Sexualität Adolf Hitlers
Die Sexualität Adolf Hitlers ist Gegenstand geschichtswissenschaftlicher und psychologischer Debatten und auch nach heutigem Wissensstand nicht vollständig ergründet. Hitler lernte seine langjährige Lebensgefährtin Eva Braun 1929 kennen und heiratete sie am 29. April 1945, einen Tag vor dem gemeinsamen Suizid.
Wissenschaftliche Untersuchung
Allgemeines
Über das Sexualleben Hitlers gibt es bis heute keine vollständige Untersuchung (die sexuellen Aktivitäten zahlreicher Personen aus Hitlers Umfeld gelten hingegen als recht gut dokumentiert). Es gibt Hinweise, dass Hitler einige teils erheblich jüngere Frauen verehrte. Hitler lehnte Homosexualität strikt ab, für homosexuelle Neigungen Hitlers gibt es keine Belege.<ref>Andrew Nagorski: Hitlerland: American Eyewitnesses to the Nazi Rise to Power. Simon and Schuster, New York, S. 81.</ref> Adolf Hitlers Monorchie gilt durch eine 1923 durchgeführte Untersuchung des Gefängnisarztes von Landsberg als weitgehend sicher belegt.<ref>Sven Felix Kellerhoff: Der wahre Grund für Hitlers gestörtes Sexleben. In: Die Welt, 18. Dezember 2015 (<templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />online ( vom 18. Dezember 2015 im Internet Archive), abgerufen am 18. Dezember 2015).</ref>
Während des Zweiten Weltkrieges wurden Falschinformationen zur Diskreditierung Hitlers verbreitet, die ihm stigmatisierte Sexualpraktiken unterstellten.
Viele Informationen über Hitlers Privatleben stammen von Personen aus Hitlers näherem Umfeld wie z. B. von Albert Speer, diversen Adjutanten und Sekretärinnen sowie der Familie Richard Wagners. Es wird über eine Beziehung zwischen ihm und seiner Halbnichte Angela Raubal, genannt „Geli“, spekuliert. Diese zog im Oktober 1929 zu Hitler in dessen Münchner Wohnung; dort erschoss sie sich einen Tag nach einem Streit mit Hitler am 18. September 1931.
Hitler lernte 1929 Eva Braun kennen. Braun war Mitarbeiterin seines Fotografen Heinrich Hoffmann. Nach Geli Raubals Tod intensivierte sich entweder noch 1931 oder wahrscheinlicher 1932 die Beziehung von Eva Braun zu Hitler.<ref>Heike B. Görtemaker: Eva Braun: Leben mit Hitler. München 2010 S. 19, 51f.</ref>
Bis zu ihrem Tod unterhielten Hitler und Braun eine langjährige Beziehung; diese war nur Hitlers nächstem Umfeld bekannt. Gegenüber diesem Umfeld lebten Hitler und Braun in Berchtesgaden offen als Paar. Hitler hatte ein hohes Interesse an Braun und sorgte sich laut Berichten sehr um sie, wenn sie Sport trieb oder zu spät nach Hause kam.<ref name="Speer"></ref> Hitler und Braun heirateten vor ihrem gemeinsamen Suizid.<ref name="Beevor"></ref> (→ Hitlers Geliebte).
Ernst Hanfstaengl, ein Angehöriger von Hitlers innerem Kreis, dessen Berichte häufig als Beleg bei Untersuchungen über Hitlers Sexualleben angeführt werden, schrieb über Hitlers Sexualität:
“I felt Hitler was a case of a man who was neither fish, flesh nor fowl, neither fully homosexual nor fully heterosexual. […] I had formed the firm conviction that he was impotent, the repressed, masturbating type.”
