Unruhen von Jaffa
| Unruhen von Jaffa | ||||
|---|---|---|---|---|
| Zeitraum | 1. Mai bis 7. Mai 1921 | |||
| Lage | Jaffa, Datei:Ensign of the Palestine Mandate (1927–1948).svg Völkerbundsmandat für Palästina | |||
| Ausgelöst durch | Streit zwischen jüdischen Gruppen fälschlicherweise als Angriff auf Araber gemeldet | |||
| Beteiligte | Jüdische und Arabische Zivilisten | |||
| Opfer und Verluste | Jüdische Seite: 47 Tote, 146 Verletzte Arabische Seite: 48 Tote, 73 Verletzte | |||
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Die Unruhen von Jaffa ereigneten sich vom 1. bis 7. Mai 1921 im Mandatsgebiet Palästina in der von Arabern und Juden bewohnten Stadt Jaffa. Dabei kam es zu Massakern zwischen der Zivilbevölkerung auf beiden Seiten. Kurz darauf gab es Ausschreitungen in Petach Tikwa<ref name=":0">Simon Epstein: Histoire du peuple juif au XXe siècle – De 1914 à nos jours. In: Collection Pluriel. Hachette Littératures, Paris 1998, ISBN 978-2-01-278993-7, S. 52.</ref><ref name=":4" /><ref name=":6" /> (5. Mai<ref name=":9">Michael Joseph Cohen: Britain’s Moment in Palestine – Retrospect and Perspectives, 1917–48. In: Efraim Karsh, Series Editor (Hrsg.): Israeli History, Politics and Society Series. Band 55. Routledge (Taylor & Francis Group), London/New York 2014, ISBN 978-0-415-72985-7, S. 116 f.</ref>), Rechovot,<ref name=":0" /><ref name=":6" /><ref name=":9" /> (5. Mai<ref name=":9" />) Gedera,<ref name=":0" /><ref name=":4" /><ref name=":6" /> Kfar Saba<ref name=":0" /><ref name=":9" /> (5. Mai<ref name=":9" />), Tulkarm<ref name=":8" /> und Qalqiliya.<ref name=":8" /> Dabei fanden nach überwiegender Meinung 47<ref name=":0" /><ref name=":4" /><ref name=":6">Mark Tessler: A History of the Israeli-Palestinian Conflict. In: Mark Tessler (Hrsg.): Indiana Series in Middle East Studies. 2. Auflage. Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis 2009, ISBN 978-0-253-22070-7, S. 165, 171.</ref> Juden (davon 43<ref name=":0" /> in Jaffa) und 48<ref name=":3" /><ref name=":4" /><ref name=":6" /> Araber den Tod. 146<ref name=":4" /><ref name=":8" /> Juden und 73<ref name=":4" /><ref name=":6" /><ref name=":8" /> Araber wurden zum Teil schwer verletzt. Der Polizeihistoriker Edward Horne nannte die heute verworfene Zahl von 27<ref name=":9" /> jüdischen und 3<ref name=":9" /> arabischen Toten, britische Geheimdienstdokumente nannten 40<ref name=":9" /> jüdische und 18<ref name=":9" /> arabische Tote.
