Tagebuch einer Kammerzofe (1964)
| Produktionsland | Frankreich, Italien |
|---|---|
| Originalsprache | Französisch |
| Erscheinungsjahr | 1964 |
| Länge | 97 Minuten |
| Altersfreigabe |
</ref> |
| Stab | |
| Regie | Luis Buñuel |
| Drehbuch | Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière |
| Produktion | Serge Silberman |
| Musik | Antoine Petitjean |
| Kamera | Roger Fellous |
| Schnitt | Luis Buñuel, Louisette Hautecoeur |
| Besetzung | |
| |
| → Synchronisation | |
Tagebuch einer Kammerzofe ist ein in Frankreich gedrehter Kriminalfilm von Luis Buñuel aus dem Jahr 1964 und basiert auf Octave Mirbeaus gleichnamigem Roman, der bereits 1946 von Jean Renoir verfilmt wurde. In dieser scharfen Satire auf die verlogene, in ihren reaktionären Traditionen verharrende französische Provinz-Bourgeoisie zwischen den zwei Weltkriegen brandmarkt Buñuel diese Traditionen als Anzeichen des aufkeimenden Faschismus.
Als das Dienstmädchen Célestine (Jeanne Moreau) aus Paris in die Normandie zu ihren neuen Herrschaften kommt, treten die versteckten gesellschaftlichen Konflikte zu Tage. In Tagebuch einer Kammerzofe verzichtet Luis Buñuel weitgehend auf surrealistische Mittel, die bei seinen vorangegangenen Filmen meist eine große Rolle gespielt haben. Die Figuren und die Handlung scheinen auf den ersten Blick geradlinig und durchsichtig, doch im Laufe des Films treten immer mehr Fragezeichen auf.
Handlung
Der Film spielt im Jahr 1928. Ein Zug fährt durch eine gesichtslose Landschaft. Im Provinzbahnhof angekommen steigt Célestine, ganz Dame aus der Hauptstadt Paris, aus und wird von dem mürrischen Kutscher Joseph zu dem Haus gebracht, in dem sie eine Stelle als Kammerzofe antreten soll. Schon der Wechsel in der Geschwindigkeit der Fortbewegungsmittel – von der Eisenbahn zur Pferdekutsche – signalisiert, wie groß die Kluft zwischen der bisherigen Umgebung Célestines, der Großstadt, und dem, was sie erwartet, ist. Kaum auf dem Herrensitz angekommen, wird sie von Madame Monteil, der Hausherrin, ein- und zurechtgewiesen. Ihre Kleidung und ihr Auftreten seien in dieser Umgebung, die von Traditionen geleitet sei, nicht schicklich. Célestine gibt sich unterwürfig, wie es von ihr erwartet wird, schert sich aber ansonsten wenig um die ihr aufgelegten Beschränkungen.
Der Vater Madame Monteils, Monsieur Rabour, stand bei der Ankunft Célestines bereits hinter einem Baum, um sie mit seinen Blicken zu verfolgen. Er unterhält sich danach mit seinem Schwiegersohn über die Jagd und feuert auf Anweisung von Monsieur Monteil seinen ersten Schuss aus der Schrotflinte ab: auf einen Schmetterling, der sich zusammen mit einer Biene auf einer Blume niedergelassen hat. Später begegnet Monsieur Monteil Célestine im Badezimmer, und der Frauenheld, als der er dargestellt wird, gerät ins Stottern. Der alte Rabour bittet Célestine in sein Zimmer, damit sie ihm aus einem Buch vorliest. In Wirklichkeit geht es ihm jedoch darum, das Zimmermädchen in den Stiefeletten auf- und abgehen zu sehen, die er, als Erinnerung an seine Geliebten, in einem Schrank aufbewahrt. Er möchte sie an ihren Waden berühren, und Célestine lässt es geschehen. Kurz darauf tritt Capitaine Mauger, der Nachbar der Monteils, ins Bild, ein Offizier der Reserve, der die Familie jenseits des Zaunes verachtet und verspottet, indem er slapstickartig seine Abfälle über die Einfriedung wirft.