„Ich glaubte, Hitler sei ein Fall eines Mannes, der weder Fisch, noch Fleisch, noch Geflügel, weder gänzlich homosexuell noch gänzlich heterosexuell war […] Ich war zum festen Glauben gekommen, dass er impotent sei, der unterdrückte, masturbierende Typ.“
Ungeachtet dieses Eindrucks versuchte Hanfstaengl (erfolglos), eine Beziehung zwischen Hitler und der Tochter des amerikanischen Botschafters Martha Dodd zu arrangieren.<ref>Eric Larson: In the Garden of Beasts: Love, Terror, and an American Family in Hitler’s Berlin. Crown Publishers, New York 2011.</ref>
Untersuchung des OSS
1943 erhielt das Office of Strategic Services (OSS) der USA A Psychological Analysis of Adolf Hitler: His Life and Legend, verfasst von Walter C. Langer mit Unterstützung mehrerer Psychoanalytiker, eine Untersuchung, die ein besseres Verständnis Hitlers ermöglichen sollte.<ref>Walter C. Langer: A Psychological Profile of Adolph Hitler. His Life and Legend. Die Originalfassung ist <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />online hier ( vom 28. August 2005 im Internet Archive) über das Nizkor Project verfügbar.</ref> Teile des Textes flossen in The Mind of Adolf Hitler: The Secret Wartime Report ein, in dem der ursprüngliche Text mit einem Vorwort von Langers Bruder William L. Langer, einer Einführung von Langer selbst und einem Nachwort des Psychoanalytikers und Historikers Robert G. L. Waite ergänzt wird.<ref name="langer"></ref> Ziel der Autoren war eine „psychologische Analyse […] die versucht, Hitler als Person und die seinen Handlungen zugrunde liegenden Motivationen verständlich zu machen“. Der Bericht des OSS bezeichnet Hitler als impotent und koprophil.<ref name="langer" /> Die Autoren stellen an Hitler mögliche homosexuelle Tendenzen fest, die jedoch zu wenig ausgeprägt seien, um einen Einfluss auf Hitlers Entscheidungsvermögen auszuüben. Otto Strasser, ein Rivale Hitlers in der NSDAP, behauptete, dass Hitler seine Nichte Geli Raubal gezwungen habe, auf ihn zu defäkieren und zu urinieren.<ref>Oliver Cyriax: Crime: an encyclopedia. Andre Deutsch, 1993, S. 135.</ref> Langer nahm unter Berufung auf Ernst Hanfstaengl an, dass Helene Bechstein, die Ehefrau des Berliner Klavierfabrikanten Edwin Bechstein, versuchte, eine Ehe zwischen Hitler und ihrer unattraktiven Tochter Lottie zu arrangieren. Eine Anfrage Hitlers wurde von Lottie abgelehnt.<ref>The Mind of Adolf Hitler. Walter C. Langer, New York 1972, S. 96.</ref>
Der Psychologe Henry Murray verfasste 1943 unter dem Titel Analysis of the Personality of Adolph Hitler: With Predictions of His Future Behavior and Suggestions for Dealing with Him Now and After Germany’s Surrender einen weiteren psychoanalytischen Bericht für das OSS,<ref>Entry for <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Dr. Henry A. Murray, Analysis of the Personality of Adolph Hitler ( vom 18. Juni 2012 im Internet Archive) at Cornell University Law Library</ref> in dem er Hitlers angenommene Koprophilie untersuchte, hauptsächlich jedoch eine schizophrene Erkrankung bei Hitler diagnostizierte. Murray stützte seinen Bericht auf W. H. D. Vernons 1942 erschienenen Essay Hitler, the man: Notes for a case history.<ref>W. H. D. Vernon: Hitler, the man – notes for a case history. In: The Journal of Abnormal and Social Psychology, Juli 1942, Band 37, Nr. 3, S. 295–308; siehe auch Medicus: A Psychiatrist Looks at Hitler. In: The New Republic, 26 April 1939, S. 326–327.</ref>
Untersuchung nach 1945
In den Jahren nach Hitlers Tod wurden zahlreiche Thesen über Hitlers Sexualität aufgestellt, darunter die Annahmen, dass Hitler homo-, bi- oder asexuell gewesen sei oder nur einen Hoden gehabt habe.