Ablauf
Anlässlich der Feierlichkeiten zum Ersten Mai 1921 veranstaltete die jüdisch-kommunistische Hebräische Partei Sozialistischer Arbeiter (Mifleget Poʿalim Sozialistijjim ʿIvrit, genannt: Mopsi<ref name=":4">Xavier Baron: Les Palestiniens – Genèse d’une nation. In: Collection Points Histoire. 2. Auflage. Éditions du Seuil, Paris 2003, ISBN 2-02-039820-6, S. 29 f.</ref><ref name=":8">Gudrun Krämer: Geschichte Palästinas – Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel (= Beck’sche Reihe. Nr. 1461). Verlag C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-47601-5, S. 247 f.</ref>) einen von den britischen Behörden nicht<ref name=":3">Thomas Vescovi: L’échec d'une utopie – Une histoire des gauches en Israël. Éditions La Découverte, Paris 2021, ISBN 978-2-348-04311-6, S. 51 f.</ref> genehmigten Demonstrationsumzug. Zu ihren Forderungen zählte die Errichtung eines Sowjet<ref name=":3" /> in Palästina. Am Vortag hatten kommunistische Aktivisten jiddisch<ref name=":3" /><ref name=":5">Tom Segev: Es war einmal ein Palästina – Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels. Nr. 849786. Siedler Verlag (Random House), München 2005, S. 191, 199 (englischsprachige internationale Originalausgabe: One Palestine, Complete: Jews and Arabs Under the British Mandate, Metropolitain Books, New York 2000; übersetzt von Doris Gerstner; Buch ohne ISBN).</ref> und arabisch<ref name=":3" /><ref name=":5" /> verfasste Schriften verteilt. Nun zog ihr Umzug von Jaffa ins benachbarte Tel Aviv, wo es zu Handgreiflichkeiten zwischen den Kommunisten und den Mitgliedern der sozialistischen Partei Achdut haʿAvoda<ref name=":3" /> kam, die gleichzeitig eine bewilligte<ref name=":3" /> Veranstaltung abhielten. Die Polizei versuchte vergeblich, die beiden Gruppen voneinander zu trennen.<ref name=":8" />
Diese Konfrontation zwang die Mopsi-Mitglieder zum Ausweichen nach Manschiyya,<ref name=":8" /> einem Jaffaer Stadtteil, der zwischen der Jaffaer Altstadt und der neuen jüdischen Vorstadt Tel Aviv lag. Viele Araber hatten sich eingefunden. Es waren Gerüchte<ref name=":3" /> verbreitet worden, dass Araber gelyncht worden seien.
Daraufhin kam es in Jaffa zu Gewalt und Plünderungen<ref name=":9" /> – einem „Pogrom“,<ref name=":1" /> so das Yidishes tageblat<ref name=":1">Jeffrey Veidlinger: In the midst of civilized Europe – The Pogroms of 1918–1921 and the Onset of the Holocaust. Pan Macmillan/Metropolitain Books, London 2021, ISBN 978-1-5098-6744-8, S. 327 f., 434.</ref> (3. und 6. Mai 1921) und Forverts<ref name=":1" /> (3. Mai 1921) – von Seiten arabischer Zivilisten, nach Zeugenaussagen unter Teilnahme von arabischen Polizisten,<ref name=":5" /><ref name=":9" /> gegen jüdische Wohnungen,<ref name=":5" /> Läden,<ref name=":5" /> Passanten<ref name=":5" /> und Einrichtungen, darunter insbesondere ein Neueinwandererheim.<ref name=":3" /><ref name=":8" /><ref name=":9" /> Deren Bewohnern war, wegen des Zusammenlebens von Frauen und Männern, zuvor verschiedentlich Unmoral<ref name=":8" /> vorgeworfen worden. Männer, Frauen und Kinder wurden mit Knüppeln,<ref name=":5" /> Messern,<ref name=":5" /> Schwertern<ref name=":5" /> und mit vereinzelten Pistolen<ref name=":5" /> ermordet. Laut zionistischen Organisationen starb ein weiterer Teil der ermordeten Juden durch die Inbrandsetzung<ref name=":9" /> des Einwandererheims.
In der Nacht vom 1. zum 2. Mai gingen rund 30<ref name=":9" /> jüdische Soldaten, die normalerweise dem britischen Kommando unterstanden, ohne Einwilligung ihres Vorgesetzten nach Jaffa. Ihr direkter Vorgesetzter, der jüdische Colonel Margolin,<ref name=":9" /> eilte ihnen nach und versuchte die Unterstützung seiner Hierarchie einzuholen. Der Historiker Michael J. Cohen urteilt, dass ihr Einsatz die Spannungen nur verstärkte.<ref name=":9" /> Zur gleichen Zeit blieb es in Jerusalem ruhig.<ref name=":8" />
