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Pestalozzi-Stiftung (Frankfurt am Main)

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Die Pestalozzi-Stiftung in Frankfurt am Main besteht seit 1873<ref>Geschichte - Pestalozzi-Stiftung Frankfurt. Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 27. Juni 2018; abgerufen am 27. Februar 2026.</ref> und ist eine rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts. Als Ausbildungsstiftung fördert sie über Stipendien oder Darlehen Personen, die im Rhein-Main-Gebiet wohnen und die die Kosten der Ausbildung nicht selbst tragen können. Sie richtet sich auch an Studierende, die infolge Flucht oder Verfolgung ihr Studium in Frankfurt am Main aufnehmen oder fortsetzen. Personen unabhängig von geschlechtlicher Zuordnung, Glauben, Herkunft und Sprache sind antragsberechtigt. Die Stipendien sollen so vergeben werden, dass möglichst die Hälfte auf jüdische Personen entfällt.

Geschichte

Arthur und Emil Königswarter’schen Unterrichts- und Studienstiftung, ab 1939 Pestalozzi-Stiftung in Frankfurt am Main

Am 17. März 1873 errichten die Brüder Zacharias und Isaak Königswarter sowie Frau Lisette Königswarter, geb. Lieben, die Arthur und Emil Königswarter’schen Unterrichts- und Studienstiftung mit einem Vermögen von 300.000 Gulden. Die Stiftung sollte den früh verstorbenen Söhnen gedenken. Zur Ausbildung befähigte, junge Leute, die einen wissenschaftlichen, kaufmännischen oder technischen Beruf erlernen wollten, konnten ohne Unterscheidung der Religionszugehörigkeit gefördert werden.<ref name=":0" details="S. 26">Gerhard Schiebler, Hans Achinger, Arno Lustiger: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main: Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger. Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1988.</ref>

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann auch für die jüdischen Stiftungen eine Zeit der Gleichschaltung und Enteignung. 1934 verloren sie den Status der Gemeinnützigkeit, 1938 wurden rein jüdische Stiftungen in die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland eingegliedert. Interkonfessionelle oder zumindest paritätische Stiftungen konnten bestehen bleiben, wenn sie die Namen der jüdischen Stifter ablegten und die Leistungen nur deutschen Volksgenossen zugutekämen. Auf Grundlage eines Ministerialerlasses vom 8. Mai 1939 mussten jüdische Vorstandsmitglieder ihre Funktionen abgeben.<ref name=":0" details="S. 407" />

Diese Regelung wurde vielfach genutzt, um Stiftungen zu erhalten. In Frankfurt wurde daher zum 31. Dezember 1939 der neutrale Namen Pestalozzi-Stiftung in Frankfurt am Main eingeführt. Die Arthur und Emil Königswarter’sche Unterrichts- und Studienstiftung wurde außerdem mit fünf weiteren Stiftungen verschmolzen:<ref name=":0" details="S. 29" />

  • Siegmund Brühl’sche Stiftung (errichtet 1864)
  • Dr. Leopold Odrell’sche Stipendien-Stiftung (errichtet 1886)
  • Hermann und Louise Katz-Stiftung (gegründet 1929)
  • Freiherrlich Anselm Salomon von Rothschild’sche Stiftung zur Förderung des Kunstgewerbes (gegründet 1877)
  • Dora Trier’sche Ausbildungsstiftung (gegründet 1902).

So gelang es, das Stiftungsvermögen vom Zugriff der Nationalsozialisten zu schützen. Das Vermögen belief sich im Jahr 1940 auf 598.000 RM.<ref name=":0" details="S. 30" />

Nach 1945 wurde der Förderschwerpunkt der Stiftung mehrfach neu festgelegt<ref name=":0" details="S. 30" /> und der Name auf Pestalozzi-Stiftung geändert.<ref name=":1">Pestalozzi-Stiftung Frankfurt am Main - Satzung. Abgerufen am 27. Februar 2026.</ref> Die jüdischen Stifter der Gründung wurden in der Satzung aufgeführt.<ref name=":1" />

1975 erfolgte eine Zustiftung des Frankfurter Ehepaares Katharina und Oswald Pfeffer.<ref>Pestalozzi-Stiftung Frankfurt am Main - Geschichte. Abgerufen am 27. Februar 2026.</ref>

Siegmund-Brühl’sche Stiftung

Auf Grundlage des Testaments von Siegmund Brühl aus dem Jahr 1854 wurde die Stiftung 1854 errichtet. Stiftungszweck war die Gewährung von Beihilfen zur Erziehung und Ausbildung an begabte männliche Waisen und Nichtwaisen. Sie sollten damit die Chance erhalten, einen wissenschaftlichen oder künstlerischen Beruf zu ergreifen. Jungen und jungen Männern jüdischen und christlichen Glaubens sollten die Stiftungsgelder je zur Hälfte zufallen. Mit einem Senatsbeschluss am 8. Juli 1864 und einem Startkapital von etwa 100.000 Gulden wurde die Stiftung genehmigt. Mit einem Vermögen von 87.000 RM wurde die Stiftung am 4. April 1940 in die Pestalozzi-Stiftung eingegliedert.<ref name=":0" details="S. 13" />