Alle Männer auf dem Herrensitz stellen früher oder später Célestine nach, die sie jedoch mit ihrer Nüchternheit zunächst auflaufen lässt. Der Alte ist mit seinem Schuhfetischismus noch der harmloseste, er stirbt bald halbnackt zwischen seinen Fetischen. Der Hausherr ist ihr nicht gewachsen und läuft mit seinen Annäherungsversuchen ins Leere. Später wird er die unterwürfige, unattraktive Hausdienerin Marianne zwingen, ihm zu Diensten zu sein. Joseph, der Kutscher, ein Antisemit und gemeinsam mit dem Kirchendiener in der faschistischen Bewegung aktiv, tritt Célestine zunächst feindselig gegenüber, eine Haltung, die als Abwehrreaktion gesehen werden kann, da er ihr später einen Heiratsantrag machen wird. Auch der ebenfalls antisemitische Militarist und Nachbar wird ihr kurz darauf einen Heiratsantrag machen, den sie vorgibt, „prüfen“ zu wollen.
Später wird das kleine Bauernmädchen Claire, das Célestine ins Herz geschlossen hat, vergewaltigt und ermordet im Wald aufgefunden. Zuvor hüpfte es noch, Rotkäppchen gleich, zwischen den Bäumen mit einem Körbchen, um Beeren zu pflücken. Joseph traf es zufällig am Wegesrand, verabschiedete sich von ihm und wandte sich ab, lief dann aber in den Wald hinein, offenbar auf Claires Spuren.
Célestine erfährt von dem Verbrechen, als sie nach dem Tod des alten Rebour, zur Abreise entschlossen, mit ihrem Koffer auf dem Bahnsteig steht. Sie hatte endgültig genug von diesem Haus, als sich ihre Herrin als bigotte, dem Pfarrer hörige und in ihren Zwängen gefangene Madame aufführte, die darüber hinaus noch seltsame chemische Experimente vornahm. Auch von Joseph war Célestine angewidert, spätestens seit er eine Gans vor dem Schlachten quälte, angeblich, damit sie einen besseren Geschmack bekam. Als sie von dem Mord an Claire hört, kehrt Célestine in das Herrenhaus zurück und will den Mörder der Kleinen finden. Zu diesem Zweck geht sie zum Schein auf den Heiratsantrag Josephs ein, um Hinweise für seine Tat zu finden oder ihm ein Geständnis entlocken zu können. Doch nichts gelingt. Josephs Aktivitäten als Faschist spitzen sich zu, und Célestine schiebt ihm ein vermeintliches Beweisstück unter, das ihn als Mörder Claires überführen soll. Es kommt zu einem Prozess, doch Joseph wird bald freigelassen und eröffnet eine Hafenkneipe in Cherbourg. Célestine heiratet den Hauptmann. Sie erfährt, dass sie die Alleinerbin ist und hört, wie ihr Mann beiläufig erwähnt, am Morgen zur Jagd gehen zu wollen. Dann kommt ein Schnitt. Joseph steht vor seiner Kneipe in Cherbourg. Auf der Straße marschieren rechte Demonstranten und rufen antisemitische Parolen. Das Geschrei verklingt in der Ferne.
Hintergrund
Tagebuch einer Kammerzofe wurde in Schwarzweiß gedreht und basiert auf Octave Mirbeaus gleichnamigen Roman aus dem Jahre 1900. Jean Renoir verfilmte den Roman bereits 1946. Allerdings mit einigen Abweichungen: Ein Happy End milderte die Gesellschaftskritik der Vorlage ab. Buñuel veränderte die Geschichte ebenfalls, um sie seinem Stil anzupassen: Er übertrug die Handlung aus dem 19. Jahrhundert in das Jahr 1928. Zu dieser Zeit lebte er in Frankreich und beteiligte sich an den gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen. Tagebuch einer Kammerzofe gehört in die letzte Schaffensperiode Buñuels, der in der spanischen Diktatur unter Franco nicht weiter produzieren konnte.
„So frei und neugierig wie dieses Dienstmädchen eine Entdeckungsreise in die Perversion eines anderen Menschen unternimmt, blickt Buñuel auf die Perversionen aller seiner Figuren.“
Der Film erzeugt Spannung durch eine Anzahl von parodistischen, grotesken, ironischen und manchmal allzu realistischen Anspielungen. Seine Kritik an der bürgerlichen und reaktionären Gesellschaft äußert sich vor allem in seiner Schlusssequenz, in der Joseph, der reaktionäre Nationalist, der Mörder und Vergewaltiger, eine fremdenfeindliche Demonstration anfeuert.
Joseph ruft am Ende des Films bei der Demonstration Vive Chiappe. Chiappe ist der Präfekt, der unter dem Druck rechter Kreise in Frankreich ein Aufführungsverbot des Films Das goldene Zeitalter durchgesetzt hat.
Kritiken
„Das ‚Tagebuch‘ […] beweist mit fast dokumentarischer Strenge, warum nichts gelingen kann, wenn man die Rechnung ohne die Gesellschaft macht.“
„So könnte man den Film im übrigen auch als schwarze Komödie sehen, als Abgesang auf eine kriegswillige und mordlüsterne Gesellschaft, die in den Abgrund des Todes stürzt, um sich aus den Trümmern Jahre später wieder zu regenerieren.“
„Ohne straffe Handlung bietet der Film in der Hauptsache Schilderung dekadenten Milieus und schließt sich den bisherigen Angriffen des spanischen Regisseurs Bunuel auf bestimmte Gesellschaftsschichten an. Die Redlichkeit seines Unterfangens bleibt trotz formaler Vorzüge Zweifeln ausgesetzt. Für Erwachsene.“
Synchronisation
Die deutsche Synchronfassung entstand bei der Ultra Film Synchron in Berlin. Das Dialogbuch schrieb Wolfgang Schnitzler, die Dialogregie übernahm Hermann Gressieker<ref>Tagebuch einer Kammerzofe. In: Deutsche Synchronkartei. Abgerufen am 21. März 2020.</ref>
| Rolle | Darsteller | Synchronsprecher |
|---|---|---|
| Célestine | Jeanne Moreau | Hannelore Schroth |
| M. Monteil | Michel Piccoli | Horst Niendorf |
| Hpt. Mauger | Daniel Ivernel | Martin Hirthe |
| Mme. Monteil | Françoise Lugagne | Agi Prandhoff |
| M. Rabour | Jean Ozenne | Robert Klupp |
| Joseph | Georges Géret | Hans Dieter Zeidler |
Literatur
- Luis Buñuel: Mein letzter Seufzer. Erinnerungen. Aus dem Französischen von Frieda Grafe und Enno Patalas. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1983. Neuausgabe: Alexander Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-89581-112-2.
- Peter William Evans: The Films of Luis Buñuel. Subjectivity and Desire. Oxford Univ. Press, 1995, ISBN 978-0-19-815906-3.
Weblinks
- Vorlage:IMDb/1
- Tagebuch einer Kammerzofe bei Rotten Tomatoes (englisch)
Einzelnachweise
<references />
Vorlage:Klappleiste/Anfang Ein andalusischer Hund | Das goldene Zeitalter | Land ohne Brot | Gran Casino | Der große Lebemann | Die Vergessenen | Susanna – Tochter des Lasters | Die Tochter der Lüge | Eine Frau ohne Liebe | Der Weg, der zum Himmel führt | El Bruto, der Starke | Robinson Crusoe | Er | Abgründe der Leidenschaft | Die Illusion fährt mit der Straßenbahn | Der Fluß und der Tod | Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz | Morgenröte | Pesthauch des Dschungels | Nazarin | Für ihn verkauf’ ich mich | Das junge Mädchen | Viridiana | Der Würgeengel | Tagebuch einer Kammerzofe | Simon in der Wüste | Belle de Jour – Schöne des Tages | Die Milchstraße | Tristana | Der diskrete Charme der Bourgeoisie | Das Gespenst der Freiheit | Dieses obskure Objekt der Begierde Vorlage:Klappleiste/Ende