Am Folgetag setzten sich die Ausschreitungen fort. Die Beerdigung eines zunächst vermissten und dann tot aufgefundenen Kindes<ref name=":7" /> im Dorf Abu Kabir südlich von Jaffa endete in Gewalt. Der Schriftsteller Josef Chaim Brenner wurde im Roten Haus,<ref name=":7" /> in dem die jüdische Familie Yatzkar isoliert wohnte, mit weiteren jüdischen Männern (Jehuda Yatzkar<ref name=":7">Sharon Rotbard: White City Black City – Architecture and War in Tel Aviv and Jaffa. Pluto Press, London 2015, ISBN 978-0-7453-3511-7, S. 86.</ref> und sein Sohn Avraham Yatzkar,<ref name=":7" /> Zvi Gugig,<ref name=":7" /> Josef Luidor,<ref name=":7" /> Zwi Schatz<ref name=":7" />) und zwei Bauern aus Nes Ziona<ref name=":7" /> gelyncht. Frauen und Kinder waren zuvor nach Tel Aviv evakuiert<ref name=":7" /> worden. Jüdische Einwohner rächten sich ihrerseits an arabischen Zivilisten.<ref name=":8" />
Öffentliche Appelle zur Mäßigung des muslimischen Notabeln Scheich Sulaiman al-Taji al-Faruqi<ref name=":8" /> einerseits, und auch jüdischer Verantwortlicher<ref name=":8" /> andererseits, blieben ungehört. Die dreitägigen Auseinandersetzungen bewogen den britischen Gouverneur Herbert Samuel schließlich durch Flugzeuge der Royal Air Force arabische Menschenansammlungen und Schlüsselörtlichkeiten zu bombardieren.<ref>David E. Omissi: Air power and colonial control: the Royal Air Force 1919–1939. Manchester University Press, Manchester 1990, ISBN 978-1-5261-2358-9, S. 44 f.</ref> Das Kriegsrecht<ref name=":3" /> wurde ausgerufen, die Pressezensur<ref name=":3" /> verschärft. Samuel rief die britische Admiralität zur Entsendung von Kriegsschiffen vor die Küsten von Jaffa und Haifa an, die er als britische Machtdemonstration<ref name=":9" /> und als vorsorgliche<ref name=":9" /> Maßnahme begründete. Erst nach sieben Tagen hatte die britische Mandatsmacht die Lage wieder unter Kontrolle.
Bewertungen und Folgen
Beide Seiten reklamierten einen „Pogrom“ der anderen Seite. Die britische Botschaft wertete das initial von Arabern verübte Massaker als spontan und unorganisiert. Die Auseinandersetzung zwischen Juden am Ersten Mai sei der Anlass gewesen. Das Konsulat der Vereinigten Staaten in Jerusalem berichtete nach Washington, dass das Massaker unabhängig<ref name=":5" /> davon stattgefunden habe. Der Police constable Adib Khayal<ref name=":9" /> wurde für die Tötung von 13<ref name=":9" /> Jüdinnen und Juden angeklagt und zu einer 5-jährigen<ref name=":9" /> Gefängnisstrafe verurteilt. Sämtliche arabischen Polizisten und jüdischen Soldaten wurden entwaffnet.<ref name=":9" /> Herbert Samuel gelangte zu einer zunehmend skeptischen<ref name=":9" /> Beurteilung der Machbarkeit einer „jüdischen Heimstätte“ ohne die Zustimmung der Araber.
Ein britischer Untersuchungsbericht, der Haycraft Report, wurde im Herbst 1921 veröffentlicht.<ref>Haycraft Report: Haycraft Report. Abgerufen am 8. Juli 2021.</ref> Er bezeichnete die arabischen Beteiligten als hauptverantwortlich<ref name=":6" /> für die Gewalt und kritisierte Jaffas Polizei,<ref name=":6" /> beschuldigte aber auch die zionistischen Entscheidungsträger,<ref name=":6" /> durch ihr Verhalten nicht zu einer Entspannung der Lage beigetragen zu haben. Die Briten bildeten 1922 bis 1926 die paramilitärische Palestine Gendarmerie,<ref name=":2" /> wofür sie die Royal Irish Constabulary<ref name=":2">Thomas G. Fraser: Contested Lands – A History of the Middle East since the First World War. Haus Publishing, London 2021, ISBN 978-1-913368-24-1, S. 64.</ref> und deren Auxiliaries<ref name=":2" /> von Irland nach Palästina verlegten, die sich wegen ihrer Erfahrung in der, letztlich erfolglosen, Aufstandsbekämpfung im Irischen Unabhängigkeitskrieg aus britischer Sicht für neue Aufgaben in Palästina zu eignen schienen. Herbert Samuel erwirkte nach den Unruhen die administrative Trennung des jüdischen Tel Aviv von der gemischten Stadt Jaffa.<ref name=":5" /> Es kam zu Verhaftungen und Landesverweisungen kommunistischer Parteimitglieder durch die Briten.<ref name=":3" />
Einzelnachweise
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