Dr. Leopold Odrell’sche Stipendien-Stiftung

Die selbstständige Stiftung des privaten Rechts wurde 1884 auf Grundlage mehrerer Verfügungen nach dem Tod des Stifters errichtet. Anfangs belief sich das Vermögen auf 726.000 Mark. Am 21. Juni 1886 erfolgte die staatliche Genehmigung nach langen Verhandlungen. Studierende der Fächer Jura, Medizin, Naturwissenschaften und Philologie an Universitäten, Malerei an Akademien, Studierende an polytechnischen Anstalten und auf landwirtschaftlichen Schulen konnten gefördert werden, wenn sie in der Stadt Frankfurt oder im Umkreis von acht Wegstunden lebten.<ref name=":0" details="S. 29" />

Am 3. April 1940 wurde die Stiftung auf Beschluss des Vorstandes in die Pestalozzi-Stiftung eingegliedert. Das Restvermögen betrug zu diesem Zeitpunkt 145.000 RM.<ref name=":0" details="S. 29" />

Hermann und Louise Katz-Stiftung

Die Stiftung entstand aus einer Erbschaft. Auf Grundlage von letztwilliger Verfügungen vom 17. Januar 1888 und 26. Juni 1906 wurde die Stiftung 1929 errichtet. Sie gewährte bedürftigen Kindern und Jugendlichen Unterhalt, Erziehung und Ausbildung. Weiter wurden Volksbildungseinrichtungen unterstützt. Das Anfangsvermögen betrug 150.000 RM. Der Vorstand beschloss am 3. April 1940, die Hermann und Louise Katz-Stiftung mit einem Vermögen von 189.000 RM in die Pestalozzistiftung einzugliedern.<ref name=":0" details="S. 26" />

Freiherrlich Anselm Salomon von Rothschild’sche Stiftung zur Förderung des Kunstgewerbes

Mathilde von Rothschild, die Tochter von Anselm Salomon von Rothschild errichtete die Stiftung am 18. Oktober 1877 mit einem Anfangskapital in Höhe von 250.000 Mark als selbstständige Stiftung des privaten Rechts. Die staatliche Genehmigung erfolgte am 4. Oktober 1878.<ref name=":0" details="S. 40" />

Junge Menschen, die ein Kunstgewerbe erlernten, konnten Schulgeld und Reisegeld beantragen. Personen jüdischen Glaubens sollten ein Drittel der Stiftungserträge erhalten.<ref name=":0" details="S. 40" />

Am 3. April 1940 beschloss der Vorstand, die Stiftung mit dem Restvermögen von 48.000 RM in die Pestalozzi-Stiftung einzugliedern.<ref name=":0" details="S. 41" />

Dora Trier’sche Stipendienstiftung

Die Stiftung wurde mit 30.000 Mark am 18. November 1902 errichtet und am 2. März 1903 staatlich genehmigt. Sittsame, ledige oder verwitwete weibliche Personen, die mindestens 14 und höchstens 25 Jahre alt waren, sollten mit einer Beihilfe gefördert werden. Die Konfession war dabei nicht förder-relevant. Jedoch sollten die Frauen in Frankfurt am Main oder in der Provinz Starkenburg wohnen und sich als Handlungs- oder Gewerbegehilfinnen, Erzieherinnen (nicht als Lehrerinnen) oder im Haushaltsbereich ausbilden lassen.<ref name=":0" details="S. 44" />

Am 5. September 1936 wurde die Satzung geändert, so dass Männer und Frauen in einer gewerblichen Ausbildung gefördert werden konnten. 1939 wurden die jüdischen Mitglieder der Stiftung ausgeschlossen. Mit einem Restvermögen von 18.000 RM wurde die Dora Trier’sche Stipendien-Stiftung am 3. April 1940 in die Pestalozzi-Stiftung eingegliedert.<ref name=":0" details="S. 44" />

Stiftungszweck (Satzung vom 26. Oktober 2022)

Personen, die in Frankfurt am Main bzw. im Rhein-Main-Gebiet wohnen und studieren oder eine Ausbildung machen, können eine Förderung erhalten. Begünstigt werden besonders Personen, deren Ausbildung der Allgemeinheit zugutekommt oder die besonders bedürftig sind. Eine Förderung kann als Stipendium oder als Darlehen gewährt werden und soll die Ausbildungs- oder Studienkosten zum Teil decken. Auch Studienreisen oder Unterrichtsmaterial kann gefördert werden. Bei Eignung und Bedürftigkeit kann auch der Lebensunterhalt während der Ausbildung oder des Studiums finanziert werden. Möglichst die Hälfte der Mittel soll jüdischen Personen zugutekommen. Personen, die infolge nachgewiesener Verfolgung oder Flucht ihre Ausbildung oder ihr Studium in Frankfurt am Main bzw. dem Rhein-Main-Gebiet absolvieren, können ebenfalls ein Stipendium erhalten.<ref name=":1" />

Wirken

Die Stiftung fördert jährlich etwa 20 Studierende. Der Vorstand arbeitet ehrenamtlich.<ref>Angst vor Verdrängung. In: fr.de. Frankfurter Rundschau, 14. März 2023, abgerufen am 27. Februar 2026.</ref>

Literatur

  • Gerhard Schiebler, Hans Achinger, Arno Lustiger: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main: Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger, Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-7829-0358-7, Seite 26 ff.
  • Stiftungsreport 2009/10, ISBN 394136801X, Seite 29, online
  • Karl Erich Grözinger, Harry Van der Linden (Hrsg.): Die Stiftungen der Preussisch-Jüdischen Hofjuweliersfamilie Ephraim und Ihre Spuren in der Gegenwart, Harrassowitz, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-447-05755-4, Seite 109, online

Weblinks

Fußnoten

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