Dienst (Architektur)
Ein Dienst ist in der gotischen Baukunst ein viertel- bis dreiviertelkreisförmiges oder birnenförmiges, schlankes Säulchen, das Gewölbegurte, Gewölberippen oder Archivolten trägt.<ref name=":0">Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. Mit englischem, französischem, italienischem und spanischem Fachglossar (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 194). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X (Digitalisat auf moodle.unifr.ch, abgerufen am 15. Juli 2024), S. 132: Dienst.</ref>
Begriff
Die Bezeichnung Dienst wurde von Georg Gottfried Kallenbach 1843/45 in die baugeschichtliche Literatur eingeführt,<ref name=":1">Ernst Gall: Dienst. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. 3, 1954, Sp. 1467–1479. (Abschrift auf rdklabor.de, abgerufen am 15. Juli 2024)</ref> die zuvor nur Säulchen, Stabwerk usw. verwendete.<ref name=":1" /> Der Begriff Dienst soll allerdings aus der älteren Handwerkssprache stammen. Tatsächlich ist in den Wochenrechnungen des Prager Dombaus bereits 1372/78 neben der Bezeichnung zeul czu failer auch failerdinst, sichte pilaris dicte dinst oder mehrfach der einfache Ausdruck dinst zu finden.<ref name=":1" /><ref name="Binding">Günther Binding: Was ist Gotik? Darmstadt 2000, V.5. Rundpfeiler, Gliederpfeiler, Bündelpfeiler, S. 227.</ref>
Geschichte, Gestaltung und Verwendung
Der gotische Dienst entwickelte sich aus der schlanken romanischen Wandsäule.<ref name=":0" /> Er ist in der Regel an einen Pfeilerkern angegliedert oder um ihn herum angeordnet (vgl. Bündelpfeiler) oder der Wand vorgelegt (Wanddienst) und ‚bedient‘ Gurte und Rippen der darauf liegenden Bögen oder Gewölbe. Mehrere zu einer Gruppe zusammengefasste Dienste bilden ein Dienstbündel. Der Dienst hat Basis und Kapitell, die in der Entwicklung des gotischen Stils immer kleiner werden und schließlich ab dem 15. Jahrhundert wegfallen. Der Dienst kann durch Schaftringe (Wirtel) oder verkröpfte Gesimse unterteilt sein. Dienste steigen gewöhnlich vom Boden oder von einem Sockel auf, können aber auch erst über den Arkadenkapitellen beginnen.
Fehlen Dienste als Gurt- oder Rippenträger kann deren Funktion von Konsolen übernommen werden.
Alte und junge Dienste
Einige Bauhistoriker unterscheiden die Dienste eines Bündelpfeilers oder Dienstbündels begrifflich nach ihrem relativen Durchmesser. Ein Alter Dienst ist ein dickerer Dienst<ref>Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. Mit englischem, französischem, italienischem und spanischem Fachglossar (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 194). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X (Digitalisat auf moodle.unifr.ch, abgerufen am 15. Juli 2024), S. 14: Alter Dienst.</ref>, dagegen ein Junger Dienst ein weniger betonter, dünnerer Dienst.<ref>Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. Mit englischem, französischem, italienischem und spanischem Fachglossar (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 194). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X (Digitalisat auf moodle.unifr.ch, abgerufen am 15. Juli 2024), S. 258: Junger Dienst.</ref> Vereinzelt gebräuchlich sind gleichbedeutend die Bezeichnungen starker Dienst und schwacher Dienst.<ref>Reclam: Kleines Wörterbuch der Architektur. S. 100, Abb. 79.</ref> Andere Autoren bezeichnen die Fortsetzungen sowohl der Quer- als auch der Längsgurte als alte Dienste und nur diejenigen gotischer Rippen als neue Dienste.<ref>Satz nach Fritz Baumgart: DuMont’s kleines Sachlexikon der Architektur. Köln 1977, Lemma Dienst.</ref>
Konstruktive und funktionelle Bedeutung
Dienste setzen sich nach oben in die Gurte bzw. Grate oder Rippen eines Gewölbes hinein fort und scheinen so deren Lasten abzutragen. Doch während kräftige Wandpfeilervorlagen tatsächlich als innere Verstärkung der äußeren Strebepfeiler wirken und als Widerlager des Gewölbeschubs eine im statischen Sinne echte baukonstruktive Bedeutung einnehmen können, übernehmen die schlanken Stäbe und Säulchen der Dienste lediglich einen funktionelle Bedeutung, „insofern sie das Auge aufwärts zum Gewölbe führen und als Leitkörper dynamischer Kräfte erscheinen.“<ref name=":1" /> In der hochgotischen französischen Form wirken die Dienste nach Ernst Gall „als Ständer eines hochaufschießenden Gerüstes“.<ref name=":1" />
Literatur
- Ernst Gall: Dienst. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. 3, 1954, Sp. 1467–1479. (Abschrift auf rdklabor.de, abgerufen am 15. Juli 2024)
Einzelnachweise
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