden, die noch von der WAA Wackersdorf übrig geblieben sind – wird von BMW seit 1990 als „Halle 80.0“ zur Lagerung von Material genutzt.<ref name="TAZBMW">Auf einem fast vergessenen Schlachtfeld. In: Die Tageszeitung, 4. Februar 2006.</ref> Die 50 Millionen Mark teure<ref>Notfalls sprengen – Bayern will sich für das Debakel mit der Wiederaufarbeitungsanlage satt entschädigen lassen. Vorschläge für die Verwendung des Areals reichen vom Provinzflughafen bis zum Technologiezentrum. In: Der Spiegel, 22. Mai 1989.</ref> Eingangshalle für Brennstäbe bzw. das Brennelemente-Eingangslager ist ein lang gestreckter Bau mit grünem Dach, mit einer eigenen Lüftung und Gleisanschluss – das Gebäude ist gegen Flugzeugabstürze und Erdbeben gesichert. Ursprünglich sollten hier die Brennstäbe in ihren Transportbehältern zwischengelagert werden – ein Teil des Rechtsstreites um die WAA drehte sich um die Frage, ob eine atomrechtliche Genehmigung für das Eingangslager notwendig ist.<ref name=":0"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Das war Wackersdorf – Dokumentation der Mittelbayerischen Zeitung (Memento vom 23. August 2018 im Internet Archive) (PDF) – bei BUND</ref> 2015 wurde vom Landkreis Schwandorf vor dem Gebäude eine Gedenktafel bzw. ein Infostandbild errichtet.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />BMWs natürliche WAA-Kühlung. (Memento vom 10. Dezember 2023 im Internet Archive) In: Onetz, 12. November 2015.</ref>
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Bei der WAA Wackersdorf sollte durch bauliche Maßnahmen das Mehrbarrierenkonzept zum Einschluss radioaktiver Stoffe eingehalten und damit der erforderliche Grundwasserschutz gewährleistet werden. Flüssigkeitsundurchlässige Schichten im Untergrund hätten die Funktion einer zusätzlichen Sicherheitsbarriere gehabt.<ref>BT-Drs. 11/5253: Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage des Abgeordneten Daniels (Regensburg) und der Fraktion Die Grünen – (Deutscher Bundestag 27. September 1989)
BT-Drs. 11/4105, Große Anfrage: Probleme um die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf vom 1. März 1989</ref> Die WAA wurde nach den Richtlinien der Reaktor-Sicherheitskommission auf die Belastung durch einen einschlagenden Phantom-Jagdbomber ausgelegt – andere Militärmaschinen blieben unberücksichtigt.<ref name="spiegel-12-88" />

Die Wiederaufarbeitungsanlage wurde mit einem Tagesdurchsatz von 2 t Schwermetall geplant und erstmals wurde in einer kommerziellen WAA beabsichtigt, das in die wässrige Phase verschleppte Tritium auf einen relativ geringen Abwasserstrom zu konzentrieren, der gesondert behandelt werden kann.<ref>The PUREX process as designated for the Wackersdorf reprocessing plant In: Internationale Atomenergie-Organisation 1989.</ref>

Verfahren

Datei:Plutonium and uranium extraction from nuclear fuel-deu.svg
Schema des PUREX-Prozesses

In der WAA Wackersdorf sollten jährlich maximal 500 Tonnen<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Die Versuchskaninchen von Wackersdorf – Aufständische und Ordnungshüter, Pilzsammler und eine Atomfabrik. (Memento vom 4. November 2015 im Internet Archive) In: Die Zeit, 23. August 1985.</ref> abgebrannter Kernbrennstoff nach dem PUREX-Verfahren (vgl. WAA Sellafield) wiederaufbereitet werden. Geplant war die Wiederaufarbeitung und die Herstellung von MOX-Brennelementen (BE).<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Gemeinsames Übereinkommen über die Sicherheit der Behandlung abgebrannter Brennelemente und über die Sicherheit der Behandlung radioaktiver Abfälle. (Memento vom 25. Juli 2014 im Internet Archive) In: BMU 2006.</ref> MOX-BE enthalten gegenüber den herkömmlichen Uran-Brennelementen bis zu 3,5 % Plutonium.<ref>Gefahr MOX-Brennelemente. In: contrAtom, 12. Dezember 2011.</ref> Prinzipiell hätte daher auch die Möglichkeit bestanden, waffenfähiges Plutonium, welches in entsprechend niedrig abgebranntem Brennstoff produziert werden kann, chemisch abzutrennen und für Bomben zu nutzen, und einige Parteien vermuteten einen „Schleichweg zum Atomwaffenstaat“.<ref>Schleichweg zum Atomwaffenstaat? – Möglichkeiten der Gewinnung von Plutonium für den Bau von Atombomben in Wackersdorf. In: Der Spiegel, 10. November 1986.</ref>

Die WAA Wackersdorf sollte zum einen Plutonium-Brennstoff für den Schnellen Brüter liefern und zum anderen aus den verbrauchten Brennstäben von Leichtwasserreaktoren noch verwendbares Uran und Plutonium mit Hilfe chemischer Prozesse herauslösen.

Dabei werden die abgebrannten Brennstäbe mit ferngelenkten Greifarmen in „Heißen Zellen“ hinter meterdicken Bleiglasscheiben zerkleinert. Die Bruchstücke fallen in einen „Auflöser“ und werden dort von kochender Salpetersäure zersetzt. Danach werden Plutonium und wiederverwendbares Uran aus der Säure herausgelöst (vgl. Flüssig-Flüssig-Extraktion). Übrig bleiben stark radioaktiv strahlende Schlacken, Flüssigkeiten, Metalle und Gase.<ref>Erst Soße, dann entrahmte Milch – Zweifel am Nutzen der Wiederaufarbeitung von Reaktor-Brennstäben. In: Der Spiegel, 28. Januar 1995.</ref> Es war vorgesehen, innerhalb der gesetzlich erlaubten Grenzwerte einige Substanzen über den Schornstein oder das Abwasser zu entsorgen, der Rest sollte in Glas eingeschlossen und in Endlagerstätten eingelagert werden. Die Abtrennung von minoren Actinoiden, von Spaltprodukten voneinander oder die Nutzung stabiler bzw. medizinisch oder industriell nutzbarer Isotope war nicht vorgesehen und ist auch Stand 2022 beim PUREX-Verfahren nicht Standard. Andere Verfahren der Wiederaufarbeitung wären dazu prinzipiell in der Lage, sind jedoch kaum oder gar nicht großtechnisch erprobt.

Geschichte

Standortentscheidung und Beginn des Widerstands

Datei:Schema radioaktiver Abfaelle.svg
Position der Wiederaufarbeitungsanlage im Brennstoffkreislauf mit Versorgung, Entsorgung und Wiederaufarbeitung

In den 1980er Jahren waren Atomanlagen einerseits durch die Debatte um Atomrüstung und andererseits durch die Reaktorunglücke von Harrisburg und später Tschernobyl sehr stark umstritten. Seit den frühen 1970ern wuchs die Anti-Atom-Bewegung, durch die auch der Erfolg der Grünen beflügelt wurde.

Die geplanten WAA-Standorte in Rheinland-Pfalz (Hambuch, Illerich), Hessen (Frankenberg-Wangershausen) und Niedersachsen (Gorleben) waren zuvor gescheitert.<ref>Wackersdorf: Eine Wiederaufbereitungsanlage wurde nie verwirklicht. In: Rhein-Zeitung, 14. August 2013.</ref> Die WAA-Standortentscheidung war u. a. auch die Geschichte eines Kleinkriegs zwischen den unionsregierten Bundesländern Bayern und Niedersachsen und Ministerpräsident Franz Josef Strauß und seinem Rivalen um die Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl 1980, Ernst Albrecht.<ref>Schlacht um Wackersdorf kostete Menschenleben. Schwäbische Zeitung, 22. April 2008, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 11. August 2014; abgerufen am 23. Mai 2019.
Auf dem Schlauch – Niedersachsens Ministerpräsident Albrecht hat beim Kampf um die Wiederaufarbeitungsanlage übertaktiert – und verloren. In: Der Spiegel, 11. Februar 1985.</ref> Nachdem Pläne zur Errichtung einer Wiederaufarbeitungsanlage in Dragahn in Niedersachsen gescheitert waren, erklärte Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß am 3. Dezember 1980 die Bereitschaft der bayerischen Landesregierung (Kabinett Strauß I), im Freistaat nach einem geeigneten Standort zu suchen.<ref name="bi">Amberger Bürgerinitiative e. V.: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Geschichte der WAA. 1998 (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive) (26. Oktober 2006)</ref> Strauß versprach den Anlagebetreibern stabile politische Verhältnisse sowie Akzeptanz für das Projekt auf Seiten einer „industriegewohnten Bevölkerung“. Die Standortentscheidung für das stille Kiefernwäldchen in der Oberpfalz würde eine „rasche und ungestörte Realisierung des Projekts“ garantieren.<ref>Wie sie ihre Wut loswerden… – Die „Pfingstschlacht“ von Wackersdorf. In: Der Spiegel, 26. Mai 1986.</ref>

Nachdem das oberpfälzische Wackersdorf in die Auswahl gekommen war, gründete sich am 9. Oktober 1981 eine Bürgerinitiative gegen die WAA.<ref name="bs">Bernd Siegler: „Mir san die Chaoten“ – Der Widerstand in Wackersdorf. Eine Chronologie des Widerstandes gegen die Wiederaufarbeitungsanlage in der Oberpfalz bis zu dem gestern von der DWK verkündeten Baustopp. In: die tageszeitung, 31. Mai 1989, S. 9.</ref> Landrat Hans Schuierer war strikt gegen das Projekt.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Sie hoffen für ihre Kinder… (Memento vom 6. November 2015 im Internet Archive) In: Die Zeit, 15. Februar 1985.</ref>

Am 7. Oktober 1981 wurde die „Bürgerinitiative Schwandorf“<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Geburtswehen des Widerstands – Vor 30 Jahren: Im Oktober 1981 gründet sich Bürgerinitiative gegen die WAA. (Memento vom 10. August 2014 im Internet Archive) In: Oberpfalznetz, 15. Oktober 2011.</ref> gegründet und viele weitere folgten kurz darauf, die schließlich unter einem Dachverband geschlossen auftraten.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Von der Kraft zu widerstehen – Hans Schuierer schöpfte sie in der WAA-Zeit aus mehreren Quellen – Ehrung durch BI. (Memento vom 19. August 2014 im Internet Archive) In: Oberpfalznetz, 28. Januar 2011.</ref> Die erste Anti-WAA-Demonstration fand im Dezember 1981 mit etwa 3000 Personen in der Oberpfalzhalle in Schwandorf statt, wo versammelte CSU-Politiker auf die konsequente Pro-WAA-Linie eingeschworen werden sollten.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Das Ende das WAAhnsinns – Großprojekt, Großprotest und schließlich großer Erfolg: Der Kampf gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf in den 1980ern könnte als Vorbild für die Proteste gegen Stuttgart 21 dienen (Memento vom 17. August 2014 im Internet Archive). marx21, Dezember 2011.</ref>

Anders als im britischen Sellafield und im französischen La Hague liegt der Standort Wackersdorf im Binnenland und nicht an einer Küste, sodass insbesondere wegen der geplanten Entsorgung radioaktiver Abwässer in Naab/Donau/Schwarzes Meer, neben möglichen Störfällen, nicht nur die einheimischen Bürger Bedenken hatten.<ref name="spiegel-12-88">Monströse Gefährlichkeit – Eine neue Risikostudie über die geplante Wackersdorfer Atommüll-Fabrik stellt das Sicherheitskonzept der Betreiber in Frage. Im Ernstfall ist ganz Europa betroffen. Der Spiegel, 19. Dezember 1988.</ref> Weitere Kritikpunkte der WAA-Gegner waren unter anderem die hohe Zahl der nach Inbetriebnahme der Anlage anfallenden Atommülltransporte sowie Gesundheitsgefährdungen durch die aus der WAA über einen über 200 m hohen Kamin austretende Abluft. Zudem argumentierten die Gegner, dass mit dem bei der Wiederaufarbeitung gewonnenen Plutonium grundsätzlich die Entwicklung von Atomwaffen ermöglicht werde.

Die WAA entwickelte sich zum dominierenden Thema der 10. Legislaturperiode unter dem Kabinett Strauß II. Erstmals beschäftigte die Thematik den Landtag am 13. Oktober 1983.<ref>Der bayerische Landtag 1982–1986, 10. Legislaturperiode – (Grabendoerfer)</ref> Da die Arbeitslosenquote in Wackersdorf nach dem Ende des Abbaus im Oberpfälzer Braunkohlerevier 1982 auf über 20 Prozent gestiegen war, hoffte die bayerische Staatsregierung, einen möglichen Widerstand mit dem Arbeitsplatzargument kontern zu können. Zudem befand sich der überwiegende Teil des 130 ha großen Baugeländes bereits im Besitz des Freistaats.

Entscheidung für Wackersdorf (1985)

Nachdem sich die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) am 4. Februar 1985 definitiv für Wackersdorf als Standort entschieden hatte<ref name="br2"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der Weg in den WAAhnsinn (Memento vom 28. April 2009 im Internet Archive), BR Online, 5. Dezember 2005 (zuletzt aktualisiert am 6. Oktober 2006).</ref><ref>23 Jahre Aus für WAA Wackersdorf. In: contrAtom – Informationsnetzwerk gegen Atomenergie, 6. Juni 2012.</ref>, demonstrierten am 16. Februar 1985 rund 35.000 Menschen bei eisigen Temperaturen auf dem Schwandorfer Marktplatz friedlich gegen die WAA.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Es stand in der Amberger Zeitung – 35.000 gegen die WAA. (Memento vom 19. August 2014 im Internet Archive) In: Oberpfalznetz, 23. Februar 2010.
↑ <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Marterl für den Widerstand – Vor 30 Jahren: Wackersdorf sollte Standort für WAA sein – Hunderttausende protestierten. (Memento vom 2. Oktober 2015 im Internet Archive) In: Oberpfalznetz, 4. Februar 2015.</ref>

Am 24. September 1985 erteilte das bayerische Umweltministerium unter Alfred Dick (Kabinett Strauß II) die erste atomrechtliche Teilerrichtungsgenehmigung.<ref name="bs" /> Geplant waren neben der eigentlichen Wiederaufarbeitungsanlage die Errichtung einer MOX-Brennelemente-Fabrik und Lagerhallen für den Atommüll. Die wasser- und baurechtliche Genehmigung wurde am 29. Oktober 1985 nicht durch das Landratsamt erteilt, sondern nach Inkrafttreten der Lex Schuierer von der Regierung der Oberpfalz im Wege des Selbsteintritts. Im Oktober 1985 verkaufte der Freistaat Bayern das WAA-Gelände (138 ha) für rund 3 Millionen DM an die DWK.<ref>Schlussbericht des Untersuchungsausschusses „Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf.“ Bayerischer Landtag, Drucksache 10/10914 vom 1. Juli 1986, S. 13.</ref> Im Oktober 1985 formierte sich in München ein Protestzug von 50.000 Menschen gegen das WAA-Projekt.<ref>1986: Pfingstschlacht. In: der Freitag, 11. Mai 2016.</ref> Die Bauarbeiten im Taxölderner Forst begannen im Dezember 1985.

Nachdem der Bayerische Verwaltungsgerichtshof am 10. Dezember 1985 die Rodung des Taxölderner Forstes genehmigt hatte, errichteten die Atomkraftgegner dort am 14. Dezember das erste Hüttendorf („Freie Oberpfalz“), in dem etwa 1000 Menschen bei klirrender Kälte übernachteten.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Die WAA mobilisierte die ganze Republik – Acht Jahre kämpften die Menschen gegen die WAA in Wackersdorf. (Memento vom 29. Mai 2014 im Internet Archive) In: Mittelbayerische Zeitung, 20. Mai 2014.
↑ <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Ein Hüttendorf gegen den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage. (Memento vom 8. August 2014 im Internet Archive) In: Mittelbayerische Zeitung, 22. Dezember 2005.</ref> Dieses wurde zwei Tage später durch 3700 Polizisten geräumt; 869 Demonstranten wurden festgenommen.<ref name="bs" />

Am 21. Dezember stand das nächste Hüttendorf („Freie Republik Wackerland“ – so benannt in Anlehnung an die „Freie Republik Wendland“)<ref>Werner Grassl, Klaus Kaschel: Kein Friede den Hütten … die Tage der freien Republik Wackerland. Burglengenfeld 1986, ISBN 978-3-925603-02-0
↑ <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Wackersdorf 1986 – 62 Bilder vom Hüttendorf (Memento vom 9. März 2016 im Internet Archive). reisefoto.net, abgerufen am 29. Juli 2014.</ref> mit 158 Hütten,<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Weck die tote Christenheit – Anfang dieser Woche wurden in Wackersdorf die Besetzer von der Polizei vertrieben. (Memento vom 6. November 2015 im Internet Archive) In: Die Zeit, 10. Januar 1986</ref> Zelten und Baumhäusern. Nach dem eingehaltenen Weihnachtsfrieden<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der andere Weg nach Bethlehem – Weihnachten vor 20 Jahren auf dem WAA-Gelände – Der Christbaum im Hüttendorf. (Memento vom 21. Juli 2015 im Internet Archive) In: Oberpfalznetz, 30. Dezember 2005.</ref> räumten am 7. Januar 1986 2000 Polizisten das Hüttendorf.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />2000 Polizisten beenden den Traum vom Wackerland – Von 14. Dezember 1985 bis 7. Januar 1986 leisteten 500 WAA-Gegner in der „Freien Republik Wackerland“ Widerstand. (Memento vom 8. August 2014 im Internet Archive) In: Mittelbayerische Zeitung, 5. Januar 2006.
↑ <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Vor 20 Jahren begann die Eskalation am WAA-Zaun – Polizei reißt im Januar 1986 Hüttendorf „Freies Wackerland“ ein (Memento vom 8. August 2016 im Internet Archive). In: Mittelbayerische Zeitung, 10. Januar 2006.</ref> Bei der Räumung, die bis in die Nacht andauerte, wurden über 1000 Menschen zur erkennungsdienstlichen Erfassung festgenommen.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Es begann im Morgengrauen – Am 7. Januar 1986 zogen über 2000 Sicherheitskräfte zur Räumung des WAA-Hüttendorfes auf. (Memento vom 8. Juni 2015 im Internet Archive) In: Oberpfalznetz, 11. Januar 2006.</ref>

Die Situation eskalierte immer stärker; die Rechte der Anwohner der umliegenden Gemeinden, die die Atomkraftgegner unterstützten, wurden eingeschränkt. Die Polizei beklagte die wachsende Solidarisierung der Einheimischen mit den auswärtigen Atomkraftgegnern.<ref name="bs" /> Die Worte „Besetzung“ und „Bürgerkrieg“<ref>Wenn der erste auf Demonstranten schießt… – Schlacht um die Kernkraft (I). In: Der Spiegel, 21. Juli 1986.</ref> wurden zur Schilderung der Situation in der Presse populär, zumal das Ende der 1970er Jahre erschienene Buch Der Atomstaat von Robert Jungk eine solche Entwicklung prognostiziert hatte. Von 1985 bis 1989 gehörten Demonstrationsverbote, Hausdurchsuchungen, Umstellen von Dörfern,<ref>Haben wir denn schon Rußland? – Wie Bayerns Polizei Bauernhöfe nach Kernkraftgegnern durchstöbert. In: Der Spiegel, 7. April 1986.</ref> Verhaftungen sowie der Einsatz großer Polizeiverbände aus dem gesamten Bundesgebiet und des Bundesgrenzschutzes zur politischen Szenerie in der Region.

Im August 1987 lehnte der Bayerische Verfassungsgerichtshof den Antrag von 40.000 Kernkraftgegnern für ein Volksbegehren gegen den Bau der WAA Wackersdorf ab.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Vorlage:Webarchiv/Wartung/TodayDer Wert des Parameters archive-today muss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein.. In: Nordbayerischer Kurier, abgerufen am 17. August 2014.</ref>

Demonstrationen und Ausschreitungen

Datei:Kreuz-am-Roten-Kreuz-an-der-WAA-Wackersdorf-2014.jpg
type=landmark }}): Westlich der WAW und unweit vom „Chaoten-Eck“ war ein beliebter Treffpunkt vieler Anti-WAA-Demonstranten.

An der Ostermontags-Demonstration am 31. März 1986 nahmen erstmals über 100.000 Menschen teil.<ref>Ostermontag im Taxöldener Forst bei Wackersdorf: Das ist Krieg gegen die Oberpfalz. In: Zeit Online, 4. April 1986.</ref> Bei Ausschreitungen am sogenannten „Chaoten-Eck“<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />WAA Wackersdorf 1980–1989 – Die wichtigsten Stationen im Überblick (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive). Gemeinde Markt Wernberg-Köblitz, abgerufen am 14. Mai 2019.</ref> im Laufe der österlichen Demonstrationen kam es auch zum bundesweit ersten Einsatz von CS-Gas gegen Demonstranten.<ref name="cs">Vorzügliches Arrangement – In Bayern versprühte die Polizei erstmals aus Wasserwerfern den chemischen Reizstoff CS. In: Der Spiegel, 7. April 1986.</ref> Der Tod des 38-jährigen Ingenieurs und Demonstrationsteilnehmers Alois Sonnleitner am 31. März 1986 nach einem Asthmaanfall wurde mit diesem CS-Gas-Einsatz in Verbindung gebracht.<ref name="bs" /><ref name="cs" /> Auch „friedliche Leute“ solidarisierten sich danach mit gewalttätigen Autonomen und unterstützten sie.<ref>Als gäb’s nur Verbrecher und Terroristen. In: Der Spiegel, 28. Juli 1986.
Wackersdorf: Wachsende Verbitterung. In: Die Zeit, 30. Mai 1986.</ref> Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ab dem 26. April 1986 verstärkte sich der Protest gegen die WAA. Deren Baugelände war für 15 Millionen Mark<ref name="br2" /> durch einen 4,8 km langen stählernen Bauzaun gesichert worden.<ref name="bs" /> Der „Zaun war sehr politisch aufgeladen“ und viele Demonstranten versuchten ihn mit Eisensägen zu durchlöchern.<ref>Widerstand in Wackersdorf – Interview mit Jochen Stay 1988 auf Zeitzeugenportal</ref>

Bei den Demonstrationen an Pfingsten („Pfingstschlacht“<ref>25 Jahre Wackersdorf – Die Pfingstschlacht am Bauzaun. In: Focus, 18. Mai 2011.</ref> von Wackersdorf im Mai 1986) eskalierte die Gewalt auf dem Baugelände, als Autonome (es war von mindestens tausend »reisende[n] Intensivtäter[n]« die Rede) die Polizisten mit Steinen und Stahlkugeln („Wackersdorf-Tango“<ref>Harter Aufschlag! Große Genauigkeit! – Chaoten-Kampfmittel Präzisionsschleuder: Gefährlich wie Schußwaffen. In: Der Spiegel, 21. Juli 1986.</ref>) beschossen<ref>25./26.Mai 1986: Wackersdorf. Archivradio (18 Min., Rohmaterial vom Pfingstwochenende).
„Es waren bürgerkriegsähnliche Zustände“ – Zwei Polizeibeamte erinnern sich an ihre Einsätze am und über dem Bauzaun. In: Abendzeitung, 18. Mai 2011.</ref> und Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes Reizstoffwurfkörper (CS-Gas-Kartuschen) in die Menge warfen.<ref>Polizei Bayern: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Die Geschichte der bayerischen Bereitschaftspolizei (Memento vom 16. April 2014 im Internet Archive) (PDF; 7,6 MB), S. 30.</ref><ref>»Wie sie ihre Wut loswerden…« In: Der Spiegel, 25. Mai 1986.</ref> Demonstranten zündeten zwei Polizeifahrzeuge an.<ref>Autonome Demos 80er Part 4 mit Tagesschau vom 19. Mai 1986 – Pfingstschlacht (YouTube)</ref> 44 Wasserwerfer aus dem gesamten Bundesgebiet waren im Einsatz und spritzten mit Reizstoff vermengtes Wasser.<ref>Nur naß werden, das juckt die nicht – Polizei-Kampfmittel Wasserwerfer: Vom Spritzenwagen zum Knochenbrecher. In: Der Spiegel, 21. Juli 1986.</ref> Insgesamt wurden an den Pfingstfeiertagen auf beiden Seiten über 400 Menschen<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Als in Wackersdorf Bürgerkrieg herrschte – Der Konflikt um die WAA erreichten vor 30 Jahren, an Pfingsten 1986, eine neue Dimension. 400 Menschen wurden verletzt. (Memento vom 18. Mai 2016 im Internet Archive) In: Mittelbayerische Zeitung, 17. Mai 2016.</ref> verletzt.

Nach diesen Ereignissen wurde im Mai 1986 der verantwortliche Einsatzleiter,<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Warf er einen Stein? – Der angeklagte Polizist. (Memento vom 6. November 2015 im Internet Archive) In: Die Zeit, 5. Dezember 1986.</ref> der Polizeipräsident für Niederbayern/Oberpfalz, Hermann Friker, abgelöst und durch Wilhelm Fenzl ersetzt. Die bayerische Staatsregierung warf Friker „halbherziges“<ref name="bs" /> und „liberales“ Vorgehen vor.<ref>„Die 68er waren Idioten. Wir auch!“ – Gauweiler – einst Büchsenspanner von FJS selig, heute abwägend sanft. In: regensburg-digital, 8. November 2012.</ref> Günter Schröder (Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei) äußerte die Befürchtung, im Kampf um Wackersdorf werde das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Polizei ramponiert.<ref>Angst vor dem politischen Super-Gau – Schlacht um die Kernkraft (III). In: Der Spiegel, 4. August 1986.</ref> Über 100 Beamte schieden nach der „Pfingstschlacht“ freiwillig aus dem Polizeidienst aus.<ref>Wackersdorf ist überall – Aufstand in der bayerischen Provinz. In: Neues Deutschland, 31. Mai 2014.</ref>

In Bayern führte die Nichtausstrahlung einer Folge der Kabarettsendung Scheibenwischer am 22. Mai wegen Anspielungen auf die negativen Folgen von Kernenergie zu einer weiteren Verschärfung. Bei vielen Aktivisten verfestigte sich die Meinung, dass der Bayerische Rundfunk von der Landesregierung als politisches Instrument gegen die Protestierenden benutzt würde und Zensur betreibe.<ref>Frieder Leipold: Der „Scheibenwischer“-Diskurs 1986. Kampf um die Öffentlichkeit in Bayern. In: Academia. Abgerufen am 6. Juli 2023.</ref>

Am 7. Juni 1986 kam es bei einer Demonstration am Bauzaun erneut zu schweren Auseinandersetzungen zwischen 30.000 Demonstranten und 3.000 eingesetzten Polizisten. Etwa 400 Personen wurden verletzt, mindestens 50 mussten ärztlich versorgt werden. Die Polizei nahm 48 Demonstranten fest. Am 29. Juni verweigerte die bayerische Regierung aus Österreich anreisenden WAA-Gegnern den Grenzübertritt.<ref>Die Chronik Bayerns. Chronik Verlag, 3. Aufl. 1994, S. 592.</ref>

Im Sommer 1986 gab die Staatsregierung der Polizei neue Einsatzmittel gegen Demonstranten an die Hand: Blendschockgranaten und Gummischrotgeschosse.

Am 7. September 1986 kam es zu einem Unfall: Ein Zug der Bundesbahn rammte an der Bahnstrecke Schwandorf–Cham einen Polizeihubschrauber, der gerade drei Polizisten aufnahm und in einem Meter Höhe über den Gleisen schwebte. Seine fünf Insassen wurden zum Teil schwer verletzt; ein 31-jähriger Kriminalhauptmeister starb zwei Wochen später.<ref>Der letzte Pilot von Franz Josef Strauß. In: Münchner Merkur, 12. September 2007.</ref>

Im Zuge der Auseinandersetzungen um die WAA Wackersdorf wurde das Amtsgericht Schwandorf „terroristensicher“ aus- und umgebaut.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Stehn’S auf! Sind’S fußkrank?! – Der letzte von rund 1000 Wackersdorf-Prozessen endete mit einer Geldbuße. (Memento vom 6. November 2015 im Internet Archive) In: Die Zeit, 22. November 1991.</ref> Das nahegelegene Sulzbach-Rosenberg wurde zum Standort der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Allein für das Jahr 1986 erhöhten sich im bayerischen Staatshaushalt die Ausgaben für überörtliche Polizeieinsätze von geplanten 2,5 Millionen auf 50,7 Millionen DM. Das bayerische Polizeigesetz wurde 1988 so geändert, dass Demonstranten bis zu 14 Tage in Gewahrsam genommen werden können (Lex Wackersdorf).<ref>Schlafende Hunde – Bayrischer Alleingang bei der Verschärfung des Demonstrationsrechts: Jetzt droht Vorbeugehaft. In: Der Spiegel, 1. August 1988.</ref> In der Fernsehsendung XY ungelöst wurde im September 1986 nach fünf Steinewerfern der Pfingstdemonstration vom 19. Juni 1986 auch mit Hilfe von jeweils 10.000 DM Belohnung gefahndet.<ref>„Aktenzeichen XY“: keine Lösung in Sicht. In: taz, 4. Februar 1989.</ref><ref name="bs" /> Sogar der Einsatz von Bundeswehrsoldaten am WAA-Bauzaun wurde vorbereitet, obwohl das Grundgesetz es verbot.<ref>Land verteidigen – Obwohl das Grundgesetz es verbietet, bereitet die Bundeswehr den Einsatz von Soldaten am Bauzaun in Wackersdorf vor. In: Der Spiegel, 7. August 1988.</ref> Bayerns neuer Innenstaatssekretär Peter Gauweiler forderte von den WAA-Gegnern „Distanz zu Gewalttätern und nicht zur Polizei“ und der Polizei Informationen zu geben, „wie es eigentlich selbstverständlich sein sollte“.<ref>Exekutor des bayerischen Landrechts – Peter Gauweiler, neuer Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, soll für die politische Durchsetzbarkeit der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf sorgen. In: taz, 22. Dezember 1986</ref>

Zu einer lautstarken Demonstration kam es am 29. September 1986, als Franz Josef Strauß zu einer Wahlkampf-Rede im Schwandorfer Sepp-Simon-Stadion auftrat und sich mehrere Hundert Kernkraftgegner durch ein Pfeif- und Brüllkonzert im und außerhalb des Stadions bemerkbar machten. Strauß wurde vom größten Polizeiaufgebot gesichert, das je eine Wahlkundgebung in Bayern schützte.<ref>Nina Grunenberg: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Stunde der Staatsmacht – Strauß in Wackersdorf: Dank an die anständigen Oberpfälzer. (Memento vom 17. Juni 2016 im Internet Archive) In: Die Zeit, 3. Oktober 1986.
20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe – „Tschernobyl – wo liegt das eigentlich?“ In: Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010.</ref>

Im Oktober 1986 spielte die Initiative Klassische Musiker gegen die WAA Haydns Oratorium Die Schöpfung. Das Konzert der 150 Musiker fand vor ca. 2000 Besuchern in der evangelischen Dreieinigkeitskirche in Regensburg statt. Luise Rinser verfasste dazu einführende Worte über „Haydns Schöpfung gegen die WAA“.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Angst vor Haydns Schöpfung. (Memento vom 6. November 2015 im Internet Archive) In: Die Zeit, 31. Oktober 1986.</ref>

In Salzburg fanden 1986 Anti-WAA-Demonstrationen am Rande der Salzburger Festspiele statt.<ref>Helmut Schödel: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />WAA-Devotionalien in Salzburg – Vom Versuch, in der Stadt der Festspiele zu demonstrieren. (Memento vom 5. November 2015 im Internet Archive) In: Die Zeit, 1. August 1986.</ref> 1986 entstand auch eine „Anti-Atom-Partnerschaft“ zwischen Salzburg und Schwandorf,<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Anti-Atom-Partnerschaft – Händedruck übers Gitter. (Memento vom 17. Januar 2018 im Internet Archive) In: Die Zeit, 28. November 1986.
↑ Johannes Straubinger: Salzburgs Kampf gegen die WAA Wackersdorf. In: Sehnsucht Natur: Ökologisierung des Denkens. 1. Auflage, Books_on_Demand, 2009, ISBN 978-3-8391-0890-1, S. 246–260.</ref> die am 18. November 1986 (auf Weisung der Staatsregierung) vom Kreistag Schwandorf wieder beendet wurde.<ref>SCHWALL – Geschichte der WAA in der Schwandner Allgemeinen. Freies Wackerland Anti-WAA Wackersdorf, abgerufen am 20. Juni 2014.</ref>

In Wien fand 1987 die erste Opernballdemo aus Protest gegen die geplante WAA und gegen den Opernball-Besuch von Franz Josef Strauß statt.<ref>Februar 1987 – Die erste große Anti-Opernballdemonstration war eigentlich eine Demonstration von Gegnern der WAA. In: Der Standard, 19. Februar 2009.</ref> Bei der Kundgebung am 26. Januar sollte symbolisch ein Wackersdorfzaun aufgestellt werden; die Polizei verbot ihn aber und transportierte ihn ab.<ref>Robert_Foltin: Und wir bewegen uns doch – Soziale Bewegungen in Österreich. Edition Grundrisse, Wien 2004, ISBN 3-9501925-0-6, S. 174 f.</ref>

Am 10. Oktober 1987 sorgte der massive Einsatz der Berliner Einheit für besondere Lagen und einsatzbezogenes Training für Schlagzeilen. Die Polizisten gingen mit einer noch nie dagewesenen Brutalität auch auf friedliche Demonstranten los. Von „Knüppelorgien“ und „Hetzjagden gegen friedliche Demonstranten“ war die Rede. Zahlreiche Protestierer wurden dabei zum Teil schwer verletzt.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Berliner Polizei schlug zu – Die Wiederaufarbeitungsanlage ist Geschichte, aber nicht in Vergessenheit geraten. Bilder vom „blutigen Herbst“ 1987 haben sich ins Gedächtnis eingebrannt. (Memento vom 29. Mai 2014 im Internet Archive) In: Mittelbayerische Zeitung, 12. Oktober 2012 (<templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />im Web-Archiv (Memento vom 8. August 2018 im Internet Archive)).</ref> Der Regensburger Polizeipräsident Wilhelm Fenzl, der zuvor mühsam versucht hatte, mit WAA-Gegnern ins Gespräch zu kommen, bat die Staatsanwaltschaft umgehend, Ermittlungen gegen die gewalttätigen Polizeibeamten aufzunehmen.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Prügel statt Gespräche – Eine Berliner Polizeitruppe wird angeklagt. (Memento vom 6. November 2015 im Internet Archive) In: Die Zeit, 6. November 1987 (<templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />im Web-Archiv (Memento vom 8. April 2010 im Internet Archive)).</ref>

Am 1. Oktober 1988 demonstrierten ca. 600 Ärzte aus Deutschland und Österreich. Sie marschierten teils in ihrer weißen Dienstkleidung vom Wackersdorfer Marktplatz zum WAA-Gelände. Der teilnehmende Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter nannte die WAA ein Symbol technokratischer Hybris.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Ärzte in Wackersdorf – Protest als Prophylaxe. (Memento vom 17. Januar 2018 im Internet Archive) In: Die Zeit, 7. Oktober 1988.</ref>

Anti-WAAhnsinns-Festival (1986)

Am 26. und 27. Juli 1986 traten zahlreiche Musikstars auf dem Anti-WAAhnsinns-Festival in Burglengenfeld auf. Das bis dahin größte Rockkonzert der deutschen Geschichte mit über 100.000 Besuchern (auch „deutsches Woodstock“ genannt) markierte den Höhepunkt der Bürgerproteste gegen die WAA.

Weitere Entwicklungen

Datei:WAA Mrz 1989 1.jpg
Demonstration am Bauzaun zur geplanten WAA – im Hintergrund die ersten Rohbauten, März 1989

Bundesweit formierte sich Protest unter dem Slogan „Stoppt den WAAhnsinn“, hervorgebracht sowohl von Umweltschutzorganisationen, Bürgerinitiativen und Wissenschaftlern als auch von Politikern.<ref>Mittelbayerische Zeitung: Dokumentation – Acht Jahre Streit um die WAA in der Oberpfalz. In: Nachdruck der Sonderbeilage. Mittelbayerische Druckerei- und Verlagsgesellschaft MBH Regensburg, 25. Juli 1989, abgerufen am 3. Januar 2020.
Proteste in der Oberpfalz: Das Erbe von Wackersdorf. In: Süddeutsche Zeitung. Abgerufen am 2. Januar 2020.
Was wäre, wenn heute die WAA Wackersdorf stünde? – „Unsere Heimat wäre verwelkt“ – „Glücksfall“ hätte kein Glück gebracht. In: Onetz, 26. März 2011.</ref>

Konflikt zwischen Bayern und Österreich

Ein Konflikt mit Österreich entstand 1986 zwischen Bayern und Österreich aufgrund der Einreiseverbote für österreichische Staatsbürger, die gegen die WAA demonstrieren wollten. Auch aus Österreich sprachen sich Politiker und Organisationen gegen das Projekt aus,<ref>Goldene Regeln – Tausende von Einwendern gegen die atomare Wiederaufarbeitung erhalten Hilfe aus Österreich: Das Nachbarland attackiert Bayern auf allen Ebenen. In: Der Spiegel, 18. Juli 1988.</ref> was u. a. bayerische Politiker verstimmte.<ref>So a G’schiß – Neue Eskalation im Grenzkonflikt: Erst konnten österreichische Demonstranten nicht nach Bayern rein, jetzt dürfen prominente Christsoziale nicht aus Bayern raus. In: Der Spiegel, 13. April 1987.
Ganz übel – Bayern-König Strauß setzt die Alpenfehde fort: Er will einen Atomvertrag mit Österreich verhindern. In: Der Spiegel, 21. September 1987.</ref> Die Bischöfe der an Bayern angrenzenden österreichischen Diözesen wie z. B. Maximilian Aichern und Karl Berg bekundeten ihre Ablehnung der WAA bzw. der Atomkraft.<ref name="Kartoffeln und Kraut">Kirche: Kartoffeln und Kraut – Mit ihrer Haltung zur Kernkraft verkörpern die katholischen Bischöfe ein breites Meinungsspektrum – von CSU-fromm bis grün. In: Der Spiegel, 29. September 1986.</ref> Mehrere Umweltschutzorganisationen riefen zum Boykott des COGEMA-Anteilseigners Siemens auf.

Widerstand im atomrechtlichen Verfahren und Erörterungstermine

Die öffentliche Ablehnung der WAA hatte im behördlichen Genehmigungsverfahren inzwischen Erfolge erzielt. So hob der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (VGH) am 2. April 1987 die erste atomrechtliche Teilerrichtungsgenehmigung auf;<ref>Willy Kuhn: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Ein halber Sieg – Das bayerische Verwaltungsgericht hob die atomrechtliche Baugenehmigung auf. (Memento vom 23. Juni 2016 im Internet Archive) In: Die Zeit, 17. April 1987.</ref> am 29. Januar 1988 erklärte der VGH dann mit Normenkontrollurteil den gesamten Bebauungsplan „Westlicher Taxöldener Forst“ für nichtig, weil in dem baurechtlichen Verfahren zur Planaufstellung im Rahmen des anlagenbezogenen Planungsprozesses „inhärente Restrisiken aus ionisierender Strahlung“ zwar erkannt, aber nicht in die Abwägung eingestellt wurden. Durch die Verweisung der Fragen der Radioaktivität in das parallel laufende atomrechtliche Genehmigungsverfahren würde gegen das verfahrensrechtliche Verbot der Konfliktverlagerung verstoßen.<ref>Dr. Ingo Kraft, Würzburg: Wiederaufarbeitungsanlage ohne Bebauungsplan? Zur Rechtslage nach dem Normenkontrollurteil des BayVGH vom 29. Januar 1988 – zugleich ein Beitrag zur Dogmatik des § 183 VwGO Entscheidungsbesprechung, Umwelt- und Planungsrecht Nr. 8/1988, S. 288–297 (PDF), abgerufen am 2. März 2025</ref> Allerdings wurde auf Grund von Einzelbaugenehmigungen stets weitergebaut.<ref name="bs" /><ref>Wackersdorf: Bruch im Keller – Auch nach dem Urteil des Münchner Verwaltungsgerichtshofs halten Bonn und Bayern am Konzept der Wiederaufarbeitung fest. Die Gegner hoffen auf Baustopp. In: Der Spiegel, 1. Februar 1988.</ref>

Der erste öffentliche Erörterungstermin fand 1984 statt. Es waren dazu rund 50.000 Einwendungen eingegangen.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Erinnerungen an den „WAAhnsinn“ in der Oberpfalz – Zeitzeugen berichten (Memento vom 24. März 2024 im Internet Archive). In: Wochenblatt der Passauer Neuen Presse, 4. Oktober 2018.</ref>

Für die zweite Teilerrichtungsgenehmigung fand der Erörterungstermin im Sommer 1988 in der dafür zu kleinen Stadthalle in Neunburg vorm Wald statt.<ref>Tumulte in Neunburg vorm Wald – Der Erörterungstermin für die Einwendungen gegen die WAA Wackersdorf wurde wenige Stunden nach Beginn unterbrochen / In der völlig überfüllten Halle des Ortes Neunburg vorm Wald sorgt die Inszenierung des „WAA-Erschütterungstermins“ für Empörung. In: taz, 12. Juli 1988.</ref><ref>Neunburg platzt aus allen Nähten – Beim Erörterungstermin für die WAA-Wackersdorf übernehmen WAA-GegnerInnen die Regie / Tumultartige Auseinandersetzungen beim Einlaß in die Stadthalle / Forderungen, Anhörungstermin am geeigneten Ort zu verschieben. In: taz, 12. Juli 1988.</ref> Hierzu ergingen bis Ablauf der zweimonatigen Einwendungsfrist im atomrechtlichen Genehmigungsverfahren am 22. April 1988<ref>Luitgard Koch: Österreicher gegen WAA – Österreichische Delegation übergibt über eine viertel Million Einwendungen gegen WAA / (…) / CSU–Landkreis reiht sich ein, Bericht in der taz vom 21. April 1988, online unter taz.de.</ref><ref>Siehe Bericht Landkreis erhebt Einwendungen gegen WAA im Berchtesgadener Anzeiger Nr. 76 vom 21. April 1988.</ref> 881.000 Einwendungen von Bürgern (420.000<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Wo der Zorn auf taube Ohren stößt – Die Bürgeranhörung zur WAA bleibt eine Farce. (Memento vom 17. Juni 2016 im Internet Archive) In: Die Zeit, 12. August 1988.</ref> bzw. 453.000<ref>Die Wackersdorf-Story. PLAGE, abgerufen am 10. Juli 2019.</ref> davon aus Österreich),<ref name="planet-wissen-07-10"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Wiederaufbereitungsanlagen. (Memento vom 31. Mai 2016 im Internet Archive) In: Planet Wissen, 29. Juli 2010.</ref> die das Verfahren zum bis dahin größten seiner Art werden ließen. In Österreich gab es eine regelrechte Kampagne, bei der sich Politik und die Presse unter anderem durch den Abdruck von „EinWAAnds“–Formularen beteiligten, während sich die bayerische Staatsregierung weiterhin weigerte, Verfahrensunterlagen auch in Österreich auszulegen. Eine Studie des Senatsinstitut für Politikwissenschaft der Universität Salzburg war zu dem Schluss gekommen, dass ein völkerrechtlicher Anspruch auf Mitsprache– und Mitentscheidungsrecht der – seinerzeit noch nicht der EG beigetretenen – Republik Österreich wegen Vorliegen eines „nicht hinnehmbaren oder signifikanten Umweltrisikos“ besteht, der es beispielsweise erfordern würde, den Sicherheitsbericht in Österreich auszulegen und diesen durch eine unabhängige österreichische Expertenkommission begutachten zu lassen.<ref>Österreich von WAA „signifikant gefährdet“ In: taz, 30. März 1988.</ref><ref>Goldene Regeln – Tausende von Einwendern gegen die atomare Wiederaufarbeitung erhalten Hilfe aus Österreich: Das Nachbarland attackiert Bayern auf allen Ebenen. In: Der Spiegel, 17. Juli 1988.</ref> Bei der Erörterung gab es mehrere sogenannte „Österreichtage“.<ref>Österreich-Anhörung im Anti-Wackersdorf-Verfahren. Ö1-Mittagsjournal, 22. Juli 1988 auf Österreichische Mediathek, 7.–14. Min.</ref><ref>Wieder Österreichtag im Wackersdorf-Verfahren. Ö1-Mittagsjournal, 12. August 1988 auf Österreichische Mediathek, 8.–13. Min.</ref>

Die Flut der Einwendungen erforderte im bayerischen Umweltministerium 50 neue Arbeitsplätze.<ref>Sehr unschön – Erstmals könnten die Betreiber der atomaren Wiederaufarbeitung bei Gericht obsiegen – doch sie fürchten den Erfolg. In: Der Spiegel, 5. Juni 1988.</ref> Die weitere Erörterung einzelner Einwendungen wurde nach einigen Wochen von Seiten der Genehmigungsbehörde vorzeitig für beendet erklärt,<ref>Erfolgreicher WAA-Erschütterungstermin In: Die Tageszeitung vom 15. August 1988, abgerufen am 2. März 2025</ref><ref>Überraschendes Ende des Wackersdorf-Verfahrens in Neunburg vorm Wald. Ö1-Abendjournal, 12. August 1988 auf Österreichische Mediathek, 1.–6. Min.</ref> was von den Gegnern der Anlage als Ausdruck der Hilflosigkeit der Behörden gegenüber den vorgebrachten Einwänden empfunden wurde. Im September 1988 gab es wegen der frühzeitigen Beendigung der Anhörungen eine Sondersitzung im Bayerischen Landtag.<ref>Schlußbericht des Enquete-Ausschusses WAA (Drs. 11/17054) Landtags-Drucksache Nr. 11/17054 vom 2. Juli 1990, abgerufen am 2. März 2025</ref>

Tod von Franz Josef Strauß (1988)

Am 3. Oktober 1988 verstarb Franz Josef Strauß. Mit seinem Tod verlor das Projekt einen seiner stärksten politischen Befürworter.<ref>Oskar Duschinger/Bernhard von Zech-Kleber: Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf in: Historisches Lexikon Bayerns vom 7. Dezember 2021, abgerufen am 2. März 2025</ref>

Die Wende bis zur Einstellung des Baus (1989)

1989 entschieden sich die Vorhabensträger für eine Kooperation mit der französischen Cogema.<ref>„Minimum 400 Tonnen Uran pro Jahr“. In: Die Tageszeitung vom 12. Mai 1989, abgerufen am 2. März 2025</ref> VEBA-Manager Rudolf von Bennigsen-Foerder hatte den Ausstieg aus Wackersdorf verkündet, weil das Vorhaben mit zehn Milliarden Mark zu teuer wurde, der Widerstand vor Ort die Stromkonzerne an der Verwirklichung des Projekts zweifeln ließ, durch die massiven juristischen Probleme beim Genehmigungsverfahren die WAA frühestens 1998 den Betrieb hätte aufnehmen können und andererseits das finanzielle Angebot der Cogema sehr attraktiv war (La Hague: 2000 – 3300 DM/kg,<ref>Teurer Abfalleimer – Die Wiederaufarbeitung in Frankreich, die angeblich preiswerte Alternative zu Wackersdorf, kostet deutlich mehr als erwartet. In: Der Spiegel, 17. Juli 1989.</ref> WAW: 4500 DM/kg).<ref>Von Brennstäben zu Bremsen – Über Nacht kam das Aus für die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. In: Die Tageszeitung, 22. Mai 1999.</ref> Die vorgeschriebene Entsorgungssicherheit für den Weiterbetrieb sämtlicher bundesdeutscher Kernkraftwerke stand mit der WAW auf wackeligen Füßen und so befürchteten die Verantwortlichen nicht nur rechtliche Probleme für die laufenden Reaktoren, sondern bei einem Regierungswechsel in Bonn auch den politischen Atomausstieg.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Ab nach La Hague – Todesstoß für Wackersdorf. (Memento vom 2. Juli 2016 im Internet Archive) In: Die Zeit, 21. April 1989.</ref> Die VEBA sah auch die „Chance, die heißgelaufene Diskussion über die Kernenergie in der Bundesrepublik zu entlasten“.<ref>Fällt das Atomstaats-Monument? In: Der Spiegel, 17. April 1989.</ref>

Nach der Entscheidung der VEBA für die atomare Wiederaufarbeitung in Frankreich reagierte die Politik überrascht und erwog anfänglich eine „Zwei-Säulen-Theorie“, welche das Bestehen von zwei Standorten von Wiederaufarbeitungsanlagen in Frankreich und in der Bundesrepublik einschloss.<ref>Verschleierungsspiele um Wackersdorf – Die Bonner Politiker im Energie-Notstand. In: Der Spiegel 24. April 1989.</ref> Der Nachfolger von Strauß, Max Streibl, bereitete Bayern „überraschend flott“ auf den Ausstieg in Wackersdorf vor.<ref>Laues Lüftchen – Ministerpräsident Max Streibl bereitet sein Land überraschend flott auf den Ausstieg in Wackersdorf vor. In: Der Spiegel, 24. Juni 1989.</ref> Siemens war mit dem Unternehmensbereich Kraftwerk Union in Wackersdorf mit einem Auftrag von gut zwei Milliarden Mark beteiligt und lehnte den VEBA-Plan zunächst vehement ab.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Wackersdorf wackelt – Die billigere französische Wiederaufarbeitung macht die bayerische Anlage überflüssig. (Memento vom 17. Januar 2018 im Internet Archive) In: Die Zeit, 21. April 1989.</ref>

Am 31. Mai 1989 wurden die Bauarbeiten eingestellt, nachdem der Energiekonzern VEBA (heute E.ON) als wichtigster Anteilseigner der zukünftigen Betreibergesellschaft mit der Cogema, der Betreiberfirma der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague am 3. April einen Vertrag zur Kooperation unterzeichnet hatte<ref>„Es lag jenseits unserer Vorstellungskraft“ – Spiegel-Gespräch mit Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder über das mögliche Ende der WAA Wackersdorf. In: Der Spiegel. Nr. 16, 1989, S. 22–28 (online).</ref> und die WAA Wackersdorf als „zu langwierig, zu teuer“<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Energiekonzerne kippten die WAA. (Memento vom 29. Mai 2014 im Internet Archive) In: Mittelbayerische Zeitung, 7. Juni 2013.
Zu langwierig, zu teuer – Vor 25 Jahren wurde das Aus für die umstrittene Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf besiegelt. bpb, 6. Juli. 2014.</ref> bezeichnete. Am 6. Juni unterzeichneten Deutschland (Umweltminister Klaus Töpfer) und Frankreich (Industrieminister Roger Fauroux) die Verträge über eine gemeinsame Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague<ref name="lk">Landkreis Schwandorf: WAA Wackersdorf 1980–1989. www.landkreis-schwandorf.de, 26. Oktober 2006.</ref> und am 18. Januar 1990 die Musterverträge<ref>Exchange of notes constituting an agreement concerning contracts between British Nuclear Fuels plc and the Deutsche Gesellschaft fuer Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen for the reprocessing by British Nuclear Fuels plc of certain quantities of irradiated nuclear fuel elements. In: United Nations Treaty Collection. United Nations, 21. März 1991, S. 629ff, abgerufen am 5. Juni 2020.</ref> mit England über die Wiederaufarbeitung in Sellafield/Windscale. Die Anlage Wiederaufarbeitungsanlage THORP des Unternehmens British Nuclear Fuels ging 1994 in Cumbria (England) an der Irischen See in Betrieb. Dort wird vor allem die Aufarbeitung von ausländischen Brennelementen vorgenommen. Ein Großteil des Materials stammte aus Deutschland.

Die Demonstrationen gegen die WAA traten eine Prozesslawine<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Katz und Maus vor Gericht – Wie Demonstranten zu Gewalttätern gemacht werden. (Memento vom 5. November 2015 im Internet Archive) In: Die Zeit, 6. Juni 1986.</ref> los und beschäftigten jahrelang die Gerichte. Nach 3400 Strafverfahren gegen Atomgegner wurde der letzte WAA-Fall erst Mitte der 1990er Jahre abgeschlossen.<ref>Blutige Schlachten gegen den „WAAhnsinn“. In: Stern, 19. September 2003.</ref> Während der acht Jahre dauernden WAA-Auseinandersetzung wurden 4000 Kernkraftgegner festgenommen und über 2000 verurteilt, meist zu Geldstrafen, jedoch auch zu Haftstrafen, zum Teil auch ohne Bewährung. Von 400 Strafanzeigen aus den Reihen der Demonstranten gegen Polizeieinsatzkräfte wurden nur 21 Ermittlungsverfahren eingeleitet und alle wieder eingestellt.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Als die WAA ihr Waterloo erlebte – Acht Jahre war der Name Wackersdorf Synonym für die erbitterte Auseinandersetzung um die Wiederaufarbeitung. (Memento vom 8. August 2014 im Internet Archive) In: Mittelbayerische Zeitung, 19. Mai 2009.</ref>

Umwandlung zum „Innovationspark Wackersdorf“

Nach der Projekteinstellung konnte das Gelände von den Managern der WAA innerhalb weniger Wochen an Industriefirmen vermietet oder veräußert werden.<ref>Ein seltenes Glück – Das teuerste Industriegelände, das je in Deutschland zu vergeben war, wird nun von kleinen und großen Unternehmen besiedelt. In: Der Spiegel, 24. Juli 1989.</ref> BMW schloss zum Jahresende 1989 einen Vertrag zum Kauf eines Teilgeländes (50 ha)<ref>Autositze statt Autonome – Neue Nutzung für Gelände der atomaren Anlage Wackersdorf. In: Neue Zürcher Zeitung, 17. November 2003.</ref> ab, seit 1990 werden hier Fahrzeugkarosserien gefertigt. Ab 1994 wurde dieser BMW-Standort zum Industriepark ausgebaut. 1998 wurde der BMW Industriepark Wackersdorf in Innovationspark Wackersdorf umbenannt.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Innovationspark Wackersdorf – Historie (Memento vom 25. Oktober 2014 im Internet Archive)</ref>

Gegenwärtig sind dort folgende Unternehmen ansässig:

BMW Grammer Polytec Interior Comline
SGL Automotive Carbon Fibers HAGA Metallbau Recticel Modine
Caterpillar Hochtief Facility Management Gillhuber Logistik
Fehrer Intier Automotive Eybl Sennebogen Tuja
Gerresheimer Werkzeugbau Lear Corporation Günter Stahl GmbH Norsk Hydro
Possehl Electronics GmbH

Ein Kernstück der Anlage, das Manipulatorträgersystem, wurde dem Institut für Werkstoffkunde in Hannover übergeben und bildet die Basis des Unterwassertechnikums in Garbsen (UWTH). Dort wird damit unter anderem Forschung zur autonomen Zerlegung von Kernkraftwerken betrieben.

Die Gemeinde Wackersdorf bekam nach dem WAA-Aus rund 1,5 Milliarden Mark als Ausgleichszahlung.<ref>Prügelorgien und Nervengas – Vor 25 Jahren wurde ein Baustopp für die atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf verfügt … Bei der Rückschau drängen sich Parallelen zur Auseinandersetzung um den Tiefbahnhof Stuttgart 21 auf. In: Kontext: Wochenzeitung, 25. Juni 2014.</ref> Die DWK musste noch 500 Millionen DM dazugeben.<ref>Wehrt euch, leistet Widerstand – Vor 25 Jahren begann die Schlacht um Wackersdorf. Ein Erweckungserlebnis der Anti-Atom-Bewegung. In: Der Tagesspiegel, 17. Februar 2007.</ref>

Auch vom Industriepark Wackersdorf profitiert heute vornehmlich die Gemeinde Wackersdorf, die deshalb zu den reichen Kommunen in Bayern gehört.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Drei Buchstaben, zwei Lager, ein Wunder – 1989 kam das Aus für die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf. Die MZ fragt Experten, wie die WAA die Oberpfalz verändert hätte. (Memento vom 29. Mai 2014 im Internet Archive) In: Mittelbayerische Zeitung, 20. Mai 2014.</ref> Nach Einschätzung des Bürgermeisters Thomas Falter (CSU) sind 2014 in Wackersdorf durch den Innovationspark und die Ausgleichszahlung von 1,5 Milliarden Mark mehr Arbeitsplätze vorhanden als mit der WAA.<ref>Als die Bürger über die Politik siegten – Die geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf entfachte einen nie da gewesenen Bürgerprotest. Vor 25 Jahren wurde der Baustopp verfügt – ein Sieg, von dem manch einer heute noch zehrt. In: Die Welt, 31. Mai 2014.</ref>

Zeittafel

Tabellarische Chronologie<ref>Oskar Duschinger: Hans Schuierer. Symbolfigur des friedlichen Widerstands gegen die WAA. Regenstauf 2018, S. 12 f.</ref><ref>Exemplarische Chronologie des WAA-Widerstandes der BI Schwandorf (PDF; 0,3 MB) – Alfred Wolfsteiner nach den Unterlagen von Wolfgang Nowak auf Kultur gegen die WAA</ref><ref>WAA-Infotafeln am ehemaligen Baugelände und am Franziskus-Marterl</ref><ref>Eckdaten zur Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf – (Gemeinde Wackersdorf)</ref>
1977
Februar Die Suche nach einem Standort für eine Wiederaufarbeitungsanlage beginnt.
1979
Juli Erste Gerüchte in der regionalen Presse über ein mögliches atomares Zwischenlager im Landkreis Schwandorf. Wackersdorf wird erstmals als möglicher Standort erwähnt.
8. September Beschluss der Regierungschefs von Bund und Ländern auf eine schnelle Errichtung einer WAA hinzuwirken.
1980
3. Dezember Franz Josef Strauß will WAA-Standort in Bayern.
1981
12. August Erklärung der Regensburger Initiative gegen Atomanlagen (RIGA): WAA soll nicht nach Wackersdorf kommen
Oktober Raum Schwandorf als WAA-Standort im Gespräch
Oktober Die Bayerische Staatsregierung veröffentlicht die „Kriterien zur Bewertung von Standorten für eine industrielle Anlage zur Wiederaufarbeitung bestrahlter Kernbrennstoffe in Bayern“.
7. Oktober Gründung einer ersten Bürgerinitiative (BI) in Schwandorf
14. November 2000 Menschen demonstrieren in Regensburg gegen die WAA
20. November Erste Vollversammlung der BI; Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen(DWK) richtet eigenes Werbe-Büro in Schwandorf ein (Werbeetat p. a. 2 Mio. DM)
2. Dezember Veranstaltung in der Oberpfalzhalle mit Peter Weish (Wien) und Hubert Weinzierl; Gemeinsame Resolution von CSU, SPD, Grünen, BN und Bis sowie örtlichen Vereinen gegen eine WAA im Landkreis Schwandorf
1982
18. Februar DWK beantragt Raumordnungsverfahren für drei mögliche Standorte im Landkreis Schwandorf (Teublitz, Steinberg am See, Wackersdorf)
17. März Demonstration in Schwandorf mit 15.000 Beteiligten als Reaktion anlässlich der Beantragung des Raumordnungsverfahrens durch die DWK
Juni Der Wackersdorfer Gemeinderat und Bürgermeister Josef Ebner (SPD) stimmen für die WAA.
1983
14. Mai Turmbau im Taxölderner Forst, Abbruchverfügung seitens des Landratsamtes binnen 24 Stunden, Verwaltungsgericht setzt sofortigen Vollzug aus (vgl. Spielfilm Wackersdorf (2018))
20. Mai Polizei reißt den Turm im Taxöldener Forst auf Weisung des Innenministers ab.
23. August DWK reicht beim Umweltministerium den Antrag auf Erteilung einer ersten Teilerrichtungsgenehmigung ein. (53.000 Einwender)
17. November Kreistag Schwandorf begrüßt mit CSU-Mehrheit den Bau der WAA.
1984
7. Februar Beginn des ersten öffentlichen Anhörungsverfahrens (Erörterungstermin) in Neunburg vorm Wald.
18. März CSU verliert die absolute Mehrheit im Kreistag.
30. September Christlicher Widerstand: Das Franziskus-Marterl wird eingeweiht (erstes Kirchweihfest).<ref>Christlicher Widerstand auf Kultur gegen die WAA (Uli Otto)</ref>
Oktober Landrat und WAA-Gegner Hans Schuierer wird mit rund 71 % der Stimmen wiedergewählt.
1985
4. Februar Die DWK entscheidet sich offiziell für den WAA-Standort Wackersdorf.
1. Mai Das bisherige gemeindefreie Gebiet „Taxölderner Forst“ wird überwiegend in die Gemeinde Wackersdorf eingegliedert
9. Juli Landtag beschließt „Selbsteintrittsrecht“ der Regierung (Lex Schuierer).
14. August Bau des Freundschaftshauses
18. September Gründung der DWK-Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf GmbH (DWW)
24. September Erteilung der ersten atomrechtlichen Teilerrichtungsgenehmigung.
11. Dezember Beginn der ersten Rodungsarbeiten
15. Dezember Platzbesetzung und Bau eines Hüttendorf am Rodungsplatz (50 Festnahmen)
16. Dezember Räumung des ersten Hüttendorfes mit ca. 3.000 – 4.000 Polizisten; 1.500 WAA-Gegner vom Platz geräumt, 869 Festnahmen, Innenminister Karl Hillermeier vor Ort, Einsatz von CS-Gas, abends Spontan-Demo auf dem Marktplatz in Schwandorf
21. Dezember Erneute Platzbesetzung: Mit dem Bau des zweiten Hüttendorfes wird begonnen. Bis 7. Januar entstehen rund 200 Häuser. Zehntausende Einheimische solidarisieren sich und bringen Verpflegung und Material in die „Republik Freies Wackerland“
31. Dezember Segnung des ersten Holzkreuzes; Jahresschlussandacht mit Norbert Brox
1986
5. Januar Zu einem Kulturfest u. a. mit Gerhard Polt und der Biermösl Blosn kommen ca. 15.000 Menschen in das Hüttendorf.
7. Januar Räumung des zweiten Hüttendorfes nach 18 Tagen „Wackerland“ (ca. 2.000 Dorfbewohner) durch 3.000 Polizisten und Beamte des BGS
16. Januar 50 Physiker der Uni Regensburg warnen in einer von insgesamt 173 Kollegen unterzeichneten Resolution vor den Gefahren einer WAA
1. Februar Die Städte Salzburg und Linz melden schwere Bedenken gegen die WAA an.
12. Februar Wackersdorf wird Standortgemeinde der WAA.
13. Februar Politischer Aschermittwoch in Schwandorf mit Hans Schuierer, Hubert Weinzierl, Erhard Eppler, Robert Jungk, Carl Amery, Franz Xaver Kroetz, Harald Grill u. a.
20. Februar Die erste Kreuzfigur entstanden während des Hüttendorfes wird von Unbekannten am Franziskus-Marterl gestohlen.
30. März Osterdemonstration: 30.000 Menschen demonstrieren am Bauzaun. Einsatz von Wasserwerfern und CS-Reizgas. Ein asthmakranker Mann stirbt.
31. März Ostermarsch: 100.000 Menschen protestieren. Am Bauzaun kommt es zu Auseinandersetzungen. Die Polizei setzt Wasserwerfer und CS-Gas ein.
26. April Nuklearkatastrophe von Tschernobyl
17.–19. Mai Über die Pfingstfeiertage kommt es am Zaun zu schweren Zusammenstößen der Demonstranten mit der Polizei. Am Pfingstmontag wirft die Polizei aus Hubschraubern Gasgranaten in die Menge, ca. 3.500 Verletzte
22. Mai Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen Landrat Hans Schuierer. - Einstellung am 17. April 1989
Juli Einreiseverbot für WAA-Gegner aus Österreich.
26./27. Juli Anti-WAAhnsinns-Festival in Burglengenfeld mit etwa 100.000 Besuchern.
29. September Demonstration und gellendes Pfeifkonzert beim Wahlkampfauftritt von Franz-Josef-Strauß im Schwandorfer Sepp-Simon-Station<ref>Strauß in Schwandorf: Grüne Gefahr (NDR-Panorama vom 30. September 1986, 7 Min.)</ref>
9. Oktober Protestaktion vor der Münchner Staatskanzlei und Übergabe von 200.000 Unterschriften gegen Atomenergie und Wiederaufarbeitung.
1987
4. März Beginn des Erdaushubs für den Bau des Brennelementeeingangslagers.
10. Oktober 20.000 Menschen marschieren zum Bauzaun. „Prügel-Einsatz“ einer Sondereinheit der Berliner Polizei gegen die Demonstranten.
6. November Harald GrillsJorinde und Joringel im Wackersdorfer Wald“, Uraufführung in Regensburg,
16. November Anti-Atom-Bündnis im Rahmen der Umweltpartnerschaft mit Salzburg.
1988
26. Januar Antrag auf Erteilung der zweiten atomrechtlichen Teilgenehmigung.
29. Januar BayVGH hebt den Bebauungsplan des Landratsamtes Schwandorf auf, „weil nuklearspezifische Risiken nicht ausreichend berücksichtigt wurden“.
11. Juli Beginn des zweiten öffentlichen Anhörungsverfahrens in Neunburg vorm Wald (nach 23 Tagen vom Bayerischen Umweltministerium abgebrochen)
1. Oktober Ärzte-Demo im weißen Kittel mit Herbert Begemann, Hans Becker, dem Theologen Norbert Brox, dem Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter, Harald Theml, Stefan Thierfelder mit WAA-Spaziergang, Podiumsdiskussion
3. Oktober Der Bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß stirbt in Regensburg.
1. November „Tag der Künstler gegen Wackersdorf“ – für eine atomfreie Zukunft mit Salzburger Landestheater
28. November Besuch der Bundestagsfraktion der Grünen mit Besichtigung des WAA-Geländes, öffentliche Fraktionssitzung
1989
7. Januar Bregenz Bischof Erwin Kräutler
11. April Düsseldorfer Energie-Konzern VEBA als wichtiger Anteilseigner der DWK plant eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Wiederaufbereitung mit der französischen Nukleargesellschaft Cogema.
April Die VEBA AG gibt bekannt, dass die französische Cogema ein Angebot unterbreitet hat, ab 1999 abgebrannte Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken aufzuarbeiten.
16. April Rund 6.000 WAA-Gegner feiern das Ende der WAA in Wackersdorf.
5.–7. Mai 5. Deutsch-Japanisches Friedensforum in Schwandorf; Besuch am Marterl und am Bauzaun
31. Mai Die DWK vollzieht den Baustopp mit der symbolischen Schließung des Eisentores am Haupteingang.
3. Juni Anti-WAA-Demo in München
4. Juni Jesuitenpater Ludwig Kaufmann am Franziskus-Marterl
Juni Die DWK lässt die atomaren Brennstäbe nun in La Hague (Frankreich) aufarbeiten.
1990
23. Juli Auflösung Info-Büro „Freies Wackerland“
1993
31. März DWK verlässt Wackersdorf endgültig
2000
20. Juli WAA-Widerstands-Denkmal auf dem Mozartplatz in Salzburg (PLAGE)
2005
26. Oktober Verleihung des Wilhelm-Hoegner-Preises an Hans Schuierer im Bayerischen Landtag

Gutachten

Hydrologische und geologische Gutachten

Besonders die hydrologischen und geologischen Gutachten, die der Bauherr DWK mit den Anträgen vorlegte, standen in der Kritik der Vorhabensgegner.<ref>Widersprüche und Fehler in den WAA-Gutachten (PDF; 12 MB) – (Radi Aktiv vom Juli 1987, S. 17–21)</ref> Der Geologe Erwin Rutte hatte den Eindruck, dass im Gutachten bewusst gefälscht wurde, „Darstellungen verbogen und ganz wichtige geologische Fragen überhaupt nicht behandelt“ wurden<ref>»Es ist nicht zu begreifen« – Spiegel-Interview mit dem Geologen Erwin Rutte über Wackersdorf. In: Der Spiegel, 11. Oktober 1987.</ref> und die Gutachter den WAA-Untergrund nicht sorgfältig geprüft haben.<ref>Dynamischer Vorgang – Mit dubiosen Methoden versucht der Freistaat Bayern, den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage voranzutreiben. In: Der Spiegel, 11. Oktober 1987.</ref> Der energiepolitischer Sprecher der Grünen Wolfgang Daniels nahm 1987 im Bundestag die ungeprüften Gutachten im Detail auseinander und begründete den Antrag der Grünen auf sofortigen Baustopp für die geplante WAA in der Oberpfalz.<ref>WAA-Gutachten „zurechtgebogen“ – Grüne im Bundestag mit detaillierter Kritik an Einzelaussagen der hydrologischen und geologischen Expertisen der DWK / Antrag auf Baustopp eingebracht und begründet / DWK-Gutachten von keiner Behörde geprüft. In: taz, 28. März 1987.</ref> Besonders das hydrologische Gutachten und die Gefährdung eines der größten Trinkwasserreservoirs der Oberpfalz – die Bodenwöhrer Senke standen 1988 im Mittelpunkt des Erörterungsverfahrens in Neunburg vorm Wald.<ref>Keine heile Unterwelt in Wackersdorf – Hydrogeologische Fragen im Mittelpunkt des WAA-Erörterungsverfahrens / Der DWK-Gutachter fehlte, Dessen Vertreter blamierte sich gründlich / Einwender zeigen sich empört über das Vorgehen der DWK. In: taz, 16. Juli 1988.</ref> Der Chemiker Armin Weiß bewies beim Erörterungstermin anhand von Satellitenbildern von Landsat 1/2, die tektonische Brüche im Bereich der WAA-Baustelle zeigten, dass eine Gefährdung für das Grundwasser besteht.<ref>WAA-Gegner erhalten Hilfe aus dem All – Satellitenbilder widerlegen Version der WAA-Betreiberfirma DWK / Tektonische Brüche. In: taz, 28. Juli 1988.</ref> Laut dem Landesentwicklungsplan durfte von der WAA keine Gefährdung des überregional bedeutsamen „Grundwasserreservoirs Bodenwöhrer Senke“ ausgehen.<ref>WAA – ein legaler Schwarzbau – Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs: Bebauungsplan für das Gebiet der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf ist nichtig / Konsequenzen des Urteils strittig / Klägeranwalt: „Baugenehmigungen praktisch gegenstandslos“ / München: „Kein Baustopp“ In: taz, 30. Januar 1988.</ref> Dabei wurde 1990 nach dem WAA-Baustopp festgestellt, dass das Grundwasserreservoir schon während des Baus der WAA mit leichtflüchtigen Chlorkohlenwasserstoffen und polycyclischen Biphenylen verunreinigt wurde.<ref>WAA-Bau verseuchte Grundwasser-Reservoir – Die Bodenwöhrer Senke in der Oberpfalz ist zugegebenermaßen „verunreinigt“ / Grünen-Anfrage im Landtag bestätigt. In: taz, 24. Februar 1990.</ref>

Nürnberger Gutachten

Die Stadt Nürnberg ließ von der Gruppe Ökologie Hannover ein Gutachten erstellen, da aufgrund der stark zunehmenden Eisenbahn-Transporte mit radioaktiven Materialien von und nach Wackersdorf über den unfallträchtigen Rangierbahnhof Nürnberg das Risiko für die dortige Bevölkerung „nicht zu vernachlässigen“ sei. Bei bestimmten untersuchten Katastrophenszenarien mit Plutoniumnitrat-Lösung etwa seien sehr hohe Strahlenbelastungen möglich und die Notwendigkeit großflächiger Evakuierungen nicht auszuschließen, das Risiko von „zusätzlichen Krebsfällen“ in der Region werde erhöht.<ref>»Die Heimat nicht billig verspielen« – Widerstand gegen Bayerns Atomfabrik im oberpfälzischen Wackersdorf. Die CSU-Regierung hat den Baubeginn für die atomare Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) im oberpfälzischen Wackersdorf freigegeben. Atomgegner rüsten in Bayern zum »heißen Herbst«. Sozialdemokraten und Grüne, aber auch lokale CSU-Politiker bekämpfen die »gefährlichste Industrieanlage aller Zeiten«. Zehntausende von Kernkraftgegnern aus der Bundesrepublik wollen gegen den »WAAhnsinn« Widerstand leisten. In: Der Spiegel, 29. September 1985.</ref>

Salzburger Gutachten

Auch in Salzburg wurden zwei Gutachten zur WAA erstellt. Eine sozialwissenschaftliche Studie zur WAA 1987 warf den Betreibern der WAA Scheinheiligkeit vor und beklagte eine systematische Behinderung oppositioneller Bewegungen ähnlich der McCarthy-Ära.<ref>Sorgen um Demokratie in der BRD – Sozialwissenschaftliche Studie aus Österreich zur WAA wirft den Betreibern der Atomfabrik Scheinheiligkeit vor und beklagt systematische Behinderung oppositioneller Bewegungen / Vergleiche mit McCarthy-Ära. In: taz, 20. November 1987.</ref> Ein politikwissenschaftliches Gutachten 1988 leitete aus dem Völkerrecht ein Mitsprache- und Mitentscheidungsrecht Österreichs an der WAA ab, hielt die WAA völkerrechtlich unzulässig und empfahl Österreich, den Internationalen Gerichtshof anzurufen.<ref>Österreich von WAA „signifikant gefährdet“ – Gutachten leitet aus dem Völkerrecht Mitsprache– und Mitentscheidungsrecht Österreichs an der WAA ab / WAA völkerrechtlich unzulässig / Alpenrepublik soll Internationalen Gerichtshof anrufen / „EinWAAnds“–Kampagne läuft in Salzburg auf Hochtouren. In: taz, 30. März 1988.</ref><ref>Pressekonferenz: Grüne zu Wackersdorf. In: Ö1-Abendjournal, 8. Juli 1988 auf Österreichische Mediathek, 41.–47. Min.</ref>

Wiener Expertise

Eine Expertise des österreichischen Umweltbundesamtes in Wien kam 1986 zu dem Ergebnis, dass auch beim Normalbetrieb ein kontinuierlicher Austritt radioaktiver Substanzen (besonders Krypton 85) erfolgen würde. Radioaktive Stoffe würden über die Naab in die Donau gelangen und durch den über 200 m hohen Schornstein würde der Ferntransport radioaktiver Luftschadstoffe nach Salzburg und Österreich begünstigt.<ref>BRD: Die Wackersdorf – Pläne. In: Ö1-Mittagsjournal, 15. Mai 1986 auf Österreichische Mediathek, 20.–27. Min.</ref>

Untersuchungsausschüsse

„Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf“ (1985–1986)

Eingesetzt wurde der Untersuchungsausschuss auf Antrag der SPD im Dezember 1985 und der Schlussbericht<ref>Schlussbericht des Untersuchungsausschusses „Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf“ (PDF; 1,5 MB). Bayerischer Landtag, 1. Juli 1986.</ref> wurde dem Plenum im Juli 1986 vorgelegt. Vorsitzende: Hermann Leeb (CSU), Helmut Ritzer (SPD)

Vorwurf der Gutachtenmanipulation (1988–1990)

Details aus der Forschungsarbeit der Bayerischen Landesanstalt für Bodenkultur und Pflanzenbau zur Gutachtenerstellung für die erste Teilerrichtungsgenehmigung führten zum Vorwurf, auf den Gutachter der Landesanstalt sei von Beamten des Bayerischen Staatsministeriums für Landesentwicklung und Umweltfragen Einfluss genommen worden, um die Ergebnisse in einem bestimmten Sinne zu korrigieren.<ref>Tom Schimmeck, Andreas Schmidt: Der Beweis. In: Tempo. Hamburg August 1986, S. 42–45.</ref> Diese Vorwürfe wurden auch Teil der Arbeit eines späteren Untersuchungsausschusses des Bayerischen Landtages, der am 28. September 1988 von Abgeordneten der SPD und der Grünen-Fraktion beantragt<ref>Antrag – Enquete-Ausschuß WAA. In: Drucksache 11/7949. Bayerischer Landtag, 28. September 1988, abgerufen am 4. Mai 2020.</ref> und am 2. Februar 1989 eingesetzt<ref>85. Sitzung. In: Plenarprotokoll 11/85. Bayerischer Landtag, 2. Februar 1989, abgerufen am 4. Mai 2020.</ref> wurde. Einige Mitglieder des Untersuchungsausschusses stellen in ihrem abschließenden Minderheitenbericht u. a. fest, das Bayerische Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen sei „nicht als unabhängiger Sachwalter der Interessen der Bevölkerung Bayerns, sondern als Förderer und Helfer für die möglichst rasche Errichtung der WAA“ tätig geworden und habe zugunsten der ersten Teilerrichtungsgenehmigung „Meßwerte für den Jodtransfer Boden-Weidebewuchs mißachtet, welche die Genehmigungsfähigkeit infrage gestellt hätten“.<ref>Schluß-Bericht des Enquete-Ausschusses WAA. In: Drucksache 11/17054. Bayerischer Landtag, 2. Juli 1990, abgerufen am 4. Mai 2020.</ref>

Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden. Anti-WAA-Aktivisten

Deutschland:

Datei:Anti-Atom-Partnerschaft - Hans Schuierer - Josef Reschen - Alter Markt Salzburg 27-7-1986.jpg
Anti-Atom-Partnerschaft: Schuierer und Reschen 1986 am Protestzaun von Richard Hörl (Alter Markt - Salzburg)

Österreich:

Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden.Protestdenkmäler

Datei:Anti-WAA-Wackersdorf-Franziskus-Marterl.jpg
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Datei:Lanzenanger Gedenkstein.jpg
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Datei:Anti WAA Votivtafel in Schwandorf Kreuzberg.jpg
Votivtafel in der Kreuzbergkirche
Datei:Salzburg - Altstadt - Mozartplatz 'Der Zaun des Anstoßes' - 2018 11 21-1.jpg
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Zur Erinnerung an den Widerstand gegen die WAA wurden einige Denkmäler errichtet:

Richard Hörl im Salzburgwiki.</ref> Im Juli 1986 stiegen dort Salzburgs Bürgermeister Josef Reschen und Landrat Hans Schuierer auf eine Leiter und besiegelten per Handschlag über den Bauzaun die Anti-Atom-Partnerschaft zwischen Salzburg und dem Landkreis Schwandorf.<ref>Handschlag-Foto In: Kultur gegen die WAA, S. 10.
Ein Landrat gegen die Atomkraft: Der „Titan von Wackersdorf“ wird 90. – (Salzburger Nachrichten vom 6. Februar 2021)</ref>

Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Anker“ ist nicht vorhanden.Film- und Tondokumente

Filme

Zum Thema WAA wurden einige Dokumentarfilme gedreht.

Schreckgespenst WAA auf Medienwerkstatt Franken, 25 Min</ref>

Spielfilm

Tondokumente

Hörprobe 1, Hörprobe 2, Hörprobe 3 (mp3) auf LOhrBär-Verlag</ref>

  • Lieder aus dem oberpfälzer Widerstand der 1980er Jahre: Hör- und Video-Beispiele auf Kultur gegen die WAA<ref>Hör- und Video-Beispiele auf Kultur gegen die WAA</ref>

Literatur

  • Janine Gaumer: Wackersdorf. Atomkraft und Demokratie in der Bundesrepublik 1980–1989. München 2018, ISBN 978-3-96238-073-1.
  • Dietmar Zierer: Radioaktiver Zerfall der Freiheit – WAA Wackersdorf. Lokal-Verlag, 1988, ISBN 978-3-925603-06-8.
  • Gerhard Götz: WAA Wackersdorf – Vor und hinter dem Zaun. Fotodokumentation mit über 500 Fotos. Büro Wilhelm Verlag, Amberg 2018, ISBN 978-3-943242-94-2.
  • Bruno Rettelbach: Vom Pfälzer zum Oberpfälzer. ("Zwischen Bauzaun und Grenzgebirge", S. 139–179), 2009, ISBN 978-3-8370-5257-2<ref>Vom Pfälzer zum Oberpfälzer. (Zwischen Bauzaun und Grenzgebirge, S. 139–179) auf Google Books</ref>
  • Radi Aktiv – „bayerisches Anti Atom Magazin“ (1985–1990) mit Schwerpunkt WAA-Wackersdorf<ref>Radi Aktiv – (Laka-Archiv)</ref>
  • BayernSPD-Landtagsfraktion (Hrsg.): Der erste Schritt zum Atomausstieg. 25 Jahre Baustopp WAA Wackersdorf. In: Der Freistaat – Bayerische Schriften für soziale Demokratie. 12/2014.<ref>25 Jahre Baustopp WAA Wackersdorf – BayernSPD, 2014.</ref>

Weblinks

Einzelnachweise

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