Der Historiker Lothar Machtan gibt in Hitlers Geheimnis an, dass Hitler homosexuell gewesen sei. Seine Spekulationen stützen sich auf Berichte über Hitlers Kontakte zu Freunden in Wien, zu Ernst Röhm, Hanfstaengl und Emil Maurice und das Mend-Protokoll, eine Niederschrift von Angaben, die Hans Mend, ein ehemaliger Soldat, der mit Hitler während des Ersten Weltkrieges in Kontakt kam, gegenüber der Münchner Polizei in den frühen 1920er Jahren machte. 2004 produzierte HBO unter dem Titel Hidden Fuhrer: Debating the Enigma of Hitlers Sexuality einen Dokumentarfilm auf Basis von Machtans Thesen. Mend war ein verurteilter Betrüger, der Historiker Anton Joachimsthaler bezeichnet das Protokoll als unzuverlässig. Ron Rosenbaum kritisiert Machtans Arbeit mit dem Argument, seine Belege seien nicht schlüssig und oft weit davon entfernt, überhaupt Belege zu sein.<ref>Ron Rosenbaum: Queer as Volk. Slate, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 1. August 2012; abgerufen am 23. Juli 2012.</ref>
Das 1995 erschienene Buch Das pinke Hakenkreuz von Scott Lively und Kevin Abrams befasst sich mit ähnlichen Themen. Das pinke Hakenkreuz und ähnliche Bücher werden häufig wegen Ungenauigkeiten und der Manipulation von Fakten kritisiert und ihre Thesen daher von den meisten Historikern nicht anerkannt.<ref name="jensen"></ref><ref name="pink-triangle.org">The Other Side of the Pink Triangle: Still a Pink Triangle. 24. Oktober 1994, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 12. Oktober 2008; abgerufen am 8. November 2008 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Bob Moser schrieb in einer Arbeit für das Southern Poverty Law Center über Das pinke Hakenkreuz, dass das Buch von homosexuellenfeindlichen Gruppen propagiert werde und die Grundthese des Buches, laut dem die meisten hochrangigen Nazis homosexuell gewesen seien und dies ein Beispiel für die Gewalttätigkeit und Gefährlichkeit Homosexueller sei, von nahezu allen Historikern abgelehnt werde.<ref></ref>
Jack Nusan Porter, an der University of Massachusetts Lowell tätig, schrieb:
“Did Hitler despise homosexuals? Was he ashamed of his own homosexual identity? These are areas of psychohistory that are beyond known knowledge. My own feelings are that Hitler was asexual in the traditional sense and had bizarre sexual fetishes.”
„Verachtete Hitler Homosexuelle? Schämte er sich seiner eigenen homosexuellen Identität? Das sind Bereiche der Psychohistorie, die jenseits unseres Wissens liegen. Ich glaube, dass Hitler im traditionellen Sinn asexuell war und bizarre sexuelle Fetische hatte.“
Nach dem Tod von Winifred Wagners Ehemann Siegfried im Jahre 1930 intensivierte sich der Kontakt Wagners zu Hitler. 1933 kursierten Gerüchte, eine Eheschließung zwischen Hitler und Winifred Wagner stehe bevor.
Leni Riefenstahl war mit Hitler zwölf Jahre lang befreundet, einzelne Berichte weisen auf eine sexuelle Beziehung zwischen Hitler und Riefenstahl hin.<ref>Glenn B. Infield: Eva and Adolf. Grosset and Dunlap, New York 1974 (Interviews mit vormaligen SS-Offizieren, die Hitler und Braun nahestanden).</ref> Laut Ernst Hanfstaengl, einem engen Freund Hitlers während der 1920er und der frühen 1930er Jahre, versuchte Riefenstahl in frühen Jahren, eine Beziehung mit Hitler zu beginnen, was dieser ablehnte.<ref name="the independent2">Tom Mathews: Leni: The life and work of Leni Riefenstahl, by Steven Bach. In: The Independent. 29. April 2007, S. XX, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 13. September 2010; abgerufen am 23. Juli 2012.</ref> Riefenstahl dementierte, ein amouröses oder sexuelles Interesse an Hitler gehabt zu haben. In ihren 1987 veröffentlichten Memoiren beschreibt sie eine Szene, in der Hitler versucht haben soll, sie zu küssen.<ref>TV-Interview mit Sandra Maischberger: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Leni Riefenstahl – The Immoderation of Me (2002), ( vom 19. Februar 2021 im Internet Archive) Passage bei 28:07, online abgerufen am 22. Dezember 2015.</ref>
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Aussagen über die sexuellen Vorlieben Adolf Hitlers über Vermutungen kaum hinausgehen. Die wissenschaftlichen Erörterungen sind mehr oder weniger plausible Thesen. Sogenannte „Enthüllungsberichte“ haben häufig eher den Charakter von Klatsch- und Tratschgeschichten. In der politischen Auseinandersetzung deuten Verlautbarungen über „abweichendes“ Sexualverhalten Hitlers eher auf eine Instrumentalisierung hin, die als Ausdruck eines hilflosen Widerstands gewertet werden kann. Dieser kam auch in den Flüsterwitzen und Spottgedichten des Dritten Reiches auf Hitler und seinen Umkreis deutlich zum Ausdruck. Homosexualität und Impotenz gehörten zu den bevorzugten Bereichen, wenn über das Intimleben von Hitler und anderen Nazigrößen gewitzelt wurde.<ref>Friedrich Koch: Sexuelle Denunziation. Die Sexualität in der politischen Auseinandersetzung. 2. Auflage. Hamburg 1995, ISBN 3-434-46229-5, S. 96 ff.</ref>
Beziehungen zu Frauen
| Name | Lebenszeit | Alter zum Todeszeitpunkt | Todesursache | Erster Kontakt mit Hitler | Beziehung | Quellen | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Datei:Sarlot l.jpg | Charlotte Lobjoie | 1898–1951 | 53 | mutmaßlich 1917 | Laut diversen strittigen Behauptungen entstammte der Beziehung der Sohn Jean-Marie Loret. | <ref>Peter Allen: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Hitler had son with French teen. ( vom 21. Februar 2012 im Internet Archive) The Telegraph, 17. Februar 2012</ref> | |
| Erna Hanfstaengl | 1885–1981 | 96 | Natürliche Ursachen | in den 1920ern | Mutmaßliche Beziehung | <ref></ref> | |
| Geli Raubal | 4. Januar 1908– 18. September 1931 |
23 | Suizid | Besuchte Hitler 1924 in Festungshaft | Nichte, mutmaßliche Beziehung, lebte 1929 bis 1931 bei ihm | ||
| Maria Reiter | 23. Dezember 1909–28. Juli 1992 | 81 | Natürliche Ursachen, erfolgloser Suizidversuch 1927 | 1927 | Mutmaßliche Beziehung | <ref name="ro">Ron Rosenbaum: Explaining Hitler: The Search for the Origins of his Evil. Macmillan, 1998, S. 114–116.</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Foreign News: Uneven Romance ( vom 13. Januar 2019 im Internet Archive) Time, 29. Juni 1959</ref> | |
| Datei:Eva Braun portrait - 1 of 3 (242-EB-26-01).jpg | Eva Braun | 6. Februar 1912– 30. April 1945 |
33 | Doppelsuizid mit Hitler im Alter von 33 Jahren | 1929 | Ehefrau 29.–30.04.1945 | |
| Datei:Unity-Mitford.jpg | Unity Mitford | 8. August 1914– 28. Mai 1948 |
33 | Starb an den Folgen eines acht Jahre zurückliegenden Suizidversuches. | 1934 | Bekanntschaft, mögliche Beziehung | <ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Unity Mitford and “Hitler’s Baby”. ( vom 29. Januar 2021 im Internet Archive) New Statesman, 13. Dezember 2007</ref> |
Während Hitlers Zeit in Linz war Stefanie Rabatsch sein Jugendschwarm, zu der jedoch nie eine Beziehung zustande kam.
Siehe auch
Literatur
- Ron Rosenbaum: Explaining Hitler: The Search for the Origins of His Evil. Harper Perennial, New York 1999, ISBN 0-06-095339-X.
- Entry for Dr. Henry A. Murray, Analysis of the Personality of Adolph Hitler at Cornell University Law Library
- Lothar Machtan: Hitlers Geheimnis. Das Doppelleben eines Diktators. 2001 (Fischer taschenbuch 2003, ISBN 3-596-15927-X).
- Norbert Bromberg, Verna Volz Small: Hitler’s Psychopathology. New York, International Universities Press, Madison/CT, 1983, ISBN 0-8236-2345-9.
- Friedrich Koch: Sexuelle Denunziation. Die Sexualität in der politischen Auseinandersetzung. 2. Auflage. Hamburg 1995, ISBN 3-434-46229-5.
- Béla Grunberger, Pierre Dessuant: Narzißmus, Christentum, Antisemitismus: Eine psychoanalytische Untersuchung. Klett-Cotta, Stuttgart 2000, ISBN 3-608-91832-9.
Weblinks
- W.H.D. Vernon: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Hitler, the man: Notes for a case history ( vom 19. Juli 2011 im Internet Archive), The Journal of Abnormal and Social Psychology, Juli 1942, Band 37, Nr. 3, S. 295–308.
- Walter C. Langer: A Psychological Analysis of Adolph Hitler: His Life and Legend. Auf: nizkor.org, 1943.
- Henry Murray: Analysis of the Personality of Adolph Hitler: With Predictions of His Future Behavior and Suggestions for Dealing with Him Now and After Germany’s Surrender. 1943.
- The Young Hitler I Knew. (1955 verfasster Text von August Kubizek, einem Jugendfreund Hitlers während seins Aufenthalts in Linz).
- Hitler’s Lovers. Material des Life Magazine
Einzelnachweise
<references />