Aton-Hymnus
Hymnus an Aton, auch Großer Sonnengesang oder Großer Sonnenhymnus des Echnaton ist die Bezeichnung für einen altägyptischen Hymnus der 18. Dynastie aus der Zeit des Königs (Pharao) Echnaton (um 1351–1334 v. Chr., Neues Reich).
Ursprung und Quelle
Der Text entstand während der Regierungszeit des Echnaton um 1345 v. Chr. in Ägypten. Als sein Verfasser gilt Echnaton selbst. Der in Hieroglyphen geschriebene Text ist nur ein einziges Mal im Grab des Eje (Grab Nr. 25) in Amarna belegt, wo er mit 13 vertikalen Kolumnen fast die gesamte Fläche der rechten Wand des kurzen Eingangskorridors zum Grabinneren einnimmt.
Die Inschrift wurde um 1890 teilweise zerstört, ist jedoch als vollständige Abschrift von Urbain Bouriant aus den Jahren 1883/1884 erhalten, so dass der gesamte Hymnus übersetzt werden konnte.<ref>Nicholas Reeves: Echnaton. Ägyptens falscher Prophet (= Kulturgeschichte der Antiken Welt. Band 91). von Zabern, Mainz 2002, ISBN 3-8053-2828-1, S. 166.</ref>
Neben dem „Großen Sonnenhymnus“ ist aus weiteren fünf Gräbern in Tell el-Amarna der sogenannte „Kleine Sonnenhymnus“ bekannt. Dieser Text ist wesentlich kürzer als der des Großen Sonnengesangs. Bei drei Texten werden die Worte von Echnaton selbst gesprochen, bei den beiden anderen sprechen die Würdenträger in seinem Namen.
Inhalt
In der ersten Zeile des Sonnengesangs werden die beiden Namen des Gottes Aton von König Echnaton und dessen Großer königlicher Gemahlin Nofretete genannt. Dieser Anbetung folgen die Worte „er [Echnaton] sagt“ und leiten den Hymnus ein.<ref>Erik Hornung: Echnaton. Die Religion des Lichtes. Artemis, Zürich 1995, ISBN 3-7608-1111-6 / Patmos, München 2003, ISBN 3-491-69076-5, S. 88.</ref>
Zentrales Thema ist die Einzigartigkeit und Singularität des Sonnengottes als Schöpfer und Erhalter der Welt und allen Lebens in all seiner Vielfalt. Aton ist {{
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}} Er ist dadurch nicht nur Gott über das Land Ägypten, sondern wird zum Gott aller Menschen. Darüber hinaus werden seine kosmischen Qualitäten als Himmelskörper und seine Königsqualitäten besonders gepriesen.
Interpretation
Hornung interpretiert den Text als frei von mythischen Vorstellungen: „Durch sein Licht erschafft er die Welt immer wieder neu. Er ist reine Gegenwart und bedarf keiner mythischen Vergangenheit mehr.“<ref>Erik Hornung: Echnaton. Die Religion des Lichts. Zürich 1995, S. 93.</ref> Im Zentrum des Hymnus steht die Schöpferkraft des Aton; er erschafft nicht nur die gesamte Welt, er ist zudem ein Gott, der sich selbst schuf: er {{
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Sämtliche Tiere, Pflanzen, Menschen, alles Leben wird von Aton geschaffen und jeden Tag erneuert. Die Nacht, in der Aton verborgen ist, wird mit düsterer Symbolik umschrieben: {{
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}}<ref>Übersetzung von Jan Assmann in: N. Reeves: Echnaton. Ägyptens falscher Prophet. Mainz 2002, S. 162.</ref> Die Bilder anderer Götter werden durch Bilder aus der realen Natur ersetzt und drücken, wie auch die Kunst der Amarna-Zeit, eine starke Naturverbundenheit aus:
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}}{{#if: Alles Vieh ist zufrieden mit seinem Kraut, Bäume und Kräuter grünen. Die Vögel sind aus ihren Nestern aufgeflogen, ihre Schwingen preisen deinen Ka. Alles Wild hüpft auf den Füßen, alles was fliegt und flattert, lebt, wenn du für sie aufgegangen bist.
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}}<ref>Übersetzung von Erik Hornung in: Hermann A. Schlögl: Echnaton, Tutanchamun. Daten, Fakten, Literatur. 4., erweiterte Auflage, Harrassowitz, Wiesbaden 1993, ISBN 3-447-03359-2, S. 113.</ref>
In der Amarna-Theologie sind Sonnengott und König unmittelbar aufeinander bezogen, wobei die einzigartige Position des Sonnengottes am Himmel ihre Entsprechung in der exklusiven Position des Königs auf Erden findet. König Echnaton ist alleiniger Mittler zwischen Gott und Menschen, und ausschließlich ihm offenbarte sich der Gott:
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Donald Redford versteht dieses naturverbundene Konzept jedoch nicht als positiv. „er [Aton] scheint keinerlei Mitgefühl mit seinen Geschöpfen zu haben. Er gibt ihnen das Leben und sorgt für ihren Unterhalt, aber in einer ziemlich mechanischen, interessenlosen Weise. In keinem Text ist zu lesen, dass er den Schrei der Armen hört, den Kranken hilft oder den Sündern vergibt.“<ref>Donald B. Redford: Akhenaten, the Heretic King. Princeton University Press, Princeton 1984, ISBN 0-691-03567-9, S. 178.</ref>
Die Mehrzahl der Forscher, auch wenn sie es unterschiedlich empfinden und interpretieren, sehen den Aton-Hymnus also als lebendiges Element Geschichte, das einen unmittelbaren Einblick in die neue Theologie vermittelt. Dagegen wenden sich Reeves und Allen, die der Aton-Religion den Gehalt absprechen und sie nur als ein ungenügend ausgeformtes Instrument sehen, mit dem Echnaton sich aus der festgefügten Rolle lösen und das Königtum neu definieren konnte: „Die inhaltliche Substanz des Hymnus ist zu dürftig, um darauf das Konzept einer neuen Religion zu errichten.“<ref name="reeves166">N. Reeves: Echnaton. Ägyptens falscher Prophet. Mainz 2002, S. 166.</ref> Allen kommt zu dem Ergebnis – worin Reeves ihm zustimmt: „Der Gott von Echnatons 'Religion' ist Echnaton selbst.“<ref>J. P. Allen in: W. K. Simpsons Religion and Philosophy in Ancient Egypt (= Yale Egyptological studies. Band 3). Yale Egyptological Seminar, Department of Near Eastern Languages and Civilizations, the Graduate School, Yale University, New Haven (Conn) 1989, ISBN 0-912532-18-1, S. 100.</ref>
Reeves weist darauf hin, dass einige Motive „in einem praktisch identischer Art verfaßten Hymnus an den Gott Amun (Papyrus Bulaq 17) aus der Vor-Amarna-Zeit vorkommen […] Wie haben wir solche Anleihen zu interpretieren?“<ref name="reeves166" /> Diese Frage beantwortet er folgendermaßen: „Wir können uns aber auch eines instinktiven Gefühls wohlkalkulierter Planung nicht erwehren, die vertraute Elemente in zynischer Weise miteinander kombiniert und mit einem bestimmten Ziel vor Augen neu verpackte. […] die Aton-Religion war in Wahrheit nichts anderes als ein pragmatisches Element der politischen Kontrolle.“<ref name="reeves166" />
Rezeption in der Bibel
Schon bald nach seiner Erstpublikation 1884 wurde eine große inhaltliche Nähe des Aton-Hymnus zu Vorlage:Bibel/Link der Bibel festgestellt, desgleichen Vorlage:Bibel/Link. Dies liegt vermutlich an der generellen Präsenz dieses Textes im Nahen Osten. Jan Assmann vermutet, dass Teile von Psalm 104 eine direkte Übersetzung des ägyptischen Texte darstellen.<ref>Jan Assmann: Moses der Ägypter. Fischer, Frankfurt 2004, ISBN 3-596-14371-3, S. 255.</ref> Die meisten Alttestamentler sind aber deutlich zurückhaltender. So verweist etwa Hans-Joachim Kraus auf die erheblichen (theologischen) Unterschiede zwischen dem ägyptischen und dem biblischen Text, die eher auf eine mündliche Überlieferung hindeuten. „Israel wird die Bekanntschaft mit dem ägyptischen Lied durch die Welt der bronzezeitlichen Städte Kanaans vermittelt bekommen haben“.<ref>Hans-Joachim Kraus: Psalmen. 2. Teilband. Psalmen 60–150. (= Biblischer Kommentar. Band 15/2). 7. Auflage, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2003, S. 885.</ref>
Ausgaben
- Textausgaben
- Norman de Garis Davies: The Rock Tombs of El Amarna. Teil 6: The Tombs of Parennefer, Tutu, and Ay (= Memoirs of the Archaeological Survey of Egypt. Band 18). Egypt Exploration Society, London 1908 (Digitalisat).
- Maj Sandman: Texts from the Time of Akhenaten (= Bibliotheca Aegyptiaca. Band 8). Édition de la Fondation Égyptologique Reine Élisabeth, Brüssel 1938 (online).
- Übersetzungen
- Jan Assmann: Ägyptische Hymnen und Gebete (= Orbis biblicus et orientalis.). 2. Auflage, Freiburg / Göttingen 1999, ISBN 3-7278-1230-3 (Digitalisat).
- Christian Bayer: Echnaton – Sonnenhymnen. Reclam, Stuttgart 2007, ISBN 3-15-018492-4.
- Pierre Grandet: Hymnes de la religion d’Aton. Édition du Seuil, Paris 1995, ISBN 2-02-022058-X.
- Erik Hornung: Altägyptische Dichtung. Reclam, Stuttgart 1996/2000, ISBN 3-15-009381-3.
- William J. Murnane: Texts from the Amarna Period in Egypt. Scholars Press, Atlanta (GA) 1995, ISBN 1-55540-965-2.
Weblinks
- Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie: Der große Sonnen-Hymnus des Echnaton. in der Übersetzung nach Jan Assmann.
- Der Atonhymnus des Königs Echnaton. (mit Hieroglyphen) Auf: astrodoc.net; zuletzt abgerufen am 24. April 2026.
Einzelnachweise
